Dienstag, 5. Februar 2008

Martinstraße nach Süden zu

Marillenrepublik

Korruption meint nicht nur Bestechlichkeit und Bestechung, sondern beschreibt überhaupt einen Zustand, in dem Beziehungen mehr zählen als Kompetenz. In diesem Sinn ist Österreich wahrscheinlich noch viel korrupter als Deutschland. Hinzu kommen hier Eigentümlichkeiten des politischen Systems, etwa die schwache Stellung des Bundesrates gegenüber dem Nationalrat: Ablehnende Beschlüsse der Ländervertretung haben im Gesetzgebungsverfahren nur eine aufschiebende Wirkung. Im Rahmen der Überlegungen zu einer Verfassungsreform wird hier über mögliche Änderungen nachgedacht, aber bislang werden in Österreich Gesetze mitunter im Handstreich eingeführt, Rechtsverhältnisse im Schnellverfahren geändert, so dass zu einer öffentlichen Debatte im Vorfeld oft kaum Zeit bleibt. Das deutsche Gesetzgebungsverfahren erscheint im Vergleich mit dem österreichischen wie ein behäbiger Dinosaurier neben einer munteren Springmaus. Das Wort "Bananenrepublik" ist ja für andere (und viel bedenklichere) politische Verhältnisse geprägt worden, für Österreich passt vielleicht eher "Marillenrepublik".

Montag, 4. Februar 2008

Seitenblick

Bildungsfragen

"Warum ist das Turbo-Gymnasium ein Thema, das die Wahlkämpfe überdauert? Warum ist die Art, wie in Deutschland die Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahre (vulgo: G8) zusammengestrichen wird, das große gesellschaftliche Thema, das alle, nahezu alle bewegt (...)? Das heißt neben den betroffenen Kindern eben auch alle Erwachsenen – jene, die schulpflichtige Kinder haben, wie jene, die ihre eigenen Schulerfahrungen am Pisa-Sog von heute messen möchten.

Ein Unterschied sticht jedem gleich ins Auge: Früher wurde, wenn man sich nicht auf den Hosenboden setzte, mit Hausarrest gedroht. Heute wird der Sechstklässlerin mit den Chinesen gedroht, die ihr einmal den Arbeitsplatz wegnehmen werden, wenn sie nicht endlich auf ihre Reitstunden und Tanzkurse verzichtet, um spätnachmittags nachzuholen, was ihr vormittags in der Schule wegen Zeitmangels und Stofffülle nicht annähernd erklärt wurde. Gib dir Mühe, heißt es, die Finnen können es doch auch! Ganz in diesem Sinne schrieb mir neulich der Kollege einer Wirtschaftsredaktion: 'Ein späterer Arbeitgeber wird nicht fragen, wie viele Reitstunden oder Tanzkurse jemand hatte, sondern wird wissen wollen, ob er den Strömungswiderstand berechnen kann. Und das kann der chinesische Mitbewerber dann wahrscheinlich besser.'"

Christian Geyer: Hände weg von unserer Kindheit, Frankfurter Sonntagszeitung 03.02.2008

Wie berechnet man einen Strömungswiderstand? Ich glaube, das haben wir auch in neun Jahren Gymnasium nie lernen müssen...

Österreich kommt - wie viele Länder Europas und auch die frühere DDR - seit jeher mit zwölf Schuljahren aus. Es kommt auf dies eine Jahr offenbar auch nicht mehr an, wenn man die Stoffverteilung entsprechend vornimmt.

"Bildung" spielt in dieser Diskussion im Bildungsland Deutschland schon gar keine Rolle mehr, es geht nur noch um Kenntnisse und Fähigkeiten, die die Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt sicherstellen sollen. Für alles andere, was man im Leben braucht, gibt es ja schließlich Volkshochschulkurse und gedruckte Ratgeber...

Freitag, 1. Februar 2008

Opernball

Wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen - in Wien tritt das Unmögliche ein, am Donnerstag vor Faschingsende, beim Wiener Opernball. Vier Stunden Übertragung im ORF (und im Bayerischen Fernsehen und in 3SAT), war das früher auch schon so? Ich gestehe, dass ich es nicht weiß und dass es mich auch nicht gereizt hätte. Aber heute würde ich sagen: Diese Fernsehübertragung sollte ein Pflichtprogramm für jeden sein, der sich mit dem Gedanken trägt, in die österreichische Bundeshauptstadt oder vielleicht überhaupt in dieses Land zu übersiedeln. Pflichtprogramm für die Politiker, die Selbstinszenierung eines Landes in Schönheit und Wohlklang. Angeblich sollen zwei Millionen Zuseher die Fernsehübertragungen anschauen, Wochen vorher und sicher noch Tage danach ist der Opernball das große Thema in Zeitungen und Fernsehen: Wer mit wem auf wessen Kosten in welcher Loge saß oder auch nicht, dieser Fauxpas und jenes verrutschte Ballkleid... Selbst die "Qualitätszeitungen" berichten ausführlich und präsentieren im Internet umfangreiche Bildergalerien...

Die erwarteten (und angekündigten) gewaltsamen Proteste gegen das Fest der Schönen und Reichen blieben übrigens aus. Für die 700 bewaffneten Ordnungshüter, die die Wiener Polizei aufgeboten hatte, war es ein ruhiger Abend.

Mittwoch, 30. Januar 2008

Stephansplatz



Na endlich...

Österreich hat die Ladenschlusszeiten gelockert...

Beerdigungstourismus in Indonesien

Mehr als 100 Männer zimmern Tribünen aus Bambusrohr, Schulmädchen in blauen Röcken und hellen Blusen winken ihnen zu. An vielen Häusern wird gewerkelt und ein großer Sarg gezimmert, der mit Schnitzereien versehen ist.

Die Beerdigung ist in einer Woche. Dann müssen die Zuschauertribünen für die bis zu 2000 erwarteten Gäste fertig sein. Die Frau aus dem Dorf starb bereits 2005 im Alter von 65 Jahren. "Sie ruht bis zu den viertägigen Feierlichkeiten einbalsamiert im Haus des Witwers", erläutert Muhammad Haris, Reiseführer einer Agentur, die auch deutsche Veranstaltergäste betreut. Die Familie sei wohlhabend. Es würden daher etwa 30 Wasserbüffel und 200 Schweine geopfert, schätzt Haris. Je mehr Tiere mit dem Beerdigten "in den Himmel fahren" und je mehr Touristen bei der Zeremonie zuschauen, desto größer die Ehre für Hinterbliebenen und Seelenheil des Toten.

Ein paar Ältere probieren bereits den frischen Palmwein, über Holzkohle wird ein schwarzes Schwein gedreht. Eine Frauengruppe bereitet Fisch und Gemüse vor. Schwein im Bambusrohr mit Paranüssen geröstet mundet den Christen hier im Toraja-Hochland. Die Muslime bevorzugen Fisch mit vielen Gewürzen in Bambus. Das Fleisch, das die Trauergemeinde nicht verspeist, erhalten Bedürftige.

Beerdigungszeremonie und Totenkult der Toraja locken schon seit Jahrzehnten Touristen aus aller Welt. Auch wegen der Entlegenheit ihrer Bergregion hat sich das Volk alte Sitten bewahrt, auch wenn die meisten Menschen hier heute offiziell Christen sind. Sichtbar wird der Ahnenkult auch an den geschmückten Gräbern in Höhlen, Felskammern und Haus-Mausoleen.

Tau-Tau-Puppen tragen Seelen der Toten

Die Bergwelt bietet schroffe Kalksteinfelsen und fruchtbare Ebenen. Senkrecht fällt eine graue Felswand ins Tal, wo Brotfrucht, Yucca, Kakao, Paranüsse und Süßkartoffeln wachsen - ein Kunststück, wie die Toraja hier Totenkammern in den Fels gemeißelt haben. Vor den Gräbern stehen geschnitzte Tau-Tau-Puppen, die die Seele des Verstorbenen tragen. Hier bei den Felsgräbern von Lemo nahe des Städtchens Rantepao stehen auch alte Tongkonan-Häuser. Ein paar Souvenirshops verkaufen traditionelle Kleidung und Tau-Tau-Puppen. "Vor zehn Jahren hatten wir mehr Touristen", sagt Saul Angi, der Chef des im traditionellen Stil in den Bergen gebauten Ferienhotels "Toraja Heritage". Höchstens ein Viertel der 120 Zimmer ist belegt.

Aus dem Artikel "Python in Scheiben" von Bernd Kubisch (dpa) in Spiegel-online

Samstag, 26. Januar 2008

Verständlich...

"Es ist nur verständlich, dass die Wölfe die Abrüstung der Schafe verlangen, denn deren Wolle setzt dem Biss einen gewissen Widerstand entgegen."

Gilbert Keith Chesterton

Auch das ist Wien: Neustift am Walde