Donnerstag, 23. April 2009

Gottlose Frömmigkeit

Das Gebet des Gottlosen

Hör meine Bitte, Du, Gott, den es nicht gibt,
nimm diese meine Klagen in dein Nichts auf,
Du, der Du deinen trügerischen Trost
den armen Menschen nie verweigerst. Du versagst Dich
nie unseren Bitten, kleidest immer unser Sehnen.

Je weiter weg aus meinem Sinn Du bist,
desto lebendiger sind mir die holden Märchen,
mit denen meine Amme finstere Nächte mir versüßte.

Wie groß Du bist, mein Gott! Du bist so groß,
dass es Dich als Idee nur gibt: die Wirklichkeit
ist viel zu eng, so weit sie sich auch dehnt,
Dich zu umfangen. Deinetwegen leide ich,
Du nicht vorhandener Gott, denn gäbe es dich wirklich,
so wäre auch mein Dasein Wirklichkeit.


Miguel de Unamuno y Jugo (1864-1936)

Women in Vienna II



Vielleicht ist es nicht mehr so weit bis dahin...

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Aus Schillers Lied von der Glocke

Women in Vienna





Kleiner Vers

Wohin die Wolken fliegen?
Und hat der Wind ein Ziel?
Wir fragen wie die Kinder
und wissen gar nicht viel.

Der große Makabre



Aus G. Ligetis kongenialer Opern-Adaption von Michel de Ghelderodes Drama "Die Ballade vom großen Makabren"

Landleben

Das Land ist eine Brutstätte der Schwermut. In meiner früheren Dorfgemeinde in Mittelhessen war der Gebrauch aller Arten von Antidepressiva gang und gäbe, die Dorfärzte verschrieben sie hemmungslos.

Die heilige Abschlussfahrt

Ich habe ehrlich versucht, jemanden zu finden, der seine Abschlussfahrt nicht mag. Jemanden, der daherkommt und sagt: Das war nicht der Bringer, das war so lala. Es gibt niemanden, ich habe keinen gefunden.

Klar, hier und da wurde mal gemeckert; der Lehrer war auf der Fahrt ein Arsch, die Busreise zu lang, zu teuer, zu langweilig. Aber ein vernichtendes Urteil über die Abschlussfahrt? Vielleicht über die Schulzeit, über Lehrer und Prüfungen, über seine erste Beziehung oder seinen ersten Vollrausch. Aber die Abschlussfahrt, die ist, nun ja, irgendwie heilig.

Wir hatten damals zwei Reisebusse, doppelstöckig, Frachtraum für sieben Kurse. Taschen verstauen, Eltern loswerden, Flaschenklirren beim Einsteigen - das ist der Sound der Vorfreude.

Den Ersten, Fischi, haben wir in Nürnberg verloren: Er hat im Vollrausch seinen Mageninhalt auf den Schoß des Schulsprechers entleert und durfte nach 120 Fahrtkilometern gen Süden in einer Polizeistation auf seine Eltern warten. Der Rest von uns kam bis in die Toskana.

Voller Glückshormone am Strand

Es gab, ich erinnere mich, Kultur. Jede Menge. Wahrscheinlich toll. Nein, ehrlich, wir sind mit Videokameras und Fotoapparaten bewaffnet tapfer durch Florenz und Verona getappt. Doch die Hitze des Tages hat immer nur das Fieber der Nacht geschürt. Und die Mikrofonvorträge des Reiseführers waren nur ein Summen, ein Tusch, ein Trommelwirbel für den Vorhang, der mit dem ersten Kronkorken am Abend fällt.

Wir saßen mit Weißwein, Bier, Chips und Glückshormonen am Strand. Alle Schulter an Schulter, als wären wir schon immer eine große Familie, die besten Freunde gewesen.

Aus der Jugendzeitschrift YAEZ (Ausgabe März 2009), zitiert nach spiegel.de

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahrzehnten die Kultur der Schulabschlussfahrten immer weiter entwickelt zu einem Initiationsritual ins Erwachsenenalter des Alkoholkonsums und der Enthemmung. 

Mittwoch, 22. April 2009

Und den töteten sie (Markus 12, 5)

thebricktestament.com

Die Verkündigung des Evangeliums kennt vielfältige Formen. Neben Lego-Männchen kommen auch Playmobil-Figuren zum Zuge. Jedermanns Geschmack ist das sicher nicht. Aber der Geist weht, wo er will...