Dienstag, 29. Juli 2008

Morgengrauen

















... in Hemmingen bei Stuttgart.

Träumen

Nun träum ich, sagte der Elefant, dass ich oben auf der Eiche stehe, auf einem Bein...
Gibt es etwas, das noch schöner ist als Träumen?

Toon Tellegen

Donnerstag, 24. Juli 2008

Mobilität

Hymne auf das Heute

Today

Today is the day you have been waiting for
when you would finally begin to live
when you would at last open the door

This is the what, the circumstance, the more
you have been withholding, saving to give.

Today is the day you have been waiting for

when you could sit down to your desk for
hours, take pride, time, find out what work is,

when you would at last open the door

to your own self-development, what god has for
you. Today is the day you come out of prison, live.

Today is the day you’ve been waiting for

the tomorrow you pined away yesterday for.
I think love rhymes in a way with give.

You at last open the door

to the possibility of now, the core
of life is the moment, now, how you live.

Today is the day I have been waiting for
when you would at last open the door

Sapphire


Heute

Heute ist nun der so lange erwartete Tag
an dem du endlich zu leben anfangen willst
an dem die Tür sich schließlich öffnen mag

Dies ist das was, der Umstand, der Mehrertrag
den du bewahrt hast, daß du später erfüllst.
Heute ist nun der so lange erwartete Tag

an dem du dich setzen kannst, dann frag
was Arbeit ist, nimm Stunden Zeit, sei Stolz,
an dem die Tür sich endlich öffnen mag

zu deiner Selbstentwicklung, zu dem was vor Gott lag
für dich. Heute kommst du aus dem Gefängnis, willst
leben. Heute ist der lang erwartete Tag

das Morgen, das gestern noch weit entfernt lag.
Ich glaub, Liebe reimt sich auch mit gib, wenn du willst.
Du öffnest nun endlich die Tür, trag

die Möglichkeit des Jetzt, sag
der Lebenskern steckt im Moment, im Jetzt deines Lebensstils.
Heute ist nun mein so lange erwarteter Tag
an dem die Tür sich dir endlich öffnen mag.

Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk

RU-Alphabet

















So buchstabiert man in Österreich Religionsunterricht.

Dienstag, 22. Juli 2008

In Simmering

Zauber des Anfangs

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand -
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig

Unterwegs

Das Zeugnis der Rose

















Eftim Kletnikov

Die unangerührte Kraft

Sie sind anders als wir glauben.
Eine Kraft sind die Toten, eine unangerührte.
Die Rose hatte den Mut,
sie zu begleiten,
jedes Frühjahr kehrt sie zurück
und legt Zeugnis ab,
eingehüllt in den Schleier des Friedens, schmückt sie
die Hochzeit der Brautleute.
Tief ist der Kelch der Toten.
Manchmal, am Horizont unserer Unbeschwertheit,
taucht er auf einen Augenblick empor
und leuchtet auf, randvoll von Ewigkeit.
Schwer von Traum und Gold,
eine Knospe, öffnet sich dann
furchtlos unser Dasein,
um dem Schicksal zu begegnen.
Aus dem Mazedonischen von Norbert Randow und Maja Gulevska

Kirche, Kunst, Moderne

Alfred Hrdlickas Radierung „Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier Paolo Pasolini“ interpretiert das christliche Motiv des letzten Abendmahles als Sexparty, bei der die Gäste einander fröhlich ans Gemächt gehen. Sieben Tage war das eigentümliche Bild im Rahmen einer Hrdlicka-Ausstellung im Wiener Dommuseum (betrieben von der Erzdiözese Wien) zu sehen, am achten Tage jedoch wurde es „auf Anweisung der Diözesanleitung entfernt“, wie die Museums-Homepage etwas spitz anmerkt. Dem vorausgegangen war eine – eher mäßig lautstarke – Empörung vor allem konservativer christlicher Kreise in Österreich, aber auch Italien.

Man muss selbst kein Katholik sein, um nachvollziehen zu können, dass es viele Katholiken nicht gerade rasend amüsiert, ihren Religionsstifter ausgerechnet in einem Kontext dargestellt zu sehen, der nach katholischer Ansicht als wenig fromm gilt. Hier geht es nicht um die Freiheit der Kunst (um die ginge es, handelte es sich etwa um ein staatliches Museum) – hier geht es bloß um die Frage, was uns eigentlich eine Kirche über sich selbst erzählt, wenn sie zuerst derartige Kunst ganz bewusst ausgerechnet in ihrem eigenen Hause ausstellt und anschließend verschämt abnehmen lässt, sobald sich nicht ganz unerwartbarer Unmut darob regt.

Will sie uns zeigen, wie tolerant sie (vor allem im Vergleich zum Islam) ist – aber warum musste das Bild dann doch entfernt werden? Will sie uns zeigen, dass sie nicht duldet, dass ihr Stifter derart dargestellt wird – aber warum wurde es dann ursprünglich überhaupt aufgehängt?

Dass in ganz Europa wesentlich mehr Christen zum Islam konvertieren als umgekehrt, hat zwar verschieden Ursachen – doch eine davon ist zweifellos, dass der Islam seinen Gläubigen in mancher Hinsicht wesentlich rigider, klarer und unmissverständlicher daherkommt als die altersmilde gewordene katholische Kirche in Europa. Dass in einer Moschee auch nur darüber debattiert würde, ob Mohammed so dargestellt werden dürfe wie Jesus von Hrdlicka, ist nicht denkbar, und noch weniger denkbar ist, dass Derartiges dann auch noch im der Moschee angeschlossenen Kulturzentrum ausgestellt würde.

Damit wird die weniger rigide katholische Kirche in den Augen all jener, die eher der Aufklärung als dem Glauben zuneigen, irgendwie sympathischer. Eine Religion, die derart schräge Darstellungen ihres eigenen Stifters nicht nur zulässt, sondern auch noch selbst ausstellt, wird Wohlwollen ernten – vor allem bei jenen, die ihren Glauben nicht sehr teilen. Und, bei mancher Sympathie, auch in Zukunft nicht teilen werden. Zu vermuten ist freilich auch: Das ist nicht wirklich, wonach jene suchen, denen der Sinn nach einem stabilen spirituellen Fundament steht; aus welchen Gründen auch immer.

Zu befürchten ist: Eine Kirche, die indezente Darstellungen ihres Stifters auch nur annähernd so robust bekämpfte wie der Islam, gewönne deutlich an Attraktivität bei jenen, die glauben wollen; und das gilt auch für andere innerkirchliche Kulturkämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern. Was die Kirche nach den Kriterien der Moderne sympathischer macht, macht sie vermutlich nicht stärker, sondern schwächer; und vice versa.

Christian Ortner: Gruppensex im Dommuseum, Die Presse 11.04.2008