Mittwoch, 18. Februar 2009

Ein kluger und wichtiger Artikel von Kurt Flasch

Kein Betriebsunfall

Die Kircheneinheit und der Papst / Von Kurt Flasch

Es herrscht Erregung in der deutschsprachigen Welt, aber nicht nur dort. Besonders in Deutschland beklagen viele, dass ausgerechnet ein deutscher Papst einem notorischen Holocaustleugner den Rückweg in seine Kirche und in die Weltöffentlichkeit bahnt. Das hat die Frage aufkommen lassen, ob der Papst selbst frei ist von Antisemitismus. Doch sie ist falsch gestellt, und sie verdeckt wichtige andere Fragen. Es ist sonnenklar, dass der Papst mit dem rassistischen Antisemitismus nichts zu tun hat.

Aber das heißt nicht, es sei überhaupt nichts gewesen. Der Skandal ist da, und nicht nur bei einigen deutschen Journalisten. Einfache Christen sind irritiert, die Kirchenaustritte häufen sich; selbst bei den zahmen deutschen Bischöfen rumort es. Der Ärger ist größer als vor Jahren nach der unglücklichen Rede von Regensburg. Damals wollte der Papst, von der Vernünftigkeit seines Glaubens überzeugt, dem Islam und allen Gutwilligen ein Gesprächsangebot machen. Aber er vergaß bald sein Thema wie ein Professor, der ein seltenes Zitat loswerden will und empfahl seine Synthese einer stilisierten und steril gewordenen "griechischen" Vernunft, die es so nie gegeben hat; er setzte sie ab gegen fast alle Christen seit Duns Scotus. Mit dem Islam erreichte er das Gegenteil der intendierten Verständigung. Muslime sahen sich beleidigt durch das abfällige Zitat eines byzantinischen Kaisers der Zeit um 1400. Dieses Zitat war im Aufbau der Rede überflüssig; zudem hat der Papst es ungeschickt kommentiert und nachträglich dementiert. Aufmerksame Protestanten sahen sich aus dem wahren Christentum ausgeschlossen; die gesamte Moderne war diskriminiert. Ratzinger empfahl die Vernunft im Christentum, aber dabei zitierte er Kant und beging den groben, sinnentstellenden Fehler, bei der Wiedergabe der Kantischen Position die Begriffe "Wissen" und "Denken" zu verwechseln, die Kant strikt unterschieden hatte. Außer in Regensburg herrschte tiefe Betroffenheit. Auch wer die gute Absicht anerkannte, sah überall Scherben.

Auch diesmal hatte der Papst eine gute Absicht. Er selbst und seine Verteidiger sagen, er habe nur die Einheit der Kirche wiederherstellen wollen, indem er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft Pius X. aufhob. Nach der Regensburger Rede war der Dialog mit Muslimen erschwert. Nach dem jetzigen Gnadenerweis ist die Einheit der Kirche mehr gestört als zuvor. Dem Papst fehlt das Augenmaß dafür, was er mit seinen Reden und Taten bewirkt. Er fühlt sich bestärkt durch seine gute Absicht und seine theologische Kompetenz. Die Welt, zu der er spricht, nimmt er nur ungenau in den Blick. Niemand korrigiert ihn. Er hat einen riesigen Apparat, aber der nutzt ihm nichts. Entweder lässt er die Kurienleute nicht an sich heran oder seine Fachleute lassen ihren Herrn ins Messer laufen. Selbst zu wichtigen Einzelheiten stellt er nicht die nötigen Fragen - weder an sich noch an seine zahlreiche Umgebung. Damals, in Regensburg, bedachte er nicht Bedeutung und Wirkung des Zitats gegen Mohammed. Dieses Jahr fragte er nicht, wer die vier Mitbrüder sind, deren Exkommunikation er aufhob. Er genügte sich mit seiner guten Absicht und der großen Geste. So etwas führt in der realen Welt zum Desaster.

Papstfreunde und Papstdiener schieben die Schuld auf den Kardinalstaatssekretär Bertone oder mehr noch auf den zuständigen Kardinal Hoyos. Sie hätten den Papst warnen müssen. Aber hat er sie präzis gefragt? Dass Richard Williamson den Holocaust leugnet, wusste man längst. Seit Jahren. Am 22. Januar ging es noch einmal durch die Weltpresse; am 24. Januar veröffentlichte der Vatikan die päpstliche Entscheidung. Da war Zeit, Gelegenheit und Anlass, genau zu untersuchen, was Richard Williamson denkt. Williamson erklärt nun, er müsse über die Begründung seiner Ansicht neu nachdenken. Jetzt erst sagt er, er brauche Zeit, um sich historisch über die Judenverfolgung zu informieren. Offenbar hat er sie lange Zeit ohne ein solches Studium heruntergespielt. Er hat also darüber öffentlich geredet, ohne sich historisch kundig gemacht zu haben - ein seltsamer, ein unverantwortlicher Geisteszustand bei einem ansonsten gebildet scheinenden Herrn. Aber er wäre im Halbdunkel geblieben, hätte der Papst nicht ausgerechnet an diesem Kirchenmann seine Versöhnungskraft erproben wollen. Der entscheidende Acteur heißt Ratzinger, nicht Williamson und nicht Kurie. Es ist seine Amtspflicht, die Einheit der Kirche zu wahren und zu fördern. Aber welchen Begriff von Einheit legt er dabei zugrunde? Hier liegt das eigentliche Problem. Es ist ein traditionalistisches, ein romzentriertes Konzept von Kircheneinheit. Die Einheit mit afrikanischen Christen, mit der Befreiungstheologie und mit deutschen Querdenkern lag ihm weniger im Sinn als die Versöhnung mit den Traditionalisten der Piusbrüderschaft.

Dafür mochte er glauben, gute Gründe zu haben, die auch das Zweite Vatikanische Konzil nicht beseitigt hat: Die vom Papst immer wieder vorgebrachte Verurteilung des Relativismus ist nur eine andere Formulierung dafür, dass es außerhalb seiner Kirche kein Heil gibt. Sie erklärt, warum seine Angebote zum "Gespräch" missraten. Daraus folgert er, dass andere christliche Religionsgemeinschaften keine wahre Kirche sein können. Für Juden und Muslime betet er großherzig um Erleuchtung, damit sie seine christliche Wahrheit erkennen. Ratzinger distanziert sich von Antisemitismus und vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus, aber den Aussschließlichkeitsanspruch forciert er wie die Piusbrüder und wie seine Vorgänger eh und je. Wer Pius IX. und Pius X. heiligspricht, gehört zu den Piusbrüdern, er mag sonst sagen, was er will. Er teilt mit diesen und mit einer langen römisch-katholischen Tradition den Antirelativismus, die Konzeption von Sünde, Taufe und einzig wahrer Kirche. Daher die Nähe. Daher das Interesse, an der Wiedervereinigung.

Benedikt XVI. hat in Einklang mit seinem Vorgänger betont, die päpstliche Unfehlbarkeit äußere sich nicht nur in außerordentlichen Lehrentscheidungen, also in förmlichen und feierlichen Dogmenverkündigungen, sondern auch im ordentlichen Lehramt. Die Formel lautet: Vom Katholiken wird Glaubensgehorsam verlangt in allem "was kraft des allgemeinen und gewöhnlichen Lehramtes als von Gott offenbart zu glauben vorgelegt wird". Dem Römischen Bischof schuldet der Katholik "Gehorsam des Willens und der Einsicht", auch wenn dieser nicht ex cathedra spricht. Dazu gehört die theologische Distanzierung von Judentum und Islam, dazu gehörte jahrhundertelang die lateinische Liturgie, ebenso der Glaube an Teufelsherrschaft über die Welt, an die augustinische Konzeption der Erbsünde und vieles mehr.

Der Theologe Ratzinger weiß, dass er in diesen Lehrpunkten mehr mit den Piusbrüdern übereinstimmt als mit Theologen, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil nachträglich alles Wünschenswerte zuschreiben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat Neues gelehrt in Bezug auf die Religionsfreiheit und die Auslegung der Bibel, aber es hat den Primat des Bischofs von Rom und den Jurisdiktionsprimat des Papstes nicht angerührt. Für die Bischofskollegen fand das Konzil sanfte, theologisch-kosmetische Wendungen, die kirchenrechtlich folgenlos blieben. Eine gewaltige Propaganda und optische Inszenierung ließ die Neuerungen des Zweiten Vaticanum größer erscheinen als sie wirklich waren, und gegen diesen selbsterzeugten Effekt kämpft die römische Zentrale seit Jahrzehnten.

Genau in diesen Zusammenhang gehört die sehr einseitige Versöhnlichkeit mit den Piusbrüdern. Sie hätte auch ohne Bischof Williamson Verärgerung und fast Aufruhr ausgelöst, jedenfalls in der Schweiz, in Österreich und Deutschland. Wenn der Papst von der Holocaustleugnung nichts gewusst hat - die Brüskierung vieler Katholiken mit ihrer oft unklaren Überschätzung des letzten Konzils kann ihm nicht entgangen sein. Er hat sie bewusst in Kauf genommen. Sie steht im Einklang mit seinen sonstigen Erklärungen. Der Papst wollte die Einheit seiner Kirche sichern, aber eine Einheit nach seinen traditionellen Konzepten. Die Verblüffung der Welt, die Irritierung reformgläubiger Katholiken, die Verärgerung der Juden und die Ansichten eines Mister Williamson waren für ihn quantité négligeable. Dem entsprechend hat er sie missachtet. Es handelt sich nicht nur um einen Betriebsunfall der kurialen Verwaltung. Der Bischof von Rom ist seiner erwartbaren Linie treu geblieben.

Süddeutsche Zeitung 18.02.2009

Straßenpflaster...

... in Frankfurt am Main

Im Gespräch mit einem verstorbenen Freund

Du bist gestorben,
ich aber lebe.
Warum?

Ich lebe,
wer hat mich gefragt,
ob ich das wollte?

Keiner hat sich
sein Leben und sich selber ausgesucht.

Du bist gestorben,
ich aber lebe,
mit schlechtem Gewissen.

Kann das Überleben eine Schuld sein?

Stark ist das Leben,
Leben will Leben,
es ist da, ich kann es nicht leugnen,
es ist da, neben aller Trauer und allem Schmerz,
es macht sich breit in mir,
ich will das nicht,
ich will bei dir sein
und wenn ich das nicht kann,
will ich gar nichts mehr.

In einer dunklen Höhle
einfach aufhören zu sein,
das Leben einstellen,
nicht mehr atmen,
abwarten - aber nicht leben.

Jeder Morgen, jeder Sonnenstrahl
ein Schlag ins Gesicht meiner Trauer.
Ich habe ein schlechtes Gewissen,
weil ich noch lebe,
leben soll, leben darf, ich - aber du nicht.

Was würdest du sagen dazu?

Würdest du mich verstehen?
Natürlich, du würdest verstehen.
Aber du würdest auch sagen:
Geh leben, mein Engel.

Es ist so schwer,
es zerreißt mich,
ich will leben und auch nicht,
ich möchte die Schuldgefühle loslassen können.

Noch einmal anfangen,
vielleicht,
nicht dieselbe Rolle noch einmal,
das geht ohnehin nicht,
mit wem denn und für wen,
das Stück ist abgesetzt.

Neubesetzung, anderes Leben,
Nachleben, vielleicht.
Mit den Proben noch einmal beginnen,
langsam, vorsichtig, nicht überstürzt.

Aber es wäre schön,
wenn ich mich
für die glücklichen Momente
nicht mehr schämen müßte,
wenn ich mich für mein Lachen
nicht manchmal hernach genierte vor mir selbst,
wenn ich das Leben noch einmal
neu und anders lernen könnte,
ohne den schrecklichen Beigeschmack
und ohne schlechtes Gewissen.

Ja, ich liebe diese Stadt.

Nicht jeder kann das verstehen. Nicht alle, etwa aus den österreichischen Bundesländern, sind freiwillig in der Hauptstadt. Wer seine Heimat hoch oben in den Bergen hat, wessen Herz an Tirol oder Kärnten hängt, der mag seinen berufs- oder studienbedingten Aufenthalt in Wien als lästige lebensgeschichtliche Station empfinden. Aber ich liebe diese Stadt wirklich, mit all ihren Gegensätzen und Eigenheiten.

Unorthodoxe Vorschläge

Vor kurzem habe ich einen Pater der Pius-Bruderschaft getroffen, einen – ich gebe es zu – überraschend netten Vertreter seiner Gemeinde. Er hatte es nicht leicht, sich von den Äußerungen von Bischof Richard Williamson zu distanzieren, ohne der ganzen Bruderschaft in den Rücken zu fallen. Was Williamson über den Holocaust gesagt habe, sei dumm und unsäglich gewesen, aber die Medien hätten den Fall auch hochgespielt, um Papst Benedikt zu schaden. Am Rande der Unterhaltung ging es auch um die „tridentinische Messe“, bei der für das Wohl der Juden gebetet wird – sie mögen endlich umkehren und sich zu Jesus bekennen.

Nun habe ich persönlich nichts dagegen, dass Menschen, die ich nicht kenne, sich um mein Wohl sorgen. Es ist sicher gut gemeint. Ich glaube nicht, dass es etwas nutzen wird, aber schaden kann es auch nicht. Es ist sozusagen ein Nullsummenspiel, das vor allem jenen gut tut, die es veranstalten.

Was mich ein wenig irritiert, ist etwas anderes: Warum beten die frommen Christen nicht für das Wohl der Muslime, sie mögen endlich Allah abschwören und sich zu Jesus bekennen? Es gibt immerhin weit über eine Milliarde Moslems auf der Welt und nur etwa 14 Millionen Juden. Der moslemische Markt ist also viel größer. Würden 10 Prozent aller Juden dem Appell folgen, wären das gerade 1,4 Millionen Bekehrte. Bei den Moslems wären es über 100 Millionen. Da würde sich eine Fürbitte echt lohnen.

Freilich: Wie die Reaktionen auf die Regensburger Rede des Papstes gezeigt haben, wäre das ein riskantes Unternehmen. Einige Moslems könnten sich wieder beleidigt fühlen und zu Protesten aufrufen, in deren Verlauf nicht nur Papst-Puppen, sondern auch Kirchen angezündet werden könnten. Bei den jüdischen Brüdern und Schwestern dagegen kann man davon ausgehen, dass allenfalls der Zentralrat der Juden in Deutschland den Abbruch der Beziehungen zur Deutschen Bischofskonferenz verkünden wird, um nach zwei oder drei Wochen die erste Gelegenheit zu nutzen, wieder „in das Gespräch“ einzutreten. Statt zu schmollen und zu grollen, könnten die Juden ein wenig offensiver auftreten. Nichts spricht dagegen, dass sie in die Freitagabend-Gebete eine Fürbitte für die Christen aufnehmen: Sie mögen sich besinnen und endlich zu dem Glauben zurück kehren, aus dem das Christentum entstanden ist.

Die Fürbitte könnte auch sehr profane Elemente enthalten, etwa eine Schilderung der Freuden, die den enthaltsamen Priestern versagt bleiben. Auch sonst hätte das Judentum einiges zu bieten: Miss-Wahlen am Strand von Nahariya, Gay-Parties in den Bars von Tel Aviv, Sexualaufklärung mit Sarah Silverman. Wir beten zurück!

Im Gegensatz zu den Moslems aber wollen die Juden keinen Streit mit der katholischen Kirche, denn tief im Unterbewusstsein steckt die Erinnerung an die Kreuzzüge, die mit Pogromen im Rheintal begannen. Ein Volk, das sich jedes Jahr an den Auszug aus Ägypten erinnert, hat Worms und Speyer nicht vergessen.

Stellen wir uns nur einmal vor, irgendein durchgeknallter Rabbiner, von denen es etliche gibt, würde sich das Gegenteil zur „Holocaustlüge“ a la Williamson einfallen lassen und behaupten, es habe keine Kreuzigung gegeben, Jesus sei bei einer Akupunktur-Behandlung versehentlich ums Leben gekommen. Weder die Römer noch die Juden seien am Tode des Heilands schuld, sondern ein bekiffter Heilpraktiker. Was dann wohl los wäre! Vor allem, wenn der Rabbiner nachlegen und erklären würde, er müsse sich noch kundig machen und brauche etwa drei Wochen, um ein Buch zu diesem Thema zu lesen.

Der Vatikan würde die Schweizer Garde mobilisieren und selbst freundliche und liberale Christen wie Bischof Lehmann und Bischof Zollitsch würden sich überlegen, ob sie jemals wieder einem Juden die Hand geben könnten. Das christlich-jüdische Gespräch käme zum Stillstand, die Arbeitsgruppe „Christen und Juden“ beim Katholischen Kirchentag hätte ausgedient.

Natürlich wird so etwas nicht passieren. Das christlich-jüdische Gespräch wird weitergehen. Etwa so: Fragt ein Rabbiner einen Priester: „Stimmt es, dass Sie keinen Sex haben dürfen?“ – „So ist es“, sagt der Priester, „und stimmt es, dass Sie kein Schweinefleisch essen dürfen?“ Darauf der Rabbi: „Hab beides ausprobiert. Kein Vergleich.“

Bäume, überall

"Wildtiermanagement" auf dem Friedhof

BINGEN. In Dietersheim sind die Kaninchen los. Sie wühlen und graben sich durch den Friedhof und scheren sich nicht um Pietät und Totenruhe. Das ärgert etliche Anwohner. Sie fordern, dass etwas gegen die Kaninchenplage getan wird.  

Stiefmütterchen scheinen die Tiere besonders zu lieben. Überall dort, wo die Pflänzchen blühten, ist nun von der bunten Pracht nichts mehr zu sehen. "Alles abgefressen", zeigt Ruth Gagelmann auf eine Gräberreihe. "Es ist eine Schande, die Gräber sind total zerwühlt", macht sie ihrem Ärger Luft. Mindestens ein Jahr lang gehe das so, das kann auch Erika Lill bestätigen: "Die Kaninchen durchwühlen die Grabstellen, als hätten sie Spaß daran."

Nicht nur in Dietersheim scheinen sich die Tiere wohl zu fühlen, auch auf dem Büdesheimer Friedhof wüten sie. Darum machte Anfang des Jahres der dortige Jagdpächter Jagd auf die in Büdesheim lebende Kaninchenpopulation, nachdem auch in diesem Stadtteil massive Klagen an die Friedhofsverwaltung herangetragen worden waren.

Das war aber nur möglich dank einer Ausnahmegenehmigung, die die Kreisverwaltung als Untere Jagdbehörde ausgestellt hat. Denn: "Die Jagd ruht auf befriedeten Bezirken, so auch auf dem Friedhof", erklärt Hegeringleiter Hans Henrich. Auf dem Friedhof Kaninchen abzuschießen, stelle ein hohes Sicherheitsrisiko dar. "Es ist problematisch, einen Friedhof sicher zu sperren, und wir wollen niemals jemanden gefährden."

In Büdesheim etwa sind Schilder aufgestellt worden: "Vorsicht Jagd" war darauf zu lesen. Allerdings hatten Jagd-Gegner diese Schilder zum Teil entfernt und im Gestrüpp versteckt. Auch Hochsitze seien im Stadtteil zerstört worden, spricht Henrich von einer Behinderung der Jagd. "Das wird von uns zur Anzeige gebracht und verfolgt", stellt der Hegeringleiter klar, dass es sich dabei um kein Kavaliersdelikt, sondern um eine Straftat handelt. Und weil etwa in Büdesheim Kaninchen "in fast nicht mehr zählbaren Mengen" aufträten, sei deren Jagd zur Sicherung der Wege, Weinberge und des Friedhofs unabdingbar. Auch für die Population der Kaninchen sei die Jagd wichtig: Denn viele steckten sich mit der Krankheit Myxomatose an und sterben rund 14 Tage später. "Wildtiermanagement" nennt Henrich die gezielte Bejagung. "Dass wir einfach draußen herumballern, ist völliger Unsinn. Wir wollen in der Natur etwas für die Natur tun."

In Dietersheim jedoch ist die Sache nicht einfach: "Der Friedhof ist ein Ort des Friedens und der Ruhe", hält Jagdpächter Robert Schwantzer fest. Seit November habe er schon rund 20 Kaninchen außerhalb des Friedhofs erlegt, die Population sei also reduziert. Warum die Tiere der Friedhof lockt? "Ringsherum sind nur Roggenfelder, unter den Grababdeckungen ist es meist trocken und warm und sie wollen nicht jeden Tag das gleiche fressen", spekuliert der Jäger.

Mit rund sieben Meter langen Kunstbauten will er den Tieren Herr werden. Die gelben Plastikschläuche werden etwa einen halben Meter unter der Erde verlegt, damit die Kaninchen sich im künstlichen Bau niederlassen. Dann lässt Schwantzer Frettchen in die Schläuche, die die Kaninchen aufscheuchen, die dann in Fangkörbe laufen. So könnten sie woanders freigelassen werden, wo sie keine Schäden mehr verursachten. "Ich hoffe, dass es bald keine Probleme mit Kaninchen mehr geben wird", sagt Schwantzer.

Lena Fleischer: Kaninchen wüten auf den Friedhöfen, www.main-rheiner.de 17.02.2009

An der U-Bahn Nussdorfer Straße