Die vor wenigen Monaten erfolgte Kündigung des Pfarrehepaars in Speicher ist noch nicht verblasst. Etwas länger zurück liegt ein Knatsch in Reute. Und jetzt knallt's bereits wieder in einer reformierten Appenzeller Kirchgemeinde, diesmal in Rehetobel. Ausgerechnet die Vertreterinnen und Vertreter jener Institution, die einen Beitrag zur Menschlichkeit leisten will, geraten sich regelmässig in die Wolle. Eines scheint allen drei Konflikten gemeinsam: Bevor es zu einem Flächenbrand kam, brodelte es lange im Verborgenen. In Speicher war die Rede von einem Konflikt mit einer Katechetin, in Reute soll es unterschiedliche Auffassungen über die Ausübung des Pfarramts gegeben haben, in Rehetobel werden Kommunikationsprobleme und unterschiedliche Lohnvorstellungen geltend gemacht. Ebenso augenfällig: In allen oben erwähnten Kirchgemeinden sind deutsche Pfarrerinnen oder Pfarrer betroffen. Nur Zufall? Es regt zumindest an, mal darüber nachzudenken, denn: Die Mentalität und die Anstellungsbedingungen für Pfarrpersonen unterscheiden sich in der Schweiz frappant von jenen in Deutschland. Während in der reformierten Kirche Deutschlands vom hiesigen Standpunkt aus betrachtet eher ein landesherrlicher Kirchenkult herrscht, ist die Schweizer Kirche basisdemokratisch organisiert. Folglich ist die Leitungsstellung eines Pfarrers in einer deutschen Gemeinde viel ausgeprägter als hierzulande. Kommt hinzu, dass in unserem Nachbarland ein reformierter Pfarrer nach der Ausbildung nicht direkt mit der Kirchgemeinde einen Arbeitsvertrag abschliesst, sondern mit der Landeskirche. Diese wiederum nimmt eine Pfarrerin oder einen Pfarrer jedoch nur unter Vertrag, wenn sie eine Stelle anbieten kann. Besonders speziell: «Das Dienstverhältnis wird jeweils auf Lebenszeit begründet», ist im Kirchengesetz zu lesen.
Davon ist die Schweiz weit entfernt – und die evangelisch-reformierte Landeskirche beider Appenzell besonders weit. Sie markiert unter den Kantonalkirchen derzeit gar einen Sonderfall. Im Zuge einer neuen Kirchenverfassung im Jahr 2000 ist der kaum mehr aufzulösende «Beamtenstatus» von Pfarrpersonen in ein Dienstverhältnis mit beidseits kündbarem Arbeitsvertrag umgewandelt worden. Auch wenn die Kirchenleitung damals schrieb, die neue Verfassung ermögliche eine Weiterentwicklung der Kirche, schwächte diese Änderung de facto die Stellung der Pfarrpersonen. Sie sind seither im Appenzellerland punkto Legitimation nicht mehr auf gleicher Stufe wie die Verwaltung, die in der Regel für vier Jahre gewählt wird. Mögen die Schweizerinnen und Schweizer damit einigermassen umgehen können, ist diese Situation für deutsche Pfarrer mit stärkerem Amtsbewusstsein eine grosse Herausforderung – und manchmal wohl auch Überforderung. Sie sind sich von ihren Wurzeln her eher gewohnt, «Chef» zu sein. Diese Konstellation birgt Konfliktpotential, will aber nicht heissen, jeder Knatsch gipfle in einer Kündigung. In Rehetobel hat die Kirchenvorsteherschaft das Feld geräumt.
Aufgrund unterschiedlicher Kirchenvorstellungen und Mentalitäten keine Pfarrpersonen mehr aus Deutschland zuzulassen kann kaum die Lösung sein. Schliesslich gibt es viele Kirchgemeinden, in denen sich deutsche Pfarrpersonen gut integriert haben – auch hierzulande. Neuste Zahlen des Pfarrvereins, wonach fast 40 Prozent aller evangelisch-reformierten Pfarrpersonen im Appenzellerland Deutsche sind, untermauern diesen Fakt.
Ferner ist der Grenzverkehr auch eine Win-Win-Situation. In Deutschland studieren mehr Leute Theologie, als der Markt braucht. In der Schweiz präsentiert sich die Situation umgekehrt. Der Markt ist ausgetrocknet. Ohne Zuzug von deutschem Personal hätten viele evangelisch-reformierte Kirchgemeinden (auch katholische Pfarreien) keine Seelsorgenden mehr. Ob nun allerdings eine kündbare Anstellung oder die Anstellung für einen klar fixierten Zeitraum besser ist, bleibt dahingestellt. Auch Zweiteres sehen etliche Kantonalkirchen nicht als das allein glückseeligmachende Prinzip. Denn: Je sicherer sich eine Pfarrperson fühle, desto grösser sei die Gefahr, dasssie sich auf den Lorbeeren ausruhe.
Mit der Verabschiedung eines Konzepts für die Begleitung von Pfarrpersonen mit ausländischen Berufsabschlüssen hat die evangelisch-reformierte Kantonalkirche beider Appenzell sicher einen guten Ansatz gefunden, die Integration von deutschen Pfarrpersonen zu unterstützen. Abgesehen davon wird jedoch die Volksmehrheit die Glaubwürdigkeit der Kirchenvertreterinnen und -vertreter – Angestellten wie Laien – daran messen, ob sie auch vorleben, was sie predigen: Versöhnung.
Roger Fuchs: Werden deutsche Pfarrer zur Hypothek?, St. Galler Tagblatt 7.3.2009