Donnerstag, 2. April 2009

Kränkungen

Freud hat von den drei großen Kränkungen gesprochen, die die Menschheit in der Moderne habe durchmachen müssen, die sich mit den Namen Kopernikus (Überwindung des geozentrischen Weltbildes), Darwin (Evolutionslehre, Relativierung der Sonderstellung des Menschen) und mit seinem eigenen (wegen der Entdeckung der Macht des Unbewussten: Wir sind nicht Herren im eigenen Haus) verbinden. 
Solche Kränkungen gehören aber auch zu jedem Einzelleben: Immer mehr entdecken müssen, nicht der Mittelpunkt zu sein. Der Mensch kommtauf die Welt als Mittelpunkt seiner Welt. Alle Erziehung zielt darauf, dem Kind möglichst schonend deutlich zu machen, dass es keineswegs im Zentrum steht, nicht einfach die Sonne ist, um die die anderen Menschen als Planeten kreisen. Aber dieser Prozess der "Dezentrierung" ist nicht mit dem fünfzehnten, achtzehnten oder zwanzigsten Geburtstag zu Ende: alles Erwachsenwerden, alles Reifen hat damit zu tun, immer mehr von sich selbst absehen und andere als gleichberechtigte Gegenüber wahrnehmen zu können. 

Nur sechs Straßenbahnstationen...


... vom Burgtheater entfernt zu wohnen (1 x umsteigen), das hätte ich mir in meiner theaterverrückten Jugendzeit auch nicht träumen lassen.

Mittwoch, 1. April 2009

Unheimlich

Winterhoff: (…) Ein Fünftel der jungen Heranwachsenden ist nicht reif für eine Ausbildung, und 30 Prozent der Kinder sind in Behandlung: Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. In meiner Praxis habe ich vorwiegend mit bürgerlichen Familien zu tun. Mir fällt auf, dass es sehr engagierte, beziehungsfähige Eltern sind. Sie haben alles für ihre Kinder getan. Und obwohl diese Bedingungen vorliegen, sind ihre Kinder gravierend auffällig. Ich erlebe Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren, die von jetzt auf gleich völlig ausrasten, das Gegenüber nicht erkennen und selbst Männer attackieren.

Bergmann: Die Entwicklung droht uns um die Ohren zu fliegen. Ich gebe Herrn Winterhoff in einem Punkt recht: Es reicht heute nicht mehr, die alten individualtherapeutischen Ansätze zu verfolgen oder nur die Familienstruktur im Auge zu haben. Man muss mit einem gewissen Fingerspitzengefühl für die Komplexität der gesellschaftlichen Einwirkungen auf die Kinder eingehen.

SPIEGEL: Wenn Sie in der Diagnose weitgehend einig sind, worin liegt dann der Dissens?

Winterhoff: Die Frage ist, was hinter den Auffälligkeiten steht. Die Kinder, die ich bis vor zwölf Jahren gesehen habe, wussten, dass es ein Gegenüber und Regeln gibt. Die Kinder, denen ich heute begegne, zeigen eine Respektlosigkeit und stellen sich nicht mehr auf das Gegenüber ein. Stattdessen zwingen sie den Erwachsenen, sich auf sie einzustellen.

Bergmann: Stimmt - aber natürlich nur für einen Teil der Kinder, der näher umrissen werden müsste. Da zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung ab, die von vielen, auch mir, seit längerer Zeit beschrieben wird, aber keineswegs bis ins Letzte verstanden worden ist: Manche Kinder sind freundlich, sympathisch, aber sie flutschen rechts und links an allen Regeln und Vorgaben, an allen Verbindlichkeiten vorbei. In meiner Praxis sind sie ausgesprochen höflich und sagen: Das war ganz toll bei Ihnen, Herr Bergmann. Ich sitze trotzdem bedröppelt hinter meinem Schreibtisch und habe das Gefühl, dass ich das Kind nicht erreicht, nicht berührt habe. Als gäbe es gar keinen Kern des Selbst, mit dem bewusst und unbewusst Kontakt aufgenommen werden könnte. Dies ist ein sehr auffälliger Teil einer gefährlichen Entwicklung. Die Kinder laufen uns aus dem Ruder. Es ist eine fast unheimliche Tendenz.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff und der Diplompädagoge Wolfgang Bergmann im SPIEGEL-Gespräch

Zum Schunkeln oder zum Abwinken



Jede Zelle meines Körpers ist glücklich,
Jede Körperzelle fühlt sich wohl.
Jede Zelle meines Körpers ist glücklich,
Jede Körperzelle fühlt sich wohl.
Jede Zelle, an jeder Stelle,
Jede Zelle ist voll gut drauf.
Jede Zelle, an jeder Stelle,
Jede Zelle ist voll gut drauf.

Ein Lied aus dem vorigen Jahr (von Astrid Kuby und Michael Mosaro), angeblich der Sommerhit 2008, ist aber irgendwie an mir vorbeigegangen. Durch Zufall stieß ich heute darauf. Und dann kamen die Fragen: Was ist das? Ein Partyhit? Ein Wohlfühlsong? Eine Esoterik- und Wellness-Parodie? Oder einfach ein weiteres Beispiel dafür, wie es mit uns zu Ende geht? Im Internet berichtet jemand, bei Feiern mit Alzheimerkranken käme das Lied gut an...

In Grinzing

Erlebnis in der Schule

Am vergangenen Donnerstag hatte ich in einer Freistunde eine Einsegnung auf dem nahe gelegenen Ottakringer Friedhof zu halten, also trug ich ausnahmsweise eine Krawatte. Mehrere Schüler kamen im Gang in der Schule sehr respektvoll auf mich zu mit der ehrfürchtigen Frage: "Sind Sie ein Schulinspektor?" Im Kollegium dieser großen AHS gibt es sehr viele Männer, aber kaum je einer kommt mit Krawatte zur Schule - selbst der Direktor nur bei unumgänglichen offziellen Anlässen. Dieser legere Alltag steht in krassem Kontrat zur Matura, bei der alle, auch die Kandidaten, herausgeputzt sind, als ginge es gleich zu einem Staatsempfang.

Montag, 30. März 2009

Sich selbst nicht vergeben können

Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde!

Psalm 51, 3f.

Nicht wenige Menschen glauben, dass Gott ihnen ihre Sünde vergeben hat, aber sie können sich selbst nicht vergeben. So wollen sie päpstlicher als der Papst oder göttlicher als Gott sein. Ein schweres Problem in der Seelsorge, mit dem ich immer wieder zu tun habe.

Sonntag, 29. März 2009

Die Kaaba der Kunstreligion

Wie ein Meteorit, eingeschlagen aus fremden Welten: Das Museum der Sammlung Ludwig im Wiener Museumsquartier.

Traut sich noch jemand vom Bösen zu sprechen?

Wer sich fragte, ob in dem Amoklauf von Winnenden auch Grundsätzlicheres zum Vorschein gekommen sein könnte als eine laxe Handhabung der Waffengesetze oder eine Überforderung des Täters durch seine Eltern – etwa das, was Theologen das Böse oder die Sünde nennen – sah sich weitgehend alleingelassen.

Das stellte Thomas Jansen am 20. März in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ fest.

Der Journalist weist darauf hin, daß der protestantische baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau als erster Politiker in einer größeren Öffentlichkeit den Amoklauf als Manifestation des Bösen bezeichnete.

Jansen versteht, daß der Politiker unter seinen Berufskollegen keine Nachahmer fand: Das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht sei bei Politikern mit einem Risiko behaftet.

Dagegen wundert sich Jansen, daß auch Kirchen und Theologen in ihren Äußerungen den Begriff des Bösen meist übergingen oder allenfalls am Rande erwähnten.


Kirchenfunktionäre reden um den heißen Brei

In kirchliche Stellungnahmen auf die tragischen Ereignisse finde sich kein Hinweis darauf, „daß es in beiden Kirchen durchaus so etwas wie eine Lehre vom Bösen gibt.“

Jansen zitiert einige Beispiel:

• Der Ratsvorsitzende der ‘Evangelischen Kirche Deutschlands’, Wolfgang Huber, rhapsodierte, daß man Schmerz und Fassungslosigkeit „Raum geben“ wolle.

• Die Tragödie übersteige die „menschliche Vorstellungskraft“ – suchte der Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, Zuflucht im Hyperbolischen.

• Der Württembergische Landesbischof Otfried July erinnerte an die Vaterunser-Bitter von Schuld und Vergebung. Er ließ aber – wie Jansen bemerkt – die Erlösung von dem Bösen unerwähnt.

• In dem ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer in Winnenden entdeckte Jansen den Begriff des Bösen nur einmal kurz, die Sünde gar nicht.

• Auch im „Wort zum Sonntag“ kam eine evangelische Pfarrerin beim Thema Winnenden ohne das Böse und die Sünde aus.

• Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann forderte mehr schulische Sozialpädagogen und eine Verringerung der Klassenstärken.

Die Frage nach dem Warum

Diese Wortmeldungen lassen Jansen ratlos: „Warum machten Vertreter beider Kirchen nach dem Amoklauf von Winnenden einen solch großen Bogen um den Begriff des Bösen?“

Seine Antworten kleidet er in Frageform: „Weil er für die christliche Botschaft eben doch nicht entscheidend ist? Weil sie den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen hielten oder weil sie fürchteten, das Vokabular könne die Menschen abschrecken?“

Der fehlende Anlaß kann es jedenfalls nicht gewesen sein – so Jansen.

kreuz.net

Die Beobachtung ist richtig. Das Böse steht noch im Vaterunser. Und damit scheint es gut zu sein. Und der Böse? Von dem wagt sowieso niemand mehr zu reden.