Dienstag, 14. April 2009

St. Anna


Am Samstagabend vor dem ersten Sonntag eines Monats (man muss richtig nachdenken, um diese Regel zu verstehen) hält unsere Gemeinde um 18 Uhr einen Gottesdienst in der katholischen St. Anna-Kapelle in Dornbach. Diese kleine Kirche ist heute umgeben von der Endschleife der Straßenbahnlinie 43. Sie wird in diesem Jahr 100 Jahre alt und ist nicht heizbar. Darum ist der Besuch des Gottesdienstes in St. Anna etwas für Menschen, denen Kälte nichts ausmacht. In den Wintermonaten beträgt die Raumtemeperaur manchmal nur 1 Grad, beim Sprechen und Singen treten massive Wolken aus des Pfarrers Mund. Trotz alledem gibt es eine kleine, treue Gemeinde. Ein wenig abenteuerlich ist es schon immer, auch das Harmonium, an dem mehrere Tasten hängen, kann nur unser Organist Thomas Reuter wirklich spielen. Aber die Gottesdienste sind ein ganz besonderes Erlebnis, das ich nicht missen möchte.

Träume in Technicolor?

Regisseur Joseph L. Mankiewicz hatte für die vers- und werkgetreue Verfilmung des Shakespeare-Dramas "Julius Caesar" von MGM nur ein Budget von zwei Millionen Dollar zur Verfügung gestellt bekommen und war gezwungen, Restbestände an Bauten und Kostümen der "Quo Vadis"-Produktion von 1951 zu nutzen. Aber Mankiewicz setzte sich in einem Punkt gegen das Studio durch. Er inszenierte in Schwarzweiß, weil er noch nie ein gutes, ernsthaftes Kinodrama in Farbe gesehen habe. "'Julius Caesar ist ein Film über Gefühle, Gewalt, über Menschen - ihre Ambitionen, ihre Träume. Menschen träumen in Schwarzweiß, nicht in Technicolor". Seine Ausstatter setzten seine Idee dermaßen gut um, dass der Film 1954 den Oscar für das beste Szenenbild in Schwarzweiß erhielt.

Aus der Filmbeschreribung zum Film "Julius Cäsar" (USA 1953) auf tvtv.de

Die längste Zeit meines Lebens habe ich in Schwarzweiß geträumt, nur wenige Farbjahre waren dazwischen. Derweil bin ich wieder bei Schwarzweiß angekommen. Gibt es eigentlich Statistiken darüber, wie viele Menschen in Farbe und wwie viele in Schwarzweiß traumen?

Aus dem Vaterunser

Montag, 13. April 2009

Der Glaube der Österreicher

Gemäss einer am Karfreitag in Linz veröffentlichten Meinungsumfrage zum Thema "Ostern zwischen Brauchtum und Gläubigkeit" glaubt knapp die Hälfte der Österreicher an die Existenz Gottes. Ostern wird hingegen mehr als Brauchtum und weniger als religiöses Fest gesehen. Trotz Kirchenkritik und Evolutionstheorie blieben die christlichen Glaubenssätze in den vergangenen Jahren fast unberührt.

Wie das Linzer Institut für Markt- Sozialanalysen (IMAS) mitteilte, bekannten sich 47 Prozent der 1.000 repräsentativ für die Gesamtbevölkerung befragten Personen zum Glauben an Gott. 42 Prozent beziehungsweise 34 Prozent sind überzeugt, dass es Wunder und ein Leben nach dem Tod gibt. Für jeweils 28 Prozent ist es glaubhaft, dass Jesus als Gottessohn geboren wurde, dass es Engel gibt und dass Jesus von den Toten auferstanden ist. 23 Prozent sind der Meinung, dass es einen Himmel gibt, in den man kommen kann.

22 Prozent der Österreicher glauben laut IMAS an Geisterscheinungen, 16 Prozent jeweils an eine Wiedergeburt, bei der man als eine andere Person neu auf die Welt kommt und, dass die Astrologie über das Schicksal von Menschen Auskunft geben kann. Die IMAS-Unfrage ergab ferner, dass jeweils 15 Prozent von der Existenz des Teufels sowie der Hölle überzeugt sind. Für 14 Prozent ist es plausibel, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Für elf Prozent existieren UFOs. Dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, beziehungsweise daran, dass es Hexen gibt, glauben jeweils neun Prozent. Die IMAS-Umfrage weist auch auf den interessanten Aspekt hin, dass die Urknall-Theorie von 30 Prozent der Österreicher als Ausgangspunkt der Entwicklungsgeschichte akzeptiert wird, ohne dass der Gottesglaube dadurch rückläufig wurde.


jesus.de (epd)

Eine konfessionelle Spezifizierung ist anscheinend nicht vorgenommen worden. 

Auf der Stiege


Sehnsucht nach Verewigung

All die vielen Blogs und Twitter-Meldungen sind Flaschen-Post-Würfe. Rund um den Globus werden Milliarden Protokolle einsamster Herzen ausgestreut in der irrealen Hoffnung auf … ja auf was? Auf ewiges Leben à la Hypertext-Transfer-Protokoll? Dann endlich leben! Davon träumte Jesus Christus aus Nazareth. Er war nur einer von den Flaschenpost-Ausstreuern. Sie ist nur die best dokumentierte, von Homer und Odysseus an wird protokolliert ohne Ende. Jedes will, ja MUSS seine Summe notieren, damit http und Wikipedia nur ja alles ins „ewige Leben“ einbringen, damit nur ja kein einziger Funken Idee verkommt. Und dann die Mamas alle aus dem Zigaretten-Automat rauspurzeln und verkünden können: „I bin’s, dei Mama!“ Damit nur ja alle Lebewesen, die je existierten, in die Ewigkeit schlüpften, ob von der Fauna oder Flora ... oder den Pilzen, doch die gehören wahrscheinlich eher zur Welt der Flora, die Pilze. – Es ist alles parat, und die kybernetische http-Ewigkeitsarbeit kann begonnen werden, Duhsub! Damit alles in Erinnerung bleibt!

Aus Phettbergs Predigtdienst Nr. 836: Der Flaschenpost-Ausstreuer aus Nazareth

Sunset? Sunrise?

Atemberaubende Zahlen

Die Vermittlung von religiösen Werten in der Erziehung hat in Deutschland stark abgenommen. Das geht aus der aktuellen Studie "Generationen-Barometer 2009" des "Forum Familie stark machen" hervor, die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Nur rund 32 Prozent der deutschen Bevölkerung legen Wert auf die religiöse Erziehung von Kindern, für 48 Prozent hingegen ist diese unwichtig. Die Studie, die sich mit den Themen Familie und Erziehung beschäftigt, zeigt zudem, dass 57 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nicht viel von religiöser Erziehung halten. Nur 15 Prozent der Befragten empfindet sie als wichtig. Auch etwa die Hälfte der 30- bis 59-Jährigen erachtet religiöse Werte bei der Kindererziehung als unbedeutend, rund 30 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt. Lediglich bei Menschen ab 60 Jahren ist es umgekehrt. Dort stimmen rund 47 Prozent der religiösen Erziehung zu, 39 Prozent halten sie für unwichtig.

Schon bei Kindern dominiert der Computer

In Rahmen der Studie wurde auch der Medienzugang von Kindern befragt. Zwei von drei 14-Jährigen besitzen bereits einen eigenen Fernseher. Unter den 3- bis 5-Jährigen haben etwa 4 Prozent einen eigenen Fernseher. Auch die Nutzung von Computern liegt bei den 6- bis 9-Jährigen schon bei 43 Prozent. Bei den 14- bis 17-Jährigen gibt es nur 8 Prozent, die vom Computer gar keinen Gebrauch machen. In dieser Altersgruppe nutzen 85 Prozent der Jugendlichen das Internet, bei den 10- bis 13-Jährigen etwa die Hälfte.

Mit dem "Generationen-Barometer" will das "Forum Familie stark machen", der Auftraggeber der Studie, öffentliche und private Auseinandersetzungen mit der Veränderung der Generationenbeziehungen durch regelmäßige Studie begleiten. Der Verein bezeichnet sich selbst als überparteilich und überkonfessionell. Das Institut Demoskopie für Allensbach führte sowohl die erste Studie im Jahr 2006 als auch die aktuelle Studie durch. Vorsitzender von "Forum Familie stark machen" ist der Theologe Hubertus Brantzen. 



Ich lese diese Zahlen, fasse mich an den Kopf - und weiß zugleich, dass sie die Realität widerspegeln. 4 % der 3 - 5.Jährigen haben einen eigenen Fernseher? Ja, so ist das wohl. Und nicht einmal die Hälfte der älteren Menschen (über 60 Jahren) hält religiöse Erziehung für wichtig. Von den jüngeren Leuten ganz zu schweigen. Zudem wird zwischen "für wichtig halten" und eigener Praxis klar zu unterscheiden sein. Der schleichende Übergang in eine mehrheitlich religionslose Gesellschaft scheint unaufhaltsam.

Sonntag, 12. April 2009

Semper-Depot, innen...


... bei der Aufführung von Harrison Birtwhistles "The Last Supper"

Händel - heute

Das Jahr der Jubiläsen: Nicht nur Haydn, auch Händel wird gefeiert. Als Studentbesuchte ich die Göttinger Händelfestspiele, damals war das noch etwas Besonderes, da galt es, Werke der Vergessenheit zu entreißen, die sich noch nicht im Tonträgerrepertoire fanden. Heute aber ist Händel populärer denn je, und das gilt auch für seine Opern, die lange Zeit im Schatten standen.

Silke Leopold sucht in der NZZ von gestern nach Erklärungen: "Was aber ist es, das Händels Opern so aktuell erscheinen lässt? Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Eine der wirkungsmächtigsten Veränderungen der letzten Jahre sind die zunehmend als fliessend wahrgenommenen Grenzen zwischen Realität und Virtualität, zwischen Schein und Sein. Virtual Reality, Second Life – sich per Mausklick in eine andere Welt zu begeben, zurückzukehren in die Wirklichkeit, die nach der virtuellen Erfahrung selbst eher wie eine Scheinwelt wirkt, das ist eine neue Erfahrung, die sich von dem, was man traditionell Phantasie zu nennen pflegt, vor allem dadurch unterscheidet, dass sie nicht im Kopf entsteht, sondern durch Bilder von aussen herangetragen wird.

Von solchen Scheinwelten ist die Barockoper, sind Händels Opern voll. Wenn etwa Ruggiero von Alcinas Zaubergarten – im Wissen, dass dieser ein gefährliches Trugbild ist – Abschied nimmt, um in die harte Realität des Krieges zurückzukehren, so legte Händel ihm in «Alcina» (1735) eine Musik in den Mund, die nicht etwa von Erleichterung oder Abscheu kündet, sondern eher von Bedauern und Sehnsucht. Statt dem als Blendwerk entlarvten Paradies abrupt den Rücken zu kehren, gibt Ruggiero durch seine überirdisch schöne, zwischen höfisch-zeremoniellem Menuett und melancholisch-klagender Sarabande changierende Arie «Verdi prati, selve amene» zu erkennen, dass er sich kaum trennen kann und die Zeit der Illusionen schier bis ins Unendliche ausdehnen möchte.

Eine andere Parallele zwischen den Menschenbildern, die Händel in seinen Opern entwirft, und Entwicklungen, die unsere heutige Gesellschaft betreffen, lässt sich in den Geschlechterrollen ablesen. Starke, selbstbestimmte Frauen wie Rodelinda oder Partenope, Männer, die nicht nur mutig, sondern auch zärtlich und den Frauen nicht überlegen, sondern ebenbürtig sind – das war sicher keine Rollenverteilung, wie sie das 19. Jahrhundert (und seine Erben im 20.) schätzte. An der Wende zum 21. Jahrhundert aber wird einer derartigen Rollenverteilung durchaus Modellcharakter zuteil. Die wachsende Beliebtheit der Kastratenpartien, der Männerstimmen in Frauenlage, hat nicht nur etwas mit der Schlüsselloch-Perspektive zu tun, wie sie in Gérard Corbiaus Farinelli-Film von 1995 breit ausgespielt wurde, sondern auch mit einem sich verändernden Rollenverständnis in unserer Gesellschaft.
"

So könnte tatsächlich der sich wandelnde Zeitgeschmack Ausdruck von tiefer gehenden Bewusstseinsveränderungen sein. Musiksozilogie kann auch etwas beitragen zur Erhellung der eigenen Gegenwart.