Freitag, 28. März 2008

Virtuelle Welten - gefährden sie die religiöse Empfänglichkeit?

Spaemann: "Virtuelle Welten sind Nichtwirklichkeiten. Und wenn wir in virtuellen Welten leben, wird Gott entbehrlich."

Der Wunsch des Menschen, aus dem Hier und Jetzt zu fliehen, sei daher im Grunde "ein Aussteigen aus der Dimension des Göttlichen", so Spaemann. "Virtuelle Welten sind auch eine Konkurrenz für die Frömmigkeit." Unter Frömmigkeit versteht er dabei eine "Aufmerksamkeit der Gegenwart". Wer den Fernseher einschalte, sei woanders, "nicht mehr in meiner eigenen Gegenwart. Und ich muss mir anschauen, was andere sich ausdenken."

Fernsehen und Internet lassen Wahrnehmung für unsichtbare Welt verkümmern

Dass dies schlimme Auswirkungen habe, könne man etwa bei Kindern sehen. Kinder, die regelmäßig fernsehen, malten Bilder, "die klein und kümmerlich sind, weil sie nur ein Viertel des Raumes auf dem Zeichenblatt ausnutzen. Kinder hingegen, die wenig oder gar nicht fernsehen, malen kraftvolle, großflächige Bilder. Im Grunde haben uns das Fernsehen und andere virtuelle Medien in eine atheistische Atmosphäre geführt, die tendenziell die menschlichen Organe für die unsichtbare Welt zum Absterben bringt."

Spaemann warnt: "Wenn wir keine Heiligkeit mehr kennen, sind wir den Gegebenheiten, dem Grau-in-Grau des Alltäglichen, ausgeliefert." Als "himmlische Rechenkunst", die den Menschen mehr und mehr verloren gehe, bezeichnet Spaemann die Fähigkeit, "unsere gewohnten Sichtweisen zu verrücken" und "Nachteile als Vorteile zu sehen: "Demütigung als Ehre, Verlust als Gewinn, (...) den eigenen Komfort als einen Überfluss, der in Wirklichkeit den Armen gehört". Er selbst bringe "den Alltag ins Gebet" und mache ihn "durchsichtig für das Einmalige unseres Daseins".

Aus einer Zusammenfassung eines Gespräches des populärwissenschaftlichen Magazins P.M. mit dem Philosophen Robert Spaemann (Ausgabe April 2008) im Medienmagazin "pro".

Alt und neu


In Ottakring.

Gefährliches Terrain

Die Mine

Wer sich der Worte bedient,
begibt sich in Gefahr.
Der Wortschatz ist vermint,
wie er seit je es war.

Er wird so überdauern.
Nur so bleibt er ein Schatz,
so lange in Worten lauern,
als ihrem rechten Platz

Gefahren, wie sie nur hier
bestehn: am geeigneten Ort,
auf beliebigem Papier -
die wartende Mine: Wort.

Karl Krolow

Zeichen an der Wand

Nicht ganz einfach zu verstehen: Piktogramme in einer öffentlichen Toilette in Ottakring.

Vorgeschmack der Auferstehung, drastisch...




Helga Wehrmann kam am Dienstag entrüstet in die Bergerkirche und fragte Pfarrer Thorsten Nolting: „Ist die Kirche jetzt total durchgeknallt?“ Nolting hatte zum Probeliegen im frisch aufgebuddelten Grab geladen. Die Auferstehungsübung in der Altstadt lief unter dem Motto: „Raus hier. Jedes Grab ist zu eng“.

Mit so viel Aufregung bei Kirchengängern und der Presse hatte Pfarrer Nolting im Vorfeld der geistlichen Übung nicht gerechnet: „Das war auch gar nicht meine Absicht. Einige, die sich gerne ins Grab gelegt hätten, wollten warten, bis die TV-Teams und Fotoreporter weg sind.“ Der Presse-Rummel und das kalte Winterwetter führten jedoch dazu, dass sich bis eine Stunde vor Ende der Aktion nur sechs Personen ins Grab legten. Thorsten Nolting wollte warten, bis alle Reporter weg sind und sich dann selbst in das über ein Meter tiefe Loch legen.

Eine symbolische Auferstehung samt „Wandlung“ durfte der evangelische Pfarrer bei Helga Wehrmann erleben. Erst polterte die Gerresheimerin empört gegen das Probe-Liegen und erklärte sichtlich aufgebracht: „Ich kann auf mein richtiges Grab warten. Dort hinabzusteigen würde mich sehr beängstigen und ein Leben lang verfolgen.“ Nachdem sie jedoch ein Flugblatt mit Informationen zu dieser ungewöhnlichen Aktion durchgelesen hatte und den symbolischen Zusammenhang des Probe-Begräbnisses mit der Auferstehung Christi sah, kam sie ins grübeln.

Das bekam auch ihre Freundin Brigitte Lenk mit, und als beide auf das offene Grab schauten, sagte sie zu Helga Wehrmann: „Steig da rein. Das wird dir sonst keine Ruhe lassen.“ Und dann passierte das, womit Thorsten Nolting und alle Anwesenden nie und nimmer gerechnet hätten: Helga Wehrmann legte sich tatsächlich ins Grab: „Ich habe mich da unten wohl behütet gefühlt. Vielleicht hätte ich noch etwas länger liegen bleiben sollen. Allerdings bekam ich auch ein Gefühl der Enge und von oben bröckelte Erde auf mich hinab.“ So wartete Helga Wehrmann keine Minute bis sie rief: „Ich will auferstehen. Lasst mich raus!“

Wer anderen eine Grube gräbt...

Ganze sieben Minuten lag Peter Laux im Grab. Der 47-Jährige aus Haan hatte Samstag von der Aktion erfahren und sich über Ostern seelisch drauf vorbereitet. Schon über die Feiertage machte sich Laux Gedanken über den Sinn des Lebens und seine Lebensaufgaben. Nach sieben Minuten wurde ihm dann klar: „Junge, du gehörst hier nicht hin“, was ihm dazu veranlasste, aus dem Grab zu klettern. Selbst 20 Minuten nach der „Auferstehung“ fühlte sich Laux wie auf einer Wolke, hatte zittrige Beine und erklärte: „Ich habe mein Herz noch nie so laut pochen hören, wie da unten. Jetzt fühle ich mich richtig befreit.“

Vassilios Katsogridakis: Lebendig begraben, Rheinische Post, 25.03.2008

Evangelischen Pfarrern fällt doch immer noch etwas Neues ein, aber ob das nun sein musste?

Dienstag, 25. März 2008

Morgensonne im Wohnzimmer

Was sind schon hundert Jahre für die Geschichte der Mentalität?

"Die Wiener Frauen tragen die Fülle ihres Geschlechtes mit einer Unbefangenheit, die sich vor dem öffentlichen Bekenntnis nicht scheut: Ich bin ein Weib! Sie sind keine verschämten Mannsbilder, die ihre natürliche Artung vor der Welt verbergen möchten; nein, sie sind wie die Blumen, die nicht anders können, als sich in ihren Reizen zu offenbaren. Und wie die Wienerin begabt ist, das Leben durch alle Poren zu genießen, so ist ihr auch die Gabe der Aufopferung im höchsten Grade verliehen. Man kennt die Wiener Frauen nicht, wenn man sie nur im Glücke gesehen; ihre innere Schönheit wächst mit dem Unglücke."

Ludwig Speidel: Wiener Frauen, 1910 (Programmheft des Wiener Volkstheaters zu Horváths 'Geschichten aus dem Wienerwald', S. 18)

Nur ganz wenig Schnee...

... anders als gerade in Deutschland...

Es denkt

"Ich denke": wann stimmt das schon? Sicher in relativ wenigen Momenten angespannter Aufmerksamkeit, beim Problemlösen, sicher auch beim Sprechen. Aber die meiste Zeit stimmt es, wenigstens bei mir, nicht, vielmehr muss es heißen: "Es denkt." Und ich höre und schaue dem Es beim Denken zu, staune, amüsiere mich. Wenn es gut geht, dann sprudeln die Assoziationen, dann laufen die inneren Bilder: Träume im Wachzustand. Und das Ich sitzt auf dem Zaun und schaut zu, mischt sich manchmal ein, greift etwas auf - oder aber kann - in der Konzentration - jenes träumende Denken auch mehr oder weniger abblenden.