Freitag, 16. Mai 2008

S-Bahn-Station bei Nacht

Realität und literarische Muster

Der Germanist Ritchie Robertson vom St. John's College in Oxford untersucht zurzeit die österreichische Literatur auf "fiktive Vorfahren" des Amstettner Inzest-Täters Josef F. - und wird reichlich fündig. Von Nestroy und Raimund über Stifter, Canetti oder Freud bis zu Elfriede Jelinek sei der österreichischen Literatur "der Faktor der patriarchalen Autorität" und ihres Missbrauchs gemein.

Josef F. "existierte in der Literatur, bevor er im Leben existierte", so der Germanist in einer Ausgabe des "Times Literary Supplement" (TLS). Robertson betont, dass man den kritischen Stimmen der Literatur wohl mehr Aufmerksamkeit hätte schenken müssen, statt ihre "monströsen und grotesken Charaktere" als Karikaturen abzutun. Die Wiener Gratiszeitung "Heute" interpretiert den Artikel derart, dass die Schriftsteller des Landes mit Josef F. "in eine Reihe" gestellt und "als Vorbilder angesehen" würden.

Kellerverliese fänden sich zwar auch in anderen Nationalliteraturen, die Häufung von gewalttätigen, oft missbrauchenden Vaterfiguren sei in der österreichischen Literaturgeschichte allerdings auffällig, schreibt der Autor. Schon Raimunds Rappelkopf ("Der Alpenkönig und der Menschenfeind", 1828) zeige Grundzüge davon, der Protagonist von Stifters "Turmalin" (1852), sperrte Frau und Tochter gar in den Keller, der Hauswart und ehemalige Polizist Benedikt Pfaff in Elias Canettis "Blendung" (1935) schließt seine Tochter nach dem Tod der Frau in ein Hinterzimmer, wo er sie, Hinweisen im Text zufolge, auch sexuell missbraucht. Elfriede Jelinek schließlich habe mit "Lust" (1989) eine scheinbar übertriebene Satire häuslicher Gewalt vorgelegt, die nun aber "von der Realität unvorstellbar übertroffen" wurde.

"Das ist die kulturelle Matrix aus der Josef F. hervor ging", resümiert der Germanist, der 2006 auch Mitherausgeber einer Österreichischen Literaturgeschichte von 1918 bis 2000 war und schließt aus diesen Beispielen auf "tiefliegende Muster", die die Literatur längst erkannt habe.

Josef F.'s "Vorfahren" in heimischer Literatur (von sk) auf www.news.tele2internet.at

Natürlich klingt das beim ersten Hören wie an den Haaren herbeigezogen. Aber irgend etwas ist auch daran.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Das Jahr steigt auf...

Japanische Wörter im Deutschen

"Von Aikido über Karate, Sushi, Tofu bis hin zum Zen - im Verlauf vor allem des zwanzigsten Jahrhunderts wurden im Deutschen rund 500 Fremdwörter aus dem Japanischen entlehnt, trotz aktuellen China-Booms weit mehr als die nur knapp 50 Wörter chinesischer Herkunft. Bei ihrer linguistischen Recherche bedienen sich Barbara Haschke und Gothild Thomas verschiedener Lexika, Enzyklopädien und Fremdwörterbücher sowie alter und aktueller Duden- und Brockhaus-Ausgaben und japanisch-deutscher Wörterbücher.

In der historischen Einleitung werden wir mit den Wegen vertraut gemacht, die der Sprachimport aus Japan in sportlichen und spirituellen, künstlerischen und ökonomischen, kulinarischen und antiquarischen Zusammenhängen genommen hat. So wurden einige Begriffe im sechzehnten Jahrhundert von portugiesischen Missionaren nach Europa gebracht. Die Zeit der Landesabschließung Japans (1600 bis 1853) fungierte auch als Sprachbarriere. Nur ganz wenige aus dem Japanischen abgewandelte Wörter wie Soja oder Ginkgo waren seinerzeit bekannt. J. C. A. Heyses Fremdwörterbuch enthielt 1901 lediglich die Einträge Aucuba, Bonze, Geisha, Japan, Mikado, Nippon und Soja.

Als klischeebeladene Kulturbrücke für die Rezeption japanischer Wörter wie Mikado oder Geisha diente Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Opern- und Operettentraumwelt von Werken wie "Der Mikado oder Ein Tag in Titipu" oder "Madame Butterfly". Ein Theaterstück des durch Amerika und Europa tourenden Schauspielers Kawakami Otojiro machte "Harakiri" bekannt. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts trugen Fernsehserien wie "Shogun" oder Buchtitel über Japans Hochwachstumsphase wie "Kaisha" (Firma) zur Popularisierung japanischer Begriffe bei.

Pilz-Pilz und Hirsch-Hirsch

Nicht wenige Wörter haben auf ihrem Weg in die deutsche Sprache Bedeutung, Konnotationen und Referenzrahmen verschoben. Die Einverleibung in die deutsche Syntax gestaltet sich oft problematisch, wie die Autorinnen belegen. Die befragten Wörterbücher zeigen eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf grammatisches Geschlecht, Genitiv oder Pluralbildung: "Auch für das Wort Harakiri gibt der Duden einen Plural an: das Harakiri, die Harakiris. Da fragt man sich: Kann es überhaupt einen Plural von Harakiri geben? Machten die 47 Samurai Harakiri, oder machten 47 Samurais 47 Harakiris?"

Verblüffend ist auch, dass im Deutschen eingebürgerte Begriffe so nicht oder nicht mehr im Japanischen verwendet werden: Der Fudschijama (Duden) heißt in Japan Fujisan, Harakiri wird Seppuku genannt. Der Kaiser heißt heute Tennô ("Himmlischer Herrscher") statt Mikado ("Die Verehrte Pforte").

Unfreiwillig komisch kommen uns einige gutgemeinte deutsch-japanische Komposita vor, wobei üblicherweise der vorangestellte japanische Teil das deutsche Grundwort näher definiert. Beispiele sind deutsch-japanische Wortgewächse wie Bonsaipolitiker oder Kamikazefahrer. Zuweilen kommt es auch zu Pleonasmen wie in Shiitakepilz. So ergeben shii, eine Eichenart, und take, Pilz, im Zusammenspiel mit dem deutschen Element eine Sinnverdoppelung: Shii-Pilz-Pilz. Entsprechend wäre ein Sikahirsch (shika bedeutet Hirsch) ein "Hirschhirsch".

Eieruhren und Riesenwellen

Einstweilen entpuppen sich scheinbar genuin japanische Wortschöpfungen wie Karaoke oder Tamagotchi als englisch-japanische Zwitterbildungen: Ersteres setzt sich aus kara (leer) und oke (Abkürzung für orchestra) zusammen. Der Duden erklärt Tamagotchi wie ein exotisches Fundstück als "kleines, eiförmiges elektronisches Gerät, auf dessen Display eine Fantasiegestalt erscheint, die auf bestimmte akustische Signale hin wie ein Lebewesen versorgt werden kann". Nach Aussage des Herstellers ist das Wort eine Kombination aus dem japanischen tamago (Ei) und dem Fremdwort watch (Uhr), die Endsilbe chi fungiert als Diminutiv.

Noch kurioser sind scheinjapanische Wortschöpfungen, die sich als rein englische Zusammensetzungen erweisen wie die Computerspielfiguren Pokemon (von pocket monsters). Umgekehrt haben einige auf den ersten Blick unverdächtige Wörter wie Tycoon oder Bonze einen asiatischen Migrationshintergrund: Das japanische taikun (großer Herr), eine Anrede für den mächtigen Shôgun, wandelte sich im Englischen tycoon zur Bezeichnung eines Wirtschaftsbosses.

Das Wort Bonze (von bôzu, buddhistischer Mönch) kam über portugiesische Missionare als eines der frühesten Wörter aus dem Japanischen ins Deutsche. Noch in Heyses Fremdwörterbuch von 1901 findet sich der Eintrag "Priester der Religion des Fo oder Buddha in Japan und China; uneigentlich ein abergläubischer Pfaff". Moderne Wörterbücher verzeichnen aber neben "buddhistischer Mönch" auch die im Deutschen hinzugekommene Bedeutung "höherer, dem Volk entfremdeter Funktionär".

In der Regel werden bestimmte japanische Begriffe übernommen, wenn Phänomene bezeichnet werden sollen, für die uns in unserer Muttersprache die Worte fehlen - wie Tsunami, Zen, Rikscha oder Tamagotchi. Im Fall von Tsunami (zusammengesetzt aus tsu, Hafen, Bucht, und nami, Welle) bedurfte es - um die Ungeheuerlichkeit der Naturkatastrophe von 2004 sprachlich zu fassen - einer Alternative zu den eingebürgerten deutschen Begriffen Riesenwelle, Flutwelle oder Springflut. "

Steffen Gnams Rezension des "Kleinen Lexikons deutscher Wörter japanischer Herkunft" von Barbara Haschke und Gothild Thomas (München: C.H.Beck 2008) auf http://lesesaal.faz.net.

Am "Himmel"



Am Pfaffenberg in Döbling liegt der "Himmel", heute ein beliebtes Ausflugsziel der Wiener. "1997 ließ das Kuratorium Wald am Himmel einen sogenannten Lebensbaumkreis errichten. Dieser besteht aus vierzig, kreisrund angelegten Bäumen, die jeweils einzeln auf einer Tonstele beschrieben werden." [Wikipedia s.v. Pfaffenberg (Wien)] Diese Tonstelen enthalten außerdem Lautsprecher, aus denen zeitweise Musik erklingt. An den Wochenenden und Feiertagen der wärmeren Zeiten des Jahres kann man hier nach einem langfristig angekündigten Programm Musik verschiedener Komponisten hören und zugleich den Blick über die Stadt genießen.

Privater Gedenktag

Ein privater Gedenktag: Heute vor 40 Jahren zogen meine Eltern mit mir aus Essen fort. Das war der größte Einschnitt meiner Kindheit, ich wurde verpflanzt nach Stuttgart, lernte neue Wörter wie "Kehrwoche" und "Gutsle", Schimpfwörter wie "Dackel" (Steigerung: "Halbdackel"), stellte voll Erstaunen fest, dass meine Schulkameraden Schokolade auf dem Pausenbrot hatten und fühlte mich durchaus als Fremder. Das "Grüß Gott" kam mir lange nicht über die Lippen, und auch nach zehn Jahren verstand ich manche schwäbische Wendung kaum. Die Übersiedlung aus der Metropole des Ruhrgebiets in die "Großstadt zwischen Wald und Reben" (so der damalige Werbeslogan der Stadt Stuttgart) war eine Art Kulturschock.

Guter Gedanke - witzige Zeitungsüberschrift












"Heute" 11.3. 2008, S. 2

Aus dem 13A fotografiert















Im Augen-Blick

Blick-Begegnung

Ein Blick!
Ein Grüßen, Schmachten, Gleißen,
ein Wiedersehn von Sternenzeiten her!
Die Straße strömt,
das Schicksal ist bereit.
Ein rasches, heißes Voneinanderreißen!
Matt rückgewandt ein: Noch, noch ist es Zeit!
Und jetzt: Nie mehr!

Franz Werfel

Die U-Bahn und die Menschen