Samstag, 27. September 2008
Wählen dürfen - mit 16

Morgen dürfen erstmals auch die 16- und 17-Jährigen an der Nationalratswahl teilnehmen. Keiner meiner Schüler (zwischen 15 und 19 Jahren) fand diese Neuregelung positiv: Übereinstimmend waren sie der Auffassung, in diesem Alter sei man noch nicht reif genug, um über die Zusammensetzung des Parlaments mitzuentscheiden. Es ist eine insgesamt fragwürdige Regelung (die es ja auch in manchen deutschen Bundesländern - bezogen auf Landtags- und Kommunalwahlen - gibt, junge Menschen, denen man noch manche Rechte vorenthält (z.B. den Erwerb und Gebrauch bestimmter Genussgifte) als Wähler zuzulassen. Mehrere Schülerinnen aus der Fachschule für Wirtschaft sagten mir, sie würden die FPÖ wählen, weil sie die blauen Haftschalen von H.C. Strache so sexy fänden. Vermutlich kommt es nicht selten aufgrund solcher Kriterien zur Wahlentscheidung.
Eine österreichische Besonderheit scheint mir das "Wahlerbe" zu sein, möglicherweise haben die großen Parteien darauf gesetzt, dass die jungen Erstwähler ihre Stimme derselbe Partei geben wie ihre Eltern. Tatsächlich habe ich auch Äußerungen in dieser Richtung von Schülern gehört. Das wäre in Deutschland schwer vorstellbar, da dürfte eher eine Protestwahlgesinnung überwiegen: Ich wähle doch nicht, was meine Eltern wählen.
Die Plakate und Anzeigen, mit denen das neue Wahlrecht beworben wird, wecken mit ihrem Text eher Assoziationen an den ersten Sex. Der Bursche mit dem Hütchen erinnert an die alte Sitte, nach der die (männlichen) Konfirmanden am Konfirmationstag als Zeichen ihres Erwachsenseins erstmals einen Hut zu tragen hatten. Der Blick in mein Fotoalbum belehrt mich, dass meine Eltern mir sogar schon zur Einschulung einen Hut kauften. Was will mir das sagen?
M.Ö.
Haben Zugvögel Heimweh?
für Sabka
Ich habe Heimweh nach einem Land
in dem ich niemals war,
wo alle Bäume und Blumen
mich kennen,
in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken
meiner
genau erinnern,
ein Fremder, der sich
in keinem Zuhause
ausweinen kann.
Ich fahre
nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel
am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen,
ohne Paß,
auf Wolkenbürgschaft.
Hilde Domin
Vor der Wahl
Aber auch so herrschte bei der letzten NR-Sitzung ein Geist irgendwo zwischen Karl Kraus, Josef Qualtinger und dem klassischen Wienerlied vor:
Weil mir heut' so lusti' beinander grad san, liegt uns an a'm Geld a nix dran. (Wienerlied, 1896)
Von Josef Hornig, dem Meister des Wienerliedes, stammt der Text zu „Es wird ein Wein sein“, das der Literat Peter Altenberg „das beste, rührendste und tiefste wienerische Couplet“ genannt hat, in dem die „ganze süße, herzige und leichtsinnige Lebensfreude des Wieners“ liege. Wer betrachtet, wie eine ausgelassene Parlamentarierschar heute – wie eine Hofgesellschaft vor dem Eintreffen der Pest – ihre letzte, alles übersteigende Spendierhosenparty vor einem kalten Oppositionswinter oder einer alles vermiesenden Rezession feiert, möchte Altenberg beipflichten.
In diesem rauschhaften Abschied vor der Wahl offenbart sich noch einmal die „leichtsinnige Lebensfreude“, die laut Nationalmythos ja allen Österreichern in die Wiege gelegt worden ist. Um mit Hornig zu singen: Wer wird denn schon spar'n, das fallt uns gar net ein,/Das heb'n ma uns auf, bis ma sterb'n.../Mir lassen nix z'ruck, no das is' schon bestimmt,/Mir ham alles gern, nur kan Streit./Und dass ka' Notar unsern Erben was nimmt,/Verjuck' ma halt 's Geld voller Schneid. Der Refrain endet jedes Mal, nach einer Erinnerung daran, dass wir einmal „nimmer sein“ werden, mit der Aufmunterung: Drum greif' ma zua, grad is' no Zeit!" (Michael Prüller: Die letzte Party im Parlament, Die Presse 24.09.2008)
Das komplizierte Verhältniswahlrecht bringt es mit sich, dass man auf die endgültigen Ergebnisse der Wahl wohl länger wird warten müssen als in Deutschland.
Zum reinen Verhältniswahlrecht war übrigens neulich (13.09) in der "Presse" zu lesen:
"Man sollte die verbleibende Zeit bis zum Abend des 28. September dazu nutzen, sich noch einmal darüber klar zu werden, was man eigentlich will: Ein Verhältniswahlrecht, das einen regelmäßig an den Rand der Staatskrise bringt, oder ein Mehrheitswahlrecht, das eines der in der Zweiten Republik sträflich vernachlässigten Prinzipien der Demokratie wieder stark macht: die Möglichkeit, eine Regierung abzuwählen. ÖVP und SPÖ werden als bisherige Regierungsparteien die eindeutigen Verlierer dieser Wahl sein, trotzdem wird vom Bundespräsidenten abwärts erklärt werden, es sei der Wählerwille, dass diese beiden Parteien die Regierung bilden.
Demokratiepolitisch sind wir ein Schwellenland."
Freitag, 26. September 2008
Donnerstag, 25. September 2008
An ein Tabu gerührt
Eine wesentliche Ursache für die mangelnde Beziehungsfähigkeit sieht er in einem ausufernden Pornokonsum selbst unter Kindern. "Im Internet oder auf Videos wird ihnen eine Welt vorgegaukelt, in der Frauen allzeit bereit sind und Männer sich nehmen, was sie wollen. Kinder nehmen so etwas dann für bare Münze! Und es prägt ihr Bild von einer Beziehung." Diese Prägung habe zur Folge, dass Kinder später nie dazu fähig seien, eine dauerhafte Beziehung zu führen, nicht einmal ein kollegiales freundschaftliches Verhältnis im Berufsleben, so Schirrmacher.
Gefunden auf jesus.de
Die seelischen Gefahren durch Pornographie und eine übersexualisierte Umwelt überhaupt gehören zu den Tabu-Themen der mitteleuropäischen Gesellschaften. Wenige Mutige gibt es, die sich an dieses Thema heranwagen.
Es ist natürlich nicht allein die fast allezeit und überall verfügbare Pornographie, die das Weltbild von Kindern und Jugendlichen prägt, Computerspiele und Splatter-Filme gehören ebenso dazu wie die Dauerüberforderung durch die schnelle Erreichbarkeit via Handy oder die Erfahrung überforderter, gestresster Eltern und Lehrer. Was aus dem allem entsteht, ist der Eindruck, dass in der Welt im Grunde ein Naturzustand des "Krieges aller gegen alle" herrscht, in dem man sich nach Kräften behaupten muss. Und die Welt als ganze ist viel zu unübersichtlich um sich da zurechtfinden zu können. Was bleibt, ist Rausch und Spaß in jeder Form. Beziehungen haben nach den eigenen Vorstellungen zu funktionieren oder sie werden ausgetauscht. Und in alledem nach einem Sinn des menschlichen Daseins zu fragen, ist höchstens die Marotte des Religionslehrers.



