Die Zahl der "Big Brother"-ausstrahlenden Staaten ist vermutlich bereits höher als die, sagen wir, mit funktionierenden Sozialversicherungssystemen.
spiegel.de
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Ritalin für alle?
Schätzungen zufolge setzt rund ein Fünftel aller Wissenschaftler Medikamente zur Steigerung der eigenen geistigen Leistungsfähigkeit ein. In anderen Berufsgruppen sieht das vermutlich ähnlich aus. Ein Kommentar im britischen Fachblatt "Nature" fordert nun die Freigabe solcher Substanzen. Die Wissenschaftsjournalistin Kristin Raabe bewertet die Forderung im Gespräch mit Monika Seynsche.
Seynsche: Frau Raabe, was sind das denn für Leute, die da diese Forderung stellen?
Raabe: Ja, das ist eine Gruppe von amerikanischen und britischen Autoren aus den Fachbereichen Jura, Hirnforschung, Philosophie. Und allesamt arbeiten an führenden Forschungseinrichtungen. Und deswegen muss man dem, was die sagen, durchaus auch Gehör schenken. Sie fordern zumindest eine Diskussion, nicht notwendigerweise eine generelle Freigabe von Wirkstoffen, aber eine Diskussion über die Freigabe von Substanzen, die die kognitive Leistungsfähigkeit erhöhen. Das sind insbesondere die Wirkstoffe Methylphenidat, das ist eher bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, wird bei hyperaktiven Kindern vor allem verschrieben, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz derzeit. Ein anderer Wirkstoff ist Modaphenil, das wird bei jet lag auch mal verschrieben oder auch bei Narkolepsie. Ich möchte vielleicht einmal etwas zitieren aus diesem Artikel, damit man so ein bisschen die Argumentation versteht. Da sagen die die Autoren:
"Diese Wirkstoffe sollten in dieselbe Kategorie eingeordnet werden wie Bildung, ein gesundes Leben und Informationstechnologien. Denn das alles sind Methoden, mit denen unsere innovative Spezies versucht, sich selbst zu verbessern."
Also deren Argumentation geht eben dahin, es gibt nicht wirklich einen Unterschied zwischen pharmazeutischen Wirkstoffen, die unsere Konzentrationsfähigkeit, unsere Denkfähigkeit verbessern und anderen Methoden. Denn wenn ich vorher Joggen gegangen bin, kann ich mich beim Vokabeln lernen hinterher dann auch besser konzentrieren. Eine gesunde Ernährungsweise wirkt auch ähnlich. Und all diese Maßnahmen bewirken letztendlich Veränderungen in unserem Gehirn, die ganz ähnlich den Änderungen sind, die solche Pillen auch hervorrufen.
Seynsche: Na ja, aber wenn ich joggen gehe oder mich gesund ernähren, sind das ja durchaus natürliche Sachen, die ich mache, um mich selbst zu verbessern. Pillen schlucken, kommt mir das sehr unnatürlich vor!
Raabe: Ja, das Argument, es sei unnatürlich, ist eigentlich nicht wirklich ein Argument. Naturbelassenheit an sich ist kein Wert. Das würde jeder Ethiker und jeder Philosoph auch sofort ablehnen. Wir machen ganz viele Sachen, die unnatürlich sind. Wir färben uns die Haare, lassen unsere Zähne richten, die Segelohren operieren, wir leben in einer manipulierten Umwelt, unsere Wohnungen, unsere Straßen, unsere Kleidung, da ist einfach nichts mehr natürlich. Wenn ich sage, Naturbelassenheit ist das Gegenargument gegen den Einsatz solcher Substanzen, dann muss ich gleichzeitig aber auch unterschreiben, dass der Mensch wieder nackig in die Höhle geht. Also das ist nicht das Argument. Ein anderes Argument ist vielleicht schon eher, was auch mal wieder vorgebracht wird: Das ist doch nicht fair, so wie im Sport. Da will man ja auch nicht, dass gedopt wird. Da ist aber dann doch wieder, wenn ich einen Radrennfahrer sehe, der mit Epo gedopt hat, dann hat er einen Vorteil gegenüber denjenigen, die es nicht gemacht haben. Jetzt muss man aber sehen, es wird mit einer Regel gebrochen, und jetzt, wenn es um das brain doping geht, dann muss man sich mal anschauen, was haben wir da für Regeln. Im Moment haben wir dann nicht wirklich Regeln. Was ist beispielsweise mit dem Studenten, der vor einer Prüfung einen doppelten Espresso getrunken hat. Der hat auch schon einen ungerechten Vorteil gegenüber demjenigen, der das nicht getan hat. Oder ein Student, der sich Privatstunden bei einem kompetenten Lehrer leisten kann, aus finanziellen Gründen, das ist auch nicht gerecht. Also die Arbeitswelt, die Bildungswelt ist nicht gerecht, und wenn wir aus Gerechtigkeitsempfinden heraus den Einsatz von Pharmaka zur geistigen Leistungssteigerung verbieten wollen, müssen uns überlegen, ob wir da nicht auch andere Maßnahmen regulieren wollen.
Seynsche: Aber wie sieht es denn mit den medizinischen Risiken aus. Ich könnte mir vorstellen, so ein verschreibungspflichtiges Medikament wird ja nicht ganz ohne sein!
Raabe: Das ist die Frage. Im Moment kann man nur sagen, zum Beispiel im Bezug auf Ritalin, was jetzt seit zig Jahren, seit Jahrzehnten im Einsatz ist, sehr breit verabreicht wird, das hat nicht wirklich, nach allem was wir wissen, keine dramatischen Nebenwirkungen. Es reduziert ein bisschen den Appetit und kann zu Schlaflosigkeit führen, all das wissen wir auch vom Kaffee. Sicher ist, dass ganz viel Forschung notwendig ist in Bezug auf den Einsatz solcher Substanzen bei gesunden Menschen. Und das fordern auch die Autoren in ihrem Artikel. Dass geschaut wird, dass der Einsatz solcher Medikamente halt weiter erforscht wird und zwar nach Möglichkeit nicht nur von Naturwissenschaftlern, sondern auch von Soziologen, von Philosophen, damit man eine Basis hat, wo man den Umgang mit diesen Wirkstoffen regeln kann.
Deutschlandfunk Forschung aktuell 08.12.2008
Seynsche: Frau Raabe, was sind das denn für Leute, die da diese Forderung stellen?
Raabe: Ja, das ist eine Gruppe von amerikanischen und britischen Autoren aus den Fachbereichen Jura, Hirnforschung, Philosophie. Und allesamt arbeiten an führenden Forschungseinrichtungen. Und deswegen muss man dem, was die sagen, durchaus auch Gehör schenken. Sie fordern zumindest eine Diskussion, nicht notwendigerweise eine generelle Freigabe von Wirkstoffen, aber eine Diskussion über die Freigabe von Substanzen, die die kognitive Leistungsfähigkeit erhöhen. Das sind insbesondere die Wirkstoffe Methylphenidat, das ist eher bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, wird bei hyperaktiven Kindern vor allem verschrieben, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz derzeit. Ein anderer Wirkstoff ist Modaphenil, das wird bei jet lag auch mal verschrieben oder auch bei Narkolepsie. Ich möchte vielleicht einmal etwas zitieren aus diesem Artikel, damit man so ein bisschen die Argumentation versteht. Da sagen die die Autoren:
"Diese Wirkstoffe sollten in dieselbe Kategorie eingeordnet werden wie Bildung, ein gesundes Leben und Informationstechnologien. Denn das alles sind Methoden, mit denen unsere innovative Spezies versucht, sich selbst zu verbessern."
Also deren Argumentation geht eben dahin, es gibt nicht wirklich einen Unterschied zwischen pharmazeutischen Wirkstoffen, die unsere Konzentrationsfähigkeit, unsere Denkfähigkeit verbessern und anderen Methoden. Denn wenn ich vorher Joggen gegangen bin, kann ich mich beim Vokabeln lernen hinterher dann auch besser konzentrieren. Eine gesunde Ernährungsweise wirkt auch ähnlich. Und all diese Maßnahmen bewirken letztendlich Veränderungen in unserem Gehirn, die ganz ähnlich den Änderungen sind, die solche Pillen auch hervorrufen.
Seynsche: Na ja, aber wenn ich joggen gehe oder mich gesund ernähren, sind das ja durchaus natürliche Sachen, die ich mache, um mich selbst zu verbessern. Pillen schlucken, kommt mir das sehr unnatürlich vor!
Raabe: Ja, das Argument, es sei unnatürlich, ist eigentlich nicht wirklich ein Argument. Naturbelassenheit an sich ist kein Wert. Das würde jeder Ethiker und jeder Philosoph auch sofort ablehnen. Wir machen ganz viele Sachen, die unnatürlich sind. Wir färben uns die Haare, lassen unsere Zähne richten, die Segelohren operieren, wir leben in einer manipulierten Umwelt, unsere Wohnungen, unsere Straßen, unsere Kleidung, da ist einfach nichts mehr natürlich. Wenn ich sage, Naturbelassenheit ist das Gegenargument gegen den Einsatz solcher Substanzen, dann muss ich gleichzeitig aber auch unterschreiben, dass der Mensch wieder nackig in die Höhle geht. Also das ist nicht das Argument. Ein anderes Argument ist vielleicht schon eher, was auch mal wieder vorgebracht wird: Das ist doch nicht fair, so wie im Sport. Da will man ja auch nicht, dass gedopt wird. Da ist aber dann doch wieder, wenn ich einen Radrennfahrer sehe, der mit Epo gedopt hat, dann hat er einen Vorteil gegenüber denjenigen, die es nicht gemacht haben. Jetzt muss man aber sehen, es wird mit einer Regel gebrochen, und jetzt, wenn es um das brain doping geht, dann muss man sich mal anschauen, was haben wir da für Regeln. Im Moment haben wir dann nicht wirklich Regeln. Was ist beispielsweise mit dem Studenten, der vor einer Prüfung einen doppelten Espresso getrunken hat. Der hat auch schon einen ungerechten Vorteil gegenüber demjenigen, der das nicht getan hat. Oder ein Student, der sich Privatstunden bei einem kompetenten Lehrer leisten kann, aus finanziellen Gründen, das ist auch nicht gerecht. Also die Arbeitswelt, die Bildungswelt ist nicht gerecht, und wenn wir aus Gerechtigkeitsempfinden heraus den Einsatz von Pharmaka zur geistigen Leistungssteigerung verbieten wollen, müssen uns überlegen, ob wir da nicht auch andere Maßnahmen regulieren wollen.
Seynsche: Aber wie sieht es denn mit den medizinischen Risiken aus. Ich könnte mir vorstellen, so ein verschreibungspflichtiges Medikament wird ja nicht ganz ohne sein!
Raabe: Das ist die Frage. Im Moment kann man nur sagen, zum Beispiel im Bezug auf Ritalin, was jetzt seit zig Jahren, seit Jahrzehnten im Einsatz ist, sehr breit verabreicht wird, das hat nicht wirklich, nach allem was wir wissen, keine dramatischen Nebenwirkungen. Es reduziert ein bisschen den Appetit und kann zu Schlaflosigkeit führen, all das wissen wir auch vom Kaffee. Sicher ist, dass ganz viel Forschung notwendig ist in Bezug auf den Einsatz solcher Substanzen bei gesunden Menschen. Und das fordern auch die Autoren in ihrem Artikel. Dass geschaut wird, dass der Einsatz solcher Medikamente halt weiter erforscht wird und zwar nach Möglichkeit nicht nur von Naturwissenschaftlern, sondern auch von Soziologen, von Philosophen, damit man eine Basis hat, wo man den Umgang mit diesen Wirkstoffen regeln kann.
Deutschlandfunk Forschung aktuell 08.12.2008
Montag, 8. Dezember 2008
Regionale Unterschiede, selbst hier...
Wonach suchen die Deutschen in schlechten Zeiten? Im Internet offensichtlich nach Gott und sicheren Geldanlagen.
Das ergab eine Auswertung vom Internet-Suchdienst Google. Mit dem Analyse-Tool „Insights for Search“ hat der Internetriese beliebte Suchbegriffe in den einzelnen Bundesländern aufgelistet. Ergebnis: Die Hessen googeln derzeit eher „Jesus“, die Bayern wollen dagegen mehr zum „Goldpreis“ wissen.
Unterscheidet man das Aufkommen bestimmter Suchbegriffe nach Bundesländern, so offenbaren sich bemerkenswerte Unterschiede im Umgang mit der Krise. Gemessen am Suchvolumen aus Bayern und Baden-Württemberg zeigen sich die Bürger dieser Länder beispielsweise besonders konservativ in ihrer Anlagestrategie und pragmatisch im persönlichen Krisenmanagement. Sie suchen nach Informationen zu „Goldpreis“ und „Bundesschatzbrief“ und „Energie sparen“. Auch das altbewährte „Sparschwein“ findet sich auf der Liste der Suchwörter.
Die Hessen hingegen interessieren sich in Krisenzeiten eher für das Religiöse und Übersinnliche und suchen häufiger im Vergleich zu anderen Bundesländern im Internet nach Begriffen wie „Jesus“ oder dem Esoterik-Kartenspiel „Tarot“.
Das ergab eine Auswertung vom Internet-Suchdienst Google. Mit dem Analyse-Tool „Insights for Search“ hat der Internetriese beliebte Suchbegriffe in den einzelnen Bundesländern aufgelistet. Ergebnis: Die Hessen googeln derzeit eher „Jesus“, die Bayern wollen dagegen mehr zum „Goldpreis“ wissen.
Unterscheidet man das Aufkommen bestimmter Suchbegriffe nach Bundesländern, so offenbaren sich bemerkenswerte Unterschiede im Umgang mit der Krise. Gemessen am Suchvolumen aus Bayern und Baden-Württemberg zeigen sich die Bürger dieser Länder beispielsweise besonders konservativ in ihrer Anlagestrategie und pragmatisch im persönlichen Krisenmanagement. Sie suchen nach Informationen zu „Goldpreis“ und „Bundesschatzbrief“ und „Energie sparen“. Auch das altbewährte „Sparschwein“ findet sich auf der Liste der Suchwörter.
Die Hessen hingegen interessieren sich in Krisenzeiten eher für das Religiöse und Übersinnliche und suchen häufiger im Vergleich zu anderen Bundesländern im Internet nach Begriffen wie „Jesus“ oder dem Esoterik-Kartenspiel „Tarot“.
Tauben im Turm
Ein Taubenparadies im Anton-Baumann-Park an der U-Bahn-Station Michelbeuern/AKH.
Ich habe immer noch nicht herausbekommen, was es mit diesem Turm auf sich hat. Vielleicht kann mich einer meiner Leser belehren.
Samstag, 6. Dezember 2008
Barcelona
Sie leben seit über zehn Jahren in Los Angeles. Recherchieren Sie in Barcelona, bevor Sie mit dem Schreiben anfangen?Nein, Los Angeles ist doch der perfekte Ort, um sich alles Mögliche vorzustellen! Außerdem habe ich ein DVD-Gedächtnis, in dem die Stadt abgespeichert ist, ich kenne sie auswendig. Ich war als Kind in den 60er und 70er Jahren viel für meinen Vater unterwegs. Er war Versicherungsvertreter und verkaufte Policen in ganz Barcelona. Ich musste nun seinen Kunden den Papierkram zustellen. So lernte ich jeden Winkel der Stadt kennen: Ich sah die riesigen Anwesen von Industriellen und die winzigen Wohnungen armer Schlucker. Ich besuchte Anwälte, Banker, Künstler, Ärzte, Immobilienverwalter und Krankenschwestern. Und weil ich ein Kind war, ließ mich jeder hinein, und ich sah, wie alles ausgestattet war, wie die Leute miteinander umgingen, worüber sie redeten. Ich war ein quasi unsichtbarer Zeuge.
Wie lebte man im Barcelona der 70er Jahre?
Ich besuchte zum Beispiel alte Aristokraten, die in verfallenden Herrenhäusern lebten. Aber sie taten so, als ob die vergangene Pracht noch da wäre. Sie stellten sich als Graf oder Gräfin vor. Und behandelten mich, als ob ich ihr Untergebener wäre. „Du wartest hier!“, sagten sie und gingen dann die Treppen hoch, und ich hatte Zeit, mich über die Risse in den Wänden zu wundern und die alten Ahnenporträts zu studieren. Dann ging ich zu Leuten, die in der Altstadt in düsteren Wohnungen ohne elektrisches Licht hausten. Ich sah das ganze Kompositum des Lebens in Barcelona.
Was hat Sie besonders beeindruckt?
Es gab da dieses Kloster, an das mein Vater eine Feuerpolice verkauft hatte. Die Nonnen durften den Konvent nicht verlassen – bis auf eine. Die anderen lebten dort fast wie im Gefängnis, jede Art von Besuch war also höchst spannend. Neben der Tür gab es in der Mauer einen kleinen Schlitz, wo man herausschauen konnte. Wenn ich kam, presste manchmal eine der jungen Nonnen ihr Gesicht dagegen. Ich klopfte, wartete, und dann ging die Tür mit einem Knarren auf wie bei Edgar Allan Poe, und eine winzige Figur kam heraus. Die Schwester, die mit der Außenwelt verkehren durfte, war eine Zwergin.
Sie haben auch an einem kleinen Buch mitgewirkt, das Ihr literarisches Barcelona vorstellt. Besonders Ihr altes Schulgebäude hat Sie zum Schreiben inspiriert.
Meine Schule war in einem kolossalen Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Eine Privatschule, die von Jesuiten geleitet wurde, ich war elf Jahre dort, fast meine gesamte Schulzeit. Das Hauptgebäude sah aus wie ein gotisches Schloss, mit Türmen, Tunneln, geheimen Gängen und Kapellen. Zu einigen Bereichen war für uns Schüler der Zugang verwehrt, zum Beispiel der Trakt, in dem die Pater lebten – das waren natürlich die spannendsten Orte. Und die biologische Sammlung: aus gestopfte und konservierte Tiere, ein Ziegenbock mit zwei Köpfen war dabei und Schlangen in Gläsern.
Klingt nach dem perfekten Schauplatz für einen Ihrer Romane.

Stimmt. Der Unterricht langweilte mich meistens, und ich verbrachte die Stunden mit Tagträumereien, in denen das Gebäude die Hauptrolle spielte.
In was für einem Viertel wuchsen Sie auf?
Ich wuchs nur einen Block von der Kathedrale „Sagrada Familia“ entfernt auf. Das war damals eine ganz gewöhnliche Wohngegend für die Mittelklasse, ein lebhaftes Viertel mit kleinen Geschäften. Heute ist es dort sehr teuer, wie ja ohnehin die Mieten in der Stadt in die Höhe geschossen sind.
War die „Sagrada Familia“ des Archi tekten Antonio Gaudí damals schon eine Touristenattraktion?
Nein, überhaupt nicht. Die Barceloner beachteten sie selbst erst, als immer mehr Ausländer kamen, die sagten: Hoppla, was haben wir denn hier?! Viele der alten Gebäude des Modernismus wurden von den Einheimischen gehasst, es gab immer wieder Anträge, sie zu zerstören. Es musste erst jemand von außen kommen, der ihren Wert entdeckte.
Man wollte Gaudís Gebäude abreißen?
Es gibt Dokumente aus den 20er und 30er Jahren, in denen selbst ernannte Richter des guten Geschmacks verlangten, dass die Jugendstilgebäude zerstört würden: der Palau de la Música, die Sagrada Familia, alle Wohnhäuser von Gaudí und seinen Kollegen. Das ging allerdings nicht, weil Leute darin wohnten. In einigen Fällen wies die Stadt die Eigentümer aber an, die Fassaden zu verändern. Und nach dem Bürgerkrieg 1939 wurde der Abriss nur dadurch verhindert, dass einfach kein Geld da war. Das Barcelona, das heute alle so lieben, hat nur durch Zufall überlebt.
Wie war es, im Schatten dieser bizarren Kirche aufzuwachsen?
Weil damals nur wenige Touristen kamen, gab es noch viele Wege in die Kirche hinein. Ich kannte sie alle, ich wusste, wie man in die Skulpturenwerkstatt kam und in die Tunnel und auf die Türme. Vor einiger Zeit hatte ich Besuch von einem schwedischen Fernsehteam, ich schickte sie in die Sagrada Familia. Als sie zurückkamen, waren sie richtig erschrocken: Sie sei so morbide, fast satanisch, mit all diesen Steinen, die herunterzufließen scheinen. Und die seltsamen Viecher, die aus den Tunneln und Bögen und Brücken kriechen! Ich finde diese ganzen Details unterhaltsam. Bei jedem Besuch versuche ich, mich in Antonio Gaudís Gehirn zu versetzen. Die Sagrada Familia war ja ein wahnsinniges Unterfangen, Gaudí hatte beschlossen, eine Kathedrale für Gott zu bauen.
Sie reden mit Begeisterung von Barcelona – trotzdem haben Sie sich dort nie zu Hause gefühlt. Sie wollten immer weg.
Ich mag all diese Dinge, über die ich gesprochen habe. Aber sie sind 100 Jahre alt, sie wurden gebaut, bevor ich geboren wurde. Ich fragte mich als Jugendlicher: Was passiert heute, was ich spannend finde? Ich konnte nichts finden.
Aus einem Gespräch mit dem Autor Ruiz Zafón ("Der Schatten des Windes"), Berliner Tagesspiegel, Druckausgabe vom 7.12.2008
Was wissen wir schon...
Wir wissen nicht was das Licht ist
Noch was der Äther und seine Schwingungen -
Wir verstehen das Wachstum nicht
Und die Wahlverwandtschaften der Stoffe.
Fremd ist uns, was die Sterne bedeuten
Und der Feiergang der Zeit.
Die Untiefen der Seele begreifen wir nicht
Noch die Fratzen, unter denen sich die Völker vernichten.
Unbekannt bleibt uns das Gehen und Kommen.
Wir wissen nicht, was Gott ist!
Oh Pflanzenwesen im Dickicht der Rätsel
Deiner Wunder größtes ist die Hoffnung!
Noch was der Äther und seine Schwingungen -
Wir verstehen das Wachstum nicht
Und die Wahlverwandtschaften der Stoffe.
Fremd ist uns, was die Sterne bedeuten
Und der Feiergang der Zeit.
Die Untiefen der Seele begreifen wir nicht
Noch die Fratzen, unter denen sich die Völker vernichten.
Unbekannt bleibt uns das Gehen und Kommen.
Wir wissen nicht, was Gott ist!
Oh Pflanzenwesen im Dickicht der Rätsel
Deiner Wunder größtes ist die Hoffnung!
Wilhelm Klemm
