Montag, 22. Dezember 2008
Neue Unterrichtsfächer
Für jedes Hobby und Interesse haben die Deutschen bekanntlich einen Verein, einen Verband oder, man geht ja mit der Zeit, eine "Wissensfabrik" (think tank). Sie alle buhlen um Aufmerksamkeit, und dass diese leicht zu gewinnen ist, wenn man nur das Reizthema Schule anspricht, haben auch schon viele herausgefunden. So vergeht kaum eine Woche ohne Forderungen nach irgendeinem neuen Schulfach: Die Bankwirtschaft verlangt mehr ökonomische Bildung (dabei verstehen die Banker ihr Geschäft ja selbst kaum), Umweltorganisationen fordern Naturkunde, Köche und Diätberater sähen gerne Kochen und Ernährung als eigenständiges Fach.
Zwar klagen Schüler und Lehrer schon jetzt über die Fülle des Stoffs in den Lehrplänen, aber das hindert die Lobbyisten nicht, neue Wunschzettel zu schreiben. Verbraucherschützer wünschen sich mehr - man rät es schon - Verbraucherschutzthemen in der Schule; der Bundesverband Darstellendes Spiel fordert das Schulfach Theater, Regisseure hätten gern mehr Unterricht in Film und Filmtheorie; die Architekten die Architektur. Die FDP kann sich eine "Datenschutz-Stunde" vorstellen; der Deutsche Wetterdienst schlägt eine bessere Klimaerziehung vor. Die Brandenburger Feuerwehr dringt auf Brandschutzunterricht. Der Bestseller-Arzt-Autor Dietrich Grönemeyer wirbt für ein Schulfach Gesundheit (und hätte bestimmt nichts dagegen, wenn seine Bücher Schullektüre würden). Ein Hamburger Zeitforscher erkennt bei Jugendlichen einen Mangel an "Zeitkultur". Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik kann sich einen Zeit-Unterricht in der Schule vorstellen. Vielleicht können die Zeitforscher den Kindern und erstaunten Lehrern auch beibringen, wie man es schafft, hundert Themen und Fächer in nur einer Schulwoche unterzubringen?
Die Schule sei nicht der "Erfüllungsgehilfe für Spontaninteressen", sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger. Natürlich gehörten alle wichtigen Themen in die Schule - "aber nicht als Einzelfächer zum Abhaken". Eckinger empfiehlt fächerübergreifenden Unterricht und einen engen Kontakt der Schule mit anderen Institutionen, mit Vereinen und Betrieben. Man werde jedoch nie alle Erwartungen, die an die Schule herangetragen werden, auf einmal erfüllen können.
Die Vielfalt der Gesellschaft und ihrer Themen in die Schule zu holen, ist seit jeher das Credo guter Pädagogik. Es lässt sich aber kaum durch vorgeschriebene neue Fächer verwirklichen. So lange jeder fünfte Neuntklässler Deutschland im Rechnen und Lesen nicht oder nur knapp über das Niveau der Grundschule hinauskommt, sind unzureichende Kenntnisse über das Wetter oder die Filmkunst vielleicht auch nicht das drängendste Problem. Allerdings: Das Einüben mathematischer Kompetenzen und die Leseförderung lassen sich durchaus einbetten in einen inhaltlich anregenden Unterricht, in dem es vordergründig um ganz anderes geht. Zum Beispiel ums Wetter.
Manchmal werden Ideen für ungewöhnliche Fächer an den Schulen selbst geboren. In der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg hat Direktor Ernst-Fritz Schubert das Fach "Glück" eingeführt. Was esoterisch klingt, folgt einer durchdachten pädagogischen Konzeption. Das neue Fach ist eine Mischung aus Sinnsuche und Selbsterfahrungskurs, aus Philosophie, Kunst, Tanz, Gymnastik und Theater. Die Schüler sollen sich zum Beispiel selbst einen Brief schreiben, in dem sie ihre Ziele notieren. Es wird gemeinsam gekocht, die Kinder suchen nach gesunden Lebensmitteln, sie recherchieren deren Herkunft und ermitteln die Transportzeiten. Das Fach Glück nimmt viele Wünsche auf, die immer wieder an die Schulen herangetragen werden. Direktor Schubert hat gleich ein Buch darüber geschrieben - das "Schulfach Glück" (Herder Verlag, 2008) lässt sich ganz gut verkaufen. Auch Pädagogen können zu Lobbyisten in eigener Sache werden.
Gefunden auf jetzt.de
Nikolo
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in diesem Jahr den Nikolausg gespielt, den Nikolo, wie er hier heißt. An der Brille, an der tiefen Stimme sollten die Kinder mich erkannt haben, denke ich. Aber Kinder sind eben anders. Selbst wenn sie es wissen oder spüren, dass hier jemand den Nikolaus nur spielt, stört sie das nicht. Sie sind ganz in der Situation, wollen sich verzaubern lassen, sie wollen glauben. Und sie differenzieren nicht wie Erwachsene: Entweder es ist der wirkliche Nikolaus oder es ist eben nur Theater, nein: Sie sind ganz dabei.
Wie sagt Jesus? Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...
Weiterhin billige Räusche
Die "Leipziger Volkszeitung" hatte aus dem Entwurf zitiert: Preisanhebungen infolge von Steuererhöhungen könnten einen "unmittelbaren und relevanten Effekt auf die Senkung des Alkoholkonsums ausüben".
Dazu ließ die Drogenbeauftragte wissen: "Es soll lediglich wissenschaftlich untersucht werden, welchen Einfluss der Preis von Alkohol auf das Konsumverhalten hat - darüber hinaus werden keine steuerpolitische Maßnahmen erwogen." Außerdem stellte Bätzing klar, dass es sich um ein nicht abgestimmtes Papier handele. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hatte zuvor gesagt: "Die von Frau Bätzing vorgeschlagenen Steuererhöhungspläne lehnen wir ab. Mit Steuerpolitik kann man keine Vorbeugepolitik für Jugendliche machen. Sie weichen dann nur auf noch billigeren Fusel aus." (...)
ftd.de
Das ist zwar richtig, aber ein wenig Geld würde der Staatskasse sicher auch nicht schaden.
Und immer noch Blau
Schwierigkeit mit dem Glück
Dieser Wahrnehmung entspricht auf der anderen Seite die Schwierigkeit vom Glück etwas mitzuteilen. Selbst bei Dante ist das Inferno viel plastischer als das Paradies. Wenn es einem gut geht, was soll man schon sagen? Da fehlen uns am Ende sogar die Vokabeln.
Ineinander
Sonntag, 21. Dezember 2008
Wechselseitige Ehrfurcht und Verschaltung des Universums
Fragen, die Eltern oft ratlos machen, weil sie bei der Erklärung der schwierigen Themen verunsichert sind. Schließlich geht es um keine Wissensfragen, sondern um jene des Glaubens. Und diese sind Herzensangelegenheit, können persönliche Einstellungen und Überzeugungen prägen.
Etwa der Glaube ans Christkind. Den soll man kleinen Kindern bewahren. Es gibt keinen stichhaltigen Grund, ihn wegzunehmen. "Zwangsrealismus ist im Kinderzimmer nicht gefragt. Das ist Sache von Erwachsenen, weil für sie die Wahrhaftigkeit den höchsten Kulturwert darstellt", sagt KURIER-Family-Coach Martina Leibovici-Mühlberger, die die Bewahrung von Kindheit für einen ebenso hohen Kulturwert hält. "Solange ein Kind das Christkind nicht hinterfragt oder bezweifelt, ist es gut. Es kommt ohnehin früh genug dahinter, wie es wirklich ist. Es ist für die Kleinen etwas sehr Schönes, Warmes und Fantasievolles. In dieser Figur steckt Beschütztheit und Geborgenheit."
Der tiefere Sinn
Weihnachten sei eine gute Zeit, um die Geschichte, die dahintersteht, zu thematisieren, so die Psychotherapeutin. "Den Kindern zu erzählen, welche Bedeutung eine Krippe hat und wer das Christkind ist. Diese Selbstverständlichkeit unserer Kultur geht immer mehr verloren – viele Kinder sehen eine Krippe ebenso wie die Bastelwerkstatt von Micky Mouse oder das Märchen von Frau Holle. Sie können nicht differenzieren, wenn man ihnen den Unterschied nicht erklärt." Leibovici-Mühlberger rät, im Sinne der Kinder einen respektvollen Umgang mit der Weihnachtsgeschichte zu pflegen. "Durch sie können ethische Werte vermittelt werden und den Anstoß geben, sich mit dem Thema Glauben auseinanderzusetzen."
Der bessere Umgang
Religiöse Fragen der Kinder können entscheidend für die Entwicklung ihrer Weltanschauung sein. Deshalb sollten sie nicht ausgeklammert oder umgangen, sondern einfach und ehrlich beantwortet werden. Auf keinen Fall sollten in Verbindung damit Ängste geschürt oder Teufel und Todsünden an die Wand gemalt werden. "Der wesentliche Punkt ist, das moralische Bewusstsein im Einzelnen zu stärken. Das brauchen wir. Ich muss die Instanz in mir selber tragen. Strafandrohungen sind nicht zeitgemäß und funktionieren auch nicht mehr."
Religion sei eine Werteerziehung, aber unmodern geworden. "Dabei sind die zehn Gebote absolut nicht veraltet. In ihnen sind alle sozialen Verhaltensregeln festgeschrieben. Alles, was für ein positives Zusammenleben wichtig ist, ist in ihnen verpackt", sagt Leibovici-Mühlberger. Durch die immer häufiger werdende Abkehr von Glauben und Religionsunterricht fehle es an ethisch-moralischer Erziehung. "Es gibt zwar Ansätze von Ethikunterricht, aber nur in Schulversuchen. Eine wirkliche Zuständigkeit haben wir nicht. Das ist ein großes Defizit für Kinder."
Selbstverständlich sollten Glaubensfragen immer altersadäquat beantwortet werden. Während man den Kleinen den lieben Gott als weisen Mann mit langem Bart, der irgendwo da oben sitzt und alles gütig regelt, näherbringen kann, ist dieses Bild bei Zehnjährigen nicht gefragt. "Kinder in diesem Alter wissen über den Urknall, Galaxien und das Weltall Bescheid, da brauchen Eltern neue Argumente, müssen die Weichenstellung für ein moderneres Gottesprinzip finden", meint Leibovici-Mühlberger. "Man könnte von einem Phänomen wechselseitiger Ehrfurcht und der Verschaltung des Universums sprechen." Der Gottesbegriff gebe Kindern Sicherheit und Geborgenheit und eine "Ansprechstelle". Gleichgültig, ob es Wünsche ans Universum oder Gebete sind, "Kinder haben damit eine Zufluchtsmöglichkeit, können Stress abbauen und wieder zu sich finden."
Ingrid Edelbacher: Mit Kindern über Gott treden, Kurier vom 21.12.2008
Samstag, 20. Dezember 2008
Der Meister
Aus der Ankündigung eines besonderen Abends im Staatstheater Wiesbaden im "Kulturkurier"
Es kommt immer darauf an... - Drive-In an der Mitleidstheke
Die Spendengala ist beides: Saturday night fever und sakrales Ritual. Wir schaffen Plätze an der Sonne, haben wahlweise »ein Herz für Kinder«, für Afrika und ganz besonders für Kinder in Afrika. Wir wollen dabei auch gut unterhalten werden von Stars, die mit unserer Hilfe und einem Spendenkonto ein wenig »Licht ins Dunkel« bringen, um selbst in umso hellerem Licht zu stehen. Ein guter Beleuchter kann jedes Fernsehstudio in eine Kathedrale voller Heiliger verwandeln.
Ist das so schlimm, so verwerflich? Ein bisschen Selbstbeweihräucherung für ein bisschen Frieden, für etwas mehr Nothilfe? Wer spendet, stimuliert Wohlfühlreize im Gehirn. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. Das Problem ist, dass unsere Karitas darüber hinaus nicht mehr viel stimuliert. Wir spenden inzwischen genauso, wie wir konsumieren.
Wir befriedigen ein Bedürfnis. Angefixt und aufgewühlt durch Bilder, die Wellen der Gänsehaut produzieren und wieder verebben lassen. DBM heißt dieses Syndrom: Drive-by-Mitleid. DBM beschreibt einen Zustand, in dem ich sofort etwas gegen das Elend tun, aber nicht wirklich etwas darüber wissen möchte. Ein Zustand, in dem die Elendigen nichts anderes sind als hilflose Opfer. Am besten kindlich und weiblich. Dieses Syndrom beschreibt auch einen Zustand, in dem Leiden überhaupt erst zu solchem wird, wenn es auf eine Fernsehkamera stößt.
Und das ist kein zufälliger Prozess. Eine Naturkatastrophe bekommt mehr Sendezeit als ein Bürgerkrieg – vorausgesetzt, es sind wie beim Tsunami 2004 weiße Touristen betroffen. Die Bilder hungernder Kinder treiben mehr Spenden ein als Bilder von Protestmärschen für das Recht auf Nahrung. Warum? Weil wir Hunger lieber als ein Problem der Natur sehen statt als Problem der Politik. Opfer machen Quote. Menschen, die um Rechte kämpfen, schrecken ab.
Aus einem Kommentar in der ZEIT
