Samstag, 27. Dezember 2008

Grenzverwischungen

Mein chauvinistisches Ohr

Über die moralische Verwahrlosung des öffentlichen Raums

Die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist unscharf geworden in einer Zeit, die ungeniert nach Selbstverwirklichung drängt. Wo dem Einzelnen unter dem Eindruck des Beobachtetwerdens einst die Kontrolle der persönlichen Gefühle auferlegt war, droht sich dies heute ins Gegenteil zu verkehren. Die Strasse gerät zur Bühne des eigenen Selbst – die Freiheit, die sich einer herausnimmt, wird zur Unfreiheit der anderen.

Von Dubravka Ugrešić

Er marschiert auf mich zu wie ein Soldat in voller Kriegsausrüstung, schreitet entschlossen auf einer imaginären Geraden, auf dem Rücken ein Rucksack, die Ohren mit einem iPod verstopft. Seine Sonnenbrille macht jeden Blickkontakt unmöglich. Den Körper benutzt er als unsichtbaren Pflug, alles wie Schnee vor sich wegräumend. Ich trete unterwürfig zur Seite. Immer mehr Leute benutzen im öffentlichen Raum ihren Körper als Schneepflug. Und immer bin ich diejenige, die zur Seite weicht.

Während ich an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts Schlange stehe, bohrt sich wie ein plötzlicher Schmerz der Ruf eines Muezzins in mein Ohr. Ich drehe mich um und erblicke eine zierliche junge Frau in einem langen Jeansrock, hellblaue, paillettenbesetzte Flip-Flops an den Füssen, auf dem Kopf ein Tuch. Sie nimmt ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und drückt darauf herum. Vielleicht mahnt das Handy sie, dass es Zeit ist fürs Gebet, denke ich versöhnlich. Auch mein Ohr ist inzwischen versöhnt. Dann aber wird es von einem neuen Geräusch durchbohrt: Eine junge Chinesin in der Schlange kreischt etwas Unverständliches in ihr Handy. Wie sich die durchdringenden Stimmen junger Chinesinnen und junger Marokkaner doch ähneln, denke ich. Verschämt wische ich diesen Gedanken beiseite. Ich schwöre, das war nicht ich, das war mein Ohr, gebildet in einer Gegend, in der das hohe C nie besonders geschätzt wurde. Ein chauvinistisches Ohr!

EINE FRAGE DES FREIRAUMS

Auf den Strassen begegne ich immer öfter singenden Radfahrern. Sie treten in die Pedale und trällern vor sich hin. Das ist etwas Neues, dieses Zurschaustellen von Gelassenheit, diese öffentliche Eroberung des persönlichen Freiraums. Mein Ohr ist gereizt, an so etwas nicht gewöhnt, intolerant. Mein Ohr ist ein widerlicher control freak .

Während ich in einer Gaststätte mit Seeblick auf meinen Kaffee warte, bleibt mein Blick an einem jungen Paar am Nebentisch hängen. Die junge Frau mit langem blondem Haar hat ihre Füsse lässig auf den Tisch gelegt, direkt neben eine Suppenterrine. Der junge Mann massiert mit einer Hand zärtlich ihre Zehen, mit der anderen löffelt er seine Suppe aus. Die Frau kichert ausgelassen und versucht, mit den Zehen seine Suppenterrine umzukippen. Der Anblick der nackten Füsse auf der Tischplatte erregt in mir leichten Ekel. Mein Auge ist menschenfeindlich. Die Szene am Nebentisch lässt sich nicht mit einer unsichtbaren Fernbedienung ausschalten – wie ich es in Gedanken wünsche –, deshalb stehe ich auf und verlasse geschlagen den Ort.

Die Aufzüge in den U-Bahn-Stationen, die zu den Zügen führen, hauptsächlich von Müttern mit Kinderwagen, älteren Menschen und Menschen mit Fahrrädern benötigt, sind immer vollgespuckt und vollgepisst. Männer benutzen sie als öffentliche Toiletten und Spucknäpfe. Während ich zu den Zügen fahre, muss ich die Nase mit der Hand oder mit dem Schal bedecken. Der Gestank ist unerträglich. Schuld daran ist allein meine Nase. Meine verdammte Nase ist elitär.

Aus dem Blickfeld

Sobald sie in der Strassenbahn einen Sitzplatz ergattern, holen die jungen Frauen ihre Schminktäschchen hervor und machen sich für den Tag zurecht. Alles ist da: der Eyeliner, die Mascara, die kleine Nagelfeile, der Nagellack, die Pinzette. Warum schminken sich junge Frauen ausgerechnet in der Strassenbahn? Wenn sie das schon im öffentlichen Raum erledigen müssen, warum nicht in einer öffentlichen Toilette oder auf einer Parkbank?!

Während ich am Strassenrand stehe, wirft ein Radfahrer leere Pizzaschachteln in eine nichtexistierende Mülltonne. Eine Schachtel verpasst meinen Kopf nur um wenige Zentimeter. He! – schreie ich, aber es kommt zu keinem Kontakt. Der Typ radelt schnell aus meinem Blickfeld.

In meiner Nachbarschaft befindet sich ein Gotteshaus. Es ist offensichtlich zu klein, daher knien die Gläubigen bei gutem Wetter draussen, die Köpfe gen Osten, die Hintern gen Westen. Während der Gebetszeit gibt es kein Durchkommen auf dem Weg, der für alle vorgesehen ist, für die Gläubigen wie für die Ungläubigen. Neben dem Tempel steht ein Verkehrsschild, auf dem ein durchgekreuzter Hund zu sehen ist. Mein Freund hat einen Hund. Er wurde schon mehrmals von selbsternannten Glaubenspolizisten ermahnt, der Durchgang am Gotteshaus sei für Hunde verboten. Drumherum liegt viel Dreck, die Kinder der Gläubigen hinterlassen dort Abfälle, Limo-Dosen, Kekspackungen. Die Abfälle stören Gott offenbar nicht, nur die Hunde.

In den Strassen- und U-Bahnen sind die Sitze meistens von männlichen Jugendlichen okkupiert. Ältere Menschen stehen demütig. Der öffentliche Raum ist Schauplatz des latenten Sadomasochismus. Die Stärkeren setzen ihr Recht durch, die Schwächeren ducken sich. Vor meinem Lebensmittelgeschäft steht seit Monaten ein unsympathischer Dreissigjähriger und spielt auf seiner Gitarre. Der Typ ist total unmusikalisch, offenbar kann er überhaupt nicht Gitarre spielen, mit einem Wort, er klimpert. Er will dadurch nur auf sich aufmerksam machen und einen dazu bringen, eine Münze in seinen Hut zu werfen.

Manche Bewohner von Hochhäusern vertreiben sich die Zeit damit, Essbares aus dem Fenster zu werfen. Sie füttern die Vögel. Im Flug beschmutzen die Vögel, hauptsächlich Tauben und Möwen, die Fensterscheiben. Was sie nicht auffressen, bleibt für die Ratten. Nachts durchstreifen die Ratten frei den öffentlichen Raum. Die Tierschützer triumphieren.

Ich besteige ein Taxi. Der Fahrer, ein Muslim, verrichtet während der Fahrt sein Gebet. Mit einem Büchlein in der Hand murmelt er es herunter. Gelegentlich unterbricht er das Gebet, wenn er bremsen oder die Ampel beachten muss. Seine monotone Leier stört mein gottloses Ohr, aber ich ertrage mit Fassung die Situation, in die ich geraten bin. Beim Verlassen des Taxis reiche ich ihm einen grossen Schein, denn ich habe kein Kleingeld. «Wie viel Trinkgeld bekomme ich?», fragt der Fahrer. Seine Stimme klingt jetzt auffällig anders. Das demütige religiöse Brabbeln von vorhin galt Gott, dieser drohende Ton mir. Den Geldschein hält er schon in der Hand, ein Verhandeln ist also nicht mehr möglich, denn er könnte Gas geben und mit dem ganzen Geld abhauen. Ich entscheide mich für ein grosszügiges Trinkgeld, um den Rest zu retten.

Unerwiderte Liebe

Der öffentliche Raum mit seinen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen ist heute dazu da, die persönliche Freiheit zur Schau zu stellen. Altmodische Benimmregeln gelten nicht mehr, Schilder mit der Aufschrift «Spucken verboten», die früher wegen ihres absurden Inhalts die Leute zum Lachen brachten, sind längst verschwunden. Heute spucken viele auf den Boden, markieren den Raum mit ihrer Spucke, mit ihrem Urin, mit ihren Leibern, mit ihren Stimmen. Niemand will mehr unbemerkt bleiben. Jeder kämpft um seine Rechte und pfeift auf die der anderen.

Mir fällt auf, dass ich immer seltener aus dem Haus gehe. An der Wohnungstür habe ich drei Schlösser anbringen lassen, die Vorhänge an den Fenstern ziehe ich zu, meine Wohnung verwandelt sich langsam in einen Guerilla-Unterschlupf. Auch fällt mir auf, dass ich meinen Nächsten nicht mehr liebe. Die Nächstenliebe erfordert übermenschliche Anstrengung. Sie ist eine unerwiderte Liebe, und ich bin nur ein gewöhnliches und schwaches Exemplar der Spezies Mensch. Für das Ressort Nächstenliebe ist doch Gott zuständig, denke ich, er hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, soll er ihn auch lieben. (…)

Neue Zürcher Zeitung 27.12.2008

Gersthof bei Nacht


Überlegung

Die Entstehung des Lebens auf der Erde mit dem Zufall erklären heißt, von der Explosion einer Druckerei das Zustandekommen eines Lexikons zu erwarten.

Edwin Conklin

Parlament und Rathaus

Absturz einer Berufsgruppe

In Zeiten der Finanzkrise sind Investmentbanker noch unbeliebter als vorher. Bei einer Umfrage des Magazins „Playboy“ zum Thema „Wen könnten Sie am wenigsten in Ihrem Freundeskreis akzeptieren?“ antwortete fast jeder Vierte, man wolle auf keinen Fall einen Investmentbanker dabeihaben.

(...)

Unbeliebter sind (...) nur noch Prostituierte und Menschen mit Vorstrafen.

welt.de

Martinstraße

Wenn Jesus heute lebte...

Wenn Jesus heute auf der Welt wäre, würde er gegen „Kriegstreiber, Besatzer, Terroristen und Tyrannen“ vorgehen, heißt es weiter. „Er würde ohne Zweifel gegen die tyrannische Politik der vorherrschenden, globalen wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen."

Aus der Weihnachtsansprache des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, die der britische Sender Channel 4 ausstrahlte. Dieser Fernsehsender sorgt seit Jahren mit seinen alternativen Fernsehansprachen für Aufsehen. Dies Mal hagelte es Kritik von allen Seiten.

Der komplette Text der Ansprache findet sich übrigens hier.

Aber ist das, was der umstrittene iranische Präsident gesagt hat, wirklich "irreführend und gefährlich"? Es kommt eben immer darauf an, wer etwas sagt...

Freitag, 26. Dezember 2008

Linz - Kulturhauptstadt Europas 2009

Bereits an den wichtigsten Stadteinfahrten wird Ortsunkundigen schnell klar, dass 2009 vieles anders sein wird. Was andernorts ein politischer Dauerbrenner ist, dürfte in Linz kein Problem sein: mehrsprachige Ortstafeln - an 18 Stadteinfahrten werden im Rahmen des Projekts "kommen und gehen" von Social Impact Linz-Tafeln in 36 verschiedenen Schriftsystemen aufgestellt. Für das Vorhaben wurden unter anderem Tibetisch, Birmanisch, Georgisch, Arabisch, Hebräisch und Griechisch ausgewählt. "Den Unterschied gegenüber dem normalen Alltag", diese von Heller [sc. der Intendant des Events] formulierte Absicht, werde durch die Ortstafeln dem Besucher gleich sichtbar gemacht.

Die Frage nach dem Vorher

Was war vor dem Urknall?

"Ob nun ein intergalaktischer Crash oder gar Parallelwelten, was vor dem Universum stand, weiß niemand so recht"

Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf? Er machte die Hölle für diejenigen, die solche Fragen stellen. Schrieb Augustinus. Die Physiker schreckt das nicht. Die offizielle Version lautet zwar: Es gibt kein »vor dem Urknall«, denn auch die Zeit ist erst mit dem Big Bang entstanden. Wenn Kosmologen unter sich sind, spekulieren sie aber munter über die Zeit vor dem Urknall.

Das Urknallmodell, so viel ist richtig, steht auf einem soliden Fundament. Astronomen beobachten, dass sich die Galaxien rasend schnell voneinander entfernen. Daraus schließen sie, dass alle Materie einst in einem unheimlich dichten Punkt konzentriert war. Um die allererste Sekunde zu beschreiben, braucht man aber eine Theorie, die Relativitäts- und Quantentheorie vereint: die Weltformel (...). Sie könnte auch einen Hinweis darauf geben, was vor dem Urknall war. Der beste Kandidat, die Stringtheorie, ist zwar noch lange nicht fertig, trotzdem haben die Kosmologen sie schon einmal auf den Beginn des Universums angewendet. Die Ergebnisse:

1. Das zyklische Universum (Big Bounce)

Kurz vor dem Urknall driftete unsere Welt durch ein höherdimensionales Universum – laut Stringtheorie hat das Universum bis zu elf Dimensionen. Eine zweite Welt driftete ebenfalls durch diesen Hyperraum. Beide Welten begannen sich anzuziehen und – Whammmm!!! – stießen kurzzeitig zusammen. Das ist der Big Bounce (großer Rückprall). Dann dehnte sich unser Weltall wieder aus. Nach einigen Trillionen Jahren wird die Materie extrem verdünnt sein, der nächste Zusammenstoß mit der Parallelwelt steht bevor, und alles beginnt von vorne. »Eine Kollision hat ein Davor und ein Danach«, sagt Paul Steinhardt von der Princeton University, einer der Urheber des Modells. »So kommen wir von der Idee weg, dass der Urknall der Anfang sein musste.«

2. Das Multiversum

Vor einigen Jahren dämmerte den Stringtheoretikern, dass ihre Theorie nicht nur eine, sondern unendlich viele Lösungen hat. Vielleicht, so spekulieren einige prominente Physiker, beschreibt ja jede dieser Lösungen ein real existierendes Universum in einem gigantischen Multiversum. Unser Universum wäre nur eines von vielen, neue Universen entstünden wie Bläschen in einem Schaumbad. Die Antwort auf die Frage, was vor dem Urknall war, würde dann lauten: andere Universen anderswo.

Bislang sind beide Szenarien nicht mehr als kühne Spekulationen. Um sie zu erhärten, müsste erstens die Stringtheorie weiter fortgeschritten sein. Zweitens braucht es empirische Belege. In einem zyklischen Universum hätte zum Beispiel die schwache Mikrowellenstrahlung – das Echo des Urknalls – andere Eigenschaften als im herkömmlichen Big-Bang-Universum. Moderne Satellitenteleskope könnten den Unterschied in den nächsten Jahren vielleicht nachweisen.

Die Idee vom Multiversum scheint dagegen prinzipiell nicht überprüfbar zu sein, deshalb ist der Widerstand groß. Der Nobelpreisträger David Gross nennt das Multiversum eine »gefährliche Idee«, Paul Steinhardt fürchtet: »Die Wissenschaft käme zu einem deprimierenden Ende.«

Womöglich haben die Kosmologen die Grenze des Wissens erreicht. Die Frage nach der Zeit vor dem Urknall bliebe für immer unbeantwortet. Immerhin: Wenn Augustinus recht behielte, kämen sie dann in den Himmel.

www.zeit.de/zeit-wissen

Ohne jeden wissenschaftlichen Beweis hier auch noch meine ebenso unmaßgebliche wie völlig spekulative Privatmeinung: Wäre es nicht auch möglich, dass unser ganzes Universum nichts anderes wäre als eine einzelne Zelle in einem wesentlich größeren Lebewesen?

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Transparenz - Gute Werbeidee

Für das neueste Kluge-Köpfe-Bild der F.A.Z. macht sich Mohamed ElBaradei, Generaldirektor der internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), selbst so transparent, wie es sein Amt von den Atomkraft nutzenden Staaten verlangt. Das spektakuläre Kampagnenmotiv, realisiert von dem englischen Fotografen Nick Veasey, zeigt den Friedensnobelpreisträger komplett durchleuchtet. Das Motiv wird „Aufmerksamkeit für unsere Arbeit und die Gefahren dieser Welt bringen“, so ElBaradei im Interview am Rande des Foto-Shootings.