Montag, 9. August 2010

Wechsel der Zeiten



"Während des ersten Weltkrieges, als viele Frauen in jungen Jahren zu Kriegswitwen wurden, kam es in Verbindung mit der Ausbildung eines neuen, von Existenzangst und Überlebenskampf geprägten Selbstverständnisses der Frau zum abrupten Ende der Produktion allegorischer weiblicher Friedhofsfiguren in passiver Trauerhaltung."


Gefunden in einem Informationsblatt zu einer Steinfigur von W. Lovrek auf der Empore der Friedhofskirche zum Heiligen Karl Borromäus am Wiener Zentralfriedhof.

Sonntag, 8. August 2010



"O, jeder Weg ist lang! Das Picken der Todtenuhr in unserer Brust ist langsam und jeder Tropfen Blut mißt seine Zeit und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu lang..."


Georg Büchner, Leonce und Lena 2. Akt, 2. Szene

Mittwoch, 4. August 2010

Brauchen und gebraucht werden

Lebendig sein heißt in Beziehungen stehen. Beziehungslosigkeit ist der Tod der Menschen, und eine der möglichen Beziehungen zu anderen und zur Welt ist, dass man nötig ist, dass man uns braucht und gebraucht. Mit dieser Kunst, sich brauchen zu lassen, hängt eine andere Kunst zusammen: die Kunst, jemanden zu brauchen.
Fulbert Steffensky

Sonntag, 18. Juli 2010

Ohne Titel

KLEINE SONNTAGSPREDIGT

Jeden Sonntag hat man Kummer
und beträchtlichen Verdruß,
weil man an die Montagsnummer
seiner Zeitung denken muss.

Denn am Sonntag sind bestimmt
zwanzig Morde losgewesen!
Wer sich Zeit zum Lesen nimmt,
muß das montags alles lesen.

Eifersucht und Niedertracht
schweigen fast die ganze Woche.
Aber Sonntag früh bis nacht
machen sie direkt Epoche.

Sonst hat niemand Zeit dazu,
sich mit sowas zu befassen.
Aber sonntags hat man Ruh,
und man kann sich gehen lassen.

Endlich hat man einmal Zeit,
geht spazieren, steht herum,
sucht mit seiner Gattin Streit
und bringt sie und alle um.

Gibt es wirklich nichts Gescheitres,
als sich, gleich gemeinen Mördern,
mit den Seinen ohne weitres
in das Garnichts zu befördern?

Ach, die meisten Menschen sind
nicht geeignet, nichts zu machen!
Langeweile macht sie blind.
Dann passieren solche Sachen.

Lebten sie im Paradiese,
ohne Pflicht und Ziel und Not,
wär die erste Folge diese:
Alle schlügen alle tot.

Erich Kästner


Homo homini lupus, eine alte Erkenntnis. Manchmal frage ich mich, ob dies nicht auch das biblische Bild vom Menschen ist: Gleich nach dem Hinauswurf aus dem Garten Eden wird schließlich vom ersten Mord, von einem Brudermord erzählt.

Spittelau

Gedanke

Das österreische Äquivalent zum deutschen "Bundesamt für Verfassungsschutz" heißt "Staatspolizei". Seltsam, dass man bei der Namengebung vor dem Anklang an die "Geheime Staatspolizei" des III. Reiches nicht zurückgeschreckt ist.

Samstag, 17. Juli 2010

Am Handelskai

Fehlersehnsucht

"Lesen ist nur ein Druckfehler für Leben."

Hans Wollschläger

Was für ein böses Wort. Wenn man es ernst nimmt, hat mein Leben einen derart kompetenten Korrektor, dass es kaum noch zu Druckfehlern kommt.