Donnerstag, 26. Juni 2008
Einsam
Die älteste Bürgerin Deutschlands, Frieda Borchert, ist am 22. Juni im Alter von 111 Jahren in einer Einrichtung der Heilsarmee gestorben. Das teilte deren deutsches Hauptquartier am 25. Juni in Köln mit.
Frieda Borchert war Bewohnerin des Evangeline-Booth-Hauses, benannt nach der Tochter von William Booth (1829-1912), des Gründers der Heilsarmee. Evangeline Booth (1865-1950) war von 1934 bis 1939 Generalin (weltweite Leiterin) der Heilsarmee. Frieda Borchert wurde 1897 in Guscht (Landkreis Friedeberg/Pommern) geboren und wuchs in Landsberg an der Warte auf. Nach ihrer Heirat zog sie mit ihrem ersten Mann nach Berlin um. Frau Borchert überlebte zwei Männer und ihre beiden Kinder. Im Alter von fast 100 Jahren entschloss sie sich, in das „Haus Sonnenschein“ der Heilsarmee in Berlin-Kreuzberg zu ziehen. Später wechselte sie in das Evangeline-Booth-Haus.
Wie einsam macht so hohes Alter! Da bin ich nur froh, dass ich so alt gewiss nicht werde.
Mittwoch, 25. Juni 2008
Sprache im Rhythmus der Zeiten
Wenn ja, dann haben Sie bestimmt nicht später in dieser Sprache davon berichtet. Zwanzig Jahre sind vergangen, und schon kommen uns „oberaffengeil“, „Abhotten“, „Lungenbrötchen“ und „Trulla“ mächtig altmodisch vor. Dass nach der jüngsten Studie des Demoskopischen Institut in Allensbach zwei Drittel aller Deutschen (65 Prozent) glauben, die deutsche Sprache sei vom Verfall bedroht, sollte niemanden beunruhigen. Entweder die Deutschen fürchten sich davor, selbst auszusterben, oder aber sie glauben, ihre Sprache sei dem Untergang geweiht - eines von beiden ist immer Thema.
Sprache ist ein lebendiges Konstrukt, sie verhält sich nicht statisch zum Sprecher, sie verfällt nicht - dies ist eine elitäre, moralische Kategorie -, sondern verändert sich. Und oft kann man über genau diesen Prozess der organisch-ungesteuerten Veränderung von Sprache nur froh sein. Eine prima Party ist doch allemal einer oberaffengeilen Fete vorzuziehen. Und die Welt der Trullas (alternativ: Tussis) teilt sich zum Glück auch nicht mehr in „Breitbandnudeln“ und „Bohnenstangen“ ein."
Tanja Dückers: Mal ein Lungenbrötchen reinziehen, ZEIT online 17.6.2008Was fällt mir dazu ein? Noch mehr solche Wörter, zum Beispiel:"faszinandabelhaft", die "FDGO", die Beschimpfung "du Handtuch!" oder auch "BMW" (Brett mit Warzen) als Burschenkürzel für ein Mädchen mit kleinen Brüsten.
Bauarbeiten
Evangelische Bäume, katholische Urnen
"Am Eingang des evangelisch-lutherischer Friedwalds am Schwanberg, wo ein sehr großes Holzkreuz und ein Informations- und Hinweistafel errichtet wurden erklärte Schwester Hildegard Schwiegler die Entstehung und Entwicklung des Friedwaldes. Mit dem Friedwald ist eine in Deutschland einmalige Verbindung von naturnaher Bestattung und christlicher Prägung in besonderer Atmosphäre entstanden. Die Bestattungen seien offen auch für Menschen anderer Bekenntnisse oder ohne Religionszugehörigkeit. Es ist eine naturnahe Alternative zur bislang gewohnten Form der letzten Ruhe. Es sei eine zwar ungewöhnliche Form, aber in jeder Beziehung würdevolle Bestattung, so Schwester Hildegard.
Die Teilnehmer wurden dann durch den Friedwald geführt, wo ihnen Bäume mit verschiedenen Farbenbänder gezeigt wurden die zum Teil mit Namen und Nummern versehen sind. Inzwischen fanden etwa 165 Bestattungen mit verwesbaren Urnen stattgefunden. Davon seien zirka ein Drittel katholisch gewesen.
Sehr interessant war der Versammlungsort mit der Figur „Christus mit dem Schutzmantel“. Von hier aus geht es zu den Bestattungsbäumen. Es gibt Einzel-, Familien- oder Freundschaftsbäume. Sie kosten zwischen 770 und 6350 Euro."Aus einem Bericht der "Mainpost" über einen Ausflug des KAB Gerolzhofen zum Schwanberg
Friedwälder sind im Kommen in Deutschland, sonst aber kommunal verwaltet. Was mögen wohl Freundschaftsbäume sein? Vielleicht können da einfach Freunde, Wohngemeinschaften oder nicht verheiratete Liebespaare miteinander verwesen. Schöne Idee.
Dienstag, 24. Juni 2008
Internet als Maßstab der Wirklichkeit?
Fall
In einem Verfahren gegen den Betreiber einer pornographischen Webseite will die Verteidigung nun erstmals zu einem Tool greifen, das man für unvoreingenommen hält, wie die New York Times berichtet. Mit der Suchmaschine Google will man demonstrieren, dass die gesellschaftliche Realität schon längst eine andere ist, als es die in Rechtssprüchen noch immer zum Ausdruck kommende Moral glauben macht.
Trend
So lasse sich per Google-Trends längst schon von jedermann nachprüfen, dass sich die Internet-NutzerInnen in Florida deutlich mehr für Orgien als für Apfelkuchen interessieren. Daraus zieht die Verteidigung den Schluss, dass sexuelle Themen schon längst die "Norm" darstellen und entsprechend die Brandmarkung als "obszön" längst nicht mehr haltbar ist.
Fragen
Ob man mit dieser Argumentation erfolgreich sein wird, bleibt freilich noch abzuwarten. So hat der zuständige Staatsanwalt bereits ernsthafte Zweifel daran angemeldet, ob Internetsuchen eine probates Mittel zur Ermittlung von gesellschaftlichen Moralvorstellungen sind.
Realität
Die Verteidigung sieht in dem Google-Beispiel hingegen einen längst fälligen Reality Check. Meist sehe es doch so aus, dass JurorInnen gegen Materialien entscheiden, die sie selbst zu Hause konsumieren."
Artikel in der Online-Ausgabe des Standard (23.06.2008)
So wird das Internet allmählich zum Maßstab aller Dinge, auch der Moral und der Rechtsvorstellungen. Zum Realitätscheck taugt es in gewisser Weise, aber Ethik kann sich natürlich nicht einfach an der Mehrheit orientieren. Werte und Maßstäbe verändern sich noch nicht dadurch, dass die Menschen anders leben. Ein gewisse Lücke zwischen Anspruch und Realität hat noch keiner Kultur geschadet.
Zudem spiegeln die Suichanfragen letztlich nur Interessen und Bedürfnisse, aber noch keineswegs die ganze Wirklichkeit, viel eher - gerade bei den Themen Sex und Gewalt - die Ausprägungen der Phantasie. Dasselbe gilt natürlich auch für Spiele. Nicht jeder, der einmal "brutale" Computerspiele gespielt hat, wird später zum Amokläufer oder Massenmörder. Nebenbei gesagt, sind viele althergebrachte Spiele letztlich nicht weniger brutal, nur dass eben kein Blut fließt. Man denke an "Mensch, ärgere dich nicht" oder Schach, an Halma, Dame oder "Fang den Hut". Auch die Märchen triefen bekanntlich vor Blut. Offenbar befriedigt dies tiefsitzende Bedürfnisse. Und wenn Männer (und zunehmend anscheinend auch Frauen) sich auf Sexseiten herumtreiben, muss man das doch wohl so verstehen, dass die Realität mit ihren Wünschen, Sehnsüchten und Träumen nicht mithalten kann - und das trotz "sexueller Revolution". Die hat es natürlich gegeben. Möglicherweise ist es aber wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau: Je mehr an Wünschen erfüllt wird, um so mehr wachsen neue heran. Wie beim Rasieren: Häufiges, regelmäßiges Rasieren befördert bekanntlich den Bartwuchs.
Das wurde auch Zeit
zeit.de 23.06.2008


