Zufrieden lebt Natur so in sich selbstEin hochbeglücktes Leben. Was sie heut
Nicht ist, das ist sie gestern schon gewesen,
Und was sie gestern nicht gewesen ist,
Das wird sie morgen sein und alle Zeit.
Das sieht der Mensch! Das soll er nie vergessen;
Und ein sehr Leichtes hat er auszugleichen,
Daß er ein Mensch ist und Natur zugleich,
Daß er ein Mensch ist in Natur, und daß
Natur in ihm ein Mensch ist. Weiter nichts.
Und dennoch scheint ihm das ein Riesenwerk -
Das selbst die Gans kann, und derEsel kann,
Die schnatternd eine Gans ist- und Natur,
Der singend froh Natur ist und ein Esel,
Und nicht nach jenen heil'gen Kräften fragt,
Die - wie die Erde in Erdhäufchen blüht -
Jetzt in sein grau Gebilde aufgeblüht.
Im Menschen will Natur nicht das nur wissen,
Daß sie der Mensch ist; auch im Menschen will
Sie klar es wissen, daß der Mensch Natur ist,
Daß sie sie selbst ist, und doch gern ein Mensch sein.
Das ist Naturweisheit, das Menschenweisheit,
Und aus ihr strömt, was gut und glücklich macht.
Wenn nun die Blumen alle weinen wollten:
Ach Himmel, wir sind Blumen, wir sind hier,
Und wissen nicht, woher, wozu wir sind,
Wohin wir gehn, und was dereinst wir sind -
Und alle Blätter hüben an zu klagen,
Und alle Vögel schrieen in den Lüften,
Und alle Löwen brüllten in den Wäldern,
Und alle Krokodile heulten furchtbar:
Ach Himmel, Himmel, sag' uns, was wir sind;
Sag' uns, uns, was wir dereinst noch sind, o Himmel!
Nun weinen auch die Wolken: wir sind Wolken!
Nun schreien auch die Sterne: wir sind Sterne!
Und selbst die Sonne schreit: "Ich bin die Sonne -
Und seht, das ist entsetzlich! - Wer erlöst uns
Vom Leibe dieses Todes!" - - Lachtest du
Dann nicht mit Recht der Thoren all', o Mensch
- Und bist doch selbst der Thoren größter Thor,
Wenn du als Mensch vom Menschen also klagst. -
Wie friedlich sind die Sterne alle: Sterne!
Wie friedlich sind die Wolken alle: Wolken!
Und ihr Gemurr' ist segnend nur der Donner!
Nur ein unsterblich Sein hat die Natur.
Natur hat selbst kein zweites Leben. Damit
Zufrieden sei der Mensch. Und wer da nur
Ein zweites Leben hofft, kein drittes, viertes,
Kein tausendstes, kein hunderttausendstes -
Nicht ein unsterblich Sein wie die Natur,
Der möchte gern abfallen von dem Leben
Und kann doch nicht. So wird er denn auch nicht;
Und jeder muß unsterblich sein, wie sie,
Als sie, mit ihr, in ihren goldnen Hallen.
Leopold Schefer: Laienbrevier, 24. Dezember
Eine Entdeckung auf dem Flohmarkt: Ein ehedem viel gedruckter und gelesener deutscher Dichter (und Komponist). In seinem "Laienbrevier" schuf
Leopold Schefer ein tägliches Andachtsbüchlein pantheistischer Religion, gewissermaßen Hegel in Versen, die zwar oft ein wenig hölzern und wortreich geraten sind, aber doch viele Gedankenanregungen bieten.