Samstag, 27. Februar 2010

Für kleine Tiere

Strategie des Kaninchens

Unauffällig leben.
Flach atmen,
wenig und leise denken,
nicht bewegen.
Erinnerungen schweigen!
Nichts wünschen.
Warten
auf den Tod oder das Leben.
Oder davonlaufen.

Dienstag, 23. Februar 2010

U 6 Gumpendorfer Straße

Sehr schön! Dada lässt grüßen...

Mit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literaturdebatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt - und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben.

Eigentlich sollte in der Aufregung um "Axolotl Roadkill" schon alles gesagt sein und tatsächlich auch von jedem. Doch mit einer beinahe dadaistischen Plagiatsaktion hat der Dichter Durs Grünbein der ausufernden Diskussion noch einmal einen Höhepunkt gegeben. Er lieferte zur Plagiatsdebatte selbst ein Plagiat - und niemand merkte es.

Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vom Dienstag erschien ein Text, in dem Grünbein den Hegemann-Kritikern vorwarf, sie seien "sonderbare Persönlichkeiten" und hätten "sonderbare Vorstellungen" über Stoff und Dichtung, "sonderbare Gefühle" und "sonderbare Nerven" für die Eindrücke, die "sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!" Grünbein bejubelt in dem Text die "Inspiration einer großen Schöpferin", von der "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird".

Das war ein ganz und gar Grünbein-untypischer Sound, und der täglicheFeuilleton-Dienst "Perlentaucher" lästerte prompt: "Wes Herz der Liebe zur jungen Literatur voll ist, des Zunge quillt oder schwillt oder, na ja." Auch in den Kommentaren im "FAZ"-Online-Forum löste der Text eine rege Debatte aus: "Himmel, welch ein dürftiger Kommentar des Herrn Grünbein. Im Grunde will er uns wohl in verschwurbelter Sprache sagen, der Zweck heilige die Mittel", regte sich ein User auf.

"Der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen"

Doch was da unter dem Namen Grünbein in der "FAZ" erschien, ist auf ganz andere Weise der Kommentar des Dichters zur Debatte. Nach SPIEGEL- Informationen ist dieser Grünbein-Text über das Plagiat selbst ein Plagiat.

Der Originaltext, den Grünbein offenbar nur aktualisierte und in dem er ein paar Namen änderte, ist von Gottfried Benn und erschien in den zwanziger Jahren in der "Vossischen Zeitung". Benn verteidigte damals die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen Plagiatsvorwürfe zu ihrem Roman "Das verlorene Kind". Auch der erschien damals - wie heute Hegemanns Buch - im Ullstein-Verlag.

Grünbein sagte auf Anfrage nur: "Und wenn es so wäre?" - und verwies auf die "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Der Text stammt fast zu 99 Prozent von Gottfried Benn, auch der Titel 'Plagiat' ist von ihm." Die Idee zu der Aktion habe Grünbein gehabt. "Er wollte damit der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen."

Im "FAZ"-Online-Forum war mancher auch schon auf der richtigen Spur gewesen: "Wird dies nun der endgültig letzte Kommentar zum Fall Hegemann sein? Jetzt spricht ein Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen." Einen kleinen Hinweis hatte die "FAZ" ihren Lesern offenbar selbst geben wollen. Die Überschrift zu Grünbeins Text erschien in doppelten Anführungszeichen: ""Plagiat"".

spiegel.de

Ja, das ist in der Tat ein gelungenes parodistisches Schlusslicht. Literatur lebt von der Weiterverwendung und Weiterentwicklung von Motiven, Sprache, Formulierungen, Szenen, Themen. Und eigentlich gilt das nicht nur für Literatur, sondern auch für Wissenschaft, bildende Kunst, ja für das Leben selbst. Wir erfinden uns nie ganz neu und bringen nur selten etwas ganz Neues hervor, sondern leben immer von den Ahnen, den Vorgängern. Zwerge auf den Schultern von Riesen, so geht die Kultur weiter. Der Talmud belegt es in seiner Struktur, das Internet sowieso.

Detail in der Straßenbahn

Montag, 22. Februar 2010

Das Choralorakel

Seit meiner Kindheit singe ich Kirchenlieder, beim Spazierengehen und beim Abwasch, unter der Dusche und im Auto. Das kommt wie von selbst, ich brauche mir keine Gedanken darüber zu machen. Wenn ich wissen will, wie es mir geht, muss ich mich nur darauf konzentrieren, welches Lied ich eben vor mich hin summe: "Herz und Herz vereint zusammen"? "Erleuchte mich, o ewigs Licht"? Oder doch "Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin"?

Was mag es nur bedeuten?

Grübelbild am Bauzaun

Mitte? Mittelmaß? Wie fad!

Ach, die Mitte: Das klingt immer gleich nach Langeweile. Spannend ist es dort, wo es kracht und blitzt und alle Emotionen im Spiel sind – an den Rändern. Den happy few kann man Neid oder Bewunderung entgegenbringen, man kann sich über ihren Reichtum und ihre Exzentrik erregen und sich freuen, wenn sie abstürzen. Denen da unten kann man Mitleid und Mitgefühl entgegenbringen, auch von Elend und Armut geht Faszinationskraft aus. Aber die Mitte – darüber lässt sich nicht viel sagen, die Mitte ist Spießerland. Es gibt sie nun einmal, aber sie ist der Rede meist nicht wert.

Obwohl sich die Mehrheit der Deutschen soziologisch in der Mitte aufhält und sie ausmacht, beflügelt und inspiriert sie die Schriftsteller und Filmregisseure recht wenig. Vom Durchschnitt scheint kein Glanz auszugehen. Obwohl es doch, wie jeder weiß, kein vertrackteres Wesen als den sogenannten Kleinbürger gibt, regt er kaum zu besonderer Observation und Erforschung an
.

Aus: Thomas Schmid, Die Mitte, das unbekannte Wesen der Gesellschaft, Kommentar in der WELT

Das ist wohl wahr. Das Normale ist so normal, so langweilig, keiner großen Gedanken wert. Und dabei ist es doch der gangbarste Weg für das gelingende Leben. "Nichts zu sehr", die alte griechische Weisheit gilt doch nach wie vor. Aber dass der Mittelweg der goldene sei, wer kann das schon glauben?

Ein erster Sonnentag im Türkenschanzpark

Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Macht der Worte

ZEIT ONLINE: Frau Magén, Ihre Sprache vermittelt den Eindruck, als läge Ihnen jedes einzelne Wort am Herz, als bangten sie um es, als hüteten sie es.

Mira Magén: Das rührt sicher von meiner religiösen Erziehung her, die mich gelehrt hat, dass ich für jedes Wort verantwortlich bin. Es ist unmöglich, einfach das auszusprechen, was einem auf der Zunge liegt. Weil Worte eine Bedeutung haben. Worte sind wie Taten. Sie beeinflussen die eigene Existenz ebenso wie die desjenigen, an den man die Worte richtet.

Aus einem zeit-online-Interview mit der israelischen Schriftstellerin Mira Magén


Winterabend