Montag, 3. November 2008

Jugend und Evangelium

"Wir erleben eine Renaissance der materialistischen Werte", brachte es der Wiener Jugendforscher Manfred Zentner auf den Punkt. Mit der Zeit, in der Jugendliche Auen besetzten oder sich für sozial Ausgegrenzte engagierten und den Wunsch nach Selbstverwirklichung ganz an vorderster Stelle ihrer Prioritäten reihten, ist es vorbei.

"Der heutigen Jugend ist Sicherheit wichtig", sagte Zentner. Materialistische Werte wie Einkommen, Leistung, Karriere und eine gute Ausbildung sind die zentralen Werte der jungen Generation.

Ideale der Eltern-Generation werden von Österreichs Jugendlichen abgelehnt, stattdessen leben die Werte aus der Zeit der Großeltern wieder auf. "Wir leben heute in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit. Dadurch ist ein sicherer Job sehr hoch bewertet", erklärte Zentner. "Der Werteverfall ist jetzt der, dass man sagt, die heutige Jugend hat keine Ideale mehr."

Sozialutopien, wie sie die Jugend der 70er oder 80er Jahre prägten, spielen im Alltag der heutigen Jugendgeneration fast keine Rolle mehr, hieß es in einem Vortrag von Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Die Jugend will Geld verdienen und steht zum Leistungsprinzip. Daraus resultiert aber auch, dass der geforderte Leistungseinsatz immer größer und die Möglichkeit des Versagens immer wahrscheinlicher wird.

Der Ausbildungs- oder Berufsalltag von jungen Menschen ist nicht mehr von Selbstverwirklichung geprägt, sondern von Versagensängsten und Gefühlen der Überforderung. Laut Heinzelmaier fühlen sich bereits 60 Prozent der Jugendlichen in Arbeit, Schule oder Studium stark unter Druck, jedem zweiten elf- bis 14-Jährigen macht die Schule wegen des großen Leistungsdrucks keinen Spaß mehr. (APA)

Religionspädagogik, Jugendarbeit und Konfirmandenunterricht müssen sich umstellen. Tatsächlich ist die Selbstbezogenheit heutiger Jugendlicher stark ausgeprägt, Neugier oder soziales Interesse hingegen sind schwer zu wecken. Eigentlich müsste das die Stunde der reformatorischen Botschaft sein: Rechtfertigung als die Befreiung aus Zwängen und Abhängigkeiten, evangelische Freiheit anstatt des Verkrümmtseins in sich selber - das wären wahrhaft befreiende Botschaften, wenn es uns denn gelingt, sie so zu übersetzen, dass sie auch verstanden werden.

Sonntag, 2. November 2008

So weitet sich meine Seele...


Wenn ich das Wunder eines Sonnenuntergangs oder die Schönheit des Mondes bewundere, so weitet sich meine Seele in Ehrfurcht vor dem Schöpfer.

Mahatma Gandhi

Währinger Perspektive

Blick vom Turm der Lutherkirche hinüber nach Weinhaus und Gersthof

Schneeflocken und alles andere

Wenn die theoretische Physik als Richtschnur gelten kann, so dürfen wir annehmen, dass sich die Wissenschaft an einem festen Ziel orientiert. Seit einigen Jahrzehnten suchen theoretische Physiker nach einer sogenannten Theorie von Allem (Weltformel) – die der Nobelpreisträger Steven Weinberg als "endgültige Theorie" bezeichnet hat. Diese ultimative Ansammlung von Gleichungen würde die heute unter Physikern anerkannten Grundkräfte Gravitation, Elektromagnetismus und Kernkraft miteinander verbinden. Doch eine solche Theorie würde, auch wenn wir sie aus den heutigen Modellen ableiten könnten, nichts darüber besagen, wie sich Proteine bilden oder wie die DNA entstand. Noch weniger würde sie die Geschäftigkeit einer lebenden Zelle oder die Wirkungsweise des menschlichen Geistes beleuchten. Eine Theorie von Allem würde nicht einmal erklären, wie Schneeflocken zustande kommen.

In einem Zeitalter, in dem wir den Ursprung des Universums entdeckt und die Krümmung der Raumzeit beobachtet haben, mag es ernüchternd wirken, dass Wissenschaftler nicht einmal in der Lage sind, etwas scheinbar so Banales wie die Bildung von Eiskristallen zu erklären, doch genau so verhält es sich. Der Caltech-Physiker Kenneth Libbrecht ist ein weltweit anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet und betreibe sein Projekt seit rund zwanzig Jahren genau deshalb: "Auf diesem Planeten leben sechs Milliarden Menschen, und ich dachte, wenigstens einer von uns sollte wissen, wie sich Schneekristalle bilden."

Nach zahlreichen Experimenten in speziell aufgebauten Druckkammern meint Libbrecht jetzt besser zu verstehen, wie Eis am Rand der alle Eisstrukturen umgebenden quasi flüssigen Schicht kristallisiert. Seiner Theorie hat er den Namen "strukturabhängige Bindungskinetik" gegeben, betont indes, noch weit von der endgültigen Lösung entfernt zu sein. Der Übergang von Wasser zu Eis ist ein unglaublich komplexer Prozess, an dem sich schon so brillante Denker wie Johannes Kepler und Michael Faraday versucht haben. Libbrecht hofft, dass ihm der nächste kleine Schritt zum Verständnis der wunderbaren Substanz gelingen wird, die für das Leben selbst eine zentrale Rolle spielt.

Daneben gehört Libbrecht zum Kreis der Physiker, die am Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory (LIGO) arbeiten, um die mutmaßlich von Schwarzen Löchern und anderen kosmischen Massen abgestrahlten Gravitationswellen aufzuspüren. Physiker glauben deshalb an die Existenz solcher Wellen, weil sie aus der Allgemeinen Relativitätstheorie folgt. Damit hat ihr Glaube eine Investition von einer halben Milliarde Dollar begründet. Eine erfolgreiche Theorie von Allem wird die Gravitation erklären müssen, die sich ebenso wie die drei anderen Kräfte letzten Endes sowohl in Wellen- als auch in Teilchenform manifestieren müsste. LIGO soll nun den Wellenaspekt dieser äußerst rätselhaften Kraft nachweisen, sofern es sie wirklich gibt.

Vor einigen Jahren stellte der Fachjournalist John Horgan die provokative These auf, dass die Wissenschaft sich ihrem Ende nähere, da alle großen Theoriebauwerke stünden. In gewissem Sinne traf das zu, denn die Hochenergiephysik könnte tatsächlich bald ihre endgültige Einheit erreichen. Doch in so vielen anderen Gebieten findet die Wissenschaft gerade erst ihren Weg.

Zum Beispiel schafft sie heute erst die nötigen Instrumente und Techniken, um zu erforschen, wie unsere Atmosphäre und wie Ökosysteme funktionieren, wie Gene Proteine erzeugen, wie sich Zellen entwickeln und wie das Gehirn arbeitet. Zwar hat einerseits gerade der Erfolg der "Grundlagenforschung" Türen aufgestoßen, die früheren Generationen verschlossen blieben – doch andererseits scheint es heute mehr denn je zu geben, was wir nicht wissen. Zu einer Zeit, in der Physikmagazine am laufenden Band Theorien darüber veröffentlichen, wie man ganze Universen im Labor erzeugen kann, entsteht nur zu leicht der Anschein, die Wissenschaft sei bereits im Besitz der Wahrheit. Doch in Wirklichkeit wissen wir fast nichts – und ich glaube, dies wird immer so bleiben.

Kurz vor dem Aufblühen der wissenschaftlichen Revolution plädierte Kardinal Nikolaus von Kues, der große frühe Fürsprecher einer mathematisch orientierten Naturwissenschaft, für die von ihm so bezeichnete "gelehrte Unwissenheit", also nicht Allwissenheit, sondern ein immer mehr verfeinertes, einsichtsvolles Nichtwissen. Die schlichten Schneeflocken Ken Libbrechts eignen sich als Metapher für diese anregende Sichtweise: Zwar schmelzen sie auf der Zunge, aber jedes winzige Eiskristall umfasst ein Universum, dessen Grundregeln wir gerade erst zu verstehen beginnen.

Margaret Wertheim: Warum wir niemals alles wissen werden, spiegel.de

Beisl

Die Trauer einer vaterlosen Gesellschaft

"Schreiben als disziplinierte Raserei, als Luftschöpfen eines vom Ertrinken Bedrohten, Schreiben als mühsam gebändigte Bilderflut - das war das Merkmal des Autors Josef Winkler", sagte Weinzierl, bevor er in seiner Rede auf den tödlichen verunglückten Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider Bezug zu sprechen kam: "Tränenselig trauert die vaterlose Gesellschaft dem entschwundenen, mit 58 immer noch relativ jugendlichen Patriarchen nach." Und weiter: "Alles, was bei Haiders Wesen und Erfolg in Zusammenhang mit homoerotischen Signalen und ebensolchen biographischen Fakten steht, wird in Österreichs Öffentlichkeit radikal ausgeblendet."

Laudator Ulrich Weinzierl bei seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises an Josef Winkler (kurier.at)

Abend in der Martinstraße


Samstag, 1. November 2008

Gewagt

"Auch wer Scheiße gebaut hat", sagt Bischof Wolfgang Huber, "bleibt eine Person mit Menschenwürde, die ihm niemand nehmen kann. Das ist Rechtfertigung." Auf diese Idee, ergänzt ein Sprecher im neuesten Internetvideo der evangelischen Kirche, "kam Luther auf dem Klo, als er über einem Brief des Apostels Paulus brütete". Dazu rauscht eine Toilettenspülung. Auch beim Versuch also, den Gehalt des Reformationsfestes der Allgemeinheit zu vermitteln, gibt die Kirche ihre Probleme mit jugendlicher Populärkultur zu erkennen.

Freitag, 31. Oktober 2008

Von oben

















Der Lutherhof vom Baugerüst am Turm der Lutherkirche aus gesehen.

Am Reformationstag notiert

Natürlich fragt man als Religionslehrer und Pfarrer in dieser Woche die Schüler, was denn am Freitag für ein Tag sei. Die nahezu einstimmige Antzwort war: "Halloween". Dass da außerdem noch ein ganz anderer Tag sei, den in Österreich die evangelischen Kirchen sogar mit Gottesdiensten zur normalen Morgenstunde begehen, spielt da keine Rolle: Während für die älteren Protestanten der Reformationstag (neben dem Karfreitag) der höchste Feiertag im Kirchenjahr ist (und die Kirchen voll sind an diesem Tag), bei der nachwachsenden Generation ist die Bedeutung dieses Termins nahezu vollkommen unbekannt. Auf näheres Nachfragen hin stellte sich heraus, dass die Schüler am ehesten noch etwas über den Ablass wussten, den Luther bekämpft hat, über ihn selbst aber so gut wie nichts. Dafür kamen bemerkenswerte Fragen auf wie: "Beten Evangelische auch?" oder, noch besser: "War Luther eigentlich evangelisch?" Evangelischer Religionsunterricht da in Wien bedeutet Arbeit auf einem ausgesprochen steinigen Acker.

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hält den Halloween-Brauch für einen Ausdruck der Spaßgesellschaft. «Es ist schon der Versuch, abzulenken von den ernsten Fragen des Lebens», sagte Käßmann am Freitag dem Deutschlandfunk. Viele sprächen inzwischen von einer Karnevalisierung der deutschen Gesellschaft. Es sei anstrengender, sich mit der Reformation auseinanderzusetzen, als um einen Kürbis herum zu tanzen, sagte die Bischöfin. (jesus.de)

Die österreichische Gesellschaft ist - so gesehen - schon lange karnevalisiert. Zwischen Fasching und Heurigem, Weinfest und Ballsaison lebt es sich halt leichter. Und Halloween sei doch, wie mir eine Schülerin erklärte, nichts anderes als eine Art Vorspiel zum Fasching, eben nur zu einem anderen Termin. Zu der Jahreszeit nämlich, in der Christenheit ihrer Toten gedenkt und sich an die letzten Dinge erinnert. Aber das macht natürlich keine Freude.