Donnerstag, 27. November 2008

Ein rechtes Durcheinander
























Auslage einer Konditorei (!) in Grinzing.

Zum Nicolo gehört eben auch der Krampus.

Mumbai

Aus traurigem Anlass (Berichterstattung über die Terroranschläge) habe ich wieder eine österreichische Sprachbesonderheit kennengelernt: Die indische Großstadt, die in Deutschland Bombay heißt, nennt man hierzulande Mumbai. Oder ist das einfach die neue Schreibung? Im Spiegel finde ich das jetzt auch, der Deutschlandfunk, die Welt und andere Zeituzngen bleiben aber beim gewohnten Bombay. Ich gestehe: Ich bin verwirrt.

Man denkt, man ist auf dem Mond

Sie haben auch selbst viele Jahre in den USA gelebt ...

Insgesamt 15 Jahre. Nach der Wiederwahl von George W. Bush war es aber nicht mehr auszuhalten, da habe ich doch die Reißleine gezogen. Dass sie sich nicht aufgerappelt haben, das Trauerspiel zu beenden, konnte ich nicht verwinden.

Wie hat sich das Land unter Bush verändert, Ihrer Beobachtung nach?

Es ist unglaublich provinziell geworden. Die Hälfte der Amerikaner lebt auf einem anderen Planeten, in einem Parallel-Universum. Die haben nichts mit dem Rest der Welt zu tun.

Wird Obama es schaffen, die USA aus diesem tiefen Provinzialismus rauszuholen?

Das hat er eigentlich schon durch seine Wahl geschafft. Da muss man jetzt nur sehr viel tun. Die Amerikaner sind ja dermaßen desinteressiert, das ist furchtbar. Wenn man nur mal eine Stunde Fernsehen guckt, denkt man, man ist auf dem Mond. Ich traue Obama sehr viel zu, weil er sehr cool ist und sich jetzt richtig gute Leute holt. Und weil er im Prinzip auch weiß, wie schlecht es um dieses Land steht.

Aus einem Interview mit Wim Wenders

Weihnachtsdekoration am Frankfurter Flughafen


Beobachtung

Je mehr Ablenkungen, desto mehr Langeweile.

Einfach auf einem Stuhl sitzen, in aller Ruhe: Sitzen, da sein, nichts tun - wer kann das überhaupt noch?

Mittwoch, 26. November 2008

Marburg: Alte Universität


Überraschende Aktualität eines Klassikers

Ende der siebziger Jahre wurde in Westberlin eine Postkarte feilgeboten. Unter dem Konterfei von Karl Marx standen die ironischen Worte "Knapp daneben ist auch vorbei". Gemeint war damit, dass der Marxismus einpacken könne; schließen konnte man, dass jene, die ihm immer noch das Wort redeten, sich bitte bald packen sollten.

Als das Sowjetreich untergegangen war, brachte der Historiker Francis Fukuyama eine These unter die Leute, die weniger geistreich, dafür aber eingängiger war: Der habe nun ein für alle Mal gesiegt, die Geschichte sei zu Ende, denn zu anderem als dem Kapitalismus sei die Welt nicht bestimmt. Diese Behauptung war ungefähr so tiefsinnig, wie es ist, wenn ein Tyrann sich in die Brust wirft und schmetternd verkündet, er sei der Stärkste.

Das Kapital" statt Religion

Wer auf der Suche nach ehernen Gesetzen ist, die die Geschichte lehrt, kann bei Fukuyama fündig werden: Eine so steile und gleichzeitig so banale These wie die seine konnte nicht lange Bestand haben. Mit Fukuyamas Diktum wollen die Leute sich heute nicht mehr abfinden - es ist längst historisch geworden. Schon bevor die Finanzkrise über die Welt hereinbrach, waren die Schriften von Marx in Deutschland wieder gefragt.

Hartz IV und die Angst brachten die Leute dazu, die bestehenden Verhältnisse nicht fraglos hinzunehmen. Und wenn die Individuen sich über den Kapitalismus hinaus für andere Gesellschaftsentwürfe interessieren, wenn sie zu Citoyens werden, kann von einem "Ende der Geschichte" keine Rede sein. Es gibt - wie einst in den sechziger und siebziger Jahren - kleine Lesezirkel, die versuchen, Marx' Gesellschaftsanalyse zu verstehen.

Jetzt bekommen all jene Recht, die immer gesagt haben, dass Marx nicht auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Aber was genau ist es, was heute noch gilt? Der Historiker Eric Hobsbawm hat 1998 für eine Neuausgabe des "Kommunistischen Manifests" ein Vorwort geschrieben, in dem er darlegt, dass Marx eigentlich erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wirklich aktuell sei.

"Produktivität" ist das Zauberwort

Im 19. Jahrhundert war die Weltwirtschaft noch nicht besonders entwickelt, die einzelnen Nationalökonomien konnten ihre Rechnungen ohne Rücksicht auf das Ausland machen. Erst die Revolutionierung des Transport- und Verkehrswesens nach dem Zweiten Weltkrieg, so Hobsbawm, habe eine "kosmopolitische" Wirtschaftsgestaltung möglich gemacht. Entscheidend sei, dass die durch den Kapitalismus veränderte Welt, die Marx 1848 "mit düsterer, lakonischer Eloquenz beschreibt, unübersehbar die Welt ist, in der wir 150 Jahre später leben".

Aber das wollte 1998, als neoliberale Theorien die Köpfe beherrschten, so gut wie niemand hören. Als eine Ironie der Geschichte bezeichnete es der Soziologe Oskar Negt in seiner Abschiedsvorlesung 2003, dass in einer Zeit, da "der Kapitalismus Triumphgesänge über alle Alternativen anstimmt, das Kapital erstmalig in der modernen Welt genau so funktioniert, wie Marx es in seinem 'Kapital' beschrieben hat".

Wer verstehen will, wie Geschichte abläuft, ist seit jeher gut damit bedient gewesen, Marx in Betracht zu ziehen. Man darf "Moden" nicht mit "Fortschritt" verwechseln. Fortschritt im Sinn der Wohlfahrt der Menschen ließ sich jahrhundertelang am Bevölkerungszuwachs und an der Steigerung des durchschnittlichen Lebensalters messen. Beides hängt davon ab, wie produktiv die Ressourcen verwendet wurden, zu denen auch die menschliche Arbeitskraft gehört.

Franziska Augstein: Im Weltwirtschaftsgewitter, sueddeutsche.de 26.11.2008

Sonntag, 23. November 2008

Am Westbahnhof

Zeig mir deine Zähne...

(... ) Die Ärzte sind auf einen bislang eher unbeachteten Indikator für die Spaltung der Gesellschaft gestoßen: die Zahnfäuleverteilung. "Viele haben wenig Karies, wenige haben viel Karies", meldet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und spricht von einer "deutlichen Kariespolarisation". Das staatliche Robert Koch Institut kommt in einer aktuellen Untersuchung zu dem Schluss, dass sozial benachteiligte Schichten ein mehrfach höheres Kariesrisiko tragen als die Durchschnittsbevölkerung.

Dass sich Reich und Arm mehr denn je am Zahnstatus unterscheiden lassen, ist eine besonders bittere Erkenntnis für die zuständige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Der Satz, man dürfe die Herkunft eines Kindes nicht an seinem Gebiss erkennen, gehört von jeher zu den zentralen Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten. Zur Bundestagswahl 1998 hatte die SPD sogar Plakate geklebt mit einem Kind, dessen scheues Lächeln eine Zahnlücke offenbarte.

Nun aber zeigen die Untersuchungen der Mediziner, dass sich, was die Zahngesundheit betrifft, eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet hat - dabei haben die Krankenkassen mehr Geld für die Prävention von Dentalkrankheiten ausgegeben.

Auf den ersten Blick ist es gelungen, die Zahngesundheit der Deutschen in den vergangenen Jahren stark zu verbessern. Laut Statistik der Zahnärztekammern hatten zwölfjährige Kinder im Jahr 1989 noch durchschnittlich 3,9 kariöse Zähne im Mund. Dieser Wert sank bis 1997 auf 1,7. In der jüngsten Mundgesundheitsstudie für das Jahr 2006 liegt die Kariesquote dann sogar nur noch bei 0,7, ein stolzes Resultat, mit dem sich Deutschland nach Einschätzung der Zahnarztfunktionäre auch international sehen lassen kann.

Gäbe es da nicht die erhebliche Schieflage bei der Verteilung: Im Detail zeigen die Studien, dass 1997 gut 60 Prozent aller kariösen Zähne rund 20 Prozent aller Kinder zuzurechnen waren. Acht Jahre später konzentrierten sich gut 60 Prozent der Schäden hingegen bei 10 Prozent der Kinder. Der größte Teil von ihnen stammte aus Familien, in denen die Eltern über geringe Bildung verfügen. (...)


Ann-Dorit Boy und Alexander Neubacher: "Z" wie zerstört, spiegel.de (aus Heft 47/2008)

Der Eingang zum Lutherhof

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