Freitag, 9. Januar 2009

Und immer wieder letzte Fragen

Erst kommt das Schwarze Loch, dann die Galaxie.

Diesen Schluss zieht ein internationales Forscherteam, an dem auch Astronomen aus Bonn beteiligt waren, aus seiner Beobachtung von vier jungen Galaxien. Im Zentrum jeder Galaxie befindet sich ein Schwarzes Loch; in den letzten Jahren haben Astronomen festgestellt, dass das Masseverhältnis der Sterne zum Schwarzen Loch immer gleich ist. Die vier jetzt beobachteten Galaxien weichen jedoch von dieser Regel ab - ihre Zentren sind vergleichsweise deutlich massereicher. Weil es sich um junge Galaxien handelt, sind die Astronomen sicher, dass sich zuerst das Schwarze Loch gebildet hat. Danach sammelten sich Sterne. Damit sei die Frage, was zuerst da war, Stern oder Materieballung, beantwortet, so das Team auf einem Kongress der American Astronomical Society in Long Beach. Unbeantwortet bleibt allerdings die Frage, woher das Schwarze Loch stammt.

Deutschlandfunk Forschung aktuell 9.1.2009

Erst die Henne oder erst das Ei? Und was tat Gott, bevor er die Welt schuf? Nach Augustinus machte er zunächst finstere Verliese für diejenigen, die solche dummen Fragen stellen.

Verwirrend

Wegweiser in Schwechat

Optimismus? Oder doch nicht?

Trotz Krise und steigender Arbeitslosigkeit blicken die Deutschen optimistischer in die Zukunft als noch vor zwei Monaten. Fast jeder zweite Bürger erwartet, dass es ihm persönlich in zehn Jahren wirtschaftlich in etwa so geht wie heute. Gut jeder Fünfte (22 Prozent) sieht sich 2019 sogar in einer besseren Lage; im November vergangenen Jahres hatten dies nur 20 Prozent gesagt. Und nur noch 30 Prozent (November 2008: 36 Prozent) fürchten, dass es ihnen in zehn Jahren schlechter gehe als heute. Das ist das Ergebnis des Deutschlandtrends, den das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap im Auftrag der ARD-"Tagesthemen" und der WELT erstellt hat. Dazu wurden in dieser Woche 1000 Wahlberechtigte befragt.

welt.de 9.1.2009

Das ist schon bemerkenswert: Trotz Wirtschaftskrise und drohender Gasverknappung steigt der Optimismus in Deutschland. Wie soll man das deuten? Als Mut der Verzweiflung oder als Beispiel für einen ausgeprägten Irrealismus, der sich die Welt so zurecht träumt, wie es eben besser passt?

Aber vielleicht stimmt das auch nicht. Allensbach kommt zu einem anderen Ergebnis:

Die Deutschen gehen überwiegend mit Skepsis in das Jahr 2009. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Allensbach in einer aktuellen Umfrage ermittelt. Die schlechten Nachrichten von den Finanzmärkten und die düsteren Prognosen für die Konjunktur in der nahen Zukunft lassen die meisten Menschen offenbar zweifeln, ob 2009 ein gutes Jahr wird.

Nur 34 Prozent sind zum Jahreswechsel mit Blick auf 2009 hoffnungsvoll. 28 Prozent äußern Befürchtungen, und 30 Prozent schauen skeptisch in die Zukunft. Zum Jahreswechsel von 2007 nach 2008 war noch jeder Zweite optimistisch. Damit zählt der „Optimimuswert“ für 2009 laut Allenbach mit zu den niedrigsten in den letzten 50 Jahren.

Für die Mehrheit der Beschäftigten hat die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage bisher nur in Prognosen und Medienberichten stattgefunden. 54 Prozent der Beschäftigten geben an, dass im eigenen Betrieb derzeit noch nichts davon zu spüren ist. Aber jeder dritte Berufstätige sieht den Betrieb, in dem er arbeitet, bereits von der Krise betroffen.

Die traditionelle Frage, die das Institut für Demoskopie Allensbach seit 1949 jeweils zum Jahreswechsel an die Bevölkerung richtet, lautet: "Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?"
 (Zit. n. jesus.de)

Was lernt man daraus? Wahrscheinlich vor allem, wie wenig Umfragen zu trauen ist.

Im Vorübergehen...

Sterne, ferne, nahe

Die biblische Legende von den Weisen aus dem Morgenland vermag bis heute zu verzaubern. Nicht bloß Astronomen wie Johannes Kepler oder Konradin Ferrari d'Occhieppo, die akribisch belegten, dass sich zur Zeit der Geburt Jesu eine seltene dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion im Zeichen der Fische ereignete. Sondern uns alle, die beim Lesen des jahrtausendealten Textes erahnen, wie abhängig die Menschen von den Verkündigungen der Sterndeuter, die zugleich priesterliche Funktionen innehatten, waren.

Wir verstehen gut, dass Astronomie und Astrologie, Sinn und Unsinn, damals fest ineinander verwoben waren. Denn ohne Zweifel ist die Konstellation der Sterne des gesamten Himmels, unter der jemand geboren ist, einzigartig. Und diese Einzigartigkeit verweist darauf, dass auch jeder einzelne Mensch seinem Wesen nach unverwechselbar ist. Doch genauso besteht kein Zweifel daran, dass sich kein rational nachvollziehbarer Bezug zwischen den Konjunktionen und Oppositionen der Wandelsterne und dem Schicksal herstellen lässt. Astrologische Vorhersagen sind genauso viel wert wie Hundertjährige Kalender oder langfristige Prognosen von Veranlagungsgurus in Zeiten der Krise: nichts.

Trotzdem zehrt die Astronomie immer noch vom Reiz des astrologischen Nimbus. Sogar Kepler, der den Wert der Astrologie gewiss einzuschätzen vermochte, hatte Horoskope erstellt. Möglicherweise weil er das Empfinden seiner Geldgeber, mit dem unnahbaren Himmelszelt doch irgendwie verbunden zu sein, damit stärken konnte.

Dass die Gestirne unser Leben beeinflussen, erkennt man daran, dass alle Rhythmen, mit denen die Zeit einst gemessen wurde, von ihnen stammen: Die Ägypter richteten sich nach dem Aufgang des hellen Sirius im Sternbild des Hundes, die Römer besaßen vor Cäsar einen Mondkalender, der Gang der Sonne bestimmt den Tages- und Jahreszeitenlauf. Darum ist mit Recht die Astronomie nicht nur die älteste, sondern auch die edelste aller Naturwissenschaften.

(…)

Das Schönste an der Astronomie ist: Das einzigartige Schauspiel im riesigen Universum scheint sich völlig ohne unser Zutun zu ereignen. Wir können es beobachten, aber nicht eingreifen: keine Sterne verglühen lassen, keine Galaxien erzeugen, nicht einmal Planeten verschieben. Ansätze in diese Richtung, dass wir Raumfahrt betreiben, Astronauten auf dem Mond hüpfen lassen, in Labors winzigste schwarze Löcher erzeugen, sind angesichts der Dimensionen des Alls nicht einmal Nadelstiche. Doch trotz ihrer Ferne bleiben uns die Sterne nahe.

Rudolf Taschner: ...zu ferne für die Angestaltung... ...zu nahe für die Abkehr hingestellt, Die Presse 8.1.2009

Lutherkirche von Osten

Aus Leopold Schefers "Laienbrevier"

Zufrieden lebt Natur so in sich selbst
Ein hochbeglücktes Leben. Was sie heut
Nicht ist, das ist sie gestern schon gewesen,
Und was sie gestern nicht gewesen ist,
Das wird sie morgen sein und alle Zeit.
Das sieht der Mensch! Das soll er nie vergessen;
Und ein sehr Leichtes hat er auszugleichen,
Daß er ein Mensch ist und Natur zugleich,
Daß er ein Mensch ist in Natur, und daß
Natur in ihm ein Mensch ist. Weiter nichts.
Und dennoch scheint ihm das ein Riesenwerk -
Das selbst die Gans kann, und derEsel kann,
Die schnatternd eine Gans ist- und Natur,
Der singend froh Natur ist und ein Esel,
Und nicht nach jenen heil'gen Kräften fragt,
Die - wie die Erde in Erdhäufchen blüht -
Jetzt in sein grau Gebilde aufgeblüht.
Im Menschen will Natur nicht das nur wissen,
Daß sie der Mensch ist; auch im Menschen will
Sie klar es wissen, daß der Mensch Natur ist,
Daß sie sie selbst ist, und doch gern ein Mensch sein.
Das ist Naturweisheit, das Menschenweisheit,
Und aus ihr strömt, was gut und glücklich macht.
Wenn nun die Blumen alle weinen wollten:
Ach Himmel, wir sind Blumen, wir sind hier,
Und wissen nicht, woher, wozu wir sind,
Wohin wir gehn, und was dereinst wir sind -
Und alle Blätter hüben an zu klagen,
Und alle Vögel schrieen in den Lüften,
Und alle Löwen brüllten in den Wäldern,
Und alle Krokodile heulten furchtbar:
Ach Himmel, Himmel, sag' uns, was wir sind;
Sag' uns, uns, was wir dereinst noch sind, o Himmel!
Nun weinen auch die Wolken: wir sind Wolken!
Nun schreien auch die Sterne: wir sind Sterne!
Und selbst die Sonne schreit: "Ich bin die Sonne -
Und seht, das ist entsetzlich! - Wer erlöst uns
Vom Leibe dieses Todes!" - - Lachtest du
Dann nicht mit Recht der Thoren all', o Mensch
- Und bist doch selbst der Thoren größter Thor,
Wenn du als Mensch vom Menschen also klagst. -
Wie friedlich sind die Sterne alle: Sterne!
Wie friedlich sind die Wolken alle: Wolken!
Und ihr Gemurr' ist segnend nur der Donner!
Nur ein unsterblich Sein hat die Natur.
Natur hat selbst kein zweites Leben. Damit
Zufrieden sei der Mensch. Und wer da nur
Ein zweites Leben hofft, kein drittes, viertes,
Kein tausendstes, kein hunderttausendstes -
Nicht ein unsterblich Sein wie die Natur,
Der möchte gern abfallen von dem Leben
Und kann doch nicht. So wird er denn auch nicht;
Und jeder muß unsterblich sein, wie sie,
Als sie, mit ihr, in ihren goldnen Hallen.

Leopold Schefer: Laienbrevier, 24. Dezember

Eine Entdeckung auf dem Flohmarkt: Ein ehedem viel gedruckter und gelesener deutscher Dichter (und Komponist). In seinem "Laienbrevier" schuf Leopold Schefer ein tägliches Andachtsbüchlein pantheistischer Religion, gewissermaßen Hegel in Versen, die zwar oft ein wenig hölzern und wortreich geraten sind, aber doch viele Gedankenanregungen bieten.

Sonnenschild

Glaube als Entwicklungsvorteil

Wer Religion und Evolution zusammen bringen will, muss nachweisen, dass religiöses Denken einen positiven Selektionswert besitzt. Religiösen Menschen müsste ihr Glaube also dabei helfen, zu überleben und sich fortzupflanzen. James Dow, Evolutionsanthropologe an der Oakland University in Rochester, will das jetzt wissenschaftlich nachgewiesen haben - per Computerprogramm:

"Ich habe dieses Computerprogramm geschrieben, weil ich nur so schwierige mathematische Funktionen anwenden konnte, die der Komplexität der religiösen Entwicklung überhaupt gerecht werden."

Dow taufte sein Simulationsprogramm "Evogod", eine Verbindung aus "Evolution" und "God". In Evogod agieren künstliche Wesen, welche die wesentlichen Eigenschaften von Lebewesen besitzen, die der Evolution unterworfen sind. Sie wollen zum Beispiel essen, sich fortpflanzen, kommunizieren und immer weiter dazu lernen. Und sie können Persönlichkeitseigenschaften vererben. Eine kleine Minderheit dieser Agenten stattete Dow zusätzlich mit Genen aus, die ihnen religiöse Überzeugungen verliehen. Wobei er Religion sehr allgemein definierte. Dow:

"Für mich hat religiöses Denken mit der Kommunikation von Informationen zu tun hat, die nicht beweisbar sind. Man glaubt zum Beispiel an Geister oder Götter, die man weder sehen, berühren noch fühlen kann, aber man ist sich sicher, dass sie existieren. Das ist eines der Kernelemente aller Religionen. Und ich bin überzeugt, dass das menschliche Gehirn den Gesetzen der Evolution unterworfen ist und dass das religiöse Bedürfnis ein Bestandteil dieser grundlegenden Evolution der Gehirne ist."

Wie würde sich die Minderheit der Agenten in Evogod entwickeln, die vom Übernatürlichen fasziniert ist? Schließlich sah sie sich einer überwältigenden Mehrheit von Agenten gegenüber, die eigentlich nur an belegbare Informationen über die natürliche Umwelt glaubte. James Dow spielte einige Szenarien durch und kam zu folgendem Ergebnis:

"Es gab nur dann einen entscheidenden Wandel in der Evolution, wenn ich in Evogod eingab, dass die Ungläubigen sich den Gläubigen zuwendeten und sie für attraktiv hielten. Dann stellte sich ein Gleichgewicht zwischen beiden Gruppen ein. Die Zahl der Menschen, die bereit waren, an unbeweisbare Entitäten zu glauben, stieg dann dauerhaft an."


Wenn religiöse und nichtreligiöse Menschen miteinander kommunizieren und die nichtreligiösen Menschen sich davon einen Nutzen versprechen, dann breitet sich religiöses Denken gemäß den Gesetzen der Evolutionstheorie aus. Das ist die Lehre von Evogod. Der Reiz des Religiösen besteht dabei offenbar wirklich nur darin, dass an eine übernatürliche Wahrheit geglaubt wird. Denn das religiöse Denken florierte nicht, wenn die künstlichen Agenten die religiösen Lehren wie natürliches Wissen behandeln sollten. Evogod zeigt damit im wesentlichen, dass Religion und Evolution miteinander verträglich sind. Es erklärt aber weder, wie das religiöse Bedürfnis entsteht noch warum es für nichtreligiöse Menschen attraktiv wird. Die plausibelste - wenn auch nur spekulative - Erklärung dafür sieht für James Dow so aus:

"Es ist wahrscheinlich so, dass die Menschen denjenigen vertrauen können, die sich einem Gott oder einem Geist unterwerfen. Denn diese demonstrieren damit ihre Bereitschaft, sich einem zentralen Gruppenideal unterzuordnen. Vertrauenswürdigkeit, so die Hypothese, könnte also der Grund sein, warum sich die Leute strenggläubigen Menschen zuwenden und sie auch unterstützen."



Das ist nicht gerade überraschend. Man hätte vielleicht auch ohne Computersimulation darauf kommen können.

Die Lutherkirche in der Neujahrsnacht


Um das Feuerwerk zu sehen, stiegen wir auf das Dach des Lutherhofes...