Mittwoch, 21. Januar 2009
Mythisches Ruhrgebiet
Heute heißt es oft, daß die Familie es richten soll, während gleichzeitig der Sozialstaat zu Klump gehauen wird. Es ist erfrischend, daß Sie die gleich mit desavouieren, als eine autoritäre, das Individuum verbiegende Zwangsgemeinschaft.
Das fing an mit der räumlichen Enge. Wir lebten zu viert in einer unglaublich kleinen Wohnung. Ich habe vor kurzem die Wohnung noch einmal besucht, mein Onkel ist gestorben und da war ich noch mal in der Gegend. Daß man zu viert darin leben konnte, ist mir heute völlig unverständlich. Obwohl mein Vater gearbeitet hat wie ein Berserker, trotzdem haute es irgendwie nicht hin. Und das hat ein familiäres Klima geschaffen, das ich immer nur als beengend und bedrückend empfunden habe.
Ist das ein spezifisches Ruhrgebietsphänomen?
In gewisser Weise schon. Bestimmend war eben die ungeheuer harte Arbeit der Bergleute, die ein Ventil brauchte, man knallte sich also die Birne voll. Damit auch verbunden waren unglaubliche Aggressionen gegenüber Frauen und Kindern. Und bei Frauen dann auch immer wieder diese Sehnsucht, daraus auszubrechen. Und dann die ersten Gastarbeiter, die tauchten plötzlich auf wie ein Heilsversprechen für die enttäuschten Ehefrauen. Da war natürlich der Zunder absehbar.
Ihr letzter Ruhrgebietsroman »Junges Licht« (2004) ist etwas versöhnlicher, da gibt es Momente der Nähe zwischen dem juvenilen Helden Julian und seinem Vater. Hat da eine Entwicklung stattgefunden?
Gewiß. Die Menschen waren ja nicht so, weil sie bösartig waren, sondern weil die Verhältnisse sie in die Enge getrieben haben. In der Jugend gefiel ich mir darin, meinen Eltern vorzuwerfen, daß sie mich zu wenig geliebt haben, aber wenn man dann älter wird, erkennt man natürlich schon, sie haben ihr Bestes getan. Und es ging einfach nicht anders. Gerade in der Beziehung zwischen Julian und seinem Vater spiegelt sich schon meine persönliche Geschichte wider. Ich habe eigentlich meinen Vater immer sehr gemocht. Er ist ja in der Nazizeit zur Schule gegangen, mit 18 noch eingezogen worden im letzten Kriegsjahr, verwundet aus dem Krieg gekommen, im Wirtschaftswunder noch mal verpulvert worden, das ist eine Geschichte, die können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen.
Hat Ihr Vater ihre Bücher noch gelesen?
Nein, nein, er war kein Leser. Immer wenn ich ihm ein neues Buch hingelegt habe, hat er so etwas gesagt wie: Jaja, ist schon gut, Junge, aber wenn du damals Maurer geblieben wärst, dann könntest du heute schon Polier sein.
Sie beschreiben das Ruhrgebiet nicht nur als Soziotop, sie benutzen es zugleich auch als Großmetapher. In »Stier«, 1991, aber auch später noch erwähnen Sie beinahe refrainhaft die vielen versunkenen Wälder, auf denen das Ruhrgebiet erbaut ist.
Was ich gar nicht bedacht hatte, als ich anfing, über meine Herkunft zu schreiben: Das Ruhrgebiet ist ja per se schon ein mythischer Ort. Was da passiert, hat beinahe griechisches Tragödienaroma. Wenn man sich mal vorstellt, daß die Leute sich dort den Boden unter den Füßen weggraben, um eine gewisse Höhe ihres Lebensniveaus zu erreichen, das ist schon eine wahnsinnige Metapher.
Aus einem Interview der "Jungen Welt" mit dem Schriftsteller Ralf Rothmann (21. 01. 2009)
"Wo kommen Sie her?" Diese Frage ist mir in meinem Leben natürlich auch schon hundert- oder tausendmal begegnet. Wenn man so oft schon übersiedelt ist, fällt die Antwort nicht leicht. Geboren in Essen und dort die ersten zehn Jahre gelebt, die Jugend in Stuttgart verbracht, dann überwiegend Hessen - das ist eine höchst unbefriedigende Auskunft, das sagt wenig. Heimatgefühle habe ich am ehesten gegenüber Essen, fahre auch alle ein oder zwei Jahre dorthin. Aber da ist natürlich nichts mehr so, wie es einmal war. Und das nicht nur in dem Sinne, wie jede Kindheitswelt eine versunkene mythische Welt ist, sondern auch ganz äußerlich: Als in Kind war, gab es in Essen noch sechzig fördernde Kohlenzechen, die sind - bis auf die "Zeche Zollverein", die man zum Weltkulturerbe erklärt hat, einfach nicht mehr da, planiert, überbaut. Eigentlich müsste ich auf die Frage nach der Herkunft antworten: "Aus dem Ruhrgebiet", aber in einem mythischen Sinne wie "Aus dem Elfenland". Das "Ruhrgebiet" als Heimat gibt es nicht, nicht mehr, allenfalls seine Reliquien in Museen. Und was für ein schwacher Abglanz ist das! Im Ruhrlandmuseum Essen habe ich schon vor Jahren bemerkt, dass sogar der spezifische Geruch des Gusseisens sich mit den Jahren immer mehr verlor.
Das fing an mit der räumlichen Enge. Wir lebten zu viert in einer unglaublich kleinen Wohnung. Ich habe vor kurzem die Wohnung noch einmal besucht, mein Onkel ist gestorben und da war ich noch mal in der Gegend. Daß man zu viert darin leben konnte, ist mir heute völlig unverständlich. Obwohl mein Vater gearbeitet hat wie ein Berserker, trotzdem haute es irgendwie nicht hin. Und das hat ein familiäres Klima geschaffen, das ich immer nur als beengend und bedrückend empfunden habe.
Ist das ein spezifisches Ruhrgebietsphänomen?
In gewisser Weise schon. Bestimmend war eben die ungeheuer harte Arbeit der Bergleute, die ein Ventil brauchte, man knallte sich also die Birne voll. Damit auch verbunden waren unglaubliche Aggressionen gegenüber Frauen und Kindern. Und bei Frauen dann auch immer wieder diese Sehnsucht, daraus auszubrechen. Und dann die ersten Gastarbeiter, die tauchten plötzlich auf wie ein Heilsversprechen für die enttäuschten Ehefrauen. Da war natürlich der Zunder absehbar.
Ihr letzter Ruhrgebietsroman »Junges Licht« (2004) ist etwas versöhnlicher, da gibt es Momente der Nähe zwischen dem juvenilen Helden Julian und seinem Vater. Hat da eine Entwicklung stattgefunden?
Gewiß. Die Menschen waren ja nicht so, weil sie bösartig waren, sondern weil die Verhältnisse sie in die Enge getrieben haben. In der Jugend gefiel ich mir darin, meinen Eltern vorzuwerfen, daß sie mich zu wenig geliebt haben, aber wenn man dann älter wird, erkennt man natürlich schon, sie haben ihr Bestes getan. Und es ging einfach nicht anders. Gerade in der Beziehung zwischen Julian und seinem Vater spiegelt sich schon meine persönliche Geschichte wider. Ich habe eigentlich meinen Vater immer sehr gemocht. Er ist ja in der Nazizeit zur Schule gegangen, mit 18 noch eingezogen worden im letzten Kriegsjahr, verwundet aus dem Krieg gekommen, im Wirtschaftswunder noch mal verpulvert worden, das ist eine Geschichte, die können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen.
Hat Ihr Vater ihre Bücher noch gelesen?
Nein, nein, er war kein Leser. Immer wenn ich ihm ein neues Buch hingelegt habe, hat er so etwas gesagt wie: Jaja, ist schon gut, Junge, aber wenn du damals Maurer geblieben wärst, dann könntest du heute schon Polier sein.
Sie beschreiben das Ruhrgebiet nicht nur als Soziotop, sie benutzen es zugleich auch als Großmetapher. In »Stier«, 1991, aber auch später noch erwähnen Sie beinahe refrainhaft die vielen versunkenen Wälder, auf denen das Ruhrgebiet erbaut ist.
Was ich gar nicht bedacht hatte, als ich anfing, über meine Herkunft zu schreiben: Das Ruhrgebiet ist ja per se schon ein mythischer Ort. Was da passiert, hat beinahe griechisches Tragödienaroma. Wenn man sich mal vorstellt, daß die Leute sich dort den Boden unter den Füßen weggraben, um eine gewisse Höhe ihres Lebensniveaus zu erreichen, das ist schon eine wahnsinnige Metapher.
Aus einem Interview der "Jungen Welt" mit dem Schriftsteller Ralf Rothmann (21. 01. 2009)
"Wo kommen Sie her?" Diese Frage ist mir in meinem Leben natürlich auch schon hundert- oder tausendmal begegnet. Wenn man so oft schon übersiedelt ist, fällt die Antwort nicht leicht. Geboren in Essen und dort die ersten zehn Jahre gelebt, die Jugend in Stuttgart verbracht, dann überwiegend Hessen - das ist eine höchst unbefriedigende Auskunft, das sagt wenig. Heimatgefühle habe ich am ehesten gegenüber Essen, fahre auch alle ein oder zwei Jahre dorthin. Aber da ist natürlich nichts mehr so, wie es einmal war. Und das nicht nur in dem Sinne, wie jede Kindheitswelt eine versunkene mythische Welt ist, sondern auch ganz äußerlich: Als in Kind war, gab es in Essen noch sechzig fördernde Kohlenzechen, die sind - bis auf die "Zeche Zollverein", die man zum Weltkulturerbe erklärt hat, einfach nicht mehr da, planiert, überbaut. Eigentlich müsste ich auf die Frage nach der Herkunft antworten: "Aus dem Ruhrgebiet", aber in einem mythischen Sinne wie "Aus dem Elfenland". Das "Ruhrgebiet" als Heimat gibt es nicht, nicht mehr, allenfalls seine Reliquien in Museen. Und was für ein schwacher Abglanz ist das! Im Ruhrlandmuseum Essen habe ich schon vor Jahren bemerkt, dass sogar der spezifische Geruch des Gusseisens sich mit den Jahren immer mehr verlor.
Dienstag, 20. Januar 2009
Wie den passenden Baum finden?
Wer sich einen Platz an einem Baum aussuchen möchte, kann auf eigene Faust in den Friedwald gehen und sich umsehen. Wichtig ist: Nur solche Bäume, die sowohl ein Bändchen als auch eine Nummernplakette haben, verfügen über freie Plätze zu ihren Wurzeln. Bei der Entscheidung für einen Baum stehen die Förster zur Seite. Interessenten können mit ihnen einen Termin vereinbaren und sich einen passenden Baum aussuchen. Zur Auswahl stehen:
- Freundschafts- und Familienbäume: Ein Familienmitglied kauft den Baum und damit das Bestattungsrecht für bis zu zehn Personen.
- Gemeinschaftsbäume: Hier kann man einen Platz erwerben, ohne die anderen Personen, die hier ebenfalls bestattet sind, zu kennen.
- Prachtbäume: Das sind alte Bäume, die besonders groß und dick gewachsen sind.
- Sternschnuppenbäume: Der Friedwald bietet Familien, die ein Kind beerdigen müssen, das weniger als drei Jahre alt geworden ist, kostenfrei einen Beisetzungsplatz an.
Very sophisticated

In ganz Großbritannien tragen insgesamt 800 Busse diesen Spruch – 200 davon in London.
Anführerin der Kampagne ist eine gewisse Journalistin namens Ariane Sherine (28).
Frau Sherine fürchtet sich offensichtlich vor der ewigen Verdammnis und möchte darum einen Gegenpol zu christlichen Aussagen geben, „die Nicht-Gläubigen mit ewiger Verdammung und der Hölle drohen“ – wie sie sich ausdrückt.
Was Frau Sherine nicht bemerkt hat: Mit der für ihre Propaganda-Aktion gewählten Formulierung hat sie sich selber ein Ei gelegt.
So schrieb Nick Spencer vom theologischen Think Tank ‘Theos’ in der Tageszeitung ‘Guardian’:
„Es sieht nicht so aus, als wären die Kampagnen-Leute sonderlich von ihrem Produkt überzeugt.“
Denn: „Wenn mir ein Pilot sagen würde, »Der Flug nach Paris stürzt wahrscheinlich nicht ab« – würde ich wohl den Zug nehmen“, so Spencer trocken.
Gefunden auf kreuz.net
Montag, 19. Januar 2009
Vereinigung der Gegensätze
Liegen mit Wabenstrukturen und Tischplatten, die von «Vogelbeinen» oder «Kristallen» getragen werden: Mit ungewöhnlichen neuen Formen lassen Designer jetzt Natur und Spiritualität in die Wohnung einziehen.Entsprechende Entwürfe sind auf der internationalen Möbelmesse «imm cologne» in Köln (noch bis 25. Januar) vor allem für den Wohn- und Schlafbereich zu sehen. Technik werde dazu aber nicht als Gegensatz gesehen, heißt es beim Veranstalter Kölnmesse. Feng Shui und Esoterik verbündeten sich mit ausgeklügelten Lattenrost-Systemen oder computergesteuerten Konstruktionstechniken.
dpa-Meldung vom 19. 01. 2009
Oh weh!
Die sieben Kardinaltugenden sind in die Jahre gekommen. Gott ist tot, Liebe eine chemische Verbindung, Hoffnung esoterisch; Tapferkeit ist was für Neonazis, Gerechtigkeit ein Zynismus, Mäßigung konjunkturschädigend und Weisheit was Chinesisches mit Bart.
Aus einem Artikel zu einer Uraufführung am Tübinger Zimmertheater im Schwäbischen Tagblatt (17.01.2009)
Aus einem Artikel zu einer Uraufführung am Tübinger Zimmertheater im Schwäbischen Tagblatt (17.01.2009)
Sonntag, 18. Januar 2009
Macht und Realismus von Grundschullehrern
SPIEGEL: Wenn Bildung angeblich eine so geringe Rolle spielt: Was entscheidet dann, wer oben ist und wer unten?
Tenorth: Besitz und Macht, dann vielleicht Bildung, mehr noch Herkunft. Das hat etwas mit gelerntem sozialen Verhalten zu tun, das durch das Elternhaus vermittelt wird. Warum sind denn so viele Vorstände von Dax-Konzernen ihrerseits Kinder aus der Oberschicht? Es ist die Fähigkeit, sich so zu bewegen, dass man in einem gehobenen Milieu nicht negativ auffällt. Stellen Sie sich vor, ich säße jetzt hier mit zerrissenen Jeans und T-Shirt. Da hätten Sie wahrscheinlich komisch geguckt ...
SPIEGEL: ... wir würden das schon aushalten ...
Tenorth: ... für soziale Unterschiede haben schon Grundschullehrer eine Antenne. Bei den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen überlegen sie: Kommt jemand aus dem falschen Elternhaus? Dann wird er oder sie wahrscheinlich scheitern. Die Lehrer raten dann vom Gymnasium ab.
SPIEGEL: Die Lehrer als Agenten der Klassengesellschaft?
Tenorth: Solche Tendenzen zementieren natürlich bestehende Ungleichheiten. Doch ich will fair bleiben: Die Einschätzung ist ja realistisch. Die Bildungskarriere hängt eben nicht nur von eigenen intellektuellen Fähigkeiten ab, es braucht auch ein Elternhaus, das die Kinder und Jugendlichen entsprechend fördert.
Aus einem SPIEGEL-Interview mit dem Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth
Tenorth: Besitz und Macht, dann vielleicht Bildung, mehr noch Herkunft. Das hat etwas mit gelerntem sozialen Verhalten zu tun, das durch das Elternhaus vermittelt wird. Warum sind denn so viele Vorstände von Dax-Konzernen ihrerseits Kinder aus der Oberschicht? Es ist die Fähigkeit, sich so zu bewegen, dass man in einem gehobenen Milieu nicht negativ auffällt. Stellen Sie sich vor, ich säße jetzt hier mit zerrissenen Jeans und T-Shirt. Da hätten Sie wahrscheinlich komisch geguckt ...
SPIEGEL: ... wir würden das schon aushalten ...
Tenorth: ... für soziale Unterschiede haben schon Grundschullehrer eine Antenne. Bei den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen überlegen sie: Kommt jemand aus dem falschen Elternhaus? Dann wird er oder sie wahrscheinlich scheitern. Die Lehrer raten dann vom Gymnasium ab.
SPIEGEL: Die Lehrer als Agenten der Klassengesellschaft?
Tenorth: Solche Tendenzen zementieren natürlich bestehende Ungleichheiten. Doch ich will fair bleiben: Die Einschätzung ist ja realistisch. Die Bildungskarriere hängt eben nicht nur von eigenen intellektuellen Fähigkeiten ab, es braucht auch ein Elternhaus, das die Kinder und Jugendlichen entsprechend fördert.
Aus einem SPIEGEL-Interview mit dem Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth