
Lisa, 30 Jahre, katholisch, Referendarin Lehramt Kunst, Heidelberg (Antwort in der jetzt.de-Straßenumfrage: "Bist du noch in der Kirche?")

Für einen ehrlichen Dialog der Religionen
Der Theologe sprach sich ferner für einen ehrlicheren Dialog der Religionen aus: „Viele wohlmeinende Versuche, die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu beschwören, sind reines Wunschdenken oder religiöser Kitsch.“ Es sei problematisch, wenn Außenstehende bestimmen wollten, was zum wahren Wesen einer Religion gehört. Als Beispiel nannte er die Aussagen von Kirchenführern nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Sie hatten betont, dass die Anschläge keinesfalls den wahren Islam verrieten. Zwar bauten solche Erklärungen Feindbilder ab und trügen zur Entschärfung von Konflikten bei, so Körtner. Allerdings enthielten sie auch Konfliktpotenzial, „weil sie nicht gegen die Überheblichkeit gefeit sind, eine fremde Religion besser verstehen zu wollen, als diese sich selbst versteht“.
Kirchen sollen christliches Profil schärfen
Nach Ansicht des Theologen bedeutet Respekt vor anderen Religionen nicht, sich deren Vorschriften zu unterwerfen. Jede Religion, „die sich selbst gegen jede Kritik verwahrt und immunisiert, ist totalitär“. Körtner appellierte er an die Kirchen, das Profil des Christlichen in der pluralistischen Gesellschaft zu schärfen. Nicht eine vage Transzendenz- oder Gottoffenheit sei das Kennzeichen des Christentums, sondern das Bekenntnis zu Jesus Christus. (...)
Jahrzehntelang haben die Fachleute sich getröstet mit einem zusnehmenden Interesse an Religion und Spiritualität. Da mussten selbst Fußballfans und Muesumskultur als Argumente herhalten für die tiefsitzenden Bedürfnisse der Menschen nach Religion, nach Zugehörigkeit, nach Transzendenz. Der blühende Markt der Esoterik sowieso. Aber Mensvhen suchen da Gruppenerlebnis eben lieber im Fuballstadion als in der Kirche. Und die unausgesprochenen Fragen verlangen gar nicht nach expliziten Antworten, sondern geben sich zufrieden mit
Ulrich Körtner lehrt in Wien. Dass er so klar ausspricht, was viele in Deutschland lebende und lehrende Theologen und Religionssoziologen nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen, ist m.E. kein Zufall. Denn in vieler Hinsicht ist Österreich ein stärker säkularisiertes Land als Deutschland.
Nachdem herausgekommen ist, dass 20 % der islamische Religionslehrer auf Kriegsfuß mit der Demokratie stehen, bricht prompt eine Diskussion darüber aus, ob es in der Schule überhaupt Religionsunterricht geben solle. Die wird (noch) keine konkreten Wirkungen zeitigen, aber sie zeigt, wie die Stimmung im Lande ist. Die katholische Kirche in österreich befindet sich in einer ausgesprochen schwierigen Lage, die sich durch die Designation eines erzkonservativen Geistlichen zum neuen Weihbischof in Linz, der einzigen als liberal geltenden Diözese hierzulande, sicher nicht bessert. Einzig der charismatische Wiener Kardinal Schönborn wirkt da noch als integrierende Gestalt. Aber er allein rettet das Ansehen der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit auch nicht. Immer noch ist die katholische Kirche die mit großem Abstand mitgliederstärkste Religionsgemeinschaft in Österreich, aber sie verliert zunehmend die nachwachsenden Generationen. Gerade wegen der großen katholischen Vergangenheit des Landes steht "die Kirche" (und bei diesem Ausdruck denken Österreicher ganz selbstverständlich an die römisch-katholische Kirche) vor allem für Tradition, für Brauchtum, Überlieferung - kurz: für das Gestern. Das Religiöse spielt dabei eine nachgeordnete Rolle.
Deutschland erlebte am 3. Oktober 1990 durch die Wedervereinigung statistisch eine plötzliche Vermehrung des Anteil der Konfessionslosen an der Bevölkerung, seither ist eine weitere kontinuierliche Zunahme zu beobachten (1987: 11,4 %, 1190: 22,4 %, 2005: 32,5 %). In Österreich war dies ein fortwährender Prozess. Etwa 12 % der Bevölkerung gehören keiner anerkannten Religionsgemeinschaft an. Das spricht nur äußerlich für eine stärkere religiöse Bindung der Bevölkerung, in den öffentlichen Diskursen zeigt sich eine fortgeschrittene Säkularisierung. Und der "Gewohnheitsatheismus" ist omnipräsent, durchaus auch unter Kirchenmitgliedern.
Diese Bruderschaft stellt eine ernstliche Belastung für das ökumenische Ansehen der Römisch-katholischen Kirche dar.
Der designierte Weihbischof Gerhard Maria Wagner scheint Gefallen an der Rolle des auserwählten Außenseiters gefunden zu haben.
Der Holocaust ist ein Thema dieser Welt und kann nicht geleugnet werden. Sagt Gerhard Maria Wagner. Na immerhin. Da hat er dem Lefebvristen Richard Williamson schon eine Einsicht voraus, der sich weiterhin starrsinnig weigert, den Holocaust zur Kenntnis zu nehmen, ehe er nicht „historische Beweise“ geprüft und gefunden habe. Sonst lässt der designierte Linzer Weihbischof allerdings keine Gelegenheit zur Provokation aus. Homosexualität, teilt der bisherige Landpfarrer Wagner mit, sei heilbar. „Da gibt es alle möglichen Therapien.“
Das Muster erinnert ein wenig an jenes freiheitlicher Politiker der jüngeren Vergangenheit: Je einfältiger der Geist, desto deftiger die Sprüche. Wagner dürfte ganz in dieser Tradition stehen. Er scheint an der Rolle des auserwählten Außenseiters Gefallen gefunden zu haben, gibt Interviews am laufenden Band und reizt auch brave Kirchgänger mit provokanten Thesen à la „Es gibt keinen lieben Gott“. Sondern nur den strengen. Der schon mal einen Hurrikan nach New Orleans schickt, um dort Abtreibungs-kliniken und Bordelle zu zerstören. Oder Harry Potter auf die Kinder loslässt.
In Gottes rechter Kirche ist für die Wagners viel Platz. In Hinkunft wahrscheinlich noch mehr. Bis nur noch die Hardcore-Herde übrig bleibt. Piusbruder Richard Williamson wird seine „Beweise“ bis dahin vielleicht auch schon gefunden haben.
Oliver Pink: Einfalt ist heilbar, Die Presse 09.02.2009
Nach dem Niedergang des Sozialismus in Osteuropa und Zentralasien vollzogen die Länder des ehemaligen Ostblocks einen jähen gesellschaftlichen Wandel und stellten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die Weichen für Marktwirtschaft und Kapitalismus. In der Folge war ein dramatischer Rückgang der Lebenserwartung vor allem bei Männern zu beobachten. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) geht von drei, die UN-Entwicklungsbehörde UNDP sogar von zehn Millionen vorzeitigen Todesfällen aus.
Radikaler Wechsel erhöht SterblichkeitAnfangs führten Experten diese besorgniserregende Tendenz vor allem auf den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und der staatlichen Fürsorge zurück. Der gesellschaftliche Umbruch war indes so tiefgehend, dass er alle Bereiche der Gesellschaft erfasste. Auch andere Begeleiterscheinungen hatten direkte Auswirkungen auf die Gesundheit, die bekanntermaßen eng mit Armut, Bildung, Arbeitslosigkeit und Einkommensverteilung zusammenhängt.
Die britischen Autoren untersuchten nun die Lebenserwartung von 15- bis 59-jährigen Männern in verschiedenen ehemaligen Ostblockländern. Dabei verglichen sie die Zahlen der Staaten, die auf Geheiß von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und anderen Finanzinstitutionen einen radikalen Kurswechsel vornahmen und innerhalb von zwei Jahren mindestens ein Viertel der Staatsunternehmen privatisierten, mit denen, die vorsichtigere Reformen verfolgten. Zunächst zeigte sich, dass die Schock-Therapie zu deutlich höheren Arbeitslosenzahlen führte, die durchschnittlich um drei Fünftel über denen der vorsichtiger privatisierenden Länder lagen. Die Zunahme der Arbeitslosenrate um ein Zehntel wiederum verursachte einen Anstieg der Sterblichkeit von Männern um bis zu drei Prozent. Ein großer Teil der Unterschiede in der Lebenserwartung von Männern im arbeitsfähigen Alter ist also auf die rasant steigende Erwerbslosigkeit bei sehr rascher und massiver Privatisierung zurückzuführen.
Die Forscher fanden außerdem heraus, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Sterblichkeit bei radikalem Systemumbruch im Vergleich zum schrittweisen Umbau der Wirtschaft gerade in der Anfangsphase spürbar war.Besser geschützt vor den Unbillen des hereinbrechenden Kapitalismus sind interessanterweise die Länder, in denen ein großer Teil der Bürger gesellschaftlich organisiert ist. Unklar bleibt indes, warum die weibliche Bevölkerung resistent gegen kapitalistische Umbrüche zu sein scheint, obwohl in ehemals sozialistischen Staaten viele Frauen erwerbstätig und daher ebenfalls von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Überhaupt werfen derartige Untersuchungen viele Fragen auf, müssen sie doch sehr komplexe Zusammenhänge auf überschaubare Größen eingrenzen. Dennoch kommt der Studie unbestreitbar das Verdienst zu, gängige Denkschablonen aufzubrechen und auf Folgen einer bestimmten Wirtschaftspolitik hinzuweisen.
Die Untersuchung unterstreicht die wachsenden Zweifel an marktradikalen Heilslehren. So warnen die drei britischen Wissenschaftler ausdrücklich vor der erneuten Anwendung von Schock-Therapien beispielsweise in China, Indien oder Ägypten. Aber auch in den reichen Staaten Europas und Nordamerikas kann die drohende Weltwirtschaftskrise in Folge des ungezügelten Kasinokapitalismus ähnliche Auswirkungen auf die Sterblichkeit der Menschen haben.