Donnerstag, 12. Februar 2009

Botschaft der leeren Kirchenräume

"(...) Ich kann den Gebäuden sehr viel abgewinnen, ich gehe in leere Kirchen, weil sie für mich einen Ort der Besinnung verkörpern. Das hat aber mehr mit Vertrauen als mit Glaube zu tun. Sobald gepredigt wird, kann ich nicht mehr hineingehen. Die dort vermittelte Moral kann ich nicht mehr annehmen."

Lisa, 30 Jahre, katholisch, Referendarin Lehramt Kunst, Heidelberg (Antwort in der jetzt.de-Straßenumfrage: "Bist du noch in der Kirche?")

Am Parkdeck

Mittwoch, 11. Februar 2009

Megatrend Gottvergessenheit

These von Wiederkehr der Religion irreführend

Der Wiener evangelische Theologieprofessor Ulrich Körtner hält die Rede von einer Wiederkehr der Religion für irreführend. Das bloße Interesse an religiösen Themen dürfe nicht mit Religiosität verwechselt werden, sagte er am 4. Februar in Schwerte in einem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des westfälischen Instituts für Kirche und Gesellschaft. Genauso wie von einem „Megatrend Religion“ könne man auch von einem „Megatrend Gottvergessenheit“ sprechen. Neben religiösen Aufbrüchen gebe es auch einen massenhaften Gewohnheitsatheismus, „dem die Frage nach Gott schlicht abhanden gekommen ist“. Zwar habe bei einer Umfrage die Hälfte aller Befragten ausgesagt, Deutschland brauche wieder mehr religiöse Werte. Für die persönliche Lebensführung habe dies jedoch offenbar nicht viel zu sagen. „Da geht es nicht um ,religiöse Werte’, sondern allein um Familie, Freunde und persönliches Wohlergehen“, sagte Körtner.

Für einen ehrlichen Dialog der Religionen

Der Theologe sprach sich ferner für einen ehrlicheren Dialog der Religionen aus: „Viele wohlmeinende Versuche, die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu beschwören, sind reines Wunschdenken oder religiöser Kitsch.“ Es sei problematisch, wenn Außenstehende bestimmen wollten, was zum wahren Wesen einer Religion gehört. Als Beispiel nannte er die Aussagen von Kirchenführern nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Sie hatten betont, dass die Anschläge keinesfalls den wahren Islam verrieten. Zwar bauten solche Erklärungen Feindbilder ab und trügen zur Entschärfung von Konflikten bei, so Körtner. Allerdings enthielten sie auch Konfliktpotenzial, „weil sie nicht gegen die Überheblichkeit gefeit sind, eine fremde Religion besser verstehen zu wollen, als diese sich selbst versteht“.

Kirchen sollen christliches Profil schärfen

Nach Ansicht des Theologen bedeutet Respekt vor anderen Religionen nicht, sich deren Vorschriften zu unterwerfen. Jede Religion, „die sich selbst gegen jede Kritik verwahrt und immunisiert, ist totalitär“. Körtner appellierte er an die Kirchen, das Profil des Christlichen in der pluralistischen Gesellschaft zu schärfen. Nicht eine vage Transzendenz- oder Gottoffenheit sei das Kennzeichen des Christentums, sondern das Bekenntnis zu Jesus Christus. (...)

erf.de

Jahrzehntelang haben die Fachleute sich getröstet mit einem zusnehmenden Interesse an Religion und Spiritualität. Da mussten selbst Fußballfans und Muesumskultur als Argumente herhalten für die tiefsitzenden Bedürfnisse der Menschen nach Religion, nach Zugehörigkeit, nach Transzendenz. Der blühende Markt der Esoterik sowieso. Aber Mensvhen suchen da Gruppenerlebnis eben lieber im Fuballstadion als in der Kirche. Und die unausgesprochenen Fragen verlangen gar nicht nach expliziten Antworten, sondern geben sich zufrieden mit 

Ulrich Körtner lehrt in Wien. Dass er so klar ausspricht, was viele in Deutschland lebende und lehrende Theologen und Religionssoziologen nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen, ist m.E. kein Zufall. Denn in vieler Hinsicht ist Österreich ein stärker säkularisiertes Land als Deutschland. 

Nachdem herausgekommen ist, dass 20 % der islamische Religionslehrer auf Kriegsfuß mit der Demokratie stehen, bricht prompt eine Diskussion darüber aus, ob es in der Schule überhaupt Religionsunterricht geben solle. Die wird (noch) keine konkreten Wirkungen zeitigen, aber sie zeigt, wie die Stimmung im Lande ist. Die katholische Kirche in österreich befindet sich in einer ausgesprochen schwierigen Lage, die sich durch die Designation eines erzkonservativen Geistlichen zum neuen Weihbischof in Linz, der einzigen als liberal geltenden Diözese hierzulande, sicher nicht bessert. Einzig der charismatische Wiener Kardinal Schönborn wirkt da noch als integrierende Gestalt. Aber er allein rettet das Ansehen der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit auch nicht. Immer noch ist die katholische Kirche die mit großem Abstand mitgliederstärkste Religionsgemeinschaft in Österreich, aber sie verliert zunehmend die nachwachsenden Generationen. Gerade wegen der großen katholischen Vergangenheit des Landes steht "die Kirche" (und bei diesem Ausdruck denken Österreicher ganz selbstverständlich an die römisch-katholische Kirche) vor allem für Tradition, für Brauchtum, Überlieferung - kurz: für das Gestern. Das Religiöse spielt dabei eine nachgeordnete Rolle.

Deutschland erlebte am 3. Oktober 1990 durch die Wedervereinigung statistisch eine plötzliche Vermehrung des Anteil der Konfessionslosen an der Bevölkerung, seither ist eine weitere kontinuierliche Zunahme zu beobachten (1987: 11,4 %, 1190: 22,4 %, 2005: 32,5 %). In Österreich war dies ein fortwährender Prozess. Etwa 12 % der Bevölkerung gehören keiner anerkannten Religionsgemeinschaft an. Das spricht nur äußerlich für eine stärkere religiöse Bindung der Bevölkerung, in den öffentlichen Diskursen zeigt sich eine fortgeschrittene Säkularisierung. Und der "Gewohnheitsatheismus" ist omnipräsent, durchaus auch unter Kirchenmitgliedern.  

Februar: Schneeregen

Montag, 9. Februar 2009

Bruderschaft St. Pius X.

Nach Recherchen von "Report Mainz" hat der heutige Distriktobere für Deutschland der Priesterbruderschaft St. Pius X., Pater Franz Schmidberger, im Oktober 2001 bei einem Vortrag folgendes geäußert: Die Schändung eines Kreuzes, bei der dem Heiland ein Arm abgerissen wird, sei objektiv eine schwerere Sünde als die Terroranschläge von New York und Washington. Im Interview mit dem Magazin hat Pater Schmidberger diese Äußerung bestätigt und erneut verteidigt: "Also das ist natürlich sehr provozierend formuliert. Das muss dazu gesagt werden. Aber die Sünde ist zunächst einmal eine Beleidigung Gottes an erster Stelle, und dann natürlich auch eine große Beleidigung seiner Geschöpfe, ein großes Unrecht, das den Menschen angetan wird. Aber der erste Aspekt ist eben Gott."

Antisemitische Äußerungen

"Report Mainz" hat nach eigenen Angaben Hunderte von Veröffentlichungen der Bruderschaft aus den vergangenen 15 Jahren ausgewertet und ist dabei wiederholt auch auf antisemitische Äußerungen gestoßen. So heißt es zum Beispiel in einer vom "Verlag Vereinigung St. Pius X." im Jahr 2000 verbreiteten Schrift: "Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben." An anderer Stelle wird formuliert: "Das Ausleihen von Geld gegen hohe Zinsen und der so betriebene Wucher (...) machten die Juden verhasst."

Schmidberger sagte gegenüber "Report Mainz", ein bisschen etwas Wahres sei da schon dran. Anliegen der Bruderschaft sei es aber "mit allen Menschen, auch mit den Juden, ein friedliches Zusammenleben zu pflegen." Nach Recherchen von "Report Mainz" ist allerdings im aktuellen Mitteilungsblatt der Priestervereinigung erneut die Rede vom "Starrsinn" und der "Blindheit" des jüdischen Volkes. Das sei keine ethnische, sondern eine religiöse Aussage, rechtfertigte Schmidberger diese Passage.

Plädoyer für Todesstrafe

In der Schrift "Grundsätze einer christlichen Gesellschaftsordnung" plädiert Pater Schmidberger 2007 für die Todesstrafe. Gegenüber dem Magazin sagte er: "Das hat die Kirche immer vertreten, dass die Todesstrafe natürlich für Schwerverbrecher, für Schwerstverbrechen die angemessene Strafe ist einerseits als Sühne, andererseits aber auch in medizinischer Hinsicht, dass also mögliche weitere Verbrechen verhindert werden." Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, widersprach dieser Darstellung ausdrücklich: "Diese Position der Pius-Bruderschaft hat in der Katholischen Kirche keinen Platz."

Laut "Report Mainz" ist Pater Schmidberger einer der führenden Köpfe der weltweiten Pius-Bruderschaft. Er gilt als einer ihrer Mitbegründer, assistierte zum Beispiel an der Seite des Bruderschaftsgründers Marcel Lefebvre 1988 bei der Weihe der kürzlich vom Vatikan rehabilitierten vier Bischöfe. In der vergangenen Woche hatte er in einem
 SWR-Interview den Propheten Mohamed als "Kinderschänder" bezeichnet. Für diese Aussage entschuldigte er sich später.

Von 1983 bis 1994 war Pater Schmidberger Generaloberer, also der oberste Vorsteher, dieser weltweiten Bewegung. Seit 2006 bekleidet er das Amt des Distriktoberen in Deutschland. Hierzulande hat die Bewegung nach Recherchen von "Report Mainz" etwa 30.000 Anhänger, zumindest lesen so viele das monatliche Mitteilungsblatt der Bruderschaft.


swr.de

Diese Bruderschaft stellt eine ernstliche Belastung für das ökumenische Ansehen der Römisch-katholischen Kirche dar. 

Der Turmhahn der Lutherkirche

Der heilige Narr als Provokateur

Der designierte Weihbischof Gerhard Maria Wagner scheint Gefallen an der Rolle des auserwählten Außenseiters gefunden zu haben.

Der Holocaust ist ein Thema dieser Welt und kann nicht geleugnet werden. Sagt Gerhard Maria Wagner. Na immerhin. Da hat er dem Lefebvristen Richard Williamson schon eine Einsicht voraus, der sich weiterhin starrsinnig weigert, den Holocaust zur Kenntnis zu nehmen, ehe er nicht „historische Beweise“ geprüft und gefunden habe. Sonst lässt der designierte Linzer Weihbischof allerdings keine Gelegenheit zur Provokation aus. Homosexualität, teilt der bisherige Landpfarrer Wagner mit, sei heilbar. „Da gibt es alle möglichen Therapien.“

Das Muster erinnert ein wenig an jenes freiheitlicher Politiker der jüngeren Vergangenheit: Je einfältiger der Geist, desto deftiger die Sprüche. Wagner dürfte ganz in dieser Tradition stehen. Er scheint an der Rolle des auserwählten Außenseiters Gefallen gefunden zu haben, gibt Interviews am laufenden Band und reizt auch brave Kirchgänger mit provokanten Thesen à la „Es gibt keinen lieben Gott“. Sondern nur den strengen. Der schon mal einen Hurrikan nach New Orleans schickt, um dort Abtreibungs-kliniken und Bordelle zu zerstören. Oder Harry Potter auf die Kinder loslässt.

In Gottes rechter Kirche ist für die Wagners viel Platz. In Hinkunft wahrscheinlich noch mehr. Bis nur noch die Hardcore-Herde übrig bleibt. Piusbruder Richard Williamson wird seine „Beweise“ bis dahin vielleicht auch schon gefunden haben. 

Oliver Pink: Einfalt ist heilbar, Die Presse 09.02.2009


Auslage in der Theresiengasse

Eine gute Schaufenstergestaltung ist immer eine kleine Utopie: Dieses idyllische Stillleben gehört zu einem Kosmetik- und Fußpflegesalon.

"Sozialismus" war doch gesünder - vor allem für Männer

Tod und Privatisierung

Studie untersuchte gesundheitliche Folgen kapitalistischer Umstrukturierung

Von Jens Holst

Infolge radikaler Privatisierung in ehemals staatssozialistischen Ländern sterben vor allem Männer häufiger und früher. Das zeigt eine jüngst in der angesehenen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Studie. Die britischen Wissenschaftler David Stuckler, Laurence King und Adam Coutts wiesen nach, dass die Sterblichkeit in den ehemaligen Sowjetrepubliken am höchsten war.

Nach dem Niedergang des Sozialismus in Osteuropa und Zentralasien vollzogen die Länder des ehemaligen Ostblocks einen jähen gesellschaftlichen Wandel und stellten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die Weichen für Marktwirtschaft und Kapitalismus. In der Folge war ein dramatischer Rückgang der Lebenserwartung vor allem bei Männern zu beobachten. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) geht von drei, die UN-Entwicklungsbehörde UNDP sogar von zehn Millionen vorzeitigen Todesfällen aus.

Radikaler Wechsel erhöht Sterblichkeit

Anfangs führten Experten diese besorgniserregende Tendenz vor allem auf den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und der staatlichen Fürsorge zurück. Der gesellschaftliche Umbruch war indes so tiefgehend, dass er alle Bereiche der Gesellschaft erfasste. Auch andere Begeleiterscheinungen hatten direkte Auswirkungen auf die Gesundheit, die bekanntermaßen eng mit Armut, Bildung, Arbeitslosigkeit und Einkommensverteilung zusammenhängt.

Die britischen Autoren untersuchten nun die Lebenserwartung von 15- bis 59-jährigen Männern in verschiedenen ehemaligen Ostblockländern. Dabei verglichen sie die Zahlen der Staaten, die auf Geheiß von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und anderen Finanzinstitutionen einen radikalen Kurswechsel vornahmen und innerhalb von zwei Jahren mindestens ein Viertel der Staatsunternehmen privatisierten, mit denen, die vorsichtigere Reformen verfolgten. Zunächst zeigte sich, dass die Schock-Therapie zu deutlich höheren Arbeitslosenzahlen führte, die durchschnittlich um drei Fünftel über denen der vorsichtiger privatisierenden Länder lagen. Die Zunahme der Arbeitslosenrate um ein Zehntel wiederum verursachte einen Anstieg der Sterblichkeit von Männern um bis zu drei Prozent. Ein großer Teil der Unterschiede in der Lebenserwartung von Männern im arbeitsfähigen Alter ist also auf die rasant steigende Erwerbslosigkeit bei sehr rascher und massiver Privatisierung zurückzuführen.

Männer stärker betroffen als Frauen

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Sterblichkeit bei radikalem Systemumbruch im Vergleich zum schrittweisen Umbau der Wirtschaft gerade in der Anfangsphase spürbar war.Besser geschützt vor den Unbillen des hereinbrechenden Kapitalismus sind interessanterweise die Länder, in denen ein großer Teil der Bürger gesellschaftlich organisiert ist. Unklar bleibt indes, warum die weibliche Bevölkerung resistent gegen kapitalistische Umbrüche zu sein scheint, obwohl in ehemals sozialistischen Staaten viele Frauen erwerbstätig und daher ebenfalls von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Überhaupt werfen derartige Untersuchungen viele Fragen auf, müssen sie doch sehr komplexe Zusammenhänge auf überschaubare Größen eingrenzen. Dennoch kommt der Studie unbestreitbar das Verdienst zu, gängige Denkschablonen aufzubrechen und auf Folgen einer bestimmten Wirtschaftspolitik hinzuweisen.

Zweifel an der sozialen Marktwirtschaft

Die Untersuchung unterstreicht die wachsenden Zweifel an marktradikalen Heilslehren. So warnen die drei britischen Wissenschaftler ausdrücklich vor der erneuten Anwendung von Schock-Therapien beispielsweise in China, Indien oder Ägypten. Aber auch in den reichen Staaten Europas und Nordamerikas kann die drohende Weltwirtschaftskrise in Folge des ungezügelten Kasinokapitalismus ähnliche Auswirkungen auf die Sterblichkeit der Menschen haben.

Neues Deutschland 09.02.2009

Ottakring

Dass ich Schule in zwei Nachbarbezirken (dem XVI. und dem XIX.) zu halten habe, verschafft mir manche neue Eindrücke, eine willkommene Abwechslung auch für mein "drittes Auge". Die Evangelischen in Ottakring und Döbling gehörten übrigens ehemals zur Lutherkirche. Mit dieser historischen Verbindung dürfte meine Schulzuteilung aber nichts zu tun haben.