Samstag, 4. April 2009
Feine Unterschiede
Überall in Europa nennen muslimische Mitbürger heute ihre neu entstehenden Moscheen nach den großen Christenhassern ihrer Geschichte. Viele klatschen, wenn etwa mit immer neuen „Fatih“-Moscheen die Gefühle europäischer Christen mit Füßen getreten werden. Bloß nicht den Islam „beleidigen“. Kämen Christen auf die Idee, eine Basilika etwa nach dem Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon zu benennen? (...)
Udo Ulfkotte: Dulden wir die Islamisierung Europas?, Die Welt 08.12.2008
Freitag, 3. April 2009
Die Farbe der Sehnsucht
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier
- Die Mondfrau sang im Boote -
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür….
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
- Ich aß vom bitteren Brote -
Mir lebend schon die Himmelstür -
Auch wider dem Verbote.
Else Lasker-Schüler
Gemeinschaft, nicht Enge
Um auch nachwachsende Generationen wieder für sich zu gewinnen, empfahl der Religionssoziologe den Grosskirchen drei Reformprojekte: Christinnen und Christen sollten sich im Sinne von Pilgerwegen oder Wallfahrten auf eine spirituelle Reise machen, die Kirchen bräuchten Leitfiguren wie den populären Benediktinermönch Anselm Grün, an denen man sich orientieren und von denen man lernen könne, und sie sollten das Abendmahl wieder in die Mitte des christlichen Lebens stellen.
Dem anwesenden Böblinger Freikirchenpastor Christoph Schrodt hielt Zulehner entgegen, die Freikirchen sahnten im Becken der religiös Motivierten ab und liessen den Grosskirchen nur die „Magermilch" übrig: „Wir brauchen aber die Grosskirchen, weil sie freiheitlicher sind und für jeden einen Platz haben."
Wie in jeder lebendigen Gemeinde gibt es auch in Währing natürlich einige Fromme. Und vermutlich ist mir das gar nicht bei allen bewusst, die es betrifft, denn in Wien ist Religion eigentlich Privatsache, über die man nicht spricht. Das Spektrum ist weit, Charismatiker, Bibeltreue, Menschen, die freikirchliche Wärme suchen. Im Winter feierten wir eine Reihe von Sonntagen den Gottesdienst im Gemeindesaal, da kam man sich atürlich näher als in der großen Kirche. Die meisten mochten diese Nähe, es gab aber auch Gegenstimmen der Vorfreude auf die Kirche (und den größeren Abstand zum Banknachbarn). Man wird es nie allen recht machen können. Aber die landeskirchliche Weite, die Luft zum Atmen und zum eigenen Denken lässt, ist mir allemal lieber als die Enge einer freikichlichen Gemeinde - mag es da auch noch so warm sein.
Donnerstag, 2. April 2009
Wien und seine Winde
Viele Wiener Bauten sind betroffen – auf der Donauplatte, dem Wienerberg und dem neuen Bahnhof. Luftströmungen und Kleinklima zu bedenken ist eine Fleißaufgabe.
Starke Fallwinde und Böen machen den Bewohnern der Donaucity seit Monaten zu schaffen, auch am Wienerberg klagen Anrainer über gefährliche Starkwinde. Und jetzt drohen auch dem neuen Hauptbahnhof in Favoriten Windprobleme. Erich Mursch-Radlgruber, außerordentlicher Professor für angewandte Meteorologie an der Universität für Bodenkultur (Boku), der als Prüfer im Verfahren um die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den Neubau des Südbahnhofs aufgetreten ist: „Ich habe im Detail dargelegt, warum es Starkwinde geben wird und mit welchen Maßnahmen dem entgegengewirkt werden kann. Es sieht aber nicht so aus, dass dem Folge geleistet werden wird.“
Derartige Windphänomene sind kein Zufall, sondern Ergebnis einer Umsetzung von Plänen, die meteorologische Gegebenheiten zu wenig bis gar nicht ins Kalkül genommen haben. „Jeder Platz ist anfällig, wenn er nur groß genug ist“, sagt Mursch-Radlgruber. „Das hat nicht nur Folgen für die Windböen, die schlimmstenfalls am Boden stärker sein können als an der Spitze eines Hochhauses. Ein Bau kann die gesamte meteorologische Situation verändern. Es wird heißer und trockener. Bäume können da viel mildern, aber Bäume werden nicht vorgeschrieben, aus Sicht von Bauträgern kosten sie nur Geld und bringen nichts.“
In Wien gibt es aber noch weitere gefährdete Plätze: Der Wissenschaftler nennt etwa größere Freiflächen entlang des Wientals oder an der Donau. „Baulich bedingt sind auch die starken Winde in der Innenstadt um den Stephansdom, in der Zone zwischen Rotenturmstraße, Stock-im-Eisen-Platz, Kärntner Straße und am Graben. Ebenso ist die Kreuzung von Mariahilfer Straße und Gürtel vor dem Westbahnhof ein idealer Ort für Starkwinde.“
Eine Lösung derartiger Bauprobleme sei ganz einfach, vorausgesetzt, dass sie von Anfang an bedacht werde: „Man muss den Wind brechen.“ Jedenfalls sei bekannt, welche Luftströmungen in welchen Gegenden vorherrschen, und deshalb ließe sich auch „ziemlich genau berechnen, welche Veränderungen auftreten, wenn Hochhäuser errichtet werden“. Und: „Auf der Donauplatte wurde anfangs auf die Windsituation überhaupt keine Rücksicht genommen.“ (…)
Michael Lohmeyer, Nächstes Winddesaster: Neuer Hauptbahnhof, Die Presse 02.04.2009
Kränkungen
Mittwoch, 1. April 2009
Unheimlich
Winterhoff: (…) Ein Fünftel der jungen Heranwachsenden ist nicht reif für eine Ausbildung, und 30 Prozent der Kinder sind in Behandlung: Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. In meiner Praxis habe ich vorwiegend mit bürgerlichen Familien zu tun. Mir fällt auf, dass es sehr engagierte, beziehungsfähige Eltern sind. Sie haben alles für ihre Kinder getan. Und obwohl diese Bedingungen vorliegen, sind ihre Kinder gravierend auffällig. Ich erlebe Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren, die von jetzt auf gleich völlig ausrasten, das Gegenüber nicht erkennen und selbst Männer attackieren.
Bergmann: Die Entwicklung droht uns um die Ohren zu fliegen. Ich gebe Herrn Winterhoff in einem Punkt recht: Es reicht heute nicht mehr, die alten individualtherapeutischen Ansätze zu verfolgen oder nur die Familienstruktur im Auge zu haben. Man muss mit einem gewissen Fingerspitzengefühl für die Komplexität der gesellschaftlichen Einwirkungen auf die Kinder eingehen.
SPIEGEL: Wenn Sie in der Diagnose weitgehend einig sind, worin liegt dann der Dissens?
Winterhoff: Die Frage ist, was hinter den Auffälligkeiten steht. Die Kinder, die ich bis vor zwölf Jahren gesehen habe, wussten, dass es ein Gegenüber und Regeln gibt. Die Kinder, denen ich heute begegne, zeigen eine Respektlosigkeit und stellen sich nicht mehr auf das Gegenüber ein. Stattdessen zwingen sie den Erwachsenen, sich auf sie einzustellen.
Bergmann: Stimmt - aber natürlich nur für einen Teil der Kinder, der näher umrissen werden müsste. Da zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung ab, die von vielen, auch mir, seit längerer Zeit beschrieben wird, aber keineswegs bis ins Letzte verstanden worden ist: Manche Kinder sind freundlich, sympathisch, aber sie flutschen rechts und links an allen Regeln und Vorgaben, an allen Verbindlichkeiten vorbei. In meiner Praxis sind sie ausgesprochen höflich und sagen: Das war ganz toll bei Ihnen, Herr Bergmann. Ich sitze trotzdem bedröppelt hinter meinem Schreibtisch und habe das Gefühl, dass ich das Kind nicht erreicht, nicht berührt habe. Als gäbe es gar keinen Kern des Selbst, mit dem bewusst und unbewusst Kontakt aufgenommen werden könnte. Dies ist ein sehr auffälliger Teil einer gefährlichen Entwicklung. Die Kinder laufen uns aus dem Ruder. Es ist eine fast unheimliche Tendenz.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff und der Diplompädagoge Wolfgang Bergmann im SPIEGEL-Gespräch