Donnerstag, 20. August 2009
Kind im Gottesdienst
Das kleine Mädchen war dem Pfarrer zu laut: Eine Mutter verlässt weinend mit ihrer Tochter die Kirche, weil sich der Prediger von dem Kind gestört fühlt. Der Fall spaltet die Gemeinde.
Was wiegt schwerer? Das Recht der Gemeinde auf einen ruhigen Gottesdienst und einen konzentrierten Prediger - oder das Verständnis für Kinder, die manchmal nicht so lange stillhalten können?
Am vergangenen Sonntag fühlte sich Sylts katholischer Pfarrer Dr. Ulrich Hoppe durch ein in seiner Nähe sitzendes dreijähriges Mädchen beim Predigen gestört. Nach einer ersten Bitte um Ruhe ("Ich kann mich sonst nicht konzentrieren") fragte Hoppe, ob Mutter und Kind die Predigt übernehmen wollten. Die Frau verließ daraufhin weinend die Kirche und rund 40 der 500 Gottesdienstbesucher folgten ihr.
Vorher kam es zu einem lautstarken Wortwechsel zwischen denen, die für Rücksicht auf den Pfarrer plädierten und Kritikern, die von dem Geistlichen mehr Verständnis erwarteten. Ulrike Bergmann hat je einen Vertreter beider Positionen nach ihren Meinungen gefragt. Nach dem Gottesdienst gab es übrigens eine Versöhnung zwischen dem Pfarrer und der betroffenen Mutter.
Leserkommentare
Zum Thema :Streit im Gottesdienst? Was würde wohl Jesus dazu sagen?
Als einmal Jesu Jünger die kleinen Kinder der Gemeinde zu ihm bringen wollten, versuchten seine Jünger, das Volk daran zu hindern. Wie reagierte Jesus darauf? War er genervt, als er die (wohlmöglich unruhigen) Kinder sah? Nein ! Er sagte wörtlich zu seinen Jüngern: "Lasst doch die kleinen Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran, zu mir zu kommen, denn das Königreich gehört solchen, die wie sie sind." (Matthäus-Evangelium 19:13,14)
Bei einer anderen Gelegenheit sagte er zu seinen Jüngern: Wer immer dieses kleine Kind aufgrund meines Namens aufnimmt, nimmt auch mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt auch den auf, der mich ausgesandt hat. Denn wer sich unter euch allen als ein Geringerer benimmt, der ist groß." (Lukas-Evangelium 9:46-48)
Jesus liebte also kleine Kinder. Die Bibel sagt, die Kinder kamen gern zu ihm. Hätten sie das wohl getan, wenn er sie weggeschickt hätte? Auch im alten Volk Israel waren Kinder bei der Anbetung erwünscht. Alte, Junge, Männer, Frauen und ihre Säuglinge und Kleinkinder versammelten sich regelmäßig, um Gott anzubeten. Wie schön wäre es, wenn sich alle Menschen nach diesen Vorbildern richten würden, und sich erst Recht von Jesu Lehren und Wirken beeinflussen lassen würden.
HEIDE19.08.2009 13:42
Denn in der Bibel steht geschrieben...
Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: "Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen"
Markusevangelium 10,14
ANDREAS19.08.2009 13:59
Ab in den Kindergarten...
Der Pfarrer gehört umgehend seines Amtes enthoben. Er hat nichts von alldem begriffen was er versucht der Gemeinde an christlichem Glauben zu vermitteln. Er scheint den Inhalt des Buch Gottes nicht zu kennen. Man kann vermuten dass er auch sonst nicht als christliches Vorbild lebt. Wie will so jemand die Gemeinde (und ggf. neue Gemeindemitglieder) vom christlichen Glauben überzeugen ?
Als Wiedergutmachung schlage ich eine Versetzung des Pfarrers in einen Kindergarten einer Großstadt vor.
KNUT SEGATZ - POSTINA19.08.2009 14:41
Streit im Gotteshaus
Sowas habe ich noch nie gehört. Obwohl ich selber auch katholisch bin, Vater von 4 Kindern und aus Bayern stamme habe sowas noch nie erfahren. Obwohl wir aus (in) Bayern in Kirchensachen doch etwas eigen sind. Natürlich ist es nicht leicht wenn Kinder laut sind, aber in Ettal wo ich zuhause bin (war) haben Kinder wärend des Hochamtes sich frei und ungezwungen im Hause des Herrn bewegen können.
Übriegens der Pfarrer sollte bedenken: die Kirche ist das Haus des Herrn und nicht seins und dann sollte er mal in der Biebel lesen, besonders im Marcusevangelium 10,14. Ansonsten sollte er darüber nachdenken ob er noch als Pfarrer tätig sein will.
schließlich ist er für uns und wir nicht für ihm da.
SYLT IST SCHÖN!19.08.2009 14:47
Werte Vorredner
Ich verstehe den Zusammenhang zwischen all den Bibelzitaten und dem Vorfall nicht. Der Pfarrer fühlte sich gestört und bat die Frau mit dem Kind, in den hinteren Teil der Kirche zu gehen. Was ist daran so schlimm? Ich finde das verständlich. Das alles eskaliert ist ist befremdlich, aber doch so menschlich, beharrte doch jeder auf "sein" Recht. Jede Situation muss daher neu bewertet werden, daher sehe ich auch keine Vergleichsmöglichkeit zu irgendwelchen Vorfällen in Ettal...
KATHOLISCH, WARUM NICHT?19.08.2009 14:55
Herr Seganz!
Das ist ja wohl die Höhe, Herr Seganz! Aufgrund dieses Vorfalls bitten Sie den Pfarrer um Rücktritt? Ich glaube ich spinne! Ich habe selten einen Fall erlebt, wo die Kirche derart aus dem Dorf gerissen wurde wie hier. Ich sehe ein, dass es etwas merkwürdig vorging in diesem Gottesdienst, aber über solch einer scharfen Forderung stehe ich fassungslos gegenüber. Im Übrigen: Der Pfarrer ist für Jesus Christus und die Gläubigen da. Die Gläubigen für Jesus Christus, der vom Pfarrer repräsentiert wird. So einfach ist es also nicht, wie Sie behaupten...
K. RIST19.08.2009 16:33
Lasset nicht nur die Kinder zu mir kommen!
Es geht doch nicht darum, dass Jesus - und auch der Pfarrer - die Kinder in seinem Haus nicht duldet. Hier war es so, dass der Geistliche das Wort Gottes an ALLE weitergeben wollte. Logisch, dass dies nicht funktioniert, wenn störende Geräusche, egal woher sie kommen, den Pastor übertönen. Mütter, Väter oder überhaupt Erwachsene sollten sich überlegen, ob sie Säuglinge und Kleinkinder mit zum Gottesdienst nehmen, vor allem, weil die Kinder ohnehin nichts davon haben. Außerdem wird in fast jeder Kirche angeboten, Kinder während des Gottesdiensts in einem anderen Raum zu beschäftigen. Sicherlich hat der Pastor überreagiert, ein freundlicher Hinweis wäre passender gewesen. Aber: Sollen 500 Gläubige auf das für sie wichtige Wort Gottes verzichten, weil ein Kind, das natürlich selbst gar nichts dafür kann, permanent schreit?
DR. JUR. THEODOR VON CAMPE19.08.2009 16:48
Singen, Tanzen, Gott eine Freude machen !
Wer in eine "Kirche" geht, in der keine Kinder mehr geduldet werden, sondern nur noch "Zuhörer", kann gleich zu einer Parteiveranstaltung gehen, sich hinsetzen, brav zuhören, was die Gurus erzählen und in Ruhe nach Hause gehen.
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Ich sage Euch : bietet diesen "kirchlichen Häuptern" klar einen Weg in den Ruhstand an.
JOCHEN19.08.2009 17:34
Ruhe!
Der Gottesdienst hat einen bestimmten Sinn und Zweck. Es kann nicht sein, dass ein kleines Kind 500 Teilnehmern seinen Willen aufzwingt. Wenn das Kind nicht bereit oder Willens ist, sich den Regeln eines Gottesdienstes zu unterwerfen, sollte es zu Hause bleiben, da es Gottesdienst-untauglich ist. Das Kind wird schon noch genug Gelegenheit haben, den Gottesdienst zu besuchen (wenn es das denn überhaupt FREIWILLIG will) wenn es älter wird.
GOODTASTE6719.08.2009 19:31
laut lauter am lautesten
Also mir würde als Pfarrer das Kindergeblähre tierisch auf den Geist gehen . Muß das Kind eigentlich dabei sein ? Vielleicht war das Kind so unruhig , weil es , aus was für Gründen auch immer gar keine Lust auf den Gottesdienst hatte.
Aber Mutti wollte ja unbedingt ... Irgendwie mal `ne Stunde Klappe halten geht wohl heute ncht mehr ! Was hab`ich bloß geschrieben? Ich schlimmer Nichtgutmensch !!!!
PETER DEGENHARDT19.08.2009 20:32
Des Pfarrers Verhalten kommt einem Versetzungsantrag gleich
Eine reife Leistung, Herr Dr. Hoppe, endlich hat das elitäre Denken und Handeln der Sylter nun auch in der Kirche Einzug gehalten. Was sind schon tatsächlich lebende und quicklebendige Kinder im Verhältnis zu Gott im Glauben? Die Sylter, die sich einbilden, reich und auserwählt zu sein, haben nun endlich einen Pfarrer, der sie mit seinem Verhalten bestärkt, der Wirklichkeit entrückt sein zu dürfen. Die Mutter und ihre Kinder sind mir im Herzen nahe, dem Pfarrer gehört die Bibel aus der Hand genommen, und die Verkündigung solle er lieber einem Laien übergeben: Diese stehen den Menschen näher und haben mehr Realitätsbezug.
Ich grüße Sie in atheistischer Verbundenheit.
TANJA19.08.2009 23:00
man man
sowas kinderfeindliches wie hier habe ich selten erlebt. ihr heult alle rum, dass deutschland ausstirbt und keiner mehr kinder in die welt setzt ...seht doch warum nicht...weil es solche ignoranten gibt!!!!!!!!!!! bei uns sind kinder herzlich willkommen und es werden auch extra solche gottesdienste gegeben wo kinder an erster stelle stehen...ist ein kind kein christ oder was??? also wegen solcher leute hier muss man sich manchmal echt schämen deutscher zu sein!!!!!
Kinder im Gottesdienst: Solche Zeitungsdiskussionen begegnen sonst eher (und immer wieder) im Rückblick auf die Christvespern am Heiligen Abend. Es ist üblich geworden, Kinder ohne Rücksicht auf ihr Alter überallhin mitzunehmen, also auch in die Kirche. Nicht jeder Geistliche kann damit gut umgehen. Aber ganz schnell wird an diesem Problem eine Grundsatzdiskussion aufgehängt, die für mein Empfinden in eine unsinnige Richtung führt. Hat eine christliche Gemeinde prinzipiell und bei allen möglichen Gelegenheiten ihre Kinderfreundlichkeit zu demonstrieren, nur weil Jesus auch Kinder gesegnet hat?
Hard to sell to a young private...
The Army plans to require that all 1.1 million of its soldiers take intensive training in emotional resiliency, military officials say.
Active-duty soldiers, reservists and members of the National Guard will receive the training, which will also be available to their family members and to civilian employees.The training, the first of its kind in the military, is meant to improve performance in combat and head off the mental health problems, including depression, post-traumatic stress disorder and suicide, that plague about one-fifth of troops returning from Afghanistan and Iraq.
The new program is to be introduced at two bases in October and phased in gradually throughout the service, starting in basic training. It is modeled on techniques that have been tested mainly in middle schools.
Usually taught in weekly 90-minute classes, the methods seek to defuse or expose common habits of thinking and flawed beliefs that can lead to anger and frustration — for example, the tendency to assume the worst. (“My wife didn’t answer the phone; she must be with someone else.”)
The Army wants to train 1,500 sergeants by next summer to teach the techniques.
In an interview, Gen. George W. Casey Jr., the Army’s chief of staff, said the $117 million program was an effort to transform a military culture that has generally considered talk of emotions to be so much hand-holding, a sign of weakness.
“I’m still not sure that our culture is ready to accept this,” General Casey said. “That’s what I worry about most.”
In an open exchange at an early training session here last week, General Casey asked a group of sergeants what they thought of the new training. Did it seem too touchy-feely?
“I believe so, sir,” said one, standing to address the general. He said a formal class would be a hard sell to a young private “who all he wants to do is hang out with his buddies and drink beer.”
Aus einem Artikel der New York Times über ein neues Programm in der US Army
Lyrik auf der Trimburg
Herget trägt bewundernswert sicher und frei vor, er hat seine Gedichte und Texte exakt auf die Stimmung der Trimburg bezogen, auf den Sonnenuntergang, die Dämmerung und das erste Sternenlicht. Hauptsächlich Klassiker rezitiert er, zuerst sind es die großen kosmischen Themen, das Universum, Gott, Weltgeist und Untergang. Wir sind Sternenstaub, rezitiert Herget.
Zart, erbaulich, weise
Das nächste Thema ist die Liebe. Die Zartheit von Rilke kommt zum Vorschein, die Weisheit von Goethe, die Erbaulichkeit von Hesse. Dazwischen Humor und Ironie von Brecht, Tucholsky oder Kästner, die auf die Widersprüchlichkeit der menschlichen Begierden verweisen. Ja, die Liebe. Sie scheint das größte kosmische Thema zu sein. Dramen, von denen Heinrich Heine so hintergründig reimt, Schmerzen, von denen fast alle Dichter berichten.
Die einen sterben, weil sie lieben, die anderen sind nur, wenn sie lieben, unsterblich. Der Weltgeist will uns Stufe um Stufe heben, sagt Hermann Hesse, aber bis ins vergangene Jahrhundert scheinen die Dichter daran festzukleben, dass Liebe und Schmerz, Liebe und Wahnsinn, Liebe und Tod zusammengehören. Das lässt zumindest die Textauswahl Hergets vermuten. Die Worte großer Gedichte schneiden ins Herz: „Ich habe mein Leben entblößt vor dir (...) behüt mich, als ob ich verloren wär“. Die Worte berühren die Seele. Sie sind in sich selbst stark genug, sie bräuchten die musikalische Untermalung nicht, die Herget in seine Inszenierung eingebaut hat. Da schweigen in einem Gedicht die Vögel, und aus dem Lautsprecher tönt der Kuckuck in die Nacht. Da stellt sich die Frage, ab wann die großen Gefühle in Kitsch umkippen. Ab wann die christlich-abendländischen Liebesmodelle nicht mehr funktionieren. Wo die Grenze zwischen Pathos und Plattheit verläuft.
Herget macht seine Gäste auf die Perseiden aufmerksam, auf Sternschnuppen, die auch Laurentius-Tränen genannt werden. Weil sie jedes Jahr in der ersten Augusthälfte in unsere Atmosphäre fallen. Es ist aber noch nicht dunkel genug. Und vielleicht schon ein paar Tage zu spät. Vielleicht hat es damals in Woodstock welche gegeben, Janis Joplin jedenfalls hat auch davon gesungen, dass wir aus Sternenstaub gemacht sind. Die Sternschnuppen wollen uns sicher daran erinnern. Und daran, dass wir wieder lernen, uns etwas zu wünschen. Ich wünsche mir, dass die Liebe demnächst ohne Pathos, ohne Verzweiflung, Schmerz und Tod daherkommen kann.
Kompetenzzentrum Predigtkultur
Zum „Leuchtfeuer“ des Glaubens soll die Predigt am Sonntagmorgen wieder werden. So hat es sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihrem Reformprozess vorgenommen. Doch bevor das Leuchtfeuer brennen kann, ist ein Leuchtturm zur Orientierung nötig. Denn auf kaum einem Gebiet des Protestantismus lauern so viele Klippen, Untiefen und Strudel wie hier.
Da gucken zwei Pfarrer im Konfirmationsgottesdienst durch Kaleidoskope, erheitern sich an den lustigen Lichtbrechungen – und verfehlen den Ernst der Jugendlichen an deren großem Tag. Da feiert eine traditionsbewusste Gemeinde mit lutherischem Grimm die Gründonnerstagsliturgie – und in der Predigt weiß der Geistliche aus der Fußwaschung bloß abzuleiten, dass man mal von Konventionen abweichen soll. Da hat ein Pfarrer mit dem Gleichnis vom unehrlichen Verwalter (Lukas 16) zu tun – und führt mit verstellter Stimme fiktive Radiointerviews. Und so weiter und so fort, den Spott über Predigten lassen sich bildungsbürgerliche Abendgesellschaften so gern auf der Zunge zergehen wie die italienischen Vorspeisen.
Es ist also überfällig, dass die EKD im Herbst ihr „Kompetenzzentrum Predigtkultur“ in Wittenberg eröffnet, das in Ergänzung landeskirchlicher Weiterbildung der Kanzelrede aufhelfen soll. Als Teil der Wittenberg-Stiftung, die während der Luther-Dekade bis 2017 neuer Profilbildung dient, soll das Zentrum einen „Überblick über neue Trends“ und „Beispiele überzeugender Textauslegung“ bieten, wie ihr Leiter Alexander Deeg sagt. „Wir wollen einen Schutzraum zum Ausprobieren neuer Ideen bieten und Beispiele überzeugender Verkündigung vorstellen. Statt um Normierung geht es uns darum, die Individualität der Prediger zu stärken und ihnen Leidenschaft und Muße zu ermöglichen“, erläutert Deeg, der sich bisher an der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Predigen befasste.
Wobei Deeg weiß, wie schwer es die Pfarrer haben, wie unterschiedlich die Erwartungen sind. Viele Jugendliche, das zeigen Umfragen, empfinden die Kanzelreden per se als langweilig und mit ihren biblischen Bezügen irrelevant fürs eigene Leben. Ältere Christen hingegen vermissen genau den Textbezug, während anderen die ethischen Ableitungen zu salbungsvoll sind. Wie man es auch macht, so müssen die Pfarrer da denken, ist es verkehrt.
Hinzu kommt, dass neue Ideen bei regelmäßigen Kirchgängern gar nicht gut ankommen: Diese sind meist zufrieden mit dem, was sie üblicherweise hören. Geschimpft wird vor allem von jenen, die nur selten kommen und mit ihrem Pauschalurteil einen sicheren Vorwand haben, um von häufigeren Besuchen abzusehen. Freilich sind die Pfarrer und Pfarrerinnen auch nicht fair. So ergab eine Umfrage in Bayern, dass dortige Pfarrer zwar die eigenen Predigten recht gelungen finden, aber kräftig lästern, nachdem sie mal einen Kollegen haben reden hören.
Solche Borniertheit zu lösen ist ein Ziel des Predigtzentrums, das eng mit dem gottesdienstlichen EKD-Kompetenzzentrum in Hildesheim und dem missionarischen in Dortmund kooperiert. Noch freilich sind erst Teile der Arbeit umrissen. Sommerkurse für interessierte Prediger soll es geben, Kongresse sowie Auftritte besonders ausstrahlungsfähiger Kanzelredner. Datenbanken und Anregungsmaterialien werden im Internet bereitgestellt, wobei es aber keine weitere Seite mit Vorformuliertem zum Herunterladen geben soll, womit sich allzu viele Pfarrer die Arbeit allzu einfach machen. Eher sollen Videos oder Beschreibungen faszinierender Predigten demonstrieren, was man mal ausprobieren kann, wobei auch Vortragskulturen anderer Länder, zumal in Afrika und Amerika, vorgeführt werden.
DEN SCHATZ DER GESCHICHTEN HEBEN
Was dort gepflegt wird: die Kunst des erläuternden Erzählens, sprechen auch Deeg und sein Kollege am Predigtzentrum, der Kulturwissenschaftler Dietrich Sagert, immer wieder an. „Ich habe mal mit Studenten“, berichtet Sagert, „die Abraham-Geschichten aus der Bibel behandelt und diese oft einfach nur vorgelesen oder nacherzählt. Die Studenten waren fasziniert von den Erzählungen, und dann war es ganz leicht, mit ihnen die Dramatik und den Ernst des Geschehens in interaktiven Momenten nachzuvollziehen.“ Vom „Schatz unserer Geschichten, den wir heben müssen“, spricht auch Prälat Stephan Dorgerloh, der als Beauftragter des Rates der EKD in Wittenberg und Geschäftsführer der Wittenberg-Stiftung das Predigtzentrum mit begleitet. „Joseph und seine Brüder“, sagt Dorgerloh, „ist doch eine großartige Geschichte, die es nicht nötig hat, dass man ständig daran herumdeutet.“ Vielmehr reiche es, den Zuhörern etwa durchs Wort „Migrant“ klarzumachen, wie aktuell die Erzählung von den israelitischen Auswanderern sei. Dann könne die Gemeinde schon selbst über die Gegenwart in der multikulturellen Gesellschaft nachdenken.
„Wir dürfen Gottes Wort ein bisschen mehr zutrauen“, ergänzt Deeg und bekräftigt, dass es in Wittenberg vor allem um eine neue Kultur des Narrativen, des lebendigen, dabei anregenden und anleitenden Erzählens gehen solle. „Deus dixit, Gott spricht, darum kreist doch die Predigt, und daher können die Pfarrer ruhig mehr auf die enorme Kraft der biblischen Texte vertrauen.“ Vielleicht, so Deeg, könnten Pfarrer in der Anlehnung an die Texte auch mehr Mut zur kraftvollen Rede fassen. Denn das ist ein Problem bei Theologiestudenten: Die meisten sehen sich als Seelsorger, nur wenige auch als öffentliche Verkündiger. Möglicherweise könnte ihnen mehr Vertrauen in die Kraft der Texte mehr Selbstvertrauen bei deren Darstellung und Auslegung geben.
Und möglicherweise, denkt man, lassen sich so auch die unterschiedlichen Erwartungen verklammern. Denn die Geschichte von Kain und Abel oder die von der österlichen Bestürzung der Frauen am leeren Grab sind so erschütternd, menschlich wahr und geheimnisvoll, dass davon Bildungsbürger wie Busfahrer, Jugendliche wie Rentner angesprochen werden sollten. Wenn man den Geschichten denn vertraut und sie kraftvoll erzählt.
Und wer dann immer noch zweifelt, ob das gut ankommt, für den hat Deeg einen Trost bereit: „Wir wissen aus Befragungen, dass viele Kirchgänger die meditative Kraft der Predigt schätzen. Sie müssen 15 Minuten lang nichts tun und dürfen einfach ihre Gedanken schweifen lassen – was auch immer der oder die da oben auf der Kanzel erzählt.“
Matthias Kamann: Kain und Abel brauchen keine Mätzchen, welt.de
Früher einmal konnten wir evangelischen Pfarrer das noch. Aber die Zeiten haben sich geändert, mit ihnen auch die Kommunikationsbedingungen...
Christliche Mystik
Kann man Bach wirklich verstehen, wenn man nur auf der Oberfläche des Nichtglaubens bleibt? Da rührt Bach allein Emotion. Taucht man tiefer, rührt Bach den Glauben an Gott. Und so ist es mit vielen kulturellen Errungenschaften der Christen. Denken wir allein auch an Rembrandt, der sich in seinem Alter wieder als Verlorenen Sohn ansah, und das Gleichnis von Jesus in kaum beschreibbarer Weise dargestellt hat.
Christliche Mystik hat ebenfalls der Welt Neues gebracht, eine Tiefe, die weiter geht als die Tiefe, die der Mensch in sich selbst sucht - und sie ist sozial gebundene Mystik. Aber angesichts der Selbstvergessenheit, ist all das aus den Herzen und Hirnen so mancher Zeitgenossen verschwunden, und so manche suchen diese Mystik beim Buddhismus. Aber sie finden nur die Tiefe des Menschen - von ganz besonders “tiefgründigen” Menschen wird sie als Tiefe des Kosmos bezeichnet. Manche ahnen ein wenig von der Tiefe christlicher Mystik, wenn sie heute in den Klöstern Ruhe und Geborgenheit suchen. Paulus schreibt: “Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.” (1Korintherbrief 2) Ich weiß, manche mögen keine Bibelzitate, dafür Zitate von Buddha oder Konfuzius. Aber hier wird schon ein wenig von dem Weg sichtbar, den christliche Mystik gewiesen bekommt: Ein Geschenk von Gott auszupacken…