Sonntag, 28. Februar 2010

Hinweis im Türkenschanzpark

Kleine Karriere

Der Tod meiner Frau

Mich ließ niemand spielen,
mich kannte kein Intendant
und kein Theaterzettel nannte meinen Namen.
Ich, der akademische Schauspieler Hempel,
ging gleich von der Schauspielschule zum Arbeitsamt.

Nachdem sich meine Frau mit Leuchtgas vergiftet hatte,
weil sie seit ihrem Kinderfilm nie wieder spielte
und nun ein zweites Paar Schuhe haben wollte,
traf ich einen früheren Mitschüler.
Wenn es so schlimm mit dir steht, sagte er,
werde ich mit unserem Regisseur sprechen,
der hat ein Herz und liebt Experimente;
der Dorval in Goldoni's »Rabbelkopf« ist noch frei.

Nun stand ich auf der Bühne,
das war möglich, weil die geschiedene Frau meines Vaters
für die kleine Renate kochte.
Der Regisseur sagte, ich sei ein guter Schauspieler
und könnte eine Kanone werden,
»Ich habe was Neues für Sie,
Ihre Frau war sehr voreilig mit dem Schritt -
Oder ein bisschen hysterisch, was?
Na, wie manchmal die Frauen so sind«, sagte er.

Vielleicht gibt es
nur nicht genügend Theater in dieser Stadt?

Nur eins.


Robert Wolfgang Schnell

Im Marianum

Der Fall einer Bischöfin

Schwere Tage waren dies für die Evangelische Kirche in Deutschland. Am vergangenen Wochenende überfuhr die leitende Geistliche, die Ratsvorsitzende der EKD Margot Käßmann, nach einem Kinobesuch in Hannover eine rote Ampel und wurde von einer Polizeikontrolle gestoppt. Eine Blutprobe wurde entnommen, die einen Blutalkoholwert von 1,54 Promille ergab.

Am Mittwoch ist Frau Käßmann von ihren kirchlichen Leitungsämtern zurückgetreten, obwohl ihr der Rat der EKD noch am Abend zuvor sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Die öffentliche Diskussion vor und nach dem Rücktritt war lautstark, in den Foren aller großen deutschen Zeitungen beteiligten sich unzählige Menschen, nach meinem Eindruck wurde der Rücktritt nur von einer Minderheit gefordert bzw. begrüßt.

Margot Käßmanns Karriere gleicht der eines Wunderkindes. Schon als Vikarin wurde sie von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck auf die Weltkirchenkonferenz in Vancouver entsandt, wurde dort in den Exekutivausschuss gewählt. Sehr jung wurde sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, dann als zweite deutsche Landesbischöfin geistliches Oberhaupt der größten deutschen Landeskirche, derjenigen von Hannover. Im vorigen Herbst wurde sie endlich zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Ein höheres Amt kennt die evangelische Kirche in Deutschland nicht.

Als Bischöfin entwickelte sie einen sehr offensiven Umgang mit den Medien. Als sie an Brustkrebs erkrankte, wusste dies ganz Deutschland und nahm Anteil. Als sie nach erfolgreicher Therapie sich im Jahr darauf scheiden ließ, polarisierte sie schon einmal den deutschen Protestantismus: Kann eine geschiedene Frau Bischöfin bleiben? Aber ihre Landeskirche trug sie, und sie blieb im Amt, den Konservativen bot sie natürlich noch mehr Angriffsfläche. Als sie in das höchste EKD-Amt gewählt wurde, brach die russisch-orthodoxe Kirche demonstrativ die bilateralen Gespräche mit der EKD ab. Mit einer Kirche, an deren Spitze eine Frau, und nach dazu eine geschiedene, steht, sei ein weiterer Dialog nicht möglich.

Im neuen Amt nahm Frau Käßmann kein Blatt vor den Mund, profilierte sich als moralisches Gewissen der Nation, vor allem natürlich mit ihrer Neujahrspredigt, in der sie sehr klare Worte für den Einsatz von NATO und Bundeswehr in Afghanistan fand. Eine Hoffnungsträgerin, eine Sympathieträgerin, die evangelische Positionen sehr glaubhaft und öffentlichkeitswirksam vertrat. Man nahm ihr ab, was sie sagte. Ein Glücksfall für die Evangelische Kirche.

Und nun diese Trunkenheitsfahrt, bei der zwar niemand zu Schaden kam, die aber doch die moralische Autorität Margot Käßmanns radikal in Frage stellte. Dass sie mit diesem Alkoholpegel überhaupt noch ein Auto lenken konnte, spricht für eine gewisse Gewöhnung an Alkohol. Dass sie noch dazu mit ihrem Dienstwagen unterwegs war, fiel kaum ins Gewicht. In der öffentlichen Diskussion überwog das Verständnis: Ein Fehler, natürlich, aber kein Grund zum Rücktritt.

Evangelische Christen wissen, dass wir alle Sünder sind und bleiben. Die öffentliche Meinung aber lebt von der Projektion, die "Prominenten" (Filmstars ausgenommen) hätten perfekt zu sein. Politiker sind schon über kleinere Delikte gestolpert. Öffentliche Moral ist scheinheilig und werkgerecht, weiß nichts vom Evangelium.

Margot Käßmann hat am Mittwoch ihren Rücktritt vom Ratsvorsitz der EKD und vom Bischofsamt erklärt, und das war sehr klug. Viele Menschen haben ihren Schritt bedauert, aber tatsächlich hat sie so weiteren Schaden von der evangelischen Kirche abgewendet. Persönlich hat sie auch in ihrem Rücktritt Format bewiesen, und genau darum wird sie ihre moralische Autorität so bewahren, ihre Stimme wird auch weiterhin zu hören sein, sicher auch schon beim Ökumenischen Kirchentag in München.

Samstag, 27. Februar 2010

Ach, dass der Himmel zerrisse...

Für kleine Tiere

Strategie des Kaninchens

Unauffällig leben.
Flach atmen,
wenig und leise denken,
nicht bewegen.
Erinnerungen schweigen!
Nichts wünschen.
Warten
auf den Tod oder das Leben.
Oder davonlaufen.

Dienstag, 23. Februar 2010

U 6 Gumpendorfer Straße

Sehr schön! Dada lässt grüßen...

Mit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literaturdebatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt - und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben.

Eigentlich sollte in der Aufregung um "Axolotl Roadkill" schon alles gesagt sein und tatsächlich auch von jedem. Doch mit einer beinahe dadaistischen Plagiatsaktion hat der Dichter Durs Grünbein der ausufernden Diskussion noch einmal einen Höhepunkt gegeben. Er lieferte zur Plagiatsdebatte selbst ein Plagiat - und niemand merkte es.

Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vom Dienstag erschien ein Text, in dem Grünbein den Hegemann-Kritikern vorwarf, sie seien "sonderbare Persönlichkeiten" und hätten "sonderbare Vorstellungen" über Stoff und Dichtung, "sonderbare Gefühle" und "sonderbare Nerven" für die Eindrücke, die "sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!" Grünbein bejubelt in dem Text die "Inspiration einer großen Schöpferin", von der "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird".

Das war ein ganz und gar Grünbein-untypischer Sound, und der täglicheFeuilleton-Dienst "Perlentaucher" lästerte prompt: "Wes Herz der Liebe zur jungen Literatur voll ist, des Zunge quillt oder schwillt oder, na ja." Auch in den Kommentaren im "FAZ"-Online-Forum löste der Text eine rege Debatte aus: "Himmel, welch ein dürftiger Kommentar des Herrn Grünbein. Im Grunde will er uns wohl in verschwurbelter Sprache sagen, der Zweck heilige die Mittel", regte sich ein User auf.

"Der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen"

Doch was da unter dem Namen Grünbein in der "FAZ" erschien, ist auf ganz andere Weise der Kommentar des Dichters zur Debatte. Nach SPIEGEL- Informationen ist dieser Grünbein-Text über das Plagiat selbst ein Plagiat.

Der Originaltext, den Grünbein offenbar nur aktualisierte und in dem er ein paar Namen änderte, ist von Gottfried Benn und erschien in den zwanziger Jahren in der "Vossischen Zeitung". Benn verteidigte damals die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen Plagiatsvorwürfe zu ihrem Roman "Das verlorene Kind". Auch der erschien damals - wie heute Hegemanns Buch - im Ullstein-Verlag.

Grünbein sagte auf Anfrage nur: "Und wenn es so wäre?" - und verwies auf die "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Der Text stammt fast zu 99 Prozent von Gottfried Benn, auch der Titel 'Plagiat' ist von ihm." Die Idee zu der Aktion habe Grünbein gehabt. "Er wollte damit der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen."

Im "FAZ"-Online-Forum war mancher auch schon auf der richtigen Spur gewesen: "Wird dies nun der endgültig letzte Kommentar zum Fall Hegemann sein? Jetzt spricht ein Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen." Einen kleinen Hinweis hatte die "FAZ" ihren Lesern offenbar selbst geben wollen. Die Überschrift zu Grünbeins Text erschien in doppelten Anführungszeichen: ""Plagiat"".

spiegel.de

Ja, das ist in der Tat ein gelungenes parodistisches Schlusslicht. Literatur lebt von der Weiterverwendung und Weiterentwicklung von Motiven, Sprache, Formulierungen, Szenen, Themen. Und eigentlich gilt das nicht nur für Literatur, sondern auch für Wissenschaft, bildende Kunst, ja für das Leben selbst. Wir erfinden uns nie ganz neu und bringen nur selten etwas ganz Neues hervor, sondern leben immer von den Ahnen, den Vorgängern. Zwerge auf den Schultern von Riesen, so geht die Kultur weiter. Der Talmud belegt es in seiner Struktur, das Internet sowieso.

Detail in der Straßenbahn

Montag, 22. Februar 2010

Das Choralorakel

Seit meiner Kindheit singe ich Kirchenlieder, beim Spazierengehen und beim Abwasch, unter der Dusche und im Auto. Das kommt wie von selbst, ich brauche mir keine Gedanken darüber zu machen. Wenn ich wissen will, wie es mir geht, muss ich mich nur darauf konzentrieren, welches Lied ich eben vor mich hin summe: "Herz und Herz vereint zusammen"? "Erleuchte mich, o ewigs Licht"? Oder doch "Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin"?