Dienstag, 30. März 2010

Kleine Länder

Es ist eine Leidenschaft kleiner Länder, prominent gewordene Persönlichkeiten mit einem nationalen Copyright zu versehen. Der Grund dafür mag im übersteigerten Gefühl eigener kultureller Größe liegen, aber auch in der Angst, von der Welt übersehen zu werden. Am weitesten haben es in dieser Praxis zweifellos unsere magyarischen Freunde gebracht. Glaubt man Peter Hammerschlag („Der Mond schlug grad halb acht“), dann ist nicht nur Hollywood, sondern die ganze Welt eine „Ungarische Schöpfungsgeschichte“: „Im Ånfang wår – dås ist bestimmt – / DER WORT. Auf Griechisch LOGOSCH. / Im Weltmeer ist herumgeschwimmt / Dås Urgetier, dås Fogosch...“

Vor einigen Jahren wurde ein Bekannter von mir, ein polyglotter Weltbürger mit österreichischen Wurzeln und einer schweizerisch-britischen Lebensgeschichte, gefragt, welcher Staatsbürger er denn sei. Er antwortete: „I was born in Austria, but I try to be a human being now.“

Aus einem Kommentar in der "Presse" (Kurt Scholz: Die Österreich-Macher).

Kunst auch das



Graffiti auf Toilettentüren im art / brut center gugging.

Montag, 29. März 2010

Entsorgungsgedanken

ALTPAPIERCONTAINER

Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

es schreibt doch heutzutage

keiner Liebesbriefe mehr

Ich schmeiß Deine Briefe rein

von Juni bis September


Dass Du mich mal geliebt hast

ist schon viel zu lange her.

Dann bringe ich all die Flaschen

zum Container nebenan

die ich geleert hab

wegen Dir.


Das ist recht überschaubar,

weil ich nicht viel vertragen kann

aber Du fehlst

mir

so sehr.


Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

wo ich doch gar niemandem jemals

wieder Briefe schreiben will

Ich seufze leis und hole Luft

damit mein Herz nicht stehen bleibt

und schmeiße Deine Briefe ein

von Januar bis April


Dann bring ich Deine alten Hemden

zum Sammelstelle nebenan

sie riechen viel zu sehr

nach Dir

Du kommst ja nicht zurück,

Du ziehst sie eh nie wieder an

aber es fällt

mir

so schwer.


Du gingst fort und suchtest die Liebe

denn bei Dir war sie plötzlich

abhanden gekommen

Einfach so verpufft, wie kann das sein?

Und warum hast Du meine nicht gleich

mitgenommen?


Denn jetzt steh ich hier und weiß nicht wohin mit der Liebe

sie ist zu schade für den ganz normalen Müll,

auch wenn man ihn trennt.

Ich frag mich, was

von der Liebe wohl bliebe

wenn man alle

Antworten schon kennt.


Es gibt viel zu viele

ungestellte Fragen

wann wird hier der Müll geleert,

warum ist das mit uns vorbei

allen Mut, den ich noch finden kann

raff ich irgendwie zusammen

und schmeiße Deine Briefe rein

von Februar bis letzten Mai


Christiane Weber (von ihrem im Mai erscheinenden Solo-Album "Das Honolulu-Proinzip")

Lutherhof und Lutherkirche im Schein des ersten Frühlingsvollmonds



Erzählen über das Leben

"Oper ist erstmal mein Leben. Ganz klar. Ich glaub, dass wir mit der Oper sehr viel erzählen können über das Leben insgesamt. Das kann die Oper besser als jedes andere Genre, deshalb sollte man sich den Luxus leisten, und das ist es auch, was die Menschen begeistert."

Der Saarbrücker Operndirektor Berthold Schneider im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur anlässlich der szenischen Uraufführung der Schubert-Oper "Sakontala".

Klosterneuburg


Meine Schüler und Schülerinnen, die da wohnen, nennen ihre Heimatstadt übrigens "Kloburg".

Samstag, 27. März 2010

Dick oder dünn - das ist hier die Frage

Krach mit Soße

Für viele Amerikaner ist es eine Glaubensfrage: Sollte eine Pizza eine dicke Kruste, viel Tomatensoße und viel Käse drauf haben, wie sie in Chicago serviert wird - oder sollte sie dünn, biegsam und sparsam belegt sein wie in New York? An dieser Frage scheiden sich die Geister oft noch eher als an Konflikten über Partei- und Religionszugehörigkeit.

Und ausgerechnet zu dieser Grundsatzfrage äußerte sich dieser Tage die First Lady der USA, Michelle Obama. In der New Yorker Pizzeria Grimaldi's soll sie verkündet haben, dass die dort produzierten Teigfladen besser seien als die aus Chicago.

Ein Verrat an der Heimat

Dicke Kruste und viel Käse oder dünner Teig und sparsam belegt - das ist mehr als eine Geschmacksfrage.Das alleine wäre schon schlimm genug. Doch die Obamas stammen aus Chicago - ihr Mann war dort sogar Senator. Ein Aufschrei ging durch die Medienlandschaft der "Windy City": "Pizzagate" war geboren. Korrespondenten wurden in die Pizzeria im Feindesland entsandt, um den umstrittenen Wortlaut der Restaurantkritik zu ergründen. Kommentatoren fragten, warum Michelle Obama überhaupt in der Öffentlichkeit die an Fett, Salz und Kohlehydraten reichen Teigfladen anpreist, während sie sich sonst doch so intensiv für gesunde Ernährung einsetze. (…)

Tagesschau-"Schlusslucht"

Blick in den Lutherhof

Religiosität und Wohlstand als bestimmende Faktoren der Bevölkerungsentwicklung

Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?

Mindestens ein halbes Jahrhundert lang war die Religion in Europa auf dem Rückzug. Glaubten um das Jahr 1950 in vielen Ländern Europas noch rund 80 Prozent aller Menschen an Gott, so ging dieser Wert bis etwa 1990 überall deutlich zurück. Doch vor dem Hintergrund der niedrigen Geburtenraten in nahezu allen hoch entwickelten Industrieländern vermuten nun einige Wissenschaftler, der Anteil religiöser Menschen an der Bevölkerung nehme wieder zu. Nicht wegen einer Renaissance der Religiosität aus innerem Antrieb, sondern weil Gläubige deutlich mehr Kinder haben als Atheisten. Das Diskussionspapier "Glaube, Macht und Kinder" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung beleuchtet dieses Thema.

Bei aller Verschiedenheit ihrer Religionen eint es gläubige Katholiken, Protestanten, Juden oder Moslems, dass sie mehr Kinder als ihre nichtgläubigen Mitmenschen haben. Traditionell propagieren alle großen monotheistischen Religionen patriarchalische Familienwerte. Frauen haben diesen zufolge die vorrangige Verpflichtung, Kinder zu bekommen und zu erziehen, Männer sind angehalten, Frau und Kinder zu schützen und materiell zu versorgen. Fortpflanzungsfeindliches Verhalten wie Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität sind in allen großen Religionen geächtet. Historisch haben sich Glaubensgemeinschaften mit solchen Familienwerten durchgesetzt, weil die Weitergabe einer Religion an möglichst viele Nachkommen eine effektivere Form ihres Verbreitens ist als die mühsame Missionierung Andersgläubiger. Tatsächlich nimmt auch heute weltweit die Zahl religiöser Menschen zu. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem islamische Länder, in denen Religion eine große Bedeutung hat, ein starkes Bevölkerungswachstum aufweisen.


Doch mit Blick auf wenig entwickelte Länder erweist sich der Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und sinkender Kinderzahl als stärker als jener zwischen starker Religiosität und hoher Kinderzahl. Je geringer Wohlstand und soziale Sicherheit sind, desto unentbehrlicher erscheint den Menschen offenbar der Glaube an eine höhere Macht - folglich glauben viele Menschen in den armen Ländern an Gott. Doch weil sich immer mehr Länder wirtschaftlich entwickeln, sinken dort überall die Kinderzahlen, auch in stark religiösen Gesellschaften. So liegen in klassisch islamischen Staaten wie Algerien, Marokko und der Türkei die durchschnittlichen Fertilitätsraten nur noch bei wenig über zwei Kindern je Frau und im Iran sogar darunter - und das, obwohl etwa in der Türkei 75 Prozent der Befragten angeben, dass Religion in ihrem Leben sehr wichtig sei. In Deutschland sagen das nur elf Prozent. Die Bevölkerungen der meisten islamisch geprägten Staaten wachsen nicht mehr, weil die Familien so kinderreich sind, sondern weil die Altersstruktur in diesen Ländern noch immer eine große Zahl junger Menschen aufweist, die erst ins Elternalter eintreten. Insgesamt wird das Bevölkerungswachstum in diesen Ländern aber auf absehbare Zeit zum Erliegen kommen.
In den zehn Ländern mit den größten muslimischen Bevölkerungen leben etwa zwei Drittel aller 1,57 Milliarden Muslime weltweit. Dort beträgt die durchschnittliche Bevölkerungswachstumsrate gegenwärtig 1,68 Prozent pro Jahr. Gegenüber einem Wachstum der gesamten Weltbevölkerung von jährlich 1,2 Prozent ist dies ein signifikanter, aber kein dramatischer Überschuss. Verglichen mit Europa, wo das Wachstum zum Stillstand gekommen ist, und auch den USA, wo es 0,6 Prozent beträgt, ist der Vorsprung sehr deutlich. Dennoch ist anzunehmen, dass die Bevölkerung in nahezu allen islamischen Staaten - und damit die Zahl der Religiösen - künftig immer weniger wachsen wird.

In den entwickelten Ländern der westlichen Welt könnte hingegen die Religiosität der Bevölkerung auf demografischem Wege zunehmen. Wie Untersuchungen zeigen, liegen die Kinderzahlen von Menschen, die sich als religiös bezeichnen, deutlich über jenen von nichtreligiösen Menschen. Geht man davon aus, dass eine klare Mehrheit von Menschen die Religiosität ihrer Eltern beibehält, so könnte dies bei den derzeit sehr geringen Fertilitätsraten in westlichen Ländern dazu beitragen, dass der Trend zur Säkularisierung endet, beziehungsweise in das Gegenteil umschlägt. Auch die höhere Religiosität von Zuwanderern und deren Nachkommen könnte zu dieser Entwicklung beitragen. Der Trend scheint dies zu bestätigen: In zahlreichen europäischen Ländern hat der Anteil von Menschen, die an Gott oder an ein Leben nach dem Tod glauben, seit den 1990er Jahren nicht mehr weiter abgenommen oder ist sogar gestiegen.

Blick am Morgen