Gesehen an einem Wirtshaus in Ottakring
Montag, 15. September 2008
Wohlstand, Armut, Durchschnittseinkommen
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Sollte dies der Fall sein, drängt sich freilich eine weitere Frage auf: Wenn die allgemeine Armut wirklich derart drückend ist – wem gehören dann die vielen Audis, Mercedes und BMW, die einander vor jedem Wiener Gemeindebau gegenseitig im Weg stehen? Wer sind all die geheimnisvollen Menschen, die tagtäglich unsere Autobahnen verstopfen? Und wer sitzt in all den Fliegern, die im Stundentakt nach Mallorca, Ibiza oder Korfu abheben?
Und wenn es offenbar so dringend nötig ist, im Zuge eines "Werner-Faymann-Herbsthilfswerkes" sogar die Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel zu senken – warum ist dann ungefähr jeder Zweite in diesem Land so übergewichtig? Um Hungerödeme scheint es sich dabei in den meisten Fällen ja kaum zu handeln.
Nicht, dass es in Österreich keine sozial Schwachen gäbe, denen tatsächlich geholfen werden muss – aber der jetzt im Wahlkampf von nahezu allen Parteien erzeugte Eindruck, die Republik bestünde gleichsam aus acht Millionen Sozialfällen, ist geradezu bizarr angesichts des Umstandes, dass wie hier ja immerhin von einem der wohlhabendsten Länder der Welt reden.
Es ist nicht überraschend, dass dagegen jene kleine Gruppe von Bürgern (weniger als zehn Prozent), die weit mehr als die Hälfte des Steueraufkommens erarbeitet, auch im Wahlkampf diskret negiert wird, als existierte sie sozusagen nicht.
Dabei ist auch für diesen Teil der Bevölkerung eine Botschaft auf dem Wege, wenngleich sie keine Partei plakatiert. Sie lautet nämlich: Um all jene zusätzlichen Sozialleistungen zu finanzieren, die unsere verelendete Bevölkerung angeblich so dringend braucht, werden wir euch Idioten in Zukunft noch etwas mehr wegnehmen müssen, als ihr eh schon zahlt. Wenn’s euch nicht passt, könnt ihr ja eure Louis-Vuitton-Koffer packen und nach Pressburg übersiedeln. Dahinter steckt ein durchaus nachvollziehbares politisches Kalkül: Die Gruppe jener, die noch nennenswert Steuern abliefern, ist bereits so klein, dass sie wahlarithmetisch nahezu irrelevant ist. (...)
Christian Ortner: Sind wir acht Millionen Sozialfälle?, Wiener Zeitung 13. 09.2008, S. 2
Diese Quote (10 Prozent der Steuerzahler erbringen 50 Prozent der [direkten] Steuern) dürfte in vergleichbaren Ländern wirklich ähnlich sein. Aber die soziale Schere ist in Österreich ungewöhnlich weit geöffnet, das Durchschnittseinkommen liegt um einiges unter demjenigen in Deutschland, und es gibt mehr sichtbare Armut, jedenfalls in Wien.
"Die Bruttodurchschnittsgehälter in Deutschland stiegen im Jahr 2007 nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) um 1,4 Prozent auf 27.083,- Euro an." (stern.de) Das meint alle Arbeitnehmer, auch die Teilzeitbeschäftigten. Nun arbeiten manche Menschen aber auch in sogenannten Vollzeitjobs. "Ein Arbeitnehmer mit einem Vollzeitjob hat im vergangenen Jahr in Deutschland brutto durchschnittlich 40.642 Euro verdient." Das ist eine Zahl, die sich auf das Jahr 2005 bezieht. (Quelle: kreditmagazin.com)
Und in Österreich? "Unselbständig Erwerbstätige (ohne Lehrlinge) erzielten 2006 ein mittleresBruttojahreseinkommen von
Natürlich ist auch Österreich ein wohlhabendes Land, aber man verdient weniger, und die Preise sind höher als in Deutschland.
Sonntag, 14. September 2008
Licht ist Licht, und das genügt
Nach immer reicheren, tieferen transzendentalen Erfahrungen zu suchen ist eine Form der Flucht aus der aktuellen Wirklichkeit, daraus, was ist, und das sind wir selbst, unser eigener begrenzter Geist. Warum sollte ein Geist, der wach, intelligent, frei ist, überhaupt irgendeine »Erfahrung« brauchen oder haben? Licht ist Licht, es verlangt nicht nach mehr Licht.Krishnamurti
... und daher verboten
Sonntags zu lesen
Sand in den Zähnen, getrocknete Samen,
Unregelmäßige Würfel und abgebrochne Siliziumprismen,
Mineraliengeschichte knirscht mit
Organischen Worten.
Alles wird ausgespuckt in
Die endlose Untiefe Zeit.
Die Gegenwart ahmt die Vergangenheit nach,
Doch Gegenwart haben wir keine. Sprache
Als Gegenwart: keine Silbe, nicht mal ein Laut,
Sondern Zwischenraum beim Wechsel des Lautes.Wie viel Sinn wirst du füllen in den beständigen Klang,
Dass darin das Sein sich eröffnet?
Soviel wie die Seele hineinfüllt, die blüht
In der ewigen Gegenwart.
Denn nur Gott hat die Gegenwart.
Er schreitet durch sie mit der Welt, und wir kennen nicht
Seine Vergangenheit und seine Absichten. Alles,
Was wir als Leben bezeichnen, sind der Vergangenheit Schatten
Oder unsere Ängste und Sehnsüchte.
Bröcklige Steine, versteinerte Körper,Sie kennen uns nicht,
Das Gras kennt uns nicht, das unsere Sensen mähen,
Noch das Vieh, das wir füttern zur eigenen Nahrung,
Noch wir selbst, befangen in unseren Bildern.
Denn nur Gott hat die Gegenwart,
In der wir die ganze Zeit sind.
II
In der wir die ganze Zeit sind, doch in der wir nicht leben,
Herumirrend in der Vergangenheit und im Traum von der Zukunft.
Kann etwas denn schöner sein als der Dichter am Fluss,
Betäubt von den blühenden Traubenkirschen?
Er füttert seine sensiblen Gespräche dem Wasser,
Das leise vorbeiplätschernd nachdenkt,
Es könne zum Stillstand bringen die Zeit.
Er zeigt in konturlosen Worten seine Gestalt
Mischt er blindlings mit den empfänglichen Sprachkristallen,
Er ist ein wenig verrückt, ein Besessener,
Der es versteht, mit dem Eis der Worte eine Kette zu legen
Über jede Welle des Flusses...
Jedoch die verborgene Wahrheit kümmert sich nicht um unser Verlangen,
Wie Wasser zerrinnt uns die Zeit in den Fingern,
Und uns ist gegeben, die Zeit der Seele zu suchen oder sie zu erzeugen
Aus den Vorstellungen der Vergangenheit oder den Träumen der Zukunft.
Sie fließt im Kreis in uns und beißt sich selbst in den Schwanz
Und ahmt so das „jetzt“ nach. Die Zentripetalkraft
Will sie zusammenziehen auf einen Punkt, in den beständigen Laut
Verräumlichen, mumifizieren, verwandeln im Samen
Der die Natur der Pflanze bewahrt im sich ändernden Acker.
Von ihr ernährn sich die Künste, sie filtern Rituale und Mythen
Durch ihre Formen, die Seelen verständigen sich durch sie,
Sie dürfen wir heilig nennen ohne die Angst uns zu täuschen ...
Obwohl doch die öffentlich sichtbare Welt noch viel einfacher ist
Und hinterlistiger mit ihren Uhren und den Kalendern
Drückt sie uns Illusionen einer gemeinsamen, wahrhaftigen Zeit auf
Zeichnet uns ins Gesichtsfeld ihre geschichtliche Zeit ein,
Sie spannt uns die Jahre, Jahrhunderte wie eine Kette von Wörtern
Und trocknet darauf ihre schmutzige Wäsche.
Bequem und nutzbringend ist für uns diese Zeit,
Obwohl sie doch eine starre, verrückte und illusionäre Zeit ist.
Ich fürchte Menschen und Glaubensformen,
Sie heilig nennen, mit Gott verbinden,mit ihm identisch setzen,
Keinen einzigen Augenblick in der Gegenwart zu bleiben versuchen
Und im Garten Gottes zu atmen.
III
Der leider verschlossen ist dem, der die eigene Gegenwart schafft,
Der die Zeit sich im Kreis drehen lässt, sie ins Zentrum rückt,
Den Affen Gottes ist sie ewig versperrt
Durch die hohe Mauer des Selbstbewusstseins.
Das ist die Grenze, die Wahrheit scheidet von Unwahrheit
Nach ihr ist die Weise des eigenen Daseins zu wählen,
Obwohl sie so hoch und weit weg ist von unsren
Alltäglichen Wegen, dass wir selten nur sie bemerken.
Selten bemerken sogar Gottes Affen sie,
Wenn sie klettern hoch in den Höhen.
Wir leben in Vorstellungsbildern und rühren
In uns an versiegelte Dinge,
Bewegen uns zwischen den Schatten von ihnen am Bildschirm unserer Seelen,
In einem unsichtbaren Labyrinth,
Aus dem den Ausgang nur findet wer zu sich selbst geht,
Wer mutig versinkt im Strudel in die dunkle Grube am Flussrand,
Wer sucht mit den Füßen im kalten Schlamm die vergoldete
Goldscheibe, wer sie wiederum aufhebt
Ins Licht oder hoch in die Luft
Wie von Neuem geborene Kinder:
Ohne sich selbst, ohne Autorschaft, ohne blinden Glauben
An Verabredungen, ohne das Schicksal des Lotophagen ...
Für den Dichter ist alles viel leichter: Er schüttet
In uns den Sand der Worte, getrocknete Samen.
Und wir lassen uns gerne betrügen: Diese verlorene Zeit
Vergessen wir, dass wir ihm opfern die eigene
Und Gottes Gegenwart, dass wir wieder
Die Gestalt gewählt haben anstelle der Wahrheit.
In der wir die ganze Zeit sind, doch in der wir nicht leben,
In die zu gelangen es leider nicht schafft unser
Reiches Bewusstsein.
Frühstück
Das Frühstück, einst Instrument der familiären Disziplinierung, ist auch für die unter Marktliberalen beliebte Obsession, alles immer und überall tun zu wollen, deutlich anfälliger als z.B. das Abendessen.
Ich habe aus meiner Abneigung nie ein Hehl gemacht, auch nicht, als ich noch einsam war und die Frage „Willst du mit mir frühstücken?“, vor allem, wenn sie nach Mitternacht fiel, einen deutlich lasziven Beigeschmack hatte. Pärchen, die der Sturm der letzten Nacht frisch zusammengewürfelt hat, sind ja die klassischen Spätfrühstücker, die in den Frühstückslokalen einträchtig gähnen und einander zärtlich Wurstsorten vorlegen, die sie als Singles im Supermarkt keines Blickes wert befänden.
Solche sitzen wohl auch im „Breakfast Club“, den ich unlängst (von außen) entdeckt habe und der in der üblichen Flut von Frühstücksvarianten auch ein „Fünf Elemente Frühstück“ (sic!, Bindestriche werden in diesem Lokal offenbar nicht serviert) bietet. Es enthält, ich zitiere aus der Speisekarte, hauptsächlich eine „Eierspeise aus zwei Eiern (Element Erde), Ingwer, Pfeffer und Koriander (Element Metall), Salz (Element Wasser), Paradeiser (Element Holz), Rucola & Oregano (Element Feuer)“. Mir ist nicht ganz einsichtig, warum der Pfeffer unter „Metall“ läuft und nicht unter „Feuer“, aber ich habe ja auch in der Astrologie nie verstanden, warum gerade der Wassermann kein Wasserzeichen ist. (...)

