Samstag, 26. September 2009
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Der Piefke-Faktor
Eigentlich sind sie ganz schön viele, die Deutschen in Wien. Doch ohne große Anlässe (EM) fallen sie kaum auf. Eine Ausnahme war der gestrige Freitag: Eine Woche nach Start des Münchner Originals wurde beim Heurigen Zimmermann in Döbling das (eintägige) „Wiener Oktoberfest“ begangen, mit entsprechender Deutschendichte. Auch morgen, Sonntag, ist die Chance, auf Deutsche in Großgruppen zu treffen, hoch: Einige Lokale (darunter nicht unbedingt typisch deutsche, denn die gibt es in Wien kaum) laden zum Public Viewing zur deutschen Bundestagswahl. Anlässlich der deutschen Bundestagswahl gehen wir der Frage nach: Wie beeinflussen die Deutschen Wien und Österreich?
Durchaus. Nach den Serben und den Türken stellen sie in Wien die größte Gruppe an Nichtösterreichern. 27.759 deutsche Staatsbürger sind laut Statistik Austria in Wien gemeldet, vor fünf Jahren lebten erst knapp 16.100 Deutsche hier.
Der rasante Zuzug der vergangenen Jahre hat sich in Wien, wie auch im Rest Österreichs, aber mittlerweile eingependelt – und wird sich, so Stephan Marik-Lebeck von der Direktion Bevölkerung (Statistik Austria), „kurz- und mittelfristig nicht wesentlich verändern. Die Zuwanderung aus Deutschland nach Österreich ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gewachsen, seit 2006 bleibt sie aber relativ konstant.“ Rechnet man die Wegzüge (Studienabsolventen etc.) ab, kommen etwa 10.000 Deutsche pro Jahr nach Österreich. Die Wahrscheinlichkeit, deutsche Nachbarn zu haben, ist übrigens im dritten Bezirk am höchsten: Hier leben wienweit die meisten Deutschen, gefolgt von der Leopoldstadt und Döbling.
2 Wie und wo prägen Deutsche das Stadtbild?
Ein typisch deutsches Grätzel gibt es in Wien, anders als etwa ein asiatisches (Kettenbrückengasse), nicht, wohl aber ein paar Lieblingslokale. Die Xing-Gruppe „Piefke Connection“, ein Netzwerk für Deutsche, die in Österreich leben, hält ihren Stammtisch im Xpedit Kiosk oder im Glacis-Beisl im MQ. Auch die Cafés rund um den Yppenplatz, den man eher als Treffpunkt der türkischen Community zählt, sollen bei Deutschen beliebt sein.
Architektonisch haben die Deutschen das Bild Wiens durchaus mitgeprägt. Wenn auch vielleicht anders als erwartet. Wer bei „deutschen Bauwerken“ an die NS-Zeit denkt, hat zwar recht – die Flaktürme der Stadt wurden 1942 bis 1945 nach den Plänen des deutschen Architekten Friedrich Tamms errichtet. Einerseits. Andererseits war der deutsche Einfluss vor allem früher und anderswo – entlang des Rings – wesentlich größer. So manches Gebäude an der Ringstraße wurde von bekannten Deutschen entworfen. Das Rathaus hat Friedrich von Schmidt geplant. Das Burgtheater gegenüber war eine deutsch-österreichische Koproduktion: Der Grundriss stammt vom bekannten deutschen Architekten Gottfried Semper, die Fassade vom Wiener Karl von Hasenauer. Semper war auch am Ausbau der Hofburg (Neue Burg) beteiligt. Und danach? Zeitgenössische deutsche Architektur in Wien ist „vor allem verglichen mit der Präsenz deutscher Architekten in Wien im 19. Jahrhundert eher rar“, sagt Gabriele Kaiser, Kuratorin im Architekturzentrum Wien.
3 Wie sehr braucht unsere Wirtschaft die Deutschen?
Ein Sonntag im September auf der Türlwandhütte am Fuße des Dachstein. Die Trachtenkapelle Ramsau gibt auf der Terrasse ihr traditionelles Herbstkonzert, viele Touristen sind gekommen. Eine Kellnerin im Dirndl nimmt die Bestellung auf. Und antwortet auf die Frage, was denn die Wilderersuppe beinhalte, in breitem Bundesdeutsch und tiefstem Ernst: „Na, Wildererfleisch!“
Deutsche in Österreich – alles (ostdeutsche) Gastarbeiter im Tourismus? Der Schein trügt, sagt die Statistik des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. So arbeiteten mit Stichtag Ende August zwar 11.400 Deutsche im Tourismus, aber auch 12.000 in der erzeugenden Industrie und 10.000 im Handel. Der Rest verteilt sich auf so ziemliche alle Branchen.
Das deckt sich auch mit der Erfahrung von Jockel Weichert, Exil-Münchner und Gründer der 600 Mitglieder zählenden Gruppe „Piefke Connection Austria“ auf der Webplattform Xing. Der kennt besonders viele Kreative – Werber, Grafikdesigner, Schauspieler und Leute aus dem Filmgeschäft. Er ortet auch Architekten, Analysten aus der Finanz- und Versicherungsbranche und natürlich Mitarbeiter deutscher Großkonzerne. Beliebt ist die Alpenrepublik dabei auch unter Deutschlands Studenten. Nach den Niederlanden und Großbritannien ist es das beliebteste Zielland; im Wintersemester 2008 waren hier 17.432 deutsche Studierende inskribiert.
Deutschland ist auch mit Abstand Österreichs wichtigster Handelspartner. 2008 gingen 30Prozent der Exporte nach Deutschland, 40Prozent aller Importe kommen von dort. Manches beäugt man mit gemischten Gefühlen. „Wenn deutsche Firmen österreichische kaufen, tut das besonders weh“, so Oliver Kühschelm vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Gleichzeitig seien die Deutschen als Retter den Österreichern im Zweifelsfall doch lieber.
Für den Wiener Tourismus sind deutsche Gäste nach wie vor ein Hauptmarkt. Nur aus Österreich selbst kommen noch mehr Besucher nach Wien. 2008 besuchten fast 890.000 Deutsche die Stadt.
4 „Voll krass“? Verdrängt das bundesdeutsche Deutsch das österreichische?
Die Antwort darauf ist eine sehr österreichische, nämlich: schon ein bisschen. Zwar gibt es keine Studien, die die Wirkung des Bundesdeutschen auf das Österreichische messen, sagt Ulrike Kramer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aber Beobachtungen sprächen für einen zunehmenden Einfluss – zwar nicht auf die typisch mehrdeutige Sprechweise, aber doch aufs Vokabular. Daran ist einerseits, wie so oft, das Fernsehen schuld. 55 Prozent der heimischen Fernsehteilnehmer haben via Satelliten, 38 Prozent via Kabel Zugang zu deutschen Programmen.
Eine andere Eintrittsstelle ortet Kramer in der Jugendkultur. „Zicke, Zoff, krass, Klamotten, irre – diese Ausdrücke waren vor zehn Jahren unter Jugendlichen nicht so gebräuchlich“, sagt sie. Die Begriffe sind nicht zuletzt ein Ausdruck der Globalisierung: Wenn Christl Stürmer ein „ziemlich ausgeprägtes Bundesdeutsch“ singt, wie Kramer findet, hat sie den großen Absatzmarkt der Nachbarn im Auge. Das typisch Deutsche werde von Teenagern auch als Provokation eingesetzt: „Jugendliche merken, dass bundesdeutsche Wendungen genau wie Anglizismen Erwachsene stören.“
Charmant sein genügt nicht
Allerdings sagen auch volljährige Österreicher schneller „lecker“, als sie denken. „Wenn es Sprachkontakt gibt, beeinflusst zumeist die Sprache mit dem höheren Prestige die andere“, sagt Kramer. Zwar hört man „so halt“ oder „Pickerl“ für Vignette inzwischen auch in Deutschland, aber generell gilt: Das Österreichische wird – auch von Österreichern – zwar als charmant, aber eben nicht als regelkonform empfunden.
Sehr selbstbewusst werden die Österreicher, vor allem die Wiener, allerdings wenn es um „ihr“ Burgtheater geht. Nicht ständig, aber immer wieder gebe es Beschwerden, erzählt Pressechefin Konstanze Schäfer, dass „zu Deutsch“ gesprochen werde. Tatsächlich besteht die Hälfte des Ensembles aus Deutschen (den Direktor nicht miteingerechnet) bzw. Schweizern. Nachvollziehen kann Schäfer, selbst eine Deutsche, den Vorwurf aber nicht: „Es gibt seit jeher – sieht man von Nestroy oder Horváth-Stücken ab – eine Standardsprache auf der Bühne.“ Und zwar eine, na ja, eher bundesdeutsche.
Jesus - ein Kabarettist?
„Jesus hatte alles, was einen Kabarettisten ausmacht“, verkündete Markus von Hagen. „Er provozierte und polarisierte.“ Der Kabarettist Jesus von Nazareth zog mit seinem Programm durch Land. Seine Fangemeinde wurde stetig größer und einige folgten ihm sogar. Die Wüste bezeichnet von Hagen als Mehrzweckhalle, in der Jesus sein Kabarett- Programm zeigte. „Er hat bei seinen Open- Air- Auftritten ab zwei bis drei Personen ,unplugged gespielt. Es gibt Kabarettisten, denen ist die Botschaft wichtiger, als die eigene Person“, bemerkte von Hagen und die Sympathie für seinen „Kollegen“ war offensichtlich.
Im Übrigen habe Jesus sein Programm in der Bibel niedergeschrieben. Genau genommen nicht er selbst, sondern ein versierter Verleger, der vier Autoren dazu auserwählt habe. „Den Rest hat er rausgeschmissen.“ Das Buch der Bücher sei ein Bestseller geworden. Doch: „Ein Folgeband ,Jesus von Nazareth Teil II - die Rückkehr ist nie herausgekommen. Aber es gibt Bonusmaterial“, tröstete der Kabarettist mit Blick auf die Apokryphen. „Es gibt welche, die sagen, das sei alles ausgedacht“, meinte von Hagen. „Alles nur Redaktionsarbeit.“ Apropos: Bemerkenswerte Arbeit hat Markus von Hagen bei der Recherche zu seinem Programm geleistet. Jede seiner aufgestellten Theorien sind zwar frech und bringen unser religiöses Weltbild tüchtig durcheinander, aber er kann Satire, Polemik und Fehldeutungen anhand der passenden Bibelstellen untermauern. Je mehr Geschichten Markus von Hagen über seinen „Kollegen“ erzählte, umso mehr sah man Jesus als Menschen und Satiriker vor sich. Genau wie sein „Kollege“ wetterte auch von Hagen gegen die „frommen Herren“, die sich die Bibel für ihre Zwecke zunutze machten und Weltbild und Moral der Menschen damit beeinflussten, die Religion als Fundament der Ordnung sehen.
Markus von Hagens Programm „Jesus Christ - Kabarettist“ ist nicht nur witzig und frech, es bietet neue Ansatzpunkte über Ordnung und Moral nachzudenken und Geschichte, Religion und vielleicht sich selbst in einem neuen Licht zu sehen.
„Jesus war nur ein Kabarettist! Habe ich das gesagt“, fragte von Hagen schließlich rhetorisch und ging.
Bericht der Ahlener Zeitung über einen Abend im Bürgerhaus Freckenhorst
Donnerstag, 24. September 2009
Andere Länder - andere Rücksichten
Wer hat noch nicht von ihr gehört, der Elfenbeauftragten von Island? Als genau diese ist Erla Stefándsdóttir berühmt geworden. Der Künstler Wolfgang Müller (auch bekannt als Úlfur Hródólfsson) erfand, nach einem langen Interview mit der dreifachen Mutter, in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau (30.12.1995) den Begriff der „Elfenbeauftragten“. Die Wortschöpfung wurde, besonders in Deutschland, von den Medien begeistert aufgenommen und weiterverbreitet. So entstand der Mythos, der sich um eine geheimnisvolle Frau rankt, über die es aber kaum weitere Informationen im Internet gibt.
Was hat es mit der Elfenbeauftragten auf sich? Bei einer Baugenehmigung ist in Island tatsächlich zu berücksichtigen, dass Kulturgüter, z. B. große Steine oder Hügel, die von der Bevölkerung als von Elfen bewohnt angesehen werden, zu schützen sind. So gibt es Straßen, die um ein solches Kulturgut herumgebaut wurden. Das bekannteste ist wohl der Álfholsvegur („Elfenhügelweg“). Erla Stefánsdóttier war laut Medienberichten auch hier gerufen worden und schützte das Elfenheim vor der Zerstörung durch Bagger.
Die Welt der Elfenbeauftragten ist bunt, voller Geschöpfe, die außer ihr niemand sehen kann. Schon als Kind hat sie Blumenfeen gejagt, mit Zwergen gegessen und mit Geistern gespielt. Über all das hat Erla nun berichtet. Sie beschreibt in ihrem Buch „Lifssýn min. Lebensgeschichten einer Elfenbeauftragten“, erschienen im Esoterikverlag Neue Erde (Saarbrücken 2007) nicht nur kleine Anekdoten aus ihrem – zugegeben außergewöhnlichen – Alltag, die sie mit netten, etwas kindlichen Zeichnungen ergänzt, sondern erläutert auch ihr Weltbild, das ein Sammelsurium an verschiedenen Überzeugungen und Denkweisen der gängigen esoterischen Praktiken ist, die sich erstaunlicherweise bei ihr nicht widersprechen, sondern ein wundersames Gesamtbild ergeben. Reinkarnation, inklusive Wartesaal, in dem die Verstorbenen auf ihren Reisepass zur Grenzüberschreitung warten (in dem Erla nach eigenen Berichten übrigens selbst auch schon war, aber wieder zurückgeschickt wurde), gepaart mit Gebeten zu Jesus oder Maria, Yoga in einer anderen, der geistigen Welt, Texte der indischen Veden, Zitate aus der Bibel und ein Spritzer Platon sind wesentliche Zutaten zu ihrem weltumfassenden Gesamtwerk, das sie auch noch mit Anweisungen und Erläuterungen für das praktische Leben des geneigten Lesers garniert.
Die über 70-jährige Klavierlehrerin wird gerufen, um festzustellen, ob an einem bestimmten Ort Astralwesen wohnen, ein Energiestrom quer durch einen Raum verläuft oder Verstorbene im Haus spuken. Sie wird von Privatpersonen beauftragt, die verhindern wollen, dass Elfen, Trolle oder Nymphen aufgeschreckt oder sogar rachsüchtig werden. Medienberichten zufolge soll sie sogar von einem Ministerium konsultiert werden, wenn es um Elfenfragen geht.
Katrin Schulz im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 9/2009
