Donnerstag, 15. Januar 2009

Aus der Schule geplaudert

"Sie sind der einzige Professor, bei dem wir denken sollen." So oder ähnlich ist mir das nun schon von verschiedenen Schülern gesagt worden. Das spricht nicht gerade für die Qualität der hiesigen Schulen. Tatsächlich dominieren hier noch Frontalunterricht und stupides Auswendiglernen von Daten, Zahlen, Fakten. Geschichte wird als Bündnis- und Kriegsgeschichte unterrichtet, natürlich mit allen dynastischen Feinheiten der Habsburger.

Vor Weihnachten kamen wir im Zusammenhang mit dem Adventkranz (so sagt man da in Österreich ohne das Binde-s) auf Wichern und seine Zeit. Was ihnen dazu einfalle, wollte ich wissen. Ein Schüler meldete sich und sagte: "Das war zwischen Waterloo und Solferino, hmm, da war doch gar kein großer Krieg..."

Eine angenehme Eigenart österreichischer Schulen ist es, dass die Schüler bei Regen oder Schnee dazu verpflichtet sind, im Schulgebäude "Patschen" (Hausschuhe) zu tragen.

Geradezu altertümlich aber mutet es mich an, dass der Turnunterricht hier noch nach Geschlechtern getrennt erteilt wird. Aber die baulichen Voraussetzungen sind eben so, dass es keine getrennten Umkleidebereiche gibt. Mein Staunen über die Geschlechtertrennung löste bei Schülern wie Lehrern ein nicht weniger großes Staunen aus. Andere Länder, andere Sitten.

Ein Überrest

Jugend im Deutschland

Lässt man die Mediennutzung außen vor, zählt das Zusammensein mit Gleichaltrigen zu den häufigsten Freizeitaktivitäten der 12- bis 19-Jährigen: 88 Prozent treffen sich regelmäßig (mindestens mehrmals pro Woche) mit ihrem Freundeskreis, 71 Prozent treiben mit dieser Häufigkeit Sport. Ein gutes Fünftel gestaltet regelmäßig seine Freizeit im Kreis der Familie, für 18 Prozent gehört das Spielen eines Musikinstruments oder Singen zum Alltag. Sportveranstaltungen werden von 13 Prozent mehrmals pro Woche besucht. Einen Einkaufsbummel macht etwa jeder zehnte Jugendliche (11 %), und auch Party- (9 %) und Discobesuche (4 %) sind in dieser Häufigkeit nur für wenige eine Option. Vier Prozent nutzen mehrmals pro Woche Bibliotheken, drei Prozent schreiben Karten oder Briefe. (...)

Haushalte, in denen Jugendlichen leben, verfügen über eine sehr hohe Medienausstattung. Vollversorgung besteht bei Mobiltelefonen, Computern bzw. Laptops und Fernsehgeräten. 96 Prozent aller Haushalte haben einen Internetzugang, ähnlich hoch ist die Ausstattungsrate bei CD- und MP3-Playern sowie Digitalkameras (92 %). Auch Spielkonsolen finden zunehmend mehr Verbreitung und sind in etwa zwei Drittel der Haushalte zu finden. In drei Viertel der Haushalte gibt es (noch) einen Videorekorder, inzwischen hat sich die Folgetechnik DVD-Player (86 %) durchgesetzt. Deutlich zugelegt haben Flachbildfernseher, die in 41 Prozent der Haushalte (2007: 31 %) Einzug gehalten haben. (...)

Jenseits der Haushaltsausstattung sind die Medien von besonderem Interesse, die sich im eigenen Besitz der Jugendlichen befinden, über die sie mehr oder weniger frei verfügen können. Hier steht mit einer Besitzrate von 95 Prozent das Handy an erster Stelle. Es folgen unterschiedliche Geräte zum Musikhören – MP3-Player (86 %), Radio (77 %) und CDPlayer (76 %). Erstmals in ihrer zehnjährigen Geschichte dokumentiert die Studienreihe JIM, dass mit 71 Prozent mehr Jugendliche einen Computer als ein Fernsehgerät (61 %) im eigenen Zimmer haben. Vom eigenen Zimmer aus kann inzwischen jeder zweite Jugendliche (51 %) ins Internet gehen. Fast die Hälfte der Jugendlichen (45 %) hat eine eigene Spielkonsole (für Computer oder Fernseher), 41 Prozent besitzen eine tragbare Spielkonsole und können auch unterwegs spielen. Auch haben die Jugendlichen die digitale Fotografie für sich entdeckt: 44 Prozent haben eine eigene Digitalkamera. 42 Prozent der Jugendlichen besitzen noch einen Kassettenrekorder, einen eigenen DVD-Player haben 38 Prozent und 30 Prozent einen Walk- oder Discman.

Ein Anstieg in der Medienausstattung der Jugendlichen ist inzwischen nur noch bei digitalen Geräten zu verzeichnen. Im Vergleich zum Vorjahr haben am meisten tragbare Spielkonsolen zugelegt (+ 7 Prozentpunkte), auch der eigene Internetzugang (+ 6 PP), Computer (+ 4 PP) und Digitalkameras (+ 3 PP) haben an Verbreitung gewonnen. Auf Vorjahresniveau bewegt sich die Besitzrate bei Handy und MP3-Player (jeweils + 1 PP). Einen deutlichen Rückgang verzeichnen eher konventionelle Musikabspielgeräte wie Walkman/Discman (- 14 PP), Kassetterekorder (- 9 PP), CD-Player und Mini-Disk-Rekorder (jeweils - 7 PP). Aber auch bei „Bildmedien“ wie Fernseher (- 6 PP), DVD-Player (- 4 PP) und Videorekorder (- 4 PP) geht die Ausstattung bei jungen Menschen zurück. (...)

Musik ist zentrales Element der Jugendkultur, was sich auch im Umgang mit verschiedenen Musikmedien zeigt. Mindestens mehrmals pro Woche werden MP3-Player (82 %), Radio (72 %) und Musik-CDs/Kassetten (68 %) genutzt. Die gleiche Reihenfolge ergibt sich auch für die tägliche Nutzung. Daneben haben auch im Zeitalter elektronischer Medien klassische Angebote bei Jugendlichen Bestand: 43 Prozent lesen regelmäßig eine Tageszeitung (täglich: 29 %), zwei Fünftel schmökern in Büchern (täglich: 23 %) oder blättern in Zeitschriften (29 %, täglich: 11 %). Es werden aber auch die Online-Ausgaben von Printmedien genutzt. Zwölf Prozent suchen regelmäßig das Internetangebot einer Tageszeitung auf, jeder Zehnte liest inzwischen Zeitschriften online. (...)

Angesichts des großen Medienangebots und der häufigen Verwendung der Medien im Alltag
stellt sich die Frage, inwieweit die Kommunikation der Jugendlichen untereinander noch „real“ oder schon medienvermittelt „virtuell“ abläuft. Hierbei wurden in der JIM-Studie die unterschiedlichen Möglichkeiten zur regelmäßigen Kontaktaufnahme abgefragt. 91 Prozent geben an, dass sie sich mindestens mehrmals pro Woche real von Angesicht zu Angesicht mit ihren Freunden treffen, die häufigsten medienvermittelten Kontakte erfolgen per Festnetztelefon (72 %) und im Internet (71 %) über Instant Messenger, Chat oder über Online-Communities. Deutlich seltener treten die Jugendlichen per Handy miteinander in Kontakt – sei es in Form von SMS oder Anrufen. E-Mails schicken sich ein Fünftel, Kontakt per Briefpost nehmen die Jugendlichen mit dieser Häufigkeit so gut wie nie auf. Allerdings ist dieser „klassische“ Weg nicht ganz in Vergessenheit geraten, 41 Prozent schicken sich zumindest selten Briefe oder Karten. (...)

Während Kinder noch eine sehr starke Bindung an das Fernsehen aufweisen, verschiebt
sich diese Präferenz mit zunehmendem Alter Richtung Computer und Internet. Für 29 Prozent der 12- bis 19-Jährigen gilt das Internet als am wenigsten verzichtbar. Der Computer ist für 22 Prozent das Medium mit der höchsten Bindungskraft, allerdings geben die meisten auf Nachfrage an, dass für sie der Computer in erster Linie auch Internet bedeutet. Somit entscheidet sich genau genommen die Hälfte der Jugendlichen für das Internet als wichtigstes Medium, wobei das Internet natürlich auch zunehmend als multifunktionale Plattform für Fernsehen, Radio, und Printmedien dient. Fernsehen erhält 16 Prozent der Nennungen, für den MP3-Player stimmen 15 Prozent. Acht Prozent könnten auf das Bücherlesen nicht verzichten, für vier Prozent hat Radio die größte Bedeutung. Jeweils drei Prozent entscheiden sich für Zeitung und Zeitschriften. (...)

Jugendliche verfügen über ein beträchtliches Musikarchiv: Nach eigenen Schätzungen
besitzt ein MP3-Nutzer im Durchschnitt 1.475 Musiktitel, Jungen stehen mit 2.176 dreimal so viele Dateien wie Mädchen (709) zur Verfügung. Mit zunehmendem Alter steigt der Fundus an Musikstücken deutlich an. Mit 342 Titeln ist das Repertoire der 12- bis 13-Jährigen noch überschaubar, bei den 14- bis 15-Jährigen hat es sich schon nahezu verdoppelt (743). Bei den Ab-16-Jährigen steigt die Verfügbarkeit noch einmal auf den dreifachen Wert an (16-17 Jahre: 2.224, 18-19 Jahre: 2.313). Je höher der Bildungshintergrund der MP3-Nutzer, desto größer ist das vorhandene Musikangebot (Hauptschüler: 1.060 Titel, Realschüler: 1.199 Titel, Gymnasiasten: 1.816 Titel). Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Titel um 17 Prozent gestiegen; wie die genauere Betrachtung zeigt, gibt es hier aber breite Streuungen. 24 Prozent der MP3-Nutzer besitzen weniger als 100 Titel, mit 44 Prozent hat der größte Anteil zwischen 100 bis unter 500 Musiktitel, weitere 26 Prozent haben zwischen 500 bis unter 5.000 Musikdateien gespeichert. Sechs Prozent können unter mehr als 5.000 Musiktiteln auswählen, wobei der Anteil bei den Jungen (10 %) fünfmal so hoch ist wie bei den Mädchen (2 %). (...)

In der digitalen Welt hat das gedruckte Wort für Jugendliche noch immer eine große Bedeutung, wie unter anderem die Ergebnisse zur Glaubwürdigkeit der Medien gezeigt haben. Das Lesen von Büchern hat trotz des riesigen Angebots an elektronischen Medien
nicht an Attraktivität verloren. Knapp ein Viertel (23 %) der Jugendlichen liest täglich in einem Buch (ohne Schulbücher), zwei Fünftel zählen zu den regelmäßigen Lesern, die mindestens mehrmals pro Woche lesen. Zu den gelegentlichen Lesern zählen 16 Prozent. Als eher lesefaul kann ein Viertel eingestuft werden, das nur einmal im Monat und seltener liest. Keinerlei Berührungspunkte zu Büchern haben 18 Prozent. Mädchen zeigen deutlich mehr Affinität zum Lesen als Jungen: jedes zweite Mädchen, aber nur jeder dritte Junge liest regelmäßig und bei Jungen ist der Anteil an den Nichtlesern mehr als doppelt so hoch wie bei den weiblichen Jugendlichen. Aber: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich bei den Jungen der Anteil regelmäßiger Leser um vier Prozentpunkte erhöht. (...)

Die am häufigsten genannten Titel 2008 waren wie in den Jahren zuvor Fantasy-Abenteuer wie die Bücher aus der Harry-Potter-Reihe von J.K. Rowling, die Eragon-Serie des jungen Autors Christopher Paolini, „Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien und die Vampir-Serie „Bis(s) zum ...“ von Stephenie Meyer. Neben Klassikern wie „Das Parfüm“ von Patrick Süßkind oder „Die Welle“ von Morton Rhue finden sich in der Liste der aktuell gelesenen Titel Jugendbücher, wie die Tintentrilogie von Cornelia Funke oder „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang, sowie aktuelle Bestseller, wie „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche oder der Reisebericht von Hape Kerkling „Bin dann mal weg“. Sehr häufig werden auch die Romane von Dan Brown und „PS. Ich liebe dich“ von Cecelia Ahern genannt. (...)

Aus: JIM 2008 Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland

Zahlen aus einer heilen Welt sind das, so kommt es mir vor. Nur 4 % gehen wöchentlich in die Discothek? Und 23 % der Befragten lesen Bücher? Erstaunlich! Und dann findet sich Charlotte Roches "Feuchtgebiete" unter den am häufigsten genannten Titeln?!
Das MP3-Format dominiert bei der Musik und hat ein so konventionelles Medium wie die CD längst hinter sich gelassen.
Ach ja - 2 % gehen angeblich in die Kirche.
Die Studie stammt vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest. Befragt wurden aber repräsentativ Jugendliche in allen Bundesländern.

Morgenstimmung in Ottakring

Ehrenwerte Berufe

Manche Leute sind einfach zu leicht beleidigt. Okay, es ist vielleicht nicht nett, als Dummschwätzer bezeichnet zu werden. Aber wer nun mal dummes Zeug schwätzt, muss auch aushalten können, wenn das einer feststellt. Das findet zumindest das Bundesverfassungsgericht. Wer einen anderen "Dummschwätzer" nennt, es aber nicht so richtig persönlich meint, sondern eigentlich bloß eine einzelne Aussage kritisieren will, ist nicht strafbar.

Die Gerichte müssen sich dauernd mit irgendwelchen beleidigten Leberwürsten rumärgern. Zum Beispiel die Amtsrichter in Berlin-Tiergarten. Die hatten es mit einem Polizisten zu tun, der sich auf den Schlips getreten fühlte, weil ihm jemand das folgende harmlose Sprüchlein zugerufen hatte: "Herr Oberförster, zum Wald geht es da lang!"

Kein Grund zum Schmollen, finden die Richter, schließlich handele es sich bei den dienstlichen Verrichtungen eines Oberförsters um nützliche und dem Gemeinwohl dienende Tätigkeiten. Ein verständiger Revierförster wäre ja durch die Bezeichnung "Oberkommissar" auch nicht gekränkt.

Im Büro eröffnet das Urteil jedenfalls ganz neue Kommunikationsmöglichkeiten: Den tumben Praktikanten kann man nun ohne Bedenken als "Bauern" bezeichnen - ist schließlich ein ehrenwerter Beruf. Und wenn die Chefin mal Unsinn redet, kann man zu ihr straflos sagen: "Dummschwätzende Vorzimmerdame!" Ist ja nicht persönlich gemeint. Und eine verständige Fachkauffrau für Büromanagement wäre auch nicht beleidigt, wenn man sie als Chefin bezeichnet.

ftd.de

Mittwoch, 14. Januar 2009

Damnatio memoriae um der Political correctness willen

Die Unternehmen Tchibo und Esso haben eine gemeinsame Werbeaktion für Kaffeesorten an bundesweit rund 700 Tankstellen unter dem Slogan "Jedem den Seinen" gestoppt. Die Redewendung war im Dritten Reich von den Nationalsozialisten missbraucht worden. Der Schriftzug "Jedem das Seine" stand über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar.

Tchibo-Sprecherin Angelika Scholz sagte der "Frankfurter Rundschau", das Unternehmen habe "nie die Absicht gehabt, Gefühle zu verletzen". Der Slogan sei "unglücklich" gewählt worden. Die Plakate sollten "schnellstmöglich" wieder abgehängt werden. Esso-Sprecher Olaf Martin sagte, die beauftragte Werbeagentur habe die historische Bedeutung des Satzes offenbar nicht erkannt.

Heftige Kritik vom Zentralrat der Juden

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, sagte der Zeitung, das Plakat sei entweder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis". Dass dies immer wieder geschehe, liege zu einem "erheblichen Anteil" am unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen.

Beliebter Spruch in der Werbebranche

Tchibo und Esso sind nicht die ersten, die aus historischer Unkenntnis den Satz "Jedem das Seine" für PR-Zwecke verwenden, heißt es im dem Bericht. 1998 bewarb Nokia austauschbare Handy-Gehäuse. Die Plakate wurden mit dem Shakespeare-Titel "Was ihr wollt" überklebt, nachdem unter anderem das American Jewish Commitee gegen den ursprünglichen Werbeslogan protestiert hatte. Kurze Zeit später konnte der Handelskonzern Rewe ein Prospekt nicht mehr stoppen, in dem es hieß: "Grillen: Jedem das Seine". Rewe entschuldigte sich öffentlich. 1999 stoppte Burger King in Erfurt nach Protesten eine Handzettelaktion mit dem Slogan. 2001 waren Kunden entsetzt über eine Werbekampagne für Kontoführungsmodelle der Münchner Merkur-Bank.

Den Spruch "Jedem das Seine" ("suum cuique") ist als allgemeine Erklärung für Gerechtigkeit bekannt und wurde bereits in Platons Werk "Der Staat" erwähnt. Die ursprünglich positive Bedeutung, jeder Mensch sollte sein Leben so gestalten können, wie er es möchte, wurde von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht.

tagesschau.de 14.01.2009

Und also soll dieses Wort niemand mehr öffentlich verwenden dürfen? Die Macht des Nationalsozialismus reicht wirklich weit: Da verfällt ein berühmtes antikes Zitat nur darum der Damnatio memoriae, weil die Nationalsozialisten es missbraucht haben...

U-Bahn-Station Thaliastraße

Wichtige Erinnerung

Der Hl. Joseph hat nun einmal nicht den ersten Beichtstuhl gezimmert. Es gab viele Jahrhunderte ohne Andachtsbeichte. Ein Augustinus hat nie gebeichtet. Es gab Jahrhunderte, wo die Bischöfe Galliens predigten, Busse zu tun, aber erst auf dem Sterbebett zu beichten. Es gab Konzilien, die davor warnten, einem jungen Mann in Todesgefahr das Sakrament zu spenden, weil er wieder gesund werden könnte, und ihm dann die lebenslangen Bussverpflichtungen viel zu schwer werden könnten... Während man in der Väterzeit nur einmal im ganzen Leben, und da nur im Notfall das Sakrament empfangen konnte, gab es in der Karolingerzeit Partikularsynoden, die jeden zur dreimaligen Beichte im Jahr verpflichteten... Bis ins hohe Mittelalter herrscht die Ansicht, dass man im Notfall auch vor dem Laien beichten müsse (noch Ignatius von Loyola (+ 1556) hat sich daran gehalten...

Karl Rahner (1904-1984)  in seinen "Schriften zur Theologie III" unter der Überschrift "Beichtprobleme".

Bäume in Grinzing






Die Bahn und der Winter

Lügen die Pressesprecher der Deutschen Bahn? Oder warum sonst hört man von Verlautbarungsseite nur, dass die Bahn in der derzeitigen Kältewelle die Dinge voll im Griff habe und alles prima laufe? Die forsche Behauptung, die Fahrpläne entsprächen der Wirklichkeit, erschien zahllosen Bahnbenutzern in der vergangenen Woche als unternehmensgroßsprecherische Dreistigkeit, nachdem sie etwa 50 Minuten auf einen Zug gewartet hatten, der dann aus Versehen auf einem anderen Gleis einfuhr und dort noch ein halbe Stunde auf Anschlussreisende wartete. Unterwegs, in den bequemen, angenehm temperierten und so gut wie nie überfüllten Zügen, hatten sie dann wieder etwas, um sich aufzuregen:Lügen, Lügen, nichts als Lügen! So dass das Image der Bahn während dieser Kälteperiode wieder etwas schlechter geworden ist.
Musste das sein? Keineswegs. Alles, was nötig wäre, um diesen chronischen PR-Missstand zu vermeiden, wäre eine brauchbare Theorie der winterlichen Verspätung. Hier ist sie.

Einstein wies nach, dass Zeit geschwindigkeitsabhängig vergeht, was für Bahnreisende, die weitgehend unbeweglich am Bahnsteig warten, evident ist. Was sie nicht wissen, während sie auf die Gleise starren, die sich weit da draußen im Unendlichen treffen: Das Vergehen der Zeit ist auch temperaturabhängig. Weil sich bekanntlich bei Kälte alles zusammenzieht, vergeht die Zeit, je kälter es ist, umso schneller. Drinnen aber, im etwas wärmeren Bahnhof, erscheinen dem unbeweglich Wartenden die doppelt unterschiedlichen Vergehensweisen der Zeit als Zugverspätung.

Die Bahn sieht das anders, weshalb ihre Repräsentanten aus Sicht des Reisenden, dem niemand die Sache erklären kann, lügen. In seinem Zorn braut er sich eine wilde Erklärungs-Mischung aus betriebswirtschaftlichen, physikalischen und psychologischen Versatzstücken zusammen. Und kaum ist er damit fertig, schon kommt die Bahn pünktlich, tagelang nun schon. Verspätungstheorien geraten in Erklärungsnot, weil sie die Nicht-Verspätung nicht erklären können. Dabei ist es ganz einfach: Die Lokführer fahren etwas schneller, um die Komprimierung der Zeit in der Kälte auszugleichen. Ein erhöhtes Risiko, aber meistens geht es gut.


Hans-Jürgen Linke: Über Kälte, Frankfurter Rundschau

Es gab einmal eine Zeit, da warb die Deutsche Bundesbahn (so hieß sie damals noch) mit einem Zug in verschneiter Landschaft und dem Satz: "Alle sprechen vom Wetter, wir nicht." Aber das ist Jahrzehnte her.