Sonntag, 14. Juni 2009

Abend an der Donau

Und es kamen fünftausend Menschen.

Am Samstag haben sich rund 5000 Menschen nach Westerland aufgemacht, um die größte Spontanparty in der Geschichte der Nordseeinsel zu feiern. Sie folgten dabei dem Aufruf eines 26-Jährigen, der ursprünglich eine kleine Feier anlässlich der Trennung von seiner Freundin geplant hatte. Sein Aufruf via Internet fand aber schnell größeren Anklang.

Die vielen Partygäste hielten die Polizei auf Trab. Besonders erschreckend sei die hohe Anzahl von "erheblich alkoholisierten" und aggressiven Teilnehmern gewesen, teilte die Polizei mit. Während der Feier sei es zu einer Reihe von Körperverletzungen und Sachbeschädigungen gekommen. Sechs Partygäste waren so betrunken, dass sie in polizeilichen Gewahrsam genommen wurden.

Lange dauerte die nach Polizeiangaben bislang größte Strandparty aber nicht. Infolge fehlender musikalischer Unterstützung und mangelndem Nachschub an Getränken machten sich bereits gegen 22.00 Uhr die ersten Gäste auf den Rückweg. Der Großteil der Besucher fuhr dann mit den letzten Zügen zurück auf das Festland.

tagesschau.de

Internet macht es möglich...

In der Wachau


Jürgen Habermas - ein junger Mann von 80 auf dem langen Weg hin zur Religion

Welche wunderbare Prägung fand er mit dem „seltsam zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ für das Herz seiner Diskursethik. In einem herrschaftsfreien Diskurs wären alle und alles machtlos, außer der reinen Vernunft. Das wäre buchstäblich wunderbar. Das Hauptargument gegen diese ziemlich himmlische Idee ist, dass man ihr noch nie und nirgends begegnet ist. Das hatte Habermas aber auch nicht behauptet. Es handelt sich um eine kontrafaktische, gegen den Ist-Zustand ausgerufene Idee: keine Wirklichkeit, die es gibt, sondern eine, die wirkt.

Jürgen Habermas hat die besondere Fähigkeit, zeitdiagnostische Formulierungen zum richtigen Zeitpunkt so zu prägen, dass sie als ideenpolitische Münzen sofort in Umlauf kommen. Sie blinken und leuchten unmittelbar ein. Als er nach dem Wegbrechen des Marxismus als linkem Mentalitätsgeländer eine „neue Unübersichtlichkeit“ ausrief, wurde dieses Label umgehend zum Abzeichen für die Befindlichkeit und den Phantomschmerz einer intellektuellen Szene.

Wie neu war diese Unübersichtlichkeit? Die Instrumente zur Analyse und Deutung der Gesellschaft waren doch gerade erst optimiert worden. In seinem ersten Erfolgsbuch „Erkenntnis und Interesse“ (1968) hatte Habermas vorgeschlagen, die Psychoanalyse, die sich in ihrer klassischen Praxis mit Individuen auf der Couch beschäftigte, als eine Art Königsweg zum besseren Verständnis der Gesellschaft zu begreifen.

Aufdeckende und analysierende Vernunft wollte nicht nur wissen, was der Fall ist, und nicht mehr nur therapieren, sie wollte emanzipieren. Die Vernunft als Motor einer Politik, die an der Emanzipation des Ganzen ausgerichtet wäre – was für eine Idee! Sie war das Faszinosum einer Studentengeneration in den mythischen 60ern. Die Soziologie wurde zur Leitwissenschaft und zum Massenfach. Habermas’ Sozialphilosophie fühlte sich wie Fortschritt an, ein ordentlicher Zugewinn an Übersichtlichkeit.

1981 erschien die „Theorie des kommunikativen Handelns“. In diesen Jahren regierte noch ungebrochen die ältere Säkularisierungsthese in der Tradition der Hegelschen Linken. Nach ihrer Vorschrift hatte die Religion abzusterben wie von selbst, und es sah auch danach aus. Das kirchliche normative Gerüst hatte einen Pillenknick bekommen, die Kirchen wurden leerer. Das Sein bestimmte wieder einmal das Bewusstsein.

Habermas ging damals davon aus, dass die Funktion der Religion, als eine Art sozialer Kitt zu wirken, in einer demokratischen Gesellschaft auf die säkularisierte kommunikative Vernunft übergeht. „Die sozialintegrativen und expressiven Funktionen, die zunächst von der rituellen Praxis erfüllt werden“, erklärte er, würden kommunikative Handeln erfassen, „wobei die Autorität des Heiligen sukzessive durch die Autorität eines für begründet gehaltenen Konsenses ersetzt wird.“

Zehn Jahre später, 1991, war Habermas wieder ein früher Merker. Der Glaube an das automatische Verschwinden der Religion war mit dem Marxismus bleich geworden. Zunächst sprach er von einer „Transzendenz von innen“ und einer „Transzendenz ins Diesseits“. Auch andere Theoretiker wie Hans Jonas verabschiedeten die Säkularisierungsthese, und Habermas taufte die Epoche, wiederum höchst erfolgreich, das „postsäkulare“ Zeitalter.

Eine Transzendenz ins Jenseits kam nicht in Frage. Das Denken war nach Habermas in der Moderne längst „nachmetaphysisch“ geworden. Diese Sprachregelung war ebenfalls höchst erfolgreich. Auch in der philosophischen Zunft war es ihm gelungen, diese Begriffsmünze in Umlauf zu bringen. Mit dem durchgreifenden Erfolg der empirischen Wissenschaften sei eine zweite, nichtempirische Ontologie oder Wirklichkeit, als welche die Metaphysik stilisiert wurde, obsolet geworden. Kant ist der Gewährsmann. Seine „Kritik der reinen Vernunft“, insbesondere seine Kritik der so genannten Gottesbeweise, gilt Habermas als Initialereignis. Übrig bleibt Erkenntnis- und Subjekttheorie: Was hat es mit unserem Denken auf sich? Will es nur spiegeln, was der Fall ist, oder will es mehr?

Kurios scheint nur, dass die Leitfrage, unter die Kant, der „Alleszertrümmerer“ (Moses Mendelssohn), seine Kritik stellte, lautet: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Kant ist ein verkannter Humorist von Graden. In den „Prolegomena“ steht schon der Kommentar zu seinem späten Schüler Habermas: „Denn die menschliche Vernunft ist so baulustig, dass sie mehrmalen schon den Turm aufgeführt, hernach aber wieder abgetragen hat, um zu sehen, wie das Fundament desselben wohl beschaffen sein möchte.“

Längst hat die Theologie ein Jenseits als zweite Wirklichkeit hinter der wirklichen Wirklichkeit hinter sich gelassen. Ob gute Theologen in der biblischen Tradition je im Ernst eine Hinterwelt im Sinn hatten, darüber könnte man lange streiten. Ganz in der Tradition des Religionskritikers Kant, für den die Praxis von Kult und Ritus ein obskurantischer „Afterdienst“ war, fasst der Nachmetaphysiker die Theologie noch mit spitzen Fingern an: „Die religiösen Diskurse sind einer rituellen Praxis verschwistert, in der die Freiheitsgrade der Kommunikation auf eine spezifische Weise eingeschränkt sind.“ Und weiter: „Der Glaube (wird) durch seine Verankerung im Ritus gegen eine radikale Problematisierung angeschirmt.“ Nun wird es interessant. Zwischen den Prägungen „postsäkular“ und „nachmetaphysisch“ entsteht für Habermas das theoretische Pensum der neunziger Jahre.

Besonderes Aufsehen erregte er mit seiner Rede bei der Verleihung des Friedenspreises 2001 in der Frankfurter Paulskirche. Er bezeichnet sich zwar wie Max Weber als „religiös unmusikalisch“, ist aber postsäkular nett zum Orchester, denn er kann allerhand positive Funktionen der Religion erkennen. In Fragen der Bioethik etwa liefert sie ihm wichtige moralische Ressourcen. Sie hat eine Sinnstiftungsfunktion und verschafft dem öffentlichen Diskurs eine moralische Basis.

Im Mittelalter galt die Philosophie als „Magd der Theologie“. Bei Habermas ist es umgekehrt. Religion kann etwas Gutes sein, wenn und insofern sie einen Kollateralnutzen für die Diskurse abwirft und wenn es gelingt, die opaken, rituell verklebten Traditionsbestände in den vernünftigen Diskurs zu übersetzen. Der Philosoph inspiziert die unabgegoltenen religiösen Traditionen, schon um seine eigene Vorgeschichte zu verstehen, holt sich Anregungen und sucht das Terrain nach Brauchbarem ab. Schon Kant hatte ein ähnliches Programm: „Man muss den Heiligen des Evangelii (Jesus) solange interpretieren, bis etwas Vernünftiges herauskömmt.“

Habermas empfängt auf der Frequenz von Johann Baptist Metz und erregte Aufsehen, als er sich mit dem damaligen Kardinal Ratzinger traf. Habermas ist ein politisch interessierter Funktionalist, für den es am Ende darauf ankommt, was Philosophie und Theologie bewegen. Er sieht Gefahren, die nur durch kollektive Anstrengungen gebannt werden könnten. Eine „spröde Vernunftmoral“ erscheint ihm da zu schwach. Sie verfehle ihre Bestimmung, „wenn sie nicht mehr die Kraft hat, in profanen Gemütern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität, ein Bewusstsein, von dem, was fehlt, von dem was zum Himmel schreit, zu wecken und wachzuhalten.“

Die Theologie könnte nichts Besseres tun, als diese Signale eines Unmusikalischen aufzunehmen. Habermas legt mit dem Hinweis auf den „gemeinsamen Ursprung von Philosophie und Religion aus der Weltbildrevolution der Achsenzeit (um die Mitte des ersten vorchristliche Jahrtausends)“ eine entscheidende Spur. Jetzt wird es noch einmal interessant: Aufklärung im Ursprung einer Religion?

Im alten Israel war der Glaube an einen nicht-funktionalistischen Gott aufgekommen, der anders als die funktionalen Gottheiten nicht einfach die menschlichen Bedürfnisse und Zwecke verlängerte, er war der „ganz Andere“. Für die Musikalischen ist er der Agent dessen, was fehlt. Sein Alleinstellungsmerkmal ist, dass man ihn nicht funktionalisieren kann. Einer Philosophie, die nicht im Herrschaftsgriff nach dem Ganzen totalitär sein will, könnte nichts Besseres passieren, als eine solche Installation ihrer Grenze.

Eckhard Nordhofen: Was zum Himmel schreit. Grenze und Überschreitung: Wie der Philosoph Jürgen Habermas mit der biblischen Religion liebäugelt, Tagesspiegel 14.06.2009

Kinoumena

Empfehlung

Gesehen an einem röm.-katholischen Pfarr- und Pfadfinderheim in Penzing.

Buch oder Download

Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands hat in der Broschüre "Stay wild statt burn out - Leben im Gleichgewicht" erarbeitet, wie man sich davor schützen kann. Das Buch will sensibilisieren und Grenzen der eigenen Kraft vor Augen führen, um Überforderung abzuwenden.

(...)

Der Partner fühlt sich oft genauso hilflos neben dem Burn-Out-Opfer. Denn Appelle, mehr Pausen zu machen oder weniger zu arbeiten, helfen einfach nicht weiter. Forderungen verstärken nur noch mehr das schlechte Gewissen, sagt Pastor Lothar Mischke. Es wächst zu einem Schuldgefühl heran. Auch mit professioneller Hilfe braucht es dann Zeit, neue Einsichten zu gewinnen und neue Erfahrungen damit zu machen. Im Buch wird die biblische Geschichte von Elia erzählt und gedeutet. Der Prophet kam in eine tiefe Krise, nachdem er ein Gemetzel unter den Gläubigen des konkurrierenden Baal-Kultes angerichtet hatte. Erschöpft und sinnentleert ging er in die Wüste und wollte sterben. Nach der biblischen Erzählung schickte ihm Gott einen Engel, er ihn versorgte und später offenbarte sich ihm Gott. Elias Krise hat Ähnlichkeit mit dem Erschöpfungssyndrom des Burn-Out.

Lothar Mischke [Pfarrer der braunschweigischen Landeskirche und Pastoralpsychologe]: "Die Krise signalisiert den Punkt, wo es dann entweder schlechter wird oder wieder zum Guten kommt. Das heißt, dass sich am Krisenpunkt möglicherweise etwas in mir verändert und mir neue Stärkung von Lebensgewissheit gibt. Und das ist in diesem Falle geschehen. Aber man muss wirklich erstmal zur Ruhe kommen. Der Elia war so am Ende, dass er ja gesagt hat: Ich will nicht mehr! Das heißt, ich will sterben. Ich bin absolut müde. Und es braucht die Zeit zur Regeneration und auch neue Lebensideen oder neue Bilder von sich - dass er eben nicht der ist, der nur dazu da ist, mit Schwert und Power durch diese Welt zu gehen und für seinen Gott zu kämpfen. Das ist überhaupt nicht nötig. Das will dieser Gott gar nicht."

So halfen Elia nicht Forderungen aus der Krise, sagt der Pastoralpsychologe Mischke, sondern eine fürsorgliche Zuwendung Gottes.

Lothar Mischke: "Aber was auch dazu gehört, ist, dass ich mich nicht nur über die Leistung definiere, sondern dass ich darum weiß, die evangelische Theologie betont die Würde des Menschen unabhängig von seiner Leistung. Und das ist ja ein großer Schatz, dem man sich da auch nähern kann."

Susanne Breit Keßler, Norbert Dennerlein: Stay wild statt burn out - Leben im Gleichgewicht
Gütersloher Verlagshaus
124 Seiten, 6,95 Euro
Burn-Out-Broschüre - Kostenloser Download


Aus einer Information von Deutschlandradio Kultur (die Sendung lief am 13. Juni 2009, 16.05 Uhr).

Sicher eine gute Sache, diese Broschüre, keine Frage. Bemerkenswert finde ich die Bezugsmöglichkeiten: Ein Büchlein um fast 7 Euro - oder ein kostenloser Download. Bei kirchlichen Publikationen ist mir diese Alternative schon einige Male aufgefallen: Großzügig (wie die Kirche ja nun einmal sein soll), aber nicht zu verallgemeinern. Wenn das alle so machten, dann stünde das Ende des Gutenbergzeitalters wohl unmittelbar bevor.

Denkend

Katholische Bibelauslegung

Man kann nun sehen, dass die nachkonziliare deutsche Exegese aufgrund katholischer Voraussetzungen gerade für eine und speziell diese Philosophie besonders anfällig war. Denn Philosophie war doch immer schon eine wesentliche Grundlage gerade katholischer Theologie im Ganzen. Was hinderte eigentlich daran, die philosophische Anthropologie jetzt zur Basis der Exegese zu machen? Heinrich Schlier war der bekannteste Schüler R. Bultmanns, der die Konsequenz zog und katholisch wurde. Und Systematiker wie G. Hasenhüttl haben ihr Leben lang nichts anderes getan als Bultmann auf die katholische Dogmatik zu übertragen, auch wenn R. Bultmann schon zu Hasenhüttls Dissertation ein ironisches Vorwort schrieb.

Und war der anthropologische Ansatz nicht wirklich faszinierend? Wenn man Wahrheiten über den Menschen erfahren konnte, war die Frage ob historisch oder unhistorisch recht belanglos, und der Weg zu interreligiöser Wahrheit ist dann leicht gefunden. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn die katholischen Dialogpartner im ökumenischen Gespräch wie im interreligiösen Feld sehr leicht die gemeinsame Wahrheit über „den Menschen“ erkennen. Alles Kantige, Ärgerliche und Verletzende historischer Einmaligkeit geht so über Bord.

Die jüngere Diskussion über Jesu Leiden und Kreuz hat dafür gute Beispiele geliefert. Es waren dieselben katholischen Professoren (auch Exegeten), die sich gegen die exzessive (zu Deutsch: realistische) Darstellung des Leidens Jesu in einem Film wandten und die sich entsetzt abwenden, wenn ihnen jemand die Zumutungen der paulinischen Kreuzestheologie drastisch vor Augen hält. Denn in der Tat kann Paulus das Kreuz nur als denkbar größte Schande und einen Gott, der dazu steht, nur als einen Gott darstellen, an den man von Rechts wegen nicht glauben kann. Weder bei Jesu Leiden noch bei der Theologie des Kreuzes geht es um das „faszinierende Bild wahrer Menschlichkeit“, sondern einen solchen Gott darf es (eigentlich) gar nicht geben.

Anthropologische Theologie dagegen domestiziert alles auf das für Menschen Mögliche. Das gilt beispielsweise auch für die Mariologie. Deren Thema ist doch nur bisweilen Maria als Inbegriff wahrer Menschlichkeit, in der Hauptsache dagegen als die einzigartig Erwählte. Doch bei der anthropologischen Auslegung klingt mir immer nur der kategorische Imperativ Kants in den Ohren, der in der Christologie und Mariologie sozusagen galoppierend sozialdemokratisch ausgelegt wird.

Klaus Berger: Entsetztes Abwenden vom gekreuzigten Christus, Tagespost 30. Mai 23ßß5

Blick aus dem Schlafzimmer