Freitag, 31. Juli 2009

Ultraklerikaler Rundumschlag gegen Walter Jens

Der Protestant Walter Jens (86) war Rhetorik-Professor in Tübingen und Weggefährte des antikirchlichen Theologen, Hw. Hans Küng.

Jens wurde für seine kirchenfeindlichen Stellungnahmen bekannt und saß im Beirat der deutschen Kirchenhaß-Organisation ‘Humanistische Union’.

In seiner Jugend war er auch Mitglied der ‘Hitlerjugend’, des NS-Studentenbundes und der ‘Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei’.

Um davon abzulenken, liebt er es, eine angebliche Schuld der von den Nationalsozialisten verfolgten Kirche an deren Verbrechen herbeizureden.

Doch seit dem Jahr 2004 ist Jens demenzkrank. In der Vergangenheit hat Jens auf der Linie seiner NS-Vergangenheit die Euthanasierung demenzkranker Menschen propagandiert.

Jens kann durch die Krankheit nicht mehr lesen und kaum noch reden – – zitiert ‘Bild Online’ Ehefrau Inge (82).

Es stehe in der Patientenverfügung des Ehepaares Jens, „daß ihr Mann so, wie er jetzt leben muß, niemals hat leben wollen.“ Sein Zustand sei schrecklicher als jede Vorstellung.

Trotzdem ist sich Frau Jens sicher, daß der ehemalige Nationalsozialist und Euthanasierungs-Ideologe an seinem Leben hängt und nicht sterben will: „Neulich hat er gesagt: »Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.«“

Frau Jens ist sich „nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, daß mich mein Mann jetzt nicht um Sterbenshilfe, sondern um Lebenshilfe bittet“.

Es gebe noch Momente in seinem Leben, die ihm große Freude bereiteten. Zum Beispiel esse er mit „allergrößtem Vergnügen“.

Die Erfahrungen mit ihrem Mann läßt Frau Jens über die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen zweifeln.

Trotzdem hat sie sich entschieden, beim nächsten Asthmaanfall ihres Mannes nur noch qualmindernde, aber keine lebenserhaltenden Medikamente mehr zuzulassen.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Für und gegen Gott

Zwar nicht auf Bussen, wohl aber auf einigen Plakatwänden ist die atheistische Propaganda nun auch in Wien zu sehen. Hier einige Reaktionen aus "Heute" vom 21.07.2009.
Der erste Leserbrief des Ernst Schöberl legt den Finger auf einen wichtigen Punkt: Dass solche Aktionen in europäischen Ländern überhaupt möglich sind, hat etwas mit der abendländischen Toleranz in religiösen Fragen zu tun. Die kannten wir zwar auch nicht immer, haben sie aber doch nun immerhin seit der Aufklärungszeit.

Aber es gibt auch anderes in Wien (Standard 11./12. Juli 2009, S.1):

Petrus und Paulus

Matthias Winna, der liebenswürdige katholische Pfarrer von Pötzleinsdorf pflegt die Schnitzkunst. Anlässlich seines Goldenen Priesterjubiläums im Juni ließ er diese Karte mit einer seiner Arbeiten drucken.

Todesstrafe in China

(…) Erschreckend viele Wege führen in China zum Schafott: 68 Tatbestände sehen den Tod vor, von Gewalttaten wie Mord, Raub und Vergewaltigung über exotische Delikte wie Tötung von Pandabären und Plünderung archäologischer Stätten bis zu gewaltfreien Vergehen wie Diebstahl von Benzin, Steuerflucht und Veruntreuung. Andere todeswürdige Taten sind u.a. Kreditkartenbetrug, Verkauf schädlicher Lebensmittel, Herstellung pornografischen Materials und schwerer Gemüsediebstahl.

Schnell und strikt strafen

Die vielen Todesurteile sind auf die seit 1983 laufenden Anti-Kriminalitätskampagnen „Yanda“ („hartes Durchgreifen“) zurückzuführen. Ihr Ziel: Kriminelle schnell und strikt zu strafen. Allein in den ersten zwei Monaten nach Beginn der Kampagne sollen laut AI 1000 Menschen hingerichtet worden sein. Die Praxis des Strafrechts in China ist bis heute durch willkürliche Verhaftungen, gewaltsame Verhöre, mangelnde Verteidigungsmöglichkeiten und politisch motivierte Urteile gekennzeichnet.

Zuletzt gab es freilich eindämmende Tendenzen: So werden in der Praxis bei geringfügigeren Delikten der „Todesliste“ meist Haft- oder Geldstrafen verhängt. Seit 2007 sind die Obersten Provinzgerichte nicht mehr höchste Instanz im Strafprozess, Todesurteile müssen durch einen der drei neuen Strafgerichtshöfe des Höchstgerichts in Peking überprüft werden. Und Zhang Jun, Vizepräsident des Obersten Volksgerichts, kündigte diese Woche eine Minderung der Exekutionen an. Es solle „so wenig Todesurteile wie möglich“ geben.

Massenhinrichtung zum Feiertag


Chinesische Politiker begegnen internationaler Kritik mit dem Argument, dass die Todesstrafe nötig sei, weil sie vom Volk als Vergeltung verlangt werde. Wie viele Exekutionen es heuer geben wird, wird sich im späten Herbst zeigen: Statistiken zufolge finden sie in China oft in Form von Massenexekutionen vor Feiertagen statt – speziell vor dem 1. Oktober, dem Gründungstag der Volksrepublik.

Vor einigen Jahren noch wurde man nach der Verurteilung meist gleich erschossen. Das war umständlich, da viele Verurteilte etliche Schüsse bis zum Tod brauchten. Seit 2003 setzt man in einigen Südprovinzen wie Sichuan und Yunnan nun mobile „Exekutionsbusse“ ein. In diesen speziellen Mini-Bussen der Marke Toyota mit der Aufschrift „Fayuan“ („Gericht“) werden die Todeskandidaten mit einer Giftspritze statt mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet.

Modernes „Exekutionsmobil“

Doch Toyota hat Konkurrenz: In der Jangtse-Metropole Chongqing werden chinesische Reisebusse der Marke „Jinguan“ („Goldene Krone“) zu acht Meter langen „Exekutionsmobilen“ namens „Shenglu“ („heiliger Weg“) umgebaut. Im Internet wirbt Jinguan für die Ausstattung des Wagens, darunter eine elektrisch betriebene Exekutionsbahre, ein Überwachungssystem mit LCD-Display, ein Leichenkasten und ein elektronisches Desinfektionssystem. (…)


Lisa Rock, Justiz in China: Die 68 Wege zum Schafott, Die Presse (Druckausgabe 31.07.2009)

Fundsache

Beim Aufräumen gefunden: Eine 32 Jahre alte Tuschezeichnung...

Ewige Gegenwart

Im späten Mittelalter waren die Weinbrunnen eine gängige Form der Herrscherrepräsentation. Bei Königskrönungen wurden sie – in bester Innenstadtlage – aufgestellt und spendeten für ein paar Stunden unbegrenzten Alkoholgenuss. Mit Fug und Recht kann man das als Flatrate-Saufen avant la lettre bezeichnen. Das waren aber Ausnahmesituationen. Heute neigt jeder Exzess dazu, zum Normalzustand zu werden. In vielen deutschen Städten ist das unkontrollierte, unlimitierte Trinken, vor allem unter Jugendlichen, zu einem ernsthaften sozialen Problem geworden.

Verschiedene Kommunen, beispielsweise Freiburg, Marburg oder Magdeburg, haben darauf mit zeitlich und räumlich begrenzten Konsumverboten reagiert. An Wochenenden darf in bestimmten Innenstadtvierteln nicht mehr öffentlich Alkohol konsumiert werden. Gerade war jedoch ein Freiburger Jurastudent mit seiner Klage gegen die lokale Regelung vor dem Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshof erfolgreich; die Folgen des Urteils sind abzuwarten. Just in Baden-Württemberg aber hat die Landesregierung kürzlich ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot für Tankstellen, Kioske und Supermärkte beschlossen, um das sogenannte Vorglühen zu bekämpfen, das besonders in entlegeneren Gegenden „Shell Select“ oder „Aral Stores“ am Wochenende zu beliebten Party-Treffpunkten macht.

Anspruch ständiger Verfügbarkeit

Solche Verbote passen scheinbar nicht mehr in unsere Zeit. Sie kollidieren mit der stetigen Ausweitung von vermeintlichen Freiheitsräumen in vielen Bereichen des Alltags, der zuletzt allein das Rauchverbot zuwiderlief. Dort konnte man aber leicht mit den gesundheitlichen Folgen für Unbeteiligte argumentieren. Beim Alkoholverbot ist schwerer zu vermitteln, warum die Ausschweifungen einiger, die damit vor allem sich selbst schädigen, die Rechte aller einschränken sollen.

Jenseits von rechtlichen Fragen liegt hier ein grundsätzliches Problem. In der Konsumsphäre hat sich ein Mentalitätswandel vollzogen, der keineswegs allein von der jungen Generation getragen wird. Freiheit wird zunehmend verstanden als unbegrenzter Zugang zu Konsumangeboten aller Art. Dass der Begriff „Flatrate-Saufen“ der Mobilfunk- und Internetwelt entlehnt ist, ist kein Zufall. Eine Werbekampagne für einen Mobilfunkanbieter verspricht „unbegrenzte Redefreiheit“ und meint damit natürlich nur einen besonders günstigen Abrechnungsmodus. Im Online-Shopping ist längst eine Norm ständiger Verfügbarkeit gesetzt, die die ganze Welt des Handels kontaminiert. Downloaden kann man immer und überall. Warum nicht alles andere auch?

Während früher nicht nur auf dem Dorf samstags mittags um zwölf Uhr dreißig der Rollladen herunterging, ist es inzwischen selbstverständlich geworden, in Innenstädten bis Mitternacht einkaufen zu können. Manche „Spätverkäufe“ oder „Trinkhallen“ ähneln heute Weinfachgeschäften. In Berlin-Mitte gehört das Samstagabend-Shoppen bei Dussmann zum Lebensstil dazu. Die Sonntagsruhe ist trotz gegenteiliger Beteuerungen in vielen Großstädten längst von Ausnahmen durchlöchert.

Die Entwicklung des Privatfernsehens zu einer dem Internet analogen, ständig verfügbaren Videothek und die zunehmende Verbreitung mobilen Zugangs zum Netz mit all seinen Konsumangeboten (einschließlich deren jeweiligen Suchtpotentialen) haben einen Sog entwickelt, der auch alle anderen Lebensbereiche verändert. Immer mehr Museen öffnen auch abends, veranstalten „Lange Nächte“, als könnte man zu dieser Zeit nichts anderes tun, als Ausstellungen zu besuchen. Sozialer Fortschritt scheint sich zu definieren als Aufhebung von Schranken. Telos ist die ort- und zeitlose Garantie sofortiger Bedürfnisbefriedigung.

Die vielen Ausweitungen der Konsumzone haben inzwischen einen Sprung von der Quantität in die Qualität vollzogen. Wenn Rollenspieler in virtuellen Welten jedes reale Zeitgefühl verlieren – Kennzeichen von Suchtkrankheiten im Netz ist ja unter anderem die Entkopplung von „normalen“ Essens- oder Schlafzeiten –, so bewegt sich die Gesellschaft als Ganzes immer weiter in die Richtung einer Aufhebung von Rhythmen und Zeitstrukturen zugunsten der ewigen Gegenwart unbegrenzten Zugriffs auf alles. Dass man an einem bestimmten Ort etwas, also eine Information, einen Artikel oder eben ein Bier, nicht kriegt (oder kein Netz hat, um es sich wenigstens schon einmal zu bestellen), wird nicht mehr als normale und naturgegebene Einschränkung empfunden, sondern als Rückständigkeit, die überwunden werden muss und wird.

Wir alle tragen diese Entwicklung mit. Wer kein Handy besitzt oder seine Mails nicht täglich abruft, dem droht in manchen Kreisen die soziale Ächtung. Mit der Möglichkeit, ständig zu kommunizieren, geht automatisch auch die Pflicht dazu einher. Wer spricht, wird auch angesprochen; mit den Kommunikationsradien wächst die Erreichbarkeit für Werbung. Unterhaltung ist überall und mit ihr die Verführung zu Flucht und Sucht. Warum man in dieser Welt des unendlichen Spaßes dann ausgerechnet den Alkohol auf der Gasse verbieten will, will den restlos befreiten Konsumenten dann nicht mehr einleuchten.


Richard Kämmerlings: Ausweitung der Trinkzone, FAZ 30. Juli 2009

Die Flatrate-Mentalität hat inzwischen sogar das älteste Gewerbe der Welt erfasst, wie man jüngst deutschen Zeitungen entnehmen konnte.

Nicht nur die Museen veranstalten "Lange Nächte", die Kirchen auch. Es ist sehr schwierig, sich diesem Zeitgeist zu entziehen.

Was waren das für Zeiten, in denen das Fernsehprogramm in der Nacht von Samstag auf Sonntag um halb zwei Uhr endete. Dann kam das Testbild - und nichts sonst. Wenn man heutigen Jugendlichen davon erzählt, ist es so, als rede man über das Mittelalter.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Leben aus der größeren Vergangenheit...

Gesehen am Kohlmarkt

Mitunter richtig schön

Der assyrische Feldherr Holofernes, König Nebukadnezars Mann fürs Grobe, will auf seinem Welteroberungsfeldzug zu biblischer Zeit die belagerten, widerspenstigen Hebräer zur Aufgabe zwingen, indem er ihnen die lebensnotwendige Wasserleitung abgräbt. Der Mangel ist eine effektvolle Taktik der Kriegsführung. Regisseur Sebastian Nübling hingegen hat bei den Salzburger Festspielen eine konträre Methode angewandt. Er überschwemmt bei der Premiere seiner „Judith“ am Montag auf der Perner Insel in Hallein die Zuseher mit Überfluss. Am Ende aber liegt so mancher Betrachter nach drei Stunden Gesamtkunstwerk ebenfalls kopflos wie Holofernes da. Denn diese Show war genial und dilettantisch, schön und gewöhnlich, witzig und platt zugleich. Man kann nicht wirklich behaupten, dass Nübling diese Schlacht gewonnen hat. Aber er hat es wenigstens mit allen Mitteln versucht.

Das postmoderne Setting: Gleich drei Judith-Figuren machen sich auf, um mindestens eine Handvoll Holofernes-Darsteller zu betören und dann zu enthaupten. Es wird deklamiert, musiziert und getanzt, für Bildungsbürger gibt es am Ende sogar Scharaden nach barocken Schinken, zuvor komplexe Arien in Latein. Die Bausteine sind die apokryphe Judith des Alten Testaments, Antonio Vivaldis (1678–1741) „Juditha triumphans“ und Friedrich Hebbels (1813–1863) Drama „Judith“. Als wäre das nicht genug, hat Performerin Anne Tismer das Geschehen mit frechen, leider auch viel zu simplen Girlie-Texten versehen, und der Komponist Lars Wittershagen hat die alte Musik mit Eigenem aufgepeppt. Gerade wenn Vivaldi interessant zu werden droht, fährt eine Combo mit Jazz oder Rapp dazwischen. Der musikalische Leiter Lutz Rademacher hat alle Hände voll zu tun, sein barockes Ensemble mit den Neutönern in Einklang zu bringen. Mitunter war das richtig schön.


Zeitgeistige Wortfetzen zwischen Hebbel

Was aber läuft eigentlich ab? Wenig Hebbel. Für den ist Stephanie Schönfeld als klassische Judith zuständig. Ihr gelingt, diese Einsprengsel überzeugend darzustellen. Das muss schwer sein, denn kaum hat man sich an einen echten Hebbel-Satz gewöhnt, fährt Tismer mit zeitgeistigen Wortfetzen dazwischen. Die Interferenz gelingt zuweilen, oft aber sind die abgefuckten Phrasen echt peinlich. Mann, Nübling! Diese überspannten Tussen gehen einem mit der Zeit echt auf den Keks.

Eine wunderbare Viola d'amore hallt noch nach, schon muss man sich damit beschäftigen, dass eine Leistungsturnerin erklärt, wer gerade welche ihrer Körperöffnungen benutzt. Dann wird geflennt über die Schlechtigkeit der globalisierten Welt, über den Wirtschaftsfaktor Wasser. Ganz was Neues, aber was hat es mit Judith zu tun? Vielleicht soll der rätselhafte Benjamin-Spruch erfüllt werden, den Judith mittendrin mit Wasser an die Wand malt: „Die Produktion der Leiche ist, vom Tode her betrachtet, das Leben.“

Wie viel erbaulicher wirkt es, wenn Mezzosopranistin Tajana Raj das Machogehabe der Holofernesse über sich ergehen lässt. Sie bleibt stimmsicher, während sie von mehreren schmutzigen Typen begrapscht wird. Unter den Feldherrn ist der hünenhafte Sebastian Kowski der Leitwolf, eine tolle Darbietung, assistiert von Sebastian Röhrle, Dino Scandariato und Matias Tosi. Ganz in Schwarz mit riesigem Reifrock schwebt der Countertenor Daniel Gloger über die Bühne und hat Probleme mit den Koloraturen. Ein weiteres Sängerquartett muss ungewöhnlich agieren, treibt per Bibel-Rap die Handlung voran, tritt dann in einem Fenster der hinteren, beweglichen Bühnenwand auf. Muriel Gerstner ist einfallsreich, dank ihrer Bühne und ihrer Kostüme gelingen doch einige sehr beeindruckende Bilder.

Die Handlung aber, die ist, bei aller Länge und Üppigkeit, schwer zu erahnen. Hat dieses Unternehmen System, oder ist es ein zügelloser, unkoordinierter Angriff auf die unbefestigte Stadt Hallein? Folgende Einschätzung bleibt eine gefühlsmäßige: Vor der Pause bei aller Gewöhnungsbedürftigkeit unterhaltsam und meist auch flott. Dann fehlen die magischen Momente, das Unternehmen zerfasert.

Judiths mörderischer Besuch im Lager des Feldherrn endet im Nachtklub. Da wieder ist Tismer mit ihren exzessiven Tanzübungen in Hochform, ein reizvoller Kontrast zu den beiden anderen Judiths, die stoisch ihr Opfer auf sich nehmen, singend und deklamierend zu stricken beginnen.

Schließlich gibt es noch das erwähnte Ratespiel mit barocken Bildern. Das Fenster in der Hinterwand geht auf: Ha! Die Judiths säbeln dem Holo die Birne ab, als hätten sie es bei Artemisia Gentileschi gelernt. Fenster zu, Fenster auf. Ist das jetzt ein Mord nach Tintoretto? Das Blut spritzt, die Damen stellen es in Form ihrer roten Strickwolle dar. Die Szene erstarrt. Hin ist er, der böse Mann.

Kritik von Norbert Mayer in der Presse

Das müsste vermutlich nicht sein, aber da es da nun einmal gibt und es sogar eine solche anregende Kritik evoziert, kann ich nur sagen: Neugierig wäre ich schon auf diesen misslungenen Versuch. Kuinst darf auch verstörend sein, sogar im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Dienstag, 28. Juli 2009

In Fenstern gespiegelt


Stift Klosterneuburg

Die Sache mit dem Mond

Stellen Sie sich vor, Sie übernachten bei Ihrem neuen Liebhaber, einem durchaus intelligenten Mann, und entdecken morgens in seinem Badezimmer einen Mondkalender. Am ersten Morgen lässt sich dies noch ignorieren, doch irgendwann stellen Sie die fatale Frage: »Sag mal, glaubst du an den Einfluss des Mondes?« »Der ruft Ebbe und Flut hervor«, wird er sagen, »warum sollte er nicht auch das Wachstum von Karotten und Haaren, den Zyklus der Menstruation, ja vielleicht auch Geldströme beeinflussen?

Wäre die Frage nach dem Wirken des Mondes nur eine des Glaubens! Doch anders als Ihr Glaube an Gott hat sein Glaube an den Mond praktische Konsequenzen. Dass Ihr Partner nur teures Gemüse kauft, bei dessen Aufzucht stinkende Zaubertränke bei Vollmond in den Boden eingelassen werden, zehrt bald Ihr Konto auf. Die Fenster putzt er nur an bestimmten Tagen, über die ihn das Internet informiert: »Bei günstigem Mond einfluss gibt es weniger Streifen.« Ihre Launen wird er mit dem sich nähernden Neumond erklären. Weil Ihre Haare ergrauen, schickt er Sie zum Mondfriseur. Der wird sagen: »Das ist eine Frage des Biorhythmus, das hat mit Esoterik nichts zu tun.« Bei »Problemkunden« wie Ihnen nehme »das Haar die Chemie bei zunehmendem Mond einfach besser an«.

Wenn Ihr Schatz Ihnen seinen Kinderwunsch mit dem Hinweis artikuliert, »am wirksamsten zur Empfängnis zu nutzen« sei »der Tag, der dem Mondwinkel bei der Geburt vorausgeht«, und sich dabei auf wissenschaftliche Studien bezieht, wird es ernst. Kommen Sie nie auf die Idee, darauf hinzuweisen, dass zwar Licht einen Einfluss auf Ihren Hormonhaushalt hat, aber die Straßenlaterne vor dem Fenster weit heller ist als der Mond über der Smogglocke Ihrer Stadt, dass zwar die Gravitation des Mondes ein physikalischer Fakt ist, aber unabhängig von dessen Stand die Erdanziehung doch wesentlich stärker ist. Vergessen Sie Ihre pseudowissenschaftlichen Argumente. Denn in Wahrheit hängt alles vom Einfluss der Sonnenwinde ab. Die bestimmen, wer an den Mond glaubt und wer nicht. Und Studien zeigen: »Nur starke Sonnenstürme in der dritten Woche an der Mutterbrust erklären die Vorliebe für das kalte Licht und die öde ewige Wiederkehr dieses kleinen Erdtrabanten.«

Sabine Sievers: Leben nach dem Mond II, jungle-world.com