Es hat sich leider immer noch nicht herumgesprochen, dass Nazisein keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist.
Der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem Jahresrückblick (NUHR 2009) auf 3sat
Es hat sich leider immer noch nicht herumgesprochen, dass Nazisein keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist.
Der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem Jahresrückblick (NUHR 2009) auf 3sat

Deutsche Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Lesen. In Schulbüchern erscheinen vereinfachte Fassungen bekannter Texte, weil Astrid Lindgren für einen durchschnittlichen Achtjährigen zu hoch ist. Auch die Studenten, die seit Monaten für bessere Studienbedingungen demonstrieren, sind ihres Lesens nicht mehr sicher. Laut einer Untersuchung der Universität Dortmund können nur noch die wenigsten einen komplexen und abstrakten Text durchdringen, weshalb nicht mehr von Lesefaulheit, sondern von "intellektueller Legasthenie" zu sprechen sei. In der Gesamtbevölkerung gelten inzwischen vier Millionen Bundesbürger als funktionale Analphabeten. Sie kennen zwar die Buchstaben, sind aber schon mit dem Lesen eines einfachen Hinweisschilds hoffnungslos überfordert.
Vor diesem Hintergrund ein Zitat von Angela Merkel, nachzulesen, wenn Sie können, in der deutschen "Le monde diplomatique" vom November 2009:
"Stellen Sie sich nur kurz einmal vor, wir würden zehn Jahre lang, vier Stunden in der Woche, genauso viel über unsere Körper lernen wie über die deutsche Sprache und Geschichte. Medizin als Hauptfach - warum eigentlich nicht, meine Damen und Herren, soll das Lesenlernen eine öffentliche Angelegenheit sein, aber das Gesund-leben-Lernen nicht? Warum soll der Körper nur im Sportunterricht vorkommen, warum könnte nicht im Lehrplan stehen, wie man Kopfschmerzen vermeidet, wie man Zuckerkrankheit gar nicht erst entstehen lässt, wie man gesund kocht oder einen Wadenwickel anlegt?"
Ja, zum Teufel, warum eigentlich nicht? Jetzt ganz scharf nachdenken. Vielleicht weil ein Wadenwickel weniger wichtig ist als Sprache und Geschichte? Weil das Vermeiden von Kopfschmerzen im Gegensatz zur Alphabetisierung tatsächlich keine öffentliche Angelegenheit darstellt? Falsch? Falsch. Wer derartige Zweifel hegt, muss in spießigen bildungsbürgerlichen Ideen aus dem vorletzten Jahrhundert gefangen sein. Immerhin ist auch die Schweinegrippe eindeutig wichtiger als der Notstand im deutschen Schul- und Hochschulsystem. Wir leben schließlich nicht in einer Bildungsnation, sondern in einer öffentlichen Krankenstation.
Ein Blick in die Schlagzeilen der letzten Monate beweist das. Während sich Studenten und Schüler gegen die Auswirkungen der Bologna-Umstellung wehren, kämpfen Presse und Politik lautstark gegen H1N1. Die Bundesländer haben 600 Millionen Euro, also einen Betrag, der in etwa dem geschätzten Gesamtaufkommen der Erststudiengebühren im Wintersemester 09/10 entspricht, für einen Impfstoff ausgegeben, der von der Bevölkerung nicht angenommen wird und deshalb zur Kostendeckung ins Ausland verscherbelt werden muss. Bislang hat Deutschland 94 Schweinegrippe-Opfer zu verzeichnen. Auf "normale" Influenza sind, je nach Statistik, 6000 bis 20 000 Todesfälle pro Jahr zurückzuführen.
Angesichts solcher Vergleichszahlen muss man den Schweinegrippen-Hype wohl als gesundheitspolitische Hysterie bezeichnen. Die Schweinebedingungen im Bildungssystem hingegen sind äußerst konkret. Was haben diese beiden Dinge nun miteinander zu tun? Ganz einfach: In einer Demokratie sind politische Entscheidungen auf eine gesamtgesellschaftliche Prioritätensetzung zurückzuführen. Wenn für Bildung auf politischer Ebene notorisch das Geld und auf privater Ebene notorisch die Zeit fehlt, dann stellt dieser Zusammenhang keinen Zufall dar. Im Gegenteil: Er ist ein Ausdruck von wechselseitiger Kausalität. Anders gesagt: Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht; wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Anti-Falten-Creme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht; wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt - der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt.
Einst gab es den schönen Satz: "Es kommt auf die inneren Werte an." Gemeint waren nicht die Blut- oder Leberwerte. Stark, schön und gesund sein kann auch ein Tier; lesen und schreiben kann nur der Mensch, vorausgesetzt, man bringt es ihm bei. Homo sapiens definierte sich über seine Vernunft, über Sprachbegabung, Intelligenz, Bewusstsein oder Seele, mithin über geistige Eigenschaften. Selbst die immer wieder aufs Neue missverstandene Mens-sana-in-corpore-sano-Formel begründete die Notwendigkeit von körperlicher Ertüchtigung mit dem Erhalt der Geisteskraft und betrachtete somit das Herumschrauben an der Physis als Mittel zu einem höheren Zweck. Es bereitet mir kaum noch Mühe, diese Sätze in der Vergangenheitsform zu formulieren. Würde man heute jungen Eltern die Frage stellen: "Was hättet ihr lieber, ein schlankes Kind oder ein fettes, das den Dreisatz kann?" - ich würde für die Antwort keine Hand ins Feuer legen.
Wer wissen will, wie es um unsere Präferenzen bestellt ist, muss nur die Gehirnwaschmaschine namens Werbung einschalten. Ob Fernsehen, Radio oder Plakate - gezeigt werden nicht Menschen, die 23 mal 7 im Kopf multiplizieren, "Satellit" buchstabieren oder das deutsche Wahlsystem erklären können. Sondern solche, die jung, schön und leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, die richtige Kosmetik benutzen und mehr Vitamin-Präparate als Bücher im Schrank haben. Auch der Spam in meinem E-Mail-Postfach bietet keine Goethe-Gesamtausgaben, sondern Schwanzverlängerungen und Diätprogramme an. Es lebe der Körper. Bildung ist unsexy. (...)
Erstmals geht ein Vater aus Niederösterreich vor den Österreichischen Verfassungsgerichtshof (VfGH), um das christliche Kreuz in Kindergärten anzufechten. Anlass ist nicht zuletzt das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Der Antragsteller - bekennender Atheist - sieht das konfessionslose Aufwachsen seiner Tochter durch die Veranstaltung religiöser Feiern und die Anbringung von Kruzifixen von Seiten des Kindergartens gestört und das Recht auf Glaubensfreiheit - und damit das Recht auch ohne religiöses Bekenntnis aufzuwachsen - verletzt. Das berichtete der "derStandard.at" am Freitag.
Die Tochter habe in diesem Schuljahr an vier religiösen Festen (Erntedank, Martinsfest, zwei Nikolausfeiern) inklusive Kirchenbesuch teilnehmen müssen. Außerdem hänge im Aufenthaltsraum des Kindergartens ein Kreuz in Augenhöhe der Kinder. Der Kindergarten teilte dem Vater mit, dass bei der Vorbereitung auf die religiösen Feste nicht auf andere Religionen und Weltanschauungen eingegangen werde. Einen privaten Kindergarten ohne religiöse Feste gebe es in der näheren Umgebung nicht, heißt es im Antrag.
Konkret will der niederösterreichische Vater zwei Passagen aus dem niederösterreichischen Kindergartengesetz geändert bzw. aufgehoben haben: Jenen, in dem steht, dass das Kindergartenpersonal einen grundlegenden Beitrag "zu einer religiösen und ethischen Bildung zu leisten" habe und jenen, wonach in Kindergärten, in denen die Mehrzahl der Kinder ein christliches Religionsbekenntnis haben, ein Kreuz anzubringen sei.
Das war nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Prozess auch in Österreich angestrengt wird. Man darf gespannt sein. Die Kindergartengesetze der einzelnen Bundesländer sind vermutlich auch noch unterschiedlich. In Wien gibt es bestimmt keine "Kreuzpflicht", wenn in den städtischen Kindergärten aus Gründen religiöser Korrektheit schon der Nikolo nicht mehr kommen darf.
Gibt es ein Kinderrecht auf religions- und konfessionsloses Aufwachsen? Noch nicht, aber wer weiß, worauf man noch verfällt. Aber wenn man dann schon dabei ist: Wie wäre es mit dem Recht auf die Freiheit von Werbung, Konsumterror und Gewaltdarstellungen in den Medien? Müssen Eltern nicht immer in Kauf nehmen, dass ihre Kinder mancherlei Einflüssen ausgesetzt sind, mit denen man in der familiären Erziehung dann kritisch umgehen muss?
Was tun nicht Menschen alles für ein wenig Rausch? Geht es darum - oder eher um die Mutprobe? Wenn der rauschähnliche Zustand begleitet wird von einer Adrenalin-Ausschüttung, wird es wohl wirklich der ultimative Kick, im wahrsten Sinne des Wortes.
Orge sagte mir:
1
Der liebste Ort, den er auf Erden hab`
Sei nicht die Rasenbank am Elterngrab.
2
Orge sagte mir: Der liebste Ort
Auf Erden war immer der Abort.
3
Dies sei ein Ort, wo man zufrieden ist
Daß drüber Sterne sind und unten Mist.
4
Ein Ort sei einfach wundervoll, wo man
Wenn man erwachsen ist, allein sein kann.
5
Ein Ort der Demut, dort erkennst du scharf
Daß du ein Mensch nur bist, der nichts behalten darf.
6
Ein Ort der Weisheit, wo du deinen Wanst
Für neue Lüste präparieren kannst.
7
Und doch erkennst du dorten, was du bist:
Ein Bursche, der auf dem Aborte - frißt!
Bertolt Brecht: Orges Gesang
Ich empfehle meinen Schülern und Konfirmanden diesen Raum immer wieder als Ort des Gebets. Man ist so ungestört wie sonst kaum irgendwo.