Mittwoch, 11. März 2009

Modernes Babel

Das Alte Testament beschrieb den an Sprachverwirrung gescheiterten Turmbau zu Babel. Aber was hätte es zur Gebrauchsanweisung für einen "bequemen Lichtkontroller" gesagt? "Bemerken Sie sich vor der Aufsetzung, dass der Bewegungssensor am empfindlichsten nicht auf die naherkommende ober weggehende, sondern auf die durch die Abschensgegend schiebende Bewegung ist."

Da setzen wir uns erst mal in Tränen nieder.

Vor das Konsumglück haben die Produzenten den Wut- und Angstschweiß durch Bedienungsanleitungen gesetzt. In Türkisch, Armenisch, Kisuaheli, in Dummdeutsch und in der Universalsprache aller dieser Erklärheftchen: dem Kannitverstahn.

Jürgen H. Hahn, 55, studierter Maschinenbauer und Manager für Technische Kommunikation aus Offenbach, hat in einem neuen Buch ("Auspack und freu!") den wunderbarsten Sprach- und Denkmüll gesammelt, der vom Toaster bis zum Taschenrechner als Bedienungsanleitung neuen Produkten beigelegt wird.

Da radebrecht es, dass die deutsche Sprache kracht. "Die STAFF-K9AT tastatur innerseite ist definniert, so dass System software gbt maximum biegsamkeit im verbergten stimmten tastaturwirkung." Aha. Bitte auf Englisch erklären.

Übrigens, "im verbergten" blüht auch manchmal rührender Sprachkitsch, ein Infantilitätslallen, bei dem sich Lexikonplattsinn und Vorurteil über deutsches Weihnachten paaren. "Herzlichst Gluckwuensch zu gemutlicher Weihnachtzkerze Kauf. Mit sensazionell Modell GWK 90191 (ein beleuchtbarer Anstecker). Sie bekomen nicht teutonische Gemutlichkeit fuer trautes Heim nur, auch Erfolg als moderner Mensch bei anderes Gesleckt nach Weihnachtsganz aufgegessen und laenger, weil Batterie viel Zeit gut lange. Zu erreischen Gluckseligkeit unter finsterem Tann".

Teutonische Gemutlichkeit erstrebt auch die Gebrauchsanweisung für das Aufblasen einer aus Korea stammenden Luftmatratze und warnt: "Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puff Unterlage sich langsam puffen."

Schluss mit Gemutligkeit und Gluckseligkeit droht bei Befolgung des Erklärungsirrsinns für die Montage einer Hi-Fi-Anlagen-Glastür: "Während Sie da Glas ein wenig in Richtung A drücken, drücken Sie das Glas kräftig in Richtung B, bis sei eingeklrr Lärm hören in der linker und rechter Scharnier." Dann schon lieber puffen mit Puffunterlage.

spiegel.de 

Dienstag, 10. März 2009

Der Frühling grüßt (Spittelau)

 

Klarstellungen

SPIEGEL ONLINE: Biologische Evolution - Fakten und Theorien, eine kritische Bewertung 150 Jahre nach "The Origin Of Species" hieß die vatikanische Konferenz, die nun in Rom zuende ging. Wie kritisch war sie denn?

Jürgen Mittelstraß: Es ging sehr sachlich und professionell zu. Hier sprachen Gelehrte, nicht Institutionen. Und Wissenschaftler gehen mit sich untereinander sehr kritisch um.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Hauptstreitpunkte?

Mittelstraß: Wenn es eine Kontroverse gab, dann um die Frage, ob die Evolution voraussagbar sei. Dazu gab es zwei Vorträge mit gegenteiliger Meinung. Aber auch daraus hat sich kein richtiger Disput entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit gab es widersprüchliche Aussagen der katholischen Kirche zur Evolution. Hat sie sich nun zur Evolutionslehre neu positioniert?

Mittelstraß: Papst Johannes Paul II. sagte, die Evolutionstheorie sei mehr als eine Hypothese. Die katholische Kirche erkennt die Evolution als Fakt an, die Evolutionslehre wird nicht in Frage gestellt. Den Kreationismus hingegen lehnt sie unisono ab - nicht nur auf der Tagung. Und Intelligent Design ist ja nur eine neuere Variante des Kreationismus.

SPIEGEL ONLINE: Wollte man sich mit der Konferenz also vom Kreationismus abgrenzen?

Mittelstraß: Ja. Die Ablehnung des Kreationismus - in welcher Variante auch immer - wurde von Anfang an durch theologische Repräsentanten klar gemacht. Deutlicher ging es eigentlich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass die Kirche den Kreationismus eher als US-amerikanisches Phänomen und Problem sieht, das von den US-Amerikanern und den US-amerikanischen Kirchen gelöst werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Sieht man sich dafür womöglich gar nicht zuständig, weil der Kreationismus von protestantischen Fundamentalisten vertreten wird?

Mittelstraß: Das glaube ich nicht, so fein kann man das nicht auseinander halten. Es wurde auf der Konferenz deutlich, dass auch der Katholizismus in den USA von kreationistischen Thesen nicht unberührt geblieben ist. Und das gilt wohl auch außerhalb Amerikas.

SPIEGEL ONLINE: Kreationisten waren jedenfalls unerwünscht. Das Discovery Institute, Bollwerk der US-amerikanischen Kreationisten, beschwerte sich, es sei vom Vatikan nicht eingeladen worden, und die Auswahl der Redner sei nicht unabhängig und unvoreingenommen gewesen.

Mittelstraß: Es ging ja auch nicht primär um die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus auf der Tagung - sonst hätte man seine Vertreter wohl einladen müssen. Es ging um die Stellung der Kirche und der Philosophie gegenüber der Evolutionstheorie als einer wissenschaftlichen Theorie. Der Kreationismus ist ja keine wissenschaftliche Theorie, sondern Pseudowissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und was konnte man dahingehend aus der Konferenz mitnehmen?

Mittelstraß: Der biologische Teil war hervorragend, der Übergang in die Philosophie über die Anthropologie hoch interessant. Das wissenschaftliche Ergebnis der Konferenz ist sehr hoch einzuschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Und das theologische Ergebnis?

Mittelstraß: Wohl auch, wobei sich die Theologie mit guten Gründen bei der Beurteilung einer wissenschaftlichen Theorie zurückhält. Diese Beurteilung ist Sache der Wissenschaft selbst. Nicht so sehr einschätzen kann ich, was für einen Nachhall die Konferenz innerhalb der Kirche haben werden. Aber wie gesagt: Hier sprachen Personen, keine Institutionen.

SPIEGEL ONLINE: Die Konferenz dauerte fünf Tage, das Programm war vollgepackt. Konnte es da überhaupt Dialog geben?

Mittelstraß: In der Tat, das könnte man kritisieren. Wenn man mehr Dialog hätte haben wollen, hätte man die Konferenz womöglich ganz anders strukturieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ihr Fazit?

Mittelstraß: Wer sich von dieser Konferenz einen Zusammenprall unterschiedlicher Fundamentalismen erwartet hat, der wurde enttäuscht. Weder wurden von evolutionsbiologischer Seite Allerklärungsthesen vertreten, noch propagierten die Theologen kreationistische Positionen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Kirche also 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionslehre ihren Frieden mit Darwin gemacht?

Mittelstraß: Darwins Lehre wurde - anders als im Falle Galilei - nie als so bedrohlich empfunden, dass man aus dogmatischen Gründen gegen sie hätte vorgehen müssen. Die Kirche muss mit Darwin nicht ihren Frieden machen - sie hat sich nie im Kriegszustand mit ihm befunden. Und das ist ja auch vernünftig: Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Welt zu erklären - Aufgabe des Glaubens, das menschliche Leben zu stabilisieren und zu orientieren.

Der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstrass im Gespräch auf spiegel.de

Montag, 9. März 2009

Im Stiegenhaus

Himmel und Erde

Der Vorkoster des Himmels ist die Erde 
der Gastwirt für die Engel ist der Mensch.

Von dem persischen Dichter Ilyas ibn Yusuf Nizami (gest. 1209)

Johann-Strauß-Denkmal in Hietzing

Prähistorisches Beuteschema

Natürlich machen Männer öfter Karriere, sie haben ja auch einen doppelten Anreiz: Sie bekommen nicht nur das Geld und die gesellschaftliche Anerkennung - sie werden dadurch auch für Frauen attraktiver. Denn Frauen suchen ihre Partner immer noch nach archaischen Gesichtspunkten aus. Er sollte nicht nur größer sein, sondern auch einen höheren Status haben, das macht ihn sexy. Das ist für Männer ein enormer Motivationsfaktor, Karriere zu machen, der auch im Arbeitsalltag immer präsent ist - und auf den Frauen leider verzichten müssen. Denn Frauen punkten bei Männern weniger mit Status, sondern eher mit Attraktivität.

Fragt man Abiturientinnen, was ihnen bei der Berufswahl wichtig ist, sagen sie: Es soll Spaß machen, und ich will davon leben können. Bei vielen soll das Geld auch noch für ein Kind reichen, weil sie sich nicht mehr abhängig machen wollen. Aber fast keine sagt: Ich suche einen Beruf, mit dem ich einen Mann und zwei Kinder ernähren kann - einfach weil sie automatisch davon ausgehen, dass sie einen Partner haben werden, der zumindest gleich viel verdient.

So ist die Partnerwahl der Frauen einer der Hauptgründe, warum die Emanzipation auf halber Strecke stehengeblieben ist. Eine Heirat mit einem erfolgreicheren und womöglich älteren Mann hat nämlich eine logische Folge: Wenn Kinder kommen, bleiben eher die Frauen zu Hause - weil sie schlicht das kleinere Einkommen haben. Das wiederum erhöht den Druck auf den Mann, Karriere zu machen, denn er ist plötzlich der Haupternährer der Familie.

Ich glaube, viele Frauen haben die historische Chance, dass sie sich ihren Partner erstmals in der Geschichte ohne Blick auf seinen Geldbeutel aussuchen können, noch gar nicht erkannt. So lange sie ihr Beuteschema nicht modifizieren, werden sie gesellschaftlich nicht gleichziehen. Und in gewisser Weise ist das auch gerecht: Das Geld, das Männer in Führungspositionen verdienen, kommt ja oft auch ihren Frauen und Kindern zugute. Von Frauen, die viel verdienen, sind sehr viel seltener ganze Familien abhängig.

Völlig verschwinden werden diese Beuteschemata natürlich nicht. Ich bin sicher, dass sie auch genetisch bedingt sind. Studien zeigen: In allen Kulturkreisen der Welt suchen Frauen normalerweise Partner, die sie körperlich, aber auch im gesellschaftlichen Status überragen. Größe wird instinktiv mit Status gleichgesetzt. Ein großer Mann in der Ursippe konnte gut jagen und Frau und Kinder beschützen.

Trotzdem sollten sich Frauen dieser Mechanismen bewusst werden. (…)

Der Paartherapeut Thomas Woinoff auf spiegel.de

Bald endlich Frühling?

Alles sehnt sich danach, so scheint es mir.

So

So gehe ich nun
 
So gehe ich nun... einer einseitigen Liebe habe ich mein Leben geopfert.
So gehe ich nun... die Erde soll auch meine traurige Geschichte aufnehmen.
So gehe ich nun... wer wird meinen vom Exil erschöpften Leib in sein Grab tragen?

So gehe ich nun... wer wird sich dieses schändlichen Mordes annehmen?
Verwest sind meine Augen, verwest ist mein Herz in dieser regenreichen Stadt.
So gehe ich nun... 
tragt mich weg, wascht vor allem meine Verbitterung vom toten Leib.

Ich wollte euch ein Lied vorsingen, das seit Jahrhunderten seine Stimme verloren hat...
Ich wollte euch mit der Zärtlichkeit des aufsteigenden Windes die Wimpern küssen...  
Es war nur ein unschuldiges Lied in den Herzen von hunderttausenden Erniedrigten..
Vielleicht singen wir es eines Tages...
Vielleicht singen wir es am ersten Tag des letzten Gerichts.

Wie sehr hatte ich euch alle doch geliebt... wie konnte mein Ende nur so werden?
Wie konnte meine Heimat, das Blumenparadies, zu einer Wüste werden?

So gehe ich nun, in keiner Sprache hat jemals einer von euch mich verstanden...
Ich gab meinen Kopf her, eure Antwort hingegen war ein schonungsloser Lynchangriff.

So gehe ich nun...
In ein Labyrinth ohne Fenster...
So gehe ich nun...
Du kannst dir nun die glänzenden Haare ausreißen, Mutter.

Am Ende habe ich mein Herz diesem Lied verschrieben...
diesem gefährlichen Lied, das sich Tod nennt.
Und nun bist du mich los,
sei fröhlich, Türkei!

Natürlich hatte auch ich Hoffnungen
für mein Leben und mein Land...
Vielleicht werden sie fortgeführt  
von meinen Freunden, meiner Frau und meinen Kindern.

Zersprungen ist mein Herz, zersprungen ist mein Satz...
Also war wohl das mein Schicksal...
Es"İşte gidiyorum""İşte gidiyorum" soll euch ein Geschenk sein
Dieses Herz, dass von euch Darlehen erhielt, ist euer...

Was ist das für ein Gefangensein, oh Gott...
Welch Nebel, welche Gedanken, in dieser Frühe?
Ist es dir überlassen, oh schönes Paris,
meinem Herzen die letzte Kugel zu verpassen?

So gehe ich nun... kein letztes Wort, das ich zu sagen hätte...
Es soll so sein, wie ihr es sagt!
Es soll so sein, wie ihr es sagt meine Augäpfel.

So gehe ich nun...
erschöpft mein Glaube an dieses undankbare Leben...
Vielleicht hinterlässt er mir ein paar Zeilen,
ein Dichter namens Hayaloglu...!  


Klassische Musik

Klassische Musik begleitet mein Leben. Vermutlich bin ich schon bei Puccini-Arien gewickelt worden. Als Kind im Vorschulalter hörte ich jeden Tag den Schulfunk im Westdeutschen Rundfunk. Als Erkennungsmelodie diente eine Instrumentalversion der Auftrittsarie des Papageno aus der Zauberflöte ("Der Vogelfänger bin ich ja"). Schreiben lernte ich bei Beethovens Symphonien (darum ist die Handschrift ein wenig dramatisch geraten). Und so ging es immer weiter. Als Jugendlicher hörte ich zur Nacht Mahler, Debussy und Stravinsky, im Studium Prokofjev und Bartok, aber auch Purcell und Sibelius. Meine Kinder wuchsen auf mit Tanzmusik der Renaissance und Schönberg. Und im Laufe der Jahre hat sich meine Liebe zur Oper immer weiter entwickelt. 
Noch heute geht es mir bei bestimmten Musikstücken so, dass ich einen unbändigen Stolz empfinde, ein Kind des Abendlandes zu sein, das solche wunderbare Musik hervorgebracht hat. Das ist bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder bei Bachs h-moll-Messe nicht anders als bei Beethovens Schlusschor aus der 9. Symphonie oder bei Richard Wagner und Dimitri Schostakowitsch.
Dass mich meine Schüler wie einen alien empfinden, ist nicht weiter erstaunlich.