Donnerstag, 12. März 2009
Hinein in die Marktlücke!
Private Sicherheitsfirmen trainieren die Schüler
Das Horrorszenario eines im Schulgebäude wild um sich schießenden Amokläufers durchzuspielen, ist seither an den meisten amerikanischen Schulen eine Pflichtübung. Geplant, durchgeführt und ausgewertet wird dieses Training für den Ernstfall zumeist von privaten Sicherheitsfirmen.
Bei der simulierten Amok-Schießerei werden die Schüler trainiert, sich durch Fenster, Kellergänge und Feuertüren ins Freie zu retten, erklärt Kenneth Trump, dessen Nationale Schulsicherheits-Firma in Colorado gutes Geld mit der Katastrophenübung verdient. Den Schülern wird außerdem beigebracht, sich geschickt im Klassenraum zu verbarrikadieren. Sich einfach im Klassenraum zu verstecken, sei häufig die einzige Chance, sagt Trump im Nationalen Radiosender NPR.
"Jede Metzgerei ist sicherer"
Der Sicherheitsunternehmer verkauft komplette Amok-Präventionspakete an Schulen. Dazu zählen unter anderem Metall-Sicherheitsdetektoren an allen Eingangstüren, Stückpreis: rund 30.000 Dollar. Außerdem komplette Kamera-Überwachungssysteme, Zentralverriegelungen und die Installierung von einem Telefon in jedem Klassenzimmer. Viele Bäckereien und Einkaufszentren seien in den USA besser vor Amokläufern geschützt als ausgerechnet Amerikas Schulen, empört sich der Sicherheits-Unternehmer: "Wenn die Jugendlichen in die Metzgerei oder ins Fitness-Center gehen, stellen sie fest: Da ist mehr Sicherheit als in ihrer Schule."
Schießtraining für Lehrer
Doch ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem und private Wachleute auf dem Schulgelände und in den Korridoren können sich häufig nur Eliteschulen in Wohngebieten mit einem hohen Grundsteueraufkommen leisten. Eine Zwergschule in der texanischen Kleinstadt Herrold hat daraus die radikale Konsequenz gezogen, alle Lehrer schießtechnisch auszubilden und während des Unterrichts mit Waffen auszurüsten. Eine Präventionsmaßnahme, die von Amerikas Waffenlobby NRA zwar gefeiert, von den meisten Pädagogen, Eltern und Schülern aber strikt abgelehnt wird. Die Schulen sollten gerade wegen der latenten Amokgefahr waffenfrei bleiben, meinen sie. Dafür müssten sie aber intensiver mit der Polizei zusammenarbeiten, fordert die Bundespolizei FBI.
Wenn man die Stiegen nimmt...
Lyrik, unter der Bank geschrieben

"Schöne Kinderzeit?" lautete das Thema des Wettbewerbs. Shamban schlüpfte in ihrem preisgekrönten Gedicht "Lied eines Vaters" in die Rolle des Täters. Harter Tobak: Das "lyrische Ich" ist ein Kinderschänder, der seine Tochter missbraucht. In nur wenigen Zeilen gelingt es der jungen Autorin glänzend, die komplette Gedankenwelt eines Päderasten darzustellen. "Es ist ein Spiel mit einer ungewöhnlichen Perspektive", sagte sie und betonte, kein Opfer zu sein. Inspirieren ließ sich Shamban von Vladimir Nabokovs' Klassiker "Lolita", in dem ein reifer Mann von der zerstörerischen Liebe zu einem jungen Mädchen erzählt. "Das am meisten missverstandene Buch", so die Schülerin. Auffallend an ihrem Gedicht ist die strenge Form. Mit Metrum und Reimschema kann Shamban gekonnt umgehen. "Ich feile an meinen Gedichten. Aber 'Lied eines Vaters' ist aus mir herausgeflossen." Lyrik sei Bestandteil des Lebens, sagte Shamban, die in Los Angeles geboren wurde und seit 2003 in Deutschland lebt. Durch das Lesen von Gedichten habe sie die deutsche Sprache gelernt. Schriftstellerin will sie allerdings nicht werden - anders als einige der jungen "lyrix"-Preisträger, mit denen Shamban vor der Ehrung an einem Workshop teilnehmen durfte. Ihre große Leidenschaft ist nach wie vor die Musik. Shamban spielt Klavier - und auch das mit großem Erfolg: 2006 gewann sie beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert".
Mittwoch, 11. März 2009
Erfurt liegt nun in Württemberg

Grundfragen angesichts der drohenden Selbstaufgabe Europas
Modernes Babel
Das Alte Testament beschrieb den an Sprachverwirrung gescheiterten Turmbau zu Babel. Aber was hätte es zur Gebrauchsanweisung für einen "bequemen Lichtkontroller" gesagt? "Bemerken Sie sich vor der Aufsetzung, dass der Bewegungssensor am empfindlichsten nicht auf die naherkommende ober weggehende, sondern auf die durch die Abschensgegend schiebende Bewegung ist."
Da setzen wir uns erst mal in Tränen nieder.
Vor das Konsumglück haben die Produzenten den Wut- und Angstschweiß durch Bedienungsanleitungen gesetzt. In Türkisch, Armenisch, Kisuaheli, in Dummdeutsch und in der Universalsprache aller dieser Erklärheftchen: dem Kannitverstahn.
Jürgen H. Hahn, 55, studierter Maschinenbauer und Manager für Technische Kommunikation aus Offenbach, hat in einem neuen Buch ("Auspack und freu!") den wunderbarsten Sprach- und Denkmüll gesammelt, der vom Toaster bis zum Taschenrechner als Bedienungsanleitung neuen Produkten beigelegt wird.
Da radebrecht es, dass die deutsche Sprache kracht. "Die STAFF-K9AT tastatur innerseite ist definniert, so dass System software gbt maximum biegsamkeit im verbergten stimmten tastaturwirkung." Aha. Bitte auf Englisch erklären.
Übrigens, "im verbergten" blüht auch manchmal rührender Sprachkitsch, ein Infantilitätslallen, bei dem sich Lexikonplattsinn und Vorurteil über deutsches Weihnachten paaren. "Herzlichst Gluckwuensch zu gemutlicher Weihnachtzkerze Kauf. Mit sensazionell Modell GWK 90191 (ein beleuchtbarer Anstecker). Sie bekomen nicht teutonische Gemutlichkeit fuer trautes Heim nur, auch Erfolg als moderner Mensch bei anderes Gesleckt nach Weihnachtsganz aufgegessen und laenger, weil Batterie viel Zeit gut lange. Zu erreischen Gluckseligkeit unter finsterem Tann".
Teutonische Gemutlichkeit erstrebt auch die Gebrauchsanweisung für das Aufblasen einer aus Korea stammenden Luftmatratze und warnt: "Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puff Unterlage sich langsam puffen."
Schluss mit Gemutligkeit und Gluckseligkeit droht bei Befolgung des Erklärungsirrsinns für die Montage einer Hi-Fi-Anlagen-Glastür: "Während Sie da Glas ein wenig in Richtung A drücken, drücken Sie das Glas kräftig in Richtung B, bis sei eingeklrr Lärm hören in der linker und rechter Scharnier." Dann schon lieber puffen mit Puffunterlage.
Dienstag, 10. März 2009
Klarstellungen
SPIEGEL ONLINE: Biologische Evolution - Fakten und Theorien, eine kritische Bewertung 150 Jahre nach "The Origin Of Species" hieß die vatikanische Konferenz, die nun in Rom zuende ging. Wie kritisch war sie denn?
Jürgen Mittelstraß: Es ging sehr sachlich und professionell zu. Hier sprachen Gelehrte, nicht Institutionen. Und Wissenschaftler gehen mit sich untereinander sehr kritisch um.
SPIEGEL ONLINE: Was waren die Hauptstreitpunkte?
Mittelstraß: Wenn es eine Kontroverse gab, dann um die Frage, ob die Evolution voraussagbar sei. Dazu gab es zwei Vorträge mit gegenteiliger Meinung. Aber auch daraus hat sich kein richtiger Disput entwickelt.
SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit gab es widersprüchliche Aussagen der katholischen Kirche zur Evolution. Hat sie sich nun zur Evolutionslehre neu positioniert?
Mittelstraß: Papst Johannes Paul II. sagte, die Evolutionstheorie sei mehr als eine Hypothese. Die katholische Kirche erkennt die Evolution als Fakt an, die Evolutionslehre wird nicht in Frage gestellt. Den Kreationismus hingegen lehnt sie unisono ab - nicht nur auf der Tagung. Und Intelligent Design ist ja nur eine neuere Variante des Kreationismus.
SPIEGEL ONLINE: Wollte man sich mit der Konferenz also vom Kreationismus abgrenzen?
Mittelstraß: Ja. Die Ablehnung des Kreationismus - in welcher Variante auch immer - wurde von Anfang an durch theologische Repräsentanten klar gemacht. Deutlicher ging es eigentlich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass die Kirche den Kreationismus eher als US-amerikanisches Phänomen und Problem sieht, das von den US-Amerikanern und den US-amerikanischen Kirchen gelöst werden muss.
SPIEGEL ONLINE: Sieht man sich dafür womöglich gar nicht zuständig, weil der Kreationismus von protestantischen Fundamentalisten vertreten wird?
Mittelstraß: Das glaube ich nicht, so fein kann man das nicht auseinander halten. Es wurde auf der Konferenz deutlich, dass auch der Katholizismus in den USA von kreationistischen Thesen nicht unberührt geblieben ist. Und das gilt wohl auch außerhalb Amerikas.
SPIEGEL ONLINE: Kreationisten waren jedenfalls unerwünscht. Das Discovery Institute, Bollwerk der US-amerikanischen Kreationisten, beschwerte sich, es sei vom Vatikan nicht eingeladen worden, und die Auswahl der Redner sei nicht unabhängig und unvoreingenommen gewesen.
Mittelstraß: Es ging ja auch nicht primär um die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus auf der Tagung - sonst hätte man seine Vertreter wohl einladen müssen. Es ging um die Stellung der Kirche und der Philosophie gegenüber der Evolutionstheorie als einer wissenschaftlichen Theorie. Der Kreationismus ist ja keine wissenschaftliche Theorie, sondern Pseudowissenschaft.
SPIEGEL ONLINE: Und was konnte man dahingehend aus der Konferenz mitnehmen?
Mittelstraß: Der biologische Teil war hervorragend, der Übergang in die Philosophie über die Anthropologie hoch interessant. Das wissenschaftliche Ergebnis der Konferenz ist sehr hoch einzuschätzen.
SPIEGEL ONLINE: Und das theologische Ergebnis?
Mittelstraß: Wohl auch, wobei sich die Theologie mit guten Gründen bei der Beurteilung einer wissenschaftlichen Theorie zurückhält. Diese Beurteilung ist Sache der Wissenschaft selbst. Nicht so sehr einschätzen kann ich, was für einen Nachhall die Konferenz innerhalb der Kirche haben werden. Aber wie gesagt: Hier sprachen Personen, keine Institutionen.
SPIEGEL ONLINE: Die Konferenz dauerte fünf Tage, das Programm war vollgepackt. Konnte es da überhaupt Dialog geben?
Mittelstraß: In der Tat, das könnte man kritisieren. Wenn man mehr Dialog hätte haben wollen, hätte man die Konferenz womöglich ganz anders strukturieren müssen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist ihr Fazit?
Mittelstraß: Wer sich von dieser Konferenz einen Zusammenprall unterschiedlicher Fundamentalismen erwartet hat, der wurde enttäuscht. Weder wurden von evolutionsbiologischer Seite Allerklärungsthesen vertreten, noch propagierten die Theologen kreationistische Positionen.
SPIEGEL ONLINE: Hat die Kirche also 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionslehre ihren Frieden mit Darwin gemacht?
Mittelstraß: Darwins Lehre wurde - anders als im Falle Galilei - nie als so bedrohlich empfunden, dass man aus dogmatischen Gründen gegen sie hätte vorgehen müssen. Die Kirche muss mit Darwin nicht ihren Frieden machen - sie hat sich nie im Kriegszustand mit ihm befunden. Und das ist ja auch vernünftig: Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Welt zu erklären - Aufgabe des Glaubens, das menschliche Leben zu stabilisieren und zu orientieren.
Der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstrass im Gespräch auf spiegel.de