Der Architekt Pierre Müller, 44, und die Sekretärin Anita Leuenberger, 31, haben im August geheiratet. Fehlerfrei sind beide nicht. Eine Erkenntnis, die Verbindlichkeit schuf.
«Ich traue mich, dich zu heiraten»: Ehepaar Leuenberger und Müller. Bild: Sally Montana
Pierre: Die Liebe ist kein unordentliches Gefühl, sondern eher das Gegenteil: Sie bringt Ruhe ins Leben, Harmonie im besten Fall und Geborgenheit. In einem ersten Schritt muss man das Glück allerdings erkennen. Es nützt nichts, wenn man unrealistischen Vorstellungen nachhängt und immer meint, etwas noch Besseres finden zu können. So bleibt man allein, wie so viele aus meiner Generation: die Prinzen und Prinzessinnen auf den Erbsen.
Anita: Wir hatten beide eine Enttäuschung hinter uns. Von meiner letzten Beziehung musste ich mich richtiggehend erholen. Danach wusste ich, dass ich einen spontanen Mann brauche, der mich nicht einengt und nicht meckert, wenn ich ins Fitnessstudio will oder etwas mit meinen Freundinnen unternehmen möchte. Pierre gefiel mir sofort extrem gut. Er sieht toll aus und hat von Anfang an auf eine coole Art akzeptiert, dass ich etwas Zeit brauche. Die Wochen nach der ersten Nacht waren wunderschön: Wir wussten beide, es könnte etwas Ernsthaftes werden, und trotzdem war der Ausgang der Geschichte noch offen, abenteuerlich und frei.
Pierre: Wir sind unternehmungslustige Bewegungsmenschen. Politisch sind wir nicht, auch keine Weltverbesserer, aber wir teilen ähnliche Werte: Respekt, Treue, Solidarität. In diesem Sinn ist die Heirat für mich ein Commitment, das dem anderen vermittelt: Ich traue mich, dich zu heiraten, weil ich an unsere Liebe glaube. Mehr noch: Ich übernehme Verantwortung. Natürlich ist das manchmal sehr schwierig und auch nicht immer machbar: Aus meiner ersten Ehe stammt mein 18-jähriger Sohn. So jung Vater zu werden, war eine grosse Herausforderung: Man muss auf vieles verzichten. Das merkt man erst im Nachhinein.
Anita: Mit jedem Eheversprechen ist ein winziges Risiko verbunden. Man muss sich einen Schubs geben, sonst wird es nie etwas.
Pierre: Natürlich könnte man auch friedlich und zufrieden im Konkubinat leben. Es gibt heute keine gesellschaftlichen Restriktionen mehr, wenn man ledig bleibt oder geschieden ist. Die Frauen sind wirtschaftlich unabhängig, Männer können kochen und haushalten. Hinkt das Herz befreiten Zuständen hinterher, oder rennt die moderne Gesellschaft den Herzen davon? Wie auch immer: Wir beschlossen, unsere Beziehung zu offizialisieren.
Anita: Wir wählten die Insel Ufenau als Trauungsort. Dort kann man natürlich nicht in Stöckelschuhen und im Sissikleid rumlaufen. Also zog ich das weisse Kleid nur bei der standesamtlichen Trauung an. Zur eigentlichen Hochzeitsfeier mussten die Gäste in historischen römischen Gewändern erscheinen. Ich trug eine weisse Toga mit angenähtem Schleier und eine Hochsteckfrisur, Pierre eine Ritterrüstung im Stil derjenigen von Julius Cäsar. Eine freie Theologin führte durch die Hochzeitszeremonie. Sie ist eine Naturfreundin wie wir und brachte allerlei Sachen mit, die symbolischen Gehalt hatten und uns mit der Insel und dem Tag verbinden sollten: selbstgepflückte Wildbeeren, einen rundgeschliffenen Stein und einen Felsbrocken aus grobem gespaltenem Granit, matte und glänzende Muscheln. Pierres Nichte hatte die Aufgabe, den ganzen Tag Dinge zusammenzutragen, die in eine Schale gelegt wurden: Vogelfedern, Blätter, Blumen. Dort drin lagen schlussendlich unsere Ringe. Das Eheversprechen schrieben wir auf lose Baumrinden und vergruben diese anschliessend im Boden. In wenigen Jahren werden sie von der Natur absorbiert sein.
Pierre: Um Mitternacht – als das Fest auf dem Höhepunkt war – erklärten wir den Abend für beendet. Eine Schifffahrt unter dem Sternenhimmel beschloss den wunderschönen Tag für die Gäste. Und wir verbrachten die Hochzeitsnacht frisch und munter – nicht wie viele Frischverheiratete, die todmüde in die Federn sinken.
