Donnerstag, 1. April 2010

Scientology

"Scientology ist eine gewinnorientierte Organisation, die das menschliche Bedürfnis nach Selbstkontrolle und Lebensorientierung durch ein geschicktes Kurssystem finanziell ausnutzt. Die scientologische Ideologie ist keine Religion. Die Selbstbezeichnung als "Kirche" ist irreführend und hat eine strategische Absicht. Problematisch ist vor allem der scientologische Traum vom Übermenschen. Er begreift den Menschen als eine Art Maschine. Durch das kostspielige Kurssystem soll der Mensch optimiert, in Wahrheit aber von der Organisation abhängig gemacht werden."

So heißt es heute (1. April 2010) in einer Presseaussendung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen im Nachgang zu dem gestern in der ARD ausgestrahlten Film "Bis nichts mehr bleibt". In der Erklärung wird die weitere Beobachtung von Scientology durch den deutschen Verfassungsschutz befürwortet.

Tiefe Karfreitagsgedanken

Für evangelische Christen ist der morgige Karfreitag, der Tag der Erlösung, der höchste aller religiösen Feiertage, für katholische Christen aber ist es der Ostersonntag, der Tag der Auferstehung. Doch eigentlich sollte man den Karsamstag als den wirklich höchsten, zumindest als den ernstesten aller Tage feiern. Denn er gemahnt an das unergründliche Schweigen der in fernster Tiefe unerreichbar verborgenen Gottheit.

Ein Meister der Sprache wie Hofmannsthals Lord Chandos wusste, wie aussichtslos es ist, das wahrhaft Wichtige, das entscheidend Bewegende in stimmige Worte zu fassen. Man sucht verzweifelt die richtigen Begriffe und endet bei armselig unbeholfenen Worthülsen. Und man weiß: Das Gegenüber wird das, was man sagt oder schreibt, niemals wirklich so verstehen, wie man es zum Ausdruck bringen wollte.

Die Bibel ist voll solcher Missverständnisse. Sie entstehen, weil in den Religionen des Buches Gott nicht aus der Natur erfahren wird, nicht aus dem Glanz des nächtlichen Sternenhimmels oder aus der Strahlkraft der Sonne; er ist kein sich in Flüssen oder Bäumen verbergendes Wesen. Der biblische Gott wird erfahren, weil jene, die von ihm berichten, überzeugt sind, sein Wort gehört zu haben. Doch sicher haben sie ihn nicht immer verstanden. Abraham nicht, der sein eigenes Kind zu opfern bereit war. Moses nicht, der sich einmal Gottes Wort sogar widersetzte. Das Volk nicht, das sich seinen Propheten gegenüber taub stellte. Auch Jesu Jünger nicht, die mit den Gleichnissen und dem Wort vom hereinbrechenden Gottesreich nichts anzufangen wussten. Am allerwenigsten Petrus, von dem die Evangelien mehrfach von peinlichem Unverständnis und Irrtum berichten.

Obwohl man der Gefahr des Missverständnisses nicht entrinnen kann, mag der Wunsch, Gottes Stimme zu hören, zuweilen übermächtig gewesen sein. Denn Gottes Schweigen ist schwer zu ertragen. Eine Mutter blickt verzweifelt in das dunkle Grab, das den Sarg ihres einzigen Kindes umfängt, keiner vermag ihre Tränen zu trocknen, sie betet inständig um Trost – Gott schweigt. In Sekundenschnelle vernichtet eine brutale Sturzflut hunderte Leben – Gott schweigt. Von brennenden Schmerzen zerfressen fleht ein Kranker um ein gnädiges Sterben – Gott schweigt.

Der Gekreuzigte brüllt in barer Hilf- und Hoffnungslosigkeit zu seinem Gott, den er einst, in guten Tagen, liebevoll Abba, Väterchen, gerufen hat. Der Sterbende hört ihn nicht mehr. Hat Gott den Schrei vernommen? Gottes Schweigen lastet über dem Karsamstag.

Laut Schöpfungserzählung entstand der Kosmos durch göttliches Wort, mehrfach gesprochen an sechs Tagen. Am siebenten Tag aber, am Samstag, schweigt Gott. So gesehen symbolisiert der Karsamstag den schon überlangen siebenten Tag, an dem wir hier auf Erden unser Dasein fristen. Wird Gott ewig weiterschweigen? Oder wird es den achten Tag der Vollendung geben, an dem er sein Schweigen bricht?

Rudolf Taschner: Der höchste Tag. Das Schweigen feiern, Die Presse 1. April 2010

Der Autor dieses Beitrages ist Mathematiker und Betreiber des math.space, im quartier21, MQ Wien. Schon seit vielen Jahren fällt mir auf, dass in manchen Zeitungen zu den großen Festen der Christenheit Klügeres und Tieferes zu lesen ist als man von vielen Kanzeln hören kann.

Begegnung

Im Museum Gugging.

Ein Schild, das zum Nachdenken anregt

Dieses "Warnschild" bekam ich neulich von einem Freund zugesandt. Katholische Geistliche sind leichter erkennbar, jedenfalls in einer scherenschnittartigen Darstellung. Für evangelische Pfarrer müsste man ein anderes Design wählen. Allen Diskussionen um den Zölibat zum Trotz - auch unter protestantischen Geistlichen gibt es natürlich schwarze Schafe - und auch sexuelle Übergriffe, vielleicht insgesamt seltener, aber es gibt keinen Anlass zur Häme gegenüber der Schwesterkonfession. Und zum Glück habe ich davon auch nichts bemerkt, weder in der Öffentlichkeit noch unter Gemeindegliedern. Es überwiegt nachdenkliche Betroffenheit. Und das ist auch gut und richtig so.

Dienstag, 30. März 2010

Kleine Länder

Es ist eine Leidenschaft kleiner Länder, prominent gewordene Persönlichkeiten mit einem nationalen Copyright zu versehen. Der Grund dafür mag im übersteigerten Gefühl eigener kultureller Größe liegen, aber auch in der Angst, von der Welt übersehen zu werden. Am weitesten haben es in dieser Praxis zweifellos unsere magyarischen Freunde gebracht. Glaubt man Peter Hammerschlag („Der Mond schlug grad halb acht“), dann ist nicht nur Hollywood, sondern die ganze Welt eine „Ungarische Schöpfungsgeschichte“: „Im Ånfang wår – dås ist bestimmt – / DER WORT. Auf Griechisch LOGOSCH. / Im Weltmeer ist herumgeschwimmt / Dås Urgetier, dås Fogosch...“

Vor einigen Jahren wurde ein Bekannter von mir, ein polyglotter Weltbürger mit österreichischen Wurzeln und einer schweizerisch-britischen Lebensgeschichte, gefragt, welcher Staatsbürger er denn sei. Er antwortete: „I was born in Austria, but I try to be a human being now.“

Aus einem Kommentar in der "Presse" (Kurt Scholz: Die Österreich-Macher).

Kunst auch das



Graffiti auf Toilettentüren im art / brut center gugging.

Montag, 29. März 2010

Entsorgungsgedanken

ALTPAPIERCONTAINER

Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

es schreibt doch heutzutage

keiner Liebesbriefe mehr

Ich schmeiß Deine Briefe rein

von Juni bis September


Dass Du mich mal geliebt hast

ist schon viel zu lange her.

Dann bringe ich all die Flaschen

zum Container nebenan

die ich geleert hab

wegen Dir.


Das ist recht überschaubar,

weil ich nicht viel vertragen kann

aber Du fehlst

mir

so sehr.


Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

wo ich doch gar niemandem jemals

wieder Briefe schreiben will

Ich seufze leis und hole Luft

damit mein Herz nicht stehen bleibt

und schmeiße Deine Briefe ein

von Januar bis April


Dann bring ich Deine alten Hemden

zum Sammelstelle nebenan

sie riechen viel zu sehr

nach Dir

Du kommst ja nicht zurück,

Du ziehst sie eh nie wieder an

aber es fällt

mir

so schwer.


Du gingst fort und suchtest die Liebe

denn bei Dir war sie plötzlich

abhanden gekommen

Einfach so verpufft, wie kann das sein?

Und warum hast Du meine nicht gleich

mitgenommen?


Denn jetzt steh ich hier und weiß nicht wohin mit der Liebe

sie ist zu schade für den ganz normalen Müll,

auch wenn man ihn trennt.

Ich frag mich, was

von der Liebe wohl bliebe

wenn man alle

Antworten schon kennt.


Es gibt viel zu viele

ungestellte Fragen

wann wird hier der Müll geleert,

warum ist das mit uns vorbei

allen Mut, den ich noch finden kann

raff ich irgendwie zusammen

und schmeiße Deine Briefe rein

von Februar bis letzten Mai


Christiane Weber (von ihrem im Mai erscheinenden Solo-Album "Das Honolulu-Proinzip")

Lutherhof und Lutherkirche im Schein des ersten Frühlingsvollmonds



Erzählen über das Leben

"Oper ist erstmal mein Leben. Ganz klar. Ich glaub, dass wir mit der Oper sehr viel erzählen können über das Leben insgesamt. Das kann die Oper besser als jedes andere Genre, deshalb sollte man sich den Luxus leisten, und das ist es auch, was die Menschen begeistert."

Der Saarbrücker Operndirektor Berthold Schneider im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur anlässlich der szenischen Uraufführung der Schubert-Oper "Sakontala".

Klosterneuburg


Meine Schüler und Schülerinnen, die da wohnen, nennen ihre Heimatstadt übrigens "Kloburg".