Mittwoch, 28. November 2007
Dienstag, 27. November 2007
Das große Suchen

"Die Dokusoap mit dem umstandslos knappen Titel 'Bauer sucht Frau' ist derzeit der Quotenrenner überhaupt. Mit jeder neuen Folge der mittlerweile dritten Staffel schauen noch mehr Leute zu, an diesem Montag waren es über acht Millionen. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner äußerte sich im Spiegel ungehalten: Die Sendung vermittle ein unrealistisches Bild, der heutige Bauer kenne gar kein Nachwuchsproblem und sei überhaupt viel fortschrittlicher als in der RTL-Show dargestellt. Aber wie dem auch sei - Fernsehen ist ja nicht unbedingt dann am erfolgreichsten, wenn es Realismus betreibt, sondern eben dann, wenn es seinem Zuschauer Wohlbehagen verschafft." (Süddeutsche Zeitung 27.11.2007)
Tatsächlich hat nach wie vor alles, was mit Partnersuche, Dating und Liebe zu tun, Dauerkonjunktur. Wie auch nicht in dieser Welt der funktionierenden Menschen mit den einsamen Herzen?

Ein gelungenes Beispiel für die mediale Umsetzung des Themas ist Ralf Westhoffs Filmkomödie "Shoppen" aus dem Jahr 2006. Der Episodenfilm macht uns mit acht Männern und acht Frauen bekannt, die sich zum Speed-Dating treffen, und skizziert ein insgesamt wohl zutreffendes Bild des Single-Lebens mit all seinen Nöten und Hoffnungen - nicht nur in München.
Ein Grund zum Aufatmen? Schon im Jahr 2000 schlechter...
Grinzing

Im Weinvorort Grinzing (der - bislang vergeblich - um den Status als Weltkulturerbe ringt), ist Wien ganz beschaulich, fast schon ländlich.
Mein Stundenplan an der dortigen "Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe" beschert mir fast jede Woche einige Freistunden, und wenn das Wetter nicht allzu garstig ist, lädt die Umgebung zu angenehmen Spaziergängen ein.
Von der Wiener Lieblingsbeschäftigung und der sozialen Teilung
Shoppingcenter üben auf Wiener nach wie vor eine besondere Anziehungskraft aus. In keinem anderen Bundesland ist die Einkaufszentrumsdichte so hoch wie in der Bundeshauptstadt. Auf einen Stadtbewohner kommen derzeit 25 Quadratmeter Shoppingmall – Tendenz steigend."

Der Standard bringt es in seiner heutigen Ausgabe (27.11.2007) auf den Punkt, was auch mein Eindruck ist: Wien ist eine Einkaufsstadt par excellence, wobei ich mich immer frage, woher die Menschen beim hiesigen Niveau der Löhne und Gehälter eigentlich das Geld nehmen. Der weitere Text des Artikels zeigt aber auch die Grenzen auf:
"An sämtlichen neuen Bahnhöfen, die in den nächsten Jahren in Wien gebaut werden sollen, entstehen neue Einkaufsflächen. 60.000 Quadratmeter sind derzeit insgesamt geplant. Da ist das gigantische Shoppingmall-Projekt, das Frank Stronach in Rothneusiedl verwirklichen will, noch gar nicht mit eingerechnet.
Harte Konkurrenz für die 100 Wiener Einkaufsstraßen. Zumal ein Gutteil der auf kleineren Konsummeilen angesiedelten Geschäfte bereits jetzt ums Überleben kämpft.“
Faktisch gibt es bei den Einkaufsstraßen und den Shoppingmalls eine ziemlich deutliche soziale Trennung, wie auch sonst im täglichen Leben: Hier die Besserverdienenden (viele Österreicher, die Diplomaten und Mitarbeiter internationaler Firmen und Institutionen, die Arbeitsimmigranten aus der Managementetage) - dort die Anderen, die sozial mehr oder weniger deklassierten Einheimischen und die Einwanderer: Menschen aus dem früheren Jugoslawien, aus der Türkei, aus den Ländern des vormaligen Ostblocks. Wien ist eine zweigeteilte Stadt, neben dem Glamour ist die Armut unübersehbar. Das ist nicht anders als in Berlin oder in London, bei einer Stadt dieser Größe wohl unausbleiblich, hier durch die österreichische Zuwanderungspolitik der letzten zwanzig Jahre sicher forciert.
Der Unterschied
Verspätet und kuchenlos: Joseph von Eichendorff
"1813 beschließt der fünfundzwanzigjährige Joseph von Eichendorff, sich dem Lützowschen Freikorps anzuschließen. Er will sich am Kampf gegen Napoleon aktiv beteiligen. Sein Kampfeswille aber bleibt wirkungslos, weil er lange Zeit nicht genügend Geld hat, um sich eine Uniform, ein Gewehr und ein Pferd zu kaufen. Als ihm dies doch noch gelingt, ist der Krieg vorbei. (…)
Eichendorff selbst kam meist zu spät und fing schon bei der Geburt damit an. In seinen Lebenserinnerungen, die Fragment geblieben sind, heißt es dazu: 'Der Winter des Jahres 1788 war so streng, dass die Schindelnägel auf den Dächern krachten, die armen Vögel im Schlaf von den Bäumen fielen und Rehe, Hasen und Wölfe ganz verwirrt bis in die Dörfer flüchteten Die Konstellation war überaus günstig. Jupiter und Venus blinkten freundlich auf die weißen Dächer, der Mond stand im Zeichen der Jungfrau und musste jeden Augenblick kulminieren.'
Eichendorff wurde in diesem Augenblick auf der Welt erwartet, ließ sich aber Zeit: 'Um ein Haar wäre ich zur glücklichen Stunde geboren worden, ich kam gerade nur um anderthalb Minuten zu spät, und zwar in der Konfusion mit den Füßen zuerst ...' So sah Eichendorff zeitlebens dem armen Jungen ähnlich, der bei der Hochzeit beinahe ein Stück Kuchen bekommen hätte.
Dieser arme, kuchenlose Junge aber hatte die dichterische Kraft, das deutsche Zuspätkommen mit all seinen melancholischen Folgen auf eine unvergängliche Weise darzustellen. Als in der Erzählung 'Aus dem Leben eines Taugenichts' der Held sein Rendezvous mit der Geliebten verpasst, seufzt er: 'So geht es mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend, und ist so recht zufrieden... Mir ist's nirgends recht. Es ist, als wär ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet.'"
Wolfgang Lepenies zum 150 Todestag Eichendorffs in der Welt ("Der ewig späte Taugenichts")Montag, 26. November 2007
Politik mit Buchstaben
„Bei seiner großen Schriftreform von 1928 hatte der Republikgründer Kemal Atatürk festlegen lassen, mit welchen Buchstaben Türkisch in Zukunft geschrieben werden sollte und alle übrigen verboten. Obwohl das Verbot eigentlich nur für das Türkische gedacht war und die alte, aus dem Arabischen abgeleitete osmanische Schrift verdrängen sollte, wird es heute von der türkischen Justiz auch als Mittel zur Unterdrückung des Kurdischen gebraucht. Jüngstes Beispiel ist ein Brief eines Kurden an den Premierminister in Kurdisch, der zu mehreren Strafverfahren führte. Dabei hatten die Anklagebehörden auch die verbotenen Buchstaben für strafwürdig befunden.“ (Die Presse 23.11.2007)
Ein kulturelles Zugeständnis von hoher Symbolkraft, langfristig gewiss ein besserer Weg als militärische Interventionen...
