Montag, 15. Juni 2009

Frage und Antwort

Nach der Osterweiterung sollen weitere Staaten wie Kroatien aufgenommen werden, andere Staaten aus Südosteuropa oder die Türkei wollen ebenfalls beitreten. Spiegelt diese Erweiterung noch den ursprünglichen Gründungsgedanken der EU wider?

Gegenfrage: Gab es denn den einen Gründungsgedanken? War der in Frankreich oder Luxemburg derselbe wie in Deutschland? Von Beginn an war klar, dass alle europäischen Länder, die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft bekennen und im übrigen eine lange Reihe konkreter Kriterien erfüllen müssen, der EU (früher der EWG) beitreten konnten. Von Beginn an diente Europa auch der Stabilisierung junger Demokratien (das fing übrigens mit Deutschland an, ging dann weiter mit Spanien, Portugal und Griechenland und schließlich mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks).

Trotzdem verstehe ich die Frage: Am Beginn der europäischen Zusammenarbeit stand überall die Absicht, aus Feindschaft Freundschaft zu machen und das eigene Wohl nicht auf Kosten der Nachbarn zu suchen, sondern auf dem Umweg über das gemeinsame Wohl. Dieser Geist ist uns in der größer gewordenen EU teilweise abhanden gekommen.

Mich stört, dass diese Frage aber erst am Beispiel der Türkei diskutiert wird - ausgerechnet dem Land, dem schon Konrad Adenauer und Helmut Kohl den Beitritt versprochen hatten, und das immer ein treuer Freund Deutschlands und ein zuverlässiger Partner in der NATO war. Natürlich müsste sich die Türkei noch erheblich reformieren - aber davon war noch weniger zu sehen als heute, als Adenauer und Kohl ihr Versprechen gaben. Und sind wir eigentlich mit Bulgarien und Rumänien und anderen genauso streng gewesen?


Antwort des Brüsseler ARD-Korrespondenten Rolf-Dieter Kraus auf eine Nutzerfrage zur EU (tagesschau.de)

Da liegt ja eben das Problem, dass es von Anfang an keine klare Idee gab bei der EU, bzw. dass sich diese Idee mit jeder Erweiterung verändert hat. Die EU ist ein sich immer mehr verselbstständigender Moloch, ein zwar irgendwie funktionierendes System, das sich aber jeder vernünftigen Kontrolle entzieht. Vielleicht hat die Zahl der Mitgliedsländer und Sprachen oder die Zahl der EU-Bürger einen kritischen Wert überschritten, so dass eine sinnvolle Steuerung nicht mehr möglich ist. Großreiche bestanden immer nur eine gewisse Zeit, dann zerfielen sie wieder. Es würde mich nicht wundern, wenn es über kurz oder lang zu einem Abbröseln an der Peripherie käme.

Tägliche kleine Wege

Ein typisches Pfarrhaus

Das Haus, in dem ich wohne, ist ein lautes Haus. Morgens ab 7:00 Uhr werden die Kinder zum Kindergarten gebracht, am Nachmittag sind, wenigstens in der warmen Jahreszeit, die Hortkinder im Garten zu hören, und schließlich ist da noch die evangelische Johann-Sebastian-Bach-Musikschule, die in der Lutherschule Dauergästin ist: So werde ich u.a. Ohrenzeuge mancher ersten, zweiten und dritten mehr oder weniger holprigen Versuche am Klavier, was oft alles andere als genussreich ist. Die Übungsstunden beginnen um 13:00 Uhr und enden häufig erst abends um 19:00 Uhr. Und am Abend? Da sind zweimal in der Woche Chorproben und natürlich auch Gemeindeveranstaltungen, an denen ich freilich meist selbst beteiligt bin.

Der ruhigste Tag im Lutherhof ist in der Regel der Samstag. Sonntags gibt es natürlich auch Gemeindeveranstaltungen, wenn nicht von unserer, dann von der japanischen evangelischen Gemeinde. So tobt im Lutherhof eigentlich immer das Leben.

Ach ja: Die Nachbarn hätte ich fast vergessen, die am Wochenende mit der alten Heimat im früheren Jugoslawien telefonieren – und weil der Empfang ihres Handys in ihren Wohnungen anscheinend nicht stark genug ist, müssen sie sich dabei aus dem Fenster lehnen und so laut schreien, als trauten sie der drahtlosen Übertragung ihrer Wörter und Sätze noch immer nicht.

Am Eck


Ausgeglichen

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Unterwegs

Golfplatz und Oper

Schaut man in die Wirtschaftswelt, so sieht man viele Männer. Blickt man in die Vorstandsetagen, so sieht man fast nur noch Männer. Und fast alle kommen auch noch aus allerbestem Haus. Das ist kein Zufall, weiß der Soziologe Michael Hartmann. Hartmann untersuchte die Karrierewege von 6500 promovierten Akademikern in den 1950er, 60er, 70er und 80er Jahren. Dabei zeigte sich, dass sich die Wirtschaftselite fast ausschließlich aus dem Nachwuchs der Wirtschaftselite rekrutiert.

Insofern sind Ratschläge, wie man eine Topkarriere angehen sollte, eine heikle Sache. Dennoch gibt es sie wohl - ein paar allgemeingültige Fähigkeiten und Eigenschaften, die den "typischen Karrierekandidaten" auszeichnen. Ein "High Potential", also jemand mit dem Leistungsvermögen zum Aufstieg, sollte breit aufgestellt sein. "Da sind eher die Generalisten gefragt, die viel gesehen und viele Erfahrungen gemacht haben", sagt Erika Regnet - sie ist Professorin für Personal und Organisation an der Hochschule Augsburg. Die Professorin empfiehlt deshalb jungen Akademikern mit hohen beruflichen Ambitionen, sich in unterschiedlichen Geschäftsfeldern und Funktionsbereichen zu beweisen.

(…)

Im Management sind vitale Machertypen gefragt, umtriebige, gesellige Menschen, eloquent und vielseitig interessiert, die auf dem Golfplatz wie in der Oper eine gute Figur machen. Einzelkämpfer hingegen machen keine Karriere.

(...)

Stuttgarter Nachrichten

17., Dornerplatz

Die große Sehnsucht

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebendiges Tun.
Und was nicht war nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen!
Denn Alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

... und nicht in Wien leben


Wie Österreich denkt. Faktoren für Glück sind Familie, hohe Bildung und nicht in Wien leben. Die Arbeitszufriedenheit sinkt. Wer mit Partner und Kindern lebt, ist glücklicher.

Eine Art Unzufriedenheit auf hohem Niveau“, und das im siebtreichsten Land der Welt: Auf dieses Gefühl sind die Autoren bei wiederholt gestoßen.

Die Österreicher sind gesellschaftspolitisch konservativ eingestellt, die Familie steht bei beiden Geschlechtern nach wie vor hoch im Kurs. Politik hingegen scheint „unten durch“ zu sein. Sie nimmt bei der Bedeutung der Lebensbereiche der Arbeit an der dritten Neuauflage (nach 1990 und 1999) der großen österreichischen Wertestudie den letzten Platz ein, noch hinter der Religion (siehe Grafik).

Männerwunsch: Weniger arbeiten

Rollenklischees weichen zwar langsam auf, sind in Österreich aber noch immer recht hartnäckig: Der Bericht bescheinigt den heimischen Frauen, „überwiegend einkommens-, aber nicht karriereorientiert“ zu sein. Männer sind vollzeiterwerbstätig und arbeiten mit 44,3 Wochenstunden länger als in Europa üblich. Frauen hingegen sind häufiger in Teilzeitjobs zu finden als im Europa-Schnitt. Interessanterweise wünscht sich aber ein nicht unbeträchtlicher Teil der Männer, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für die Kinder zu haben: je höher die Bildung, desto häufiger. Bei den Höchstgebildeten (Matura oder Hochschulabschluss) ist dies jeder zehnte Mann. Doch flexiblere Arbeitszeiten sind gefährlich und werden im Zweifel vom sozialen System bestraft, wie die Autoren meinen.

Dass eine vierköpfige Familie von einem (Männer-)Gehalt leben kann, wird immer unwahrscheinlicher. Der Anteil an Alleinverdienerhaushalten hat sich seit den Achtzigerjahren daher nicht nur aus gesellschaftlichen, sondern auch aus ökonomischen Gründen verringert. Klar geregelte Arbeitszeiten und eine „Lebensstellung“ werden seltener. Selbst bei Akademikern ist die Lohnerwartung deutlich geschrumpft, gleichzeitig stieg der Anteil der „working poor“. Kein Wunder, dass insgesamt die Zufriedenheit mit der eigenen beruflichen Situation in den letzten zehn Jahren gesunken ist.

Glaubt man dem Bericht, so ist aber auch die Familie zusehends unter Druck geraten – eben auch wegen „diskontinuierlicher Erwerbsverläufe“. Gleichzeitig ist der Betreuungsaufwand für das einzelne Kind gestiegen, weil es weniger Geschwister, Verwandte, gleichaltrige Nachbarskinder gibt.

Abtreibung wird abgelehnt

Die Familiengründung wird daher hinausgeschoben – und manchmal gar nicht mehr realisiert. Auffällig ist die hohe Ablehnung der Abtreibung: Eine Mehrheit von 52 Prozent ist dagegen, wenn das Motiv darin besteht, dass die Frau ledig ist oder wenn ein Paar keine weiteren Kinder mehr will. Ist aber eine Behinderung des ungeborenen Kindes wahrscheinlich, halten 70 Prozent eine Abtreibung für zulässig.

Ein Adoptionsrecht für Homosexuelle wird ebenfalls mehrheitlich abgelehnt, die größte Abneigung dagegen herrscht mit 67 Prozent in Oberösterreich und Salzburg. In Wien ist die Zustimmung mit 31 Prozent am höchsten.

Je gebildeter, desto glücklicher

29 Prozent der Österreicher sind sehr, weitere 58 Prozent ziemlich glücklich. Je höher Bildung und Einkommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, glücklich zu sein. Die Mehrheit der „sehr Glücklichen“ lebt in einer Familie mit mindestens zwei Generationen. Am glücklichsten ist man in Vorarlberg und Tirol, am geringsten in großen Städten und in Wien.

Und wie schaut die Lebensrealität der Österreicher aus? In einem Drittel der Haushalte leben Partner mit Kindern, in einem weiteren Drittel Paare ohne Kinder, der Rest sind Singlehaushalte. In Wien beträgt der Anteil von Haushalten mit Kindern nur 21 Prozent, die meisten gibt es in der Steiermark und Kärnten.

Wer an Gott glaubt, hat übrigens deutlich häufiger Kinder als Nichtgläubige. „Ordnungswerte“ wie gute Manieren erleben derzeit wieder eine Renaissance und gelten als Ausdruck sozialer Kompetenz, während „Selbstverwirklichungswerte“ (Unabhängigkeit, Fantasie, Kreativität) sinkende Zustimmung haben.

Rabenmütter und Hausfrauen

Dass eine berufstätige Mutter keine Rabenmutter ist, erhält mehr Zustimmung als 1999 – paradoxerweise ebenso wie die Meinung: „Hausfrau sein ist genauso befriedigend wie ein Beruf.“ Mehr als die Hälfte der Befragten bejaht dies. Gleichzeitig meinen aber 77 Prozent, dass beide Partner zum Haushaltseinkommen beitragen sollen.

Der Generationenzusammenhalt wird brüchiger. Zwar fühlen sich 57 Prozent der Befragten verpflichtet, sich um ihre kranken Eltern zu kümmern. Eine Langzeitpflege kann sich aber nur mehr ein Drittel vorstellen. Die Politik wird sich also mit einem größeren Bedarf an Betreuungsdiensten auseinandersetzen müssen.


Martina Salomon, Wertestudie: Familie ist top, Politik floppt, Die Presse 15.06.2009

Wer in Ottakring, Favoriten oder Simmering herumspaziert, würde nie darauf kommen, sich gerade im siebtreichsten Land der Welt zu befinden. (Wie wird das eigentlich errechnet? BIP pro Kopf?) Vielleicht ist das auch einer Faktoren für die Flucht aus der Stadt Wien (wenigstens am Wochenende ins Ferienhaus im Burgenland oder in Niederösterreich). Und wer es sich leisten kann, der wohnt sowieso im niederösterreichischen Umfeld. Da ist die Luft besser, man hat seine Ruhe und muss der (meist eingewanderten) Armut nicht immerzu ins Gesicht blicken.

Bemerkenswert ist die Haltung zur Abtreibung. Der liberalen Gesetzeslage korrespondiert die Meinung der Bevölkerung nur wenig.