Mittwoch, 30. Dezember 2009
Weise Worte ener Beraterin
Warum es wichtig ist, Widersprüche zuzulassen und mit der eigenen Unsicherheit sowie jener der anderen umgehen zu lernen, darüber sprach die systemische Beraterin Roswita Königswieser im Interview
STANDARD: Was heißt Gelassenheit?
Königswieser: Die Balance zwischen Zu- und Loslassen halten zu können. Wer zu viel zulässt, hat keine Identität mehr, und wer zu viel loslässt, hat kein Profil.
STANDARD: Heißt das, dass wir - bevor wir uns der Gelassenheit annähern - unser Profil stärken müssen?
Königswieser: Ja. Der erste Schritt ist, ehrlich zu sich selbst zu sein, seine Stärken und Schwächen zu benennen. Der Begriff des "Einkehrhaltens" greift zu kurz. Es ist ein Entwicklungsprozess. Die Voraussetzung dafür ist aber Selbsterkenntnis. Je stabiler der eigene Kern ist, umso eher kann ich etwas Neues zulassen oder etwas Vertrautes loslassen.
STANDARD: Darum fällt es uns so schwer, gelassen zu sein?
Königswieser: Ich denke, wir leben in einer Illusion von Sicherheit. Wir haben Versicherungen, Garantien für die Arbeit und Vollbeschäftigung. Es gibt keine absolute Sicherheit im Leben. Das verunsichert. Die Fähigkeit, das Leben als unsicher zu akzeptieren, und den Umgang mit Unsicherheit haben wir nicht gelernt.
STANDARD: Und aktuell ist die Verunsicherung auf einem Höhepunkt.
Königswieser: Durch die Krise werden all diese Ängste verstärkt. Auch in den Organisationen, in denen wir zurzeit arbeiten, wird dieser Zustand der Unsicherheit häufig als unzumutbar erachtet.
STANDARD: Wie aber lernt man mit Unsicherheit umzugehen?
Königswieser: Indem man sich mit den eigenen Ängsten konfrontiert, durch einen, wenn Sie so wollen, Desillusionierungsprozess geht, sich bewusst macht, dass Sicherheit ein Konstrukt ist, und mit Menschen, denen man vertraut, über seine Unsicherheiten spricht. Diese Gespräche bringen Entlastung, Orientierung, Gelassenheit.
STANDARD: Jetzt halten uns Systemiker aber zu positiven (Zukunfts-)Bildern an. Ist das kein Widerspruch?
Königswieser: Stimmt. Wir denken aber grundsätzlich in Polarisierungen. Was ist das Gute im Schlechten? Was ist das Schlechte im Guten? Nach Aufzeichnen eines Worst-Case-Szenarios eröffnen sich einem auch Alternativen. Man kann dadurch Ängste zugeben und sie dann eher wieder loslassen.
STANDARD: Die aktuelle Situation ist aber, dass viele Menschen sich an ihren Arbeitsplatz klammern ...
Königswieser: Menschen versuchen, wenn sie in Drucksituationen sind, im Normalfall mehr des Gleichen zu machen, was aber gar nichts bringt. Hier ist eine andere Wahrnehmung der Situation wichtig, eine Umdeutung, der Versuch einer qualitativ anderen Problemlösung.
STANDARD: Wozu raten Sie Führungskräften, die selbst unsicher sind, aber dennoch Zuversicht verbreiten sollen? Ein Dilemma, nicht?
Königswieser: Ja. Und vielen geht es damit sehr schlecht. Hat man aber eine positive Grundhaltung als Basis, ist es auch einfacher, zu sagen, dass die Planungsmöglichkeiten zwar gering sind, allerdings Prozesssicherheit da ist - im Sinne von „Wir thematisieren unsere Unsicherheit". Und an diesem Punkt gehen Sicherheit und Unsicherheit zusammen.
Die Krise mobilisiert einerseits Ängste, sie bringt aber andererseits Chancen mit sich, essenzielle Themen aufzugreifen. Es ist jetzt an der Zeit, sich wieder Sinnfragen zu stellen, jetzt, wenn man aufgerüttelt ist und mit dem allgemeinen Druck zu kämpfen hat. Das ist das Gute im Schlechten.
Heidi Aichinger: "Gelassenheit beginnt mit Erkenntnis", DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 27.12.2009, S. K1.
Wenn diese Gedanken nicht von einer Wirtschaftsberaterin, sondern von einem Theologen geäußert würden, hieße es sicher sofort: "Da sieht man es wieder. Die Kirche will die Leute erst klein machen und dann noch ihre Lage in ihrem Sinne umdeuten."
Sich überlagernde Bilder
Es fehlt an Sprache für das Glück
Dienstag, 29. Dezember 2009
Österreich und der Weltkreis
Gesehen in der Volksschule Knollgasse im 17. Bezirk.
Montag, 28. Dezember 2009
Wahrheit aus Kabarettistenmund
Es hat sich leider immer noch nicht herumgesprochen, dass Nazisein keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist.
Der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem Jahresrückblick (NUHR 2009) auf 3sat
Nicht bedrohlich...

Samstag, 19. Dezember 2009
Von den wahren Werten
Deutsche Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Lesen. In Schulbüchern erscheinen vereinfachte Fassungen bekannter Texte, weil Astrid Lindgren für einen durchschnittlichen Achtjährigen zu hoch ist. Auch die Studenten, die seit Monaten für bessere Studienbedingungen demonstrieren, sind ihres Lesens nicht mehr sicher. Laut einer Untersuchung der Universität Dortmund können nur noch die wenigsten einen komplexen und abstrakten Text durchdringen, weshalb nicht mehr von Lesefaulheit, sondern von "intellektueller Legasthenie" zu sprechen sei. In der Gesamtbevölkerung gelten inzwischen vier Millionen Bundesbürger als funktionale Analphabeten. Sie kennen zwar die Buchstaben, sind aber schon mit dem Lesen eines einfachen Hinweisschilds hoffnungslos überfordert.
Vor diesem Hintergrund ein Zitat von Angela Merkel, nachzulesen, wenn Sie können, in der deutschen "Le monde diplomatique" vom November 2009:
"Stellen Sie sich nur kurz einmal vor, wir würden zehn Jahre lang, vier Stunden in der Woche, genauso viel über unsere Körper lernen wie über die deutsche Sprache und Geschichte. Medizin als Hauptfach - warum eigentlich nicht, meine Damen und Herren, soll das Lesenlernen eine öffentliche Angelegenheit sein, aber das Gesund-leben-Lernen nicht? Warum soll der Körper nur im Sportunterricht vorkommen, warum könnte nicht im Lehrplan stehen, wie man Kopfschmerzen vermeidet, wie man Zuckerkrankheit gar nicht erst entstehen lässt, wie man gesund kocht oder einen Wadenwickel anlegt?"
Ja, zum Teufel, warum eigentlich nicht? Jetzt ganz scharf nachdenken. Vielleicht weil ein Wadenwickel weniger wichtig ist als Sprache und Geschichte? Weil das Vermeiden von Kopfschmerzen im Gegensatz zur Alphabetisierung tatsächlich keine öffentliche Angelegenheit darstellt? Falsch? Falsch. Wer derartige Zweifel hegt, muss in spießigen bildungsbürgerlichen Ideen aus dem vorletzten Jahrhundert gefangen sein. Immerhin ist auch die Schweinegrippe eindeutig wichtiger als der Notstand im deutschen Schul- und Hochschulsystem. Wir leben schließlich nicht in einer Bildungsnation, sondern in einer öffentlichen Krankenstation.
Ein Blick in die Schlagzeilen der letzten Monate beweist das. Während sich Studenten und Schüler gegen die Auswirkungen der Bologna-Umstellung wehren, kämpfen Presse und Politik lautstark gegen H1N1. Die Bundesländer haben 600 Millionen Euro, also einen Betrag, der in etwa dem geschätzten Gesamtaufkommen der Erststudiengebühren im Wintersemester 09/10 entspricht, für einen Impfstoff ausgegeben, der von der Bevölkerung nicht angenommen wird und deshalb zur Kostendeckung ins Ausland verscherbelt werden muss. Bislang hat Deutschland 94 Schweinegrippe-Opfer zu verzeichnen. Auf "normale" Influenza sind, je nach Statistik, 6000 bis 20 000 Todesfälle pro Jahr zurückzuführen.
Angesichts solcher Vergleichszahlen muss man den Schweinegrippen-Hype wohl als gesundheitspolitische Hysterie bezeichnen. Die Schweinebedingungen im Bildungssystem hingegen sind äußerst konkret. Was haben diese beiden Dinge nun miteinander zu tun? Ganz einfach: In einer Demokratie sind politische Entscheidungen auf eine gesamtgesellschaftliche Prioritätensetzung zurückzuführen. Wenn für Bildung auf politischer Ebene notorisch das Geld und auf privater Ebene notorisch die Zeit fehlt, dann stellt dieser Zusammenhang keinen Zufall dar. Im Gegenteil: Er ist ein Ausdruck von wechselseitiger Kausalität. Anders gesagt: Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht; wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Anti-Falten-Creme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht; wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt - der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt.
Einst gab es den schönen Satz: "Es kommt auf die inneren Werte an." Gemeint waren nicht die Blut- oder Leberwerte. Stark, schön und gesund sein kann auch ein Tier; lesen und schreiben kann nur der Mensch, vorausgesetzt, man bringt es ihm bei. Homo sapiens definierte sich über seine Vernunft, über Sprachbegabung, Intelligenz, Bewusstsein oder Seele, mithin über geistige Eigenschaften. Selbst die immer wieder aufs Neue missverstandene Mens-sana-in-corpore-sano-Formel begründete die Notwendigkeit von körperlicher Ertüchtigung mit dem Erhalt der Geisteskraft und betrachtete somit das Herumschrauben an der Physis als Mittel zu einem höheren Zweck. Es bereitet mir kaum noch Mühe, diese Sätze in der Vergangenheitsform zu formulieren. Würde man heute jungen Eltern die Frage stellen: "Was hättet ihr lieber, ein schlankes Kind oder ein fettes, das den Dreisatz kann?" - ich würde für die Antwort keine Hand ins Feuer legen.
Wer wissen will, wie es um unsere Präferenzen bestellt ist, muss nur die Gehirnwaschmaschine namens Werbung einschalten. Ob Fernsehen, Radio oder Plakate - gezeigt werden nicht Menschen, die 23 mal 7 im Kopf multiplizieren, "Satellit" buchstabieren oder das deutsche Wahlsystem erklären können. Sondern solche, die jung, schön und leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, die richtige Kosmetik benutzen und mehr Vitamin-Präparate als Bücher im Schrank haben. Auch der Spam in meinem E-Mail-Postfach bietet keine Goethe-Gesamtausgaben, sondern Schwanzverlängerungen und Diätprogramme an. Es lebe der Körper. Bildung ist unsexy. (...)
Nun auch in Österreich
Erstmals geht ein Vater aus Niederösterreich vor den Österreichischen Verfassungsgerichtshof (VfGH), um das christliche Kreuz in Kindergärten anzufechten. Anlass ist nicht zuletzt das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Der Antragsteller - bekennender Atheist - sieht das konfessionslose Aufwachsen seiner Tochter durch die Veranstaltung religiöser Feiern und die Anbringung von Kruzifixen von Seiten des Kindergartens gestört und das Recht auf Glaubensfreiheit - und damit das Recht auch ohne religiöses Bekenntnis aufzuwachsen - verletzt. Das berichtete der "derStandard.at" am Freitag.
Die Tochter habe in diesem Schuljahr an vier religiösen Festen (Erntedank, Martinsfest, zwei Nikolausfeiern) inklusive Kirchenbesuch teilnehmen müssen. Außerdem hänge im Aufenthaltsraum des Kindergartens ein Kreuz in Augenhöhe der Kinder. Der Kindergarten teilte dem Vater mit, dass bei der Vorbereitung auf die religiösen Feste nicht auf andere Religionen und Weltanschauungen eingegangen werde. Einen privaten Kindergarten ohne religiöse Feste gebe es in der näheren Umgebung nicht, heißt es im Antrag.
Konkret will der niederösterreichische Vater zwei Passagen aus dem niederösterreichischen Kindergartengesetz geändert bzw. aufgehoben haben: Jenen, in dem steht, dass das Kindergartenpersonal einen grundlegenden Beitrag "zu einer religiösen und ethischen Bildung zu leisten" habe und jenen, wonach in Kindergärten, in denen die Mehrzahl der Kinder ein christliches Religionsbekenntnis haben, ein Kreuz anzubringen sei.
Das war nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Prozess auch in Österreich angestrengt wird. Man darf gespannt sein. Die Kindergartengesetze der einzelnen Bundesländer sind vermutlich auch noch unterschiedlich. In Wien gibt es bestimmt keine "Kreuzpflicht", wenn in den städtischen Kindergärten aus Gründen religiöser Korrektheit schon der Nikolo nicht mehr kommen darf.
Gibt es ein Kinderrecht auf religions- und konfessionsloses Aufwachsen? Noch nicht, aber wer weiß, worauf man noch verfällt. Aber wenn man dann schon dabei ist: Wie wäre es mit dem Recht auf die Freiheit von Werbung, Konsumterror und Gewaltdarstellungen in den Medien? Müssen Eltern nicht immer in Kauf nehmen, dass ihre Kinder mancherlei Einflüssen ausgesetzt sind, mit denen man in der familiären Erziehung dann kritisch umgehen muss?