Samstag, 4. Juli 2009

Jeder lebt in seiner Welt

Schon dies kostet ihn Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, das heißt mit einem nicht vorhandenen Maßstabe, gemessen werden müßte. Überhaupt aber scheint mir »die richtige Perzeption« – das würde heißen: der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt – ein widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären, wie zwischen Subjekt und Objekt, gibt es keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz fremde Sprache: wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittelsphäre und Mittelkraft bedarf.

Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn

Ach, taugten unsere Augen besser!

Sonnenblumen auf Balkonen
gibt´s nur dort, wo die Glücklichen wohnen
Auch wenn die das manchmal gar nicht wissen
Und darum meistens den Falschen küssen.
Im Hinterhof duftet's nach Kuchen
das Leben ist schön, so schön
Das Leben ist schön.

(...)

Bonbonhimmel über Baracken
Gibt´s nur wenn Engel Plätzchen backen
Oder eben manchmal auch Kuchen
Das Leben ist schön, so schön
Das Leben ist schön.


Christiane Weber/Timm Beckmamnn: "so schön", aus dem Album "kurz vor unendlich"

2005 war es wohl, dass ich dieses Lied im WDR hörte und auf das Duo Weber-Beckmann stieß. 2009 trennen sie sich leider, und ich überlege sehr ernsthaft, ob ich mich nach Essen in die Lichtburg zum Abschiedskonzert aufmachen sollte. (Das eigentliche Abschiedskonzert ist schon ausverkauft, aber es gibt am Tage zuvor einen Zusatztermin.) Aber leider liegt das im Dezember, also im Advent, das ist für einen Pfarrer eine schwierige Zeit zum Verreisen.

Freitag, 3. Juli 2009

Lutherkirche im Gegenlicht

Religiöser Wahrheitsanspruch - präfaschistisch?

Oftmals werden Terroristen mit islamistischem Hintergrund in der öffentlichen Berichterstattung mehr oder weniger als fanatische Wahnsinnige dargestellt, welche - durch Hassprediger indoktriniert und mißbraucht - ihre Religiosität mißverstehen und in Form von Hass und Gewalt kanalisieren. Auf jeden Fall wird der militante Islamismus als Pathologie des islamischen Glaubens als solchen empfunden.

Geprägt durch ein von der Aufklärung bestimmtes Weltbild, welches von einer universellen und von kulturell-religiös geprägter Subjektivität unabhängigen Menschenwürde ausgeht, erscheint uns unser Rechtsempfinden - beispielsweise die Ablehnung der Tötung unschuldiger Menschen im Namen Gottes - als selbstverständlich und auch für Angehörige des islamischen Kulturkreises verbindlich. Dabei wird oftmals wenig zwischen dem Islam und dem für uns weiterhin bedeutsamen Christentum differenziert. Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, daß der Islam eine dem Christentum in Ansatz sehr ähnliche, allerdings lediglich „zeitverzögerte” Religion sei. Dabei betrachtet man das Christentum - mit Blick auf Kreuzzüge, Hexenverfolgungen, Inquisition etc. - ebenfalls als eine potentiell militante Religion, welche durch die Aufklärung nunmehr weitgehend „geläutert” und zu ihrer wahren Bestimmung als friedfertige und „tolerante” Religion geführt worden sei bzw. noch weiter geführt werden müsse.

Der Islam wird in diesem Zusammenhang gerne mit dem Christentum des Mittelalters verglichen, dem die Läuterung durch die Aufklärung noch bevorstände. Religion wird im Rahmen des durch den von der Aufklärung und der Säkularisierung geprägten Relativismus immer dann als gefährlich und pathologisch empfunden, wenn sie auf ihrem Absolutheits- und Universalitätsanspruch sowie dem damit verbundenen Missionsgedanken beharre. Diese expansionistische Grundeinstellung sei die Wurzel der „Intoleranz” und damit der Konflikte zwischen der westlich-aufgeklärten Gesellschaft und dem religiös motivierten Fanatismus. Religion wird als ein Dienstleister des Menschen für die Befriedigung religiöser Bedürfnisse empfunden, jedoch nicht mehr als Quelle der Wahrheit - ein Begriff, welcher heute bereits an sich als potentiell intolerant und „präfaschistisch” verdächtigt wird. Wir haben heutzutage ein anthropozentrisches und relativistisches Religionsverständnis. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn uns ist das Gefühl für den Umgang mit eben nicht anthropozentrischen Religionen wie dem Islam verloren gegangen und wir haben deshalb massive Probleme, derartige religiös motivierte Handlungen und auch den religiösen Fanatismus und islamistischen Terrorismus nachzuvollziehen und richtig einzuordnen.

Anton Löhmer

Mittwoch, 1. Juli 2009

Blick aufwärts!

Rhythm of life

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Termine und freie Zeit, Arbeit und Erholung.

Frei nach I. Mose 8,22

Aus dem Sommer-Rundbrief des Wiener Superintendenten

Die Kaasgrabenkirche im 19. Bezirk

Hier finden die römisch-katholischen Schulmessen der HLW 19 statt.

Zerbrechlich

Flugzeuge zerbrechen in der Luft, Menschen sterben völlig unerwartet: Michael Jackson, Pina Bausch... So zerbrechlich ist unser Leben. Gelobt sei Gott für jeden Tag und jede Stunde, die er uns schenkt.

Montag, 29. Juni 2009

Blick zur Martinstraße

Muss das wirklich sein?

Am 3. August soll der Dalai Lama in Marburg die Ehrendoktorwürde verliehen werden, die 54. wahrscheinlich.

Was rechtfertigt die Marburger Ehrendoktorwürde für den Dalai Lama?

Nichts. Was der »Gottkönig« in seinen Vorträgen zum besten gibt, ist eine absurde Dialektik von Platitüde und Nonsens. Zum einen läßt er positiv-denkerischen Trivialkram ab, dessen Niveau nur selten über das der Glückskekse hinausreicht, die man nach dem Essen im Chinarestaurant bekommt, beispielsweise »Nur wer Leid erträgt, wird Glück erfahren«. Alle können dabei mit dem Kopf nicken und sich der Erleuchtung ganz nahe wähnen, auch wenn der Aussagewert gleich null ist. Zum anderen schwadroniert er endlos in pseudophilosophischer Metaphysik herum und reiht, begleitet von unmotiviertem Gekichere und sonstigen Hanswurstiaden, wie etwa dem Herumschaukeln auf seinem Thron, sinnleere Worthülsen aneinander. Schon nach dem ersten Satz schalten die Zuhörer ab, weil es schlechterdings keinen Sinn macht, was er da von sich gibt. Dieses kognitive Abschalten halten sie dann auch noch für bewußtseinsfördernde Meditation. Wenn man’s nicht versteht, dann nur, weil man selbst doch noch nicht erleuchtet genug ist.

Ein Beispiel?

O-Ton »Seiner Heiligkeit«: »Daß Erscheinungen unter letztgültiger Analyse nicht gefunden werden können, zeigt an, daß sie nicht wirklich existieren. Da sie leer sind in bezug auf die konkrete Existenzweise, in der sie erscheinen, ist klar, daß sie im Kontext und Wesen der Leere in bezug auf inhärente Existenz existieren.« Es ist wie in Andersens Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers: Niemand traut sich zu sagen, daß der Dalai Lama einen Unsinn verzapft, daß die Lichter ausgehen.

Warum legt sich die Universität Marburg so ein Ei ins Nest?

Offenbar glaubt man, der Glanz all der vorherigen Ehrungen, einschließlich des Nobelpreises, falle irgendwie auch auf die Uni Marburg zurück. Die Ehrendoktoratsverleiherei an den Dalai Lama ist zu einem grotesken Selbstläufer geworden. Die Uni Marburg muß sich gleichwohl fragen lassen, weshalb sie einen Mann auszeichnet, der als oberster Repäsentant eines der ausbeuterischsten und blutsaugerischsten Systeme gilt, die es je in der Menschheitsgeschichte gab: eines feudaltheokratischen Priesterstaates, in dem bis Mitte des 20. Jahrhunderts – also bis in die Ägide des jetzigen Dalai Lama hinein! – Leibeigenschaft und Sklaverei vorherrschten. Sie muß sich fragen lassen, weshalb sie das Oberhaupt eines religiösen Wahnsystems ehrt, zu dessen wesentlichen Ritualen der sexuelle Mißbrauch kleiner Mädchen zählt; einen Obskuranten, der auf Astrologie, Orakel- und Dämonenkult abstellt und von sich behauptet, frei durch die Luft fliegen zu können.


Aus einem Interview der "Jungen Welt" mit Colin Goldner, einem klinischen Psychologen und Autor einer kritischen Dalai-Lama-Biografie.

Mein halbes Erwachsenenleben habe ich an dieser Universität oder in ihrem engsten Umkreis verbracht. Es stellt sich wirklich die Frage, ob das sein muss. Vermutlich wird es ja auch noch ein theologischer Ehrendoktor sein. Beschämend.